Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)Englischer Titel gemäß dem Katalog Chris Stephens, Andrew Wilson: David Hockney, S. 88. (deutsch: Porträt eines Künstlers – Pool mit zwei Figuren)Der deutsche Titel findet sich im übersetzten Ausstellungskatalog von Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney, eine Retrospektive, S. 23. In dieser Publikation wurden alle beschriebenen Werke Hockneys ins Deutsche übersetzt, beispielsweise auch sein bekanntes Werk A Bigger Splash in Größerer Platsch. Diese deutschen Übersetzungen haben sich jedoch in der Literatur und der allgemeinen Hockney-Rezension nicht durchgesetzt. ist ein in Acrylfarbe auf Leinwand gemaltes Bild des britischen Malers David Hockney. Das 213,5 cm hohe und 305 cm breite Gemälde gehört zu den Hauptwerken des Malers aus seiner frühen Werkphase. Im Bild zeigt Hockney einen Swimmingpool vor südfranzösischer Landschaft, an dessen Rand der Künstler Peter Schlesinger steht und einen unter Wasser schwimmenden Mann beobachtet. Das Werk markiert das Ende von Hockneys fünfjähriger Beziehung mit Schlesinger, der zuvor sein Liebhaber und seine Muse war. Die Entstehung des Bildes ist durch Fotografien, Aussagen der Beteiligten und durch einen Kinofilm dokumentiert. Das Gemälde befindet sich in einer Privatsammlung.
Bildbeschreibung Im Gemälde Portrait of an Artist (Pool with Two Figures) sind die beiden Genre Porträt- und Landschaftsmalerei miteinander verbunden. Es zeigt in leuchtenden Farben eine Szenerie vor mediterraner Kulisse an einem Sommertag. Im unteren Bildteil ist ein rechteckiger, mit Wasser gefüllter Swimmingpool zu sehen, der vom unteren und linken Bildrand beschnitten wird. Hockney hat das Wasser in unterschiedlichen Blautönen gemalt und dabei versucht, die Lichteffekte im Pool wiederzugeben. Gekrümmte weiße Linien geben hierbei die Bewegungen des Wassers wieder.Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney, eine Retrospektive, S. 38–39. Der Pool ist von einer terrassenartigen Fläche umgeben, die bis zum rechten Bildrand reicht. An der Innenseite des Beckens sind dunkelbraune Kacheln erkennbar, die Fläche um den Pool ist mit hellen Steinplatten gepflastert. Die eckigen Formen des Pools, der Kacheln und Steinplatten ergeben ein ordnendes Netz aus horizontalen und vertikalen Linien.
Zwei Personen bevölkern die Szenerie und fügen sich in das Liniennetz ein: Im Pool schwimmt ein mit weißer Badehose bekleideter Mann unter Wasser auf den rechten Beckenrand zu und unterstreicht dabei die Horizontale, während als vertikale Figur die zweite Person bekleidet am Rand des Beckens steht und auf den Pool herabschaut. Der Mann im Becken schwimmt mit dem Kopf nach unten, sodass neben seinem hellen Inkarnat lediglich das schulterlange bräunliche Haar seine äußere Erscheinung kennzeichnet. Die zweite Person ist Peter Schlesinger, Hockneys langjähriger Liebhaber und seine Muse. Er ist von der Seite zu sehen, sodass das Gesicht im Profil erscheint. Sein Teint ist leicht gebräunt, das volle blonde Haar verdeckt größtenteils die Ohren. Im Gegensatz zum Schwimmer ist Schlesinger voll bekleidet. Er trägt ein rotes Jacket, darunter ein lilafarbenes Hemd und ein weißes T-Shirt, dazu eine weiße Hose und braune Halbschuhe. Seine Figur wirft einen nach rechts unten reichenden Schatten auf den Boden.
Im oberen Bildteil erscheint als Hintergrund eine Landschaft aus verschiedenen Hügeln, deren aufsteigende schräge Linien sich vom Liniennetz des Vordergrundes absetzen. Während in der Nähe noch verschiedene Baumarten in grün und ocker erkennbar sind, erscheinen die Hügel insgesamt als vereinfachte Formen. Die rahmenden Hügel links und rechts sind in grün gehalten, während dazwischen in der Ferne weitere Hügel als bläuliche Silhouette erscheinen.Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney, eine Retrospektive, S. 38–39. Obwohl Teile des Gemäldes sehr naturgetreu wirken, ist es in anderen Bereichen „sorgfältig schematisiert, ausgesprochen künstlich“.Christopher Knight: Vermischte Ansichten: Themen und Motive in Hockneys Kunst in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney, eine Retrospektive, S. 38–39.
Die Atmosphäre wirkt zwar allgemein eher harmonisch und friedlich, die Person Peter Schlesingers gibt jedoch Rätsel auf. Es bleibt unklar, warum er angezogen am Schwimmbecken erscheint, in welcher Beziehung er zum Schwimmer im Becken steht und welche Bedeutung sich hinter seinem ausdruckslosen Blick nach unten verbirgt.Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney, eine Retrospektive, S. 38–39. Obwohl der Titel Portrait of an Artist als ein Hinweis auf Schlesingers Künstlerberuf gelesen werden kann, stellte Hockney seinen Freund in diesem Bild ohne jedes Requisit dar, das ihn als bildenden Künstler charakterisiert.Christopher Knight: Composite Views: Themes and Motifs in Hockney’s Art in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney: a retrospective, S. 38. Verschiedene Autoren kamen daher zu der Überlegung, der Künstler im Bildtitel sei Hockney selbst, im Gemälde metonymisch vertreten durch den Swimmingpool, ein für den Künstler ikonografisches Motiv.„it has often been suggested that the artist is Hockney himself, represented metonymically by the artist’s most iconic motif—the image of the pool.“ Zitat aus Christopher Knight: Composite Views: Themes and Motifs in Hockney’s Art in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney: a retrospective, S. 38. Hockney hat das Gemälde weder signiert noch datiert.
Hockney in Kalifornien – erste Swimmingpool-Bilder entstehen Der 1937 im nordenglischen Bradford geborene Hockney studierte Kunst am Royal College of Art in London und schloss sein Studium 1962 mit Auszeichnung ab. 1964 besuchte er Los Angeles und ließ sich dort im selben Jahr nieder. Zeitgleich begann er mit Acrylfarbe zu malen und veränderte seinen Stil von einer bisher eher expressionistischen Malweise, hin zu einer mehr dem Realismus verpflichteten Darstellung. Zudem arbeitete er erstmals mit Polaroid–Sofortbildkameras.Chris Stephens, Andrew Wilson: David Hockney, S. 258. Die Fotografien dienten in dieser Zeit als Vorlage für seine Gemälde, Jahre später entstanden Fotocollagen als eigenständige Kunstwerke in Hockneys Œuvre. 1966 lernte er den 18-jährigen Kunststudenten Peter Schlesinger kennen und begann eine Liebesbeziehung mit ihm. Beide lebten fortan zusammen, zunächst in Kalifornien, später auch in London. Schlesinger wurde Hockneys Muse und diente in der Folgezeit häufig als Modell für seine Werke.
Seit Mitte der 1960er Jahre arbeitete Hockney wiederholt an Bildern, in denen ein Swimmingpool eine wichtige Rolle spielt. Hierzu gehört das 1966 entstandene Gemälde Peter Getting Out of Nick’s Pool, das den nackten Peter Schlesinger beim Verlassen eines Pools zeigt. Hockney erhielt für das Gemälde im Folgejahr den Preis der John Moores Liverpool Exhibition, 1968 wurde es für die Walker Art Gallery in Liverpool angekauft.Abbildung des Gemäldes Peter Getting Out of Nick’s Pool auf der Internetseite der Walker Art Gallery in Liverpool Der Erfolg des Bildes trug wesentlich dazu bei, Hockneys Bilder aus Kalifornien einem breiten Publikum bekannt zu machen.
Bei seinen Bildmotiven mit Schwimmern griff Hockney auf das in der Kunstgeschichte seit der Renaissance geläufige Thema der Badenden zurück. Bekannte Beispiele wie Eine Frau badet im Fluss (Hendrickje Stoffels) von Rembrandt van Rijn, Die großen Badenden von Paul Cézanne oder Badende in Asnières von Georges Seurat kannte Hockney von seinen Besuchen in der Londoner National Gallery. Der Kunstkritiker Christopher Knight wies darauf hin, dass Badende als Symbol für ein verlorenes, pastorales Arkadien voller Frieden und Harmonie gelesen werden können, die im Gegensatz zur Welt des Alltags stehen.Zitat: „a lost, pastoral Arcadia of peace and harmony“ aus Christopher Knight: Composite Views: Themes and Motifs in Hockney’s Art in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney: a retrospective, S. 38.
Zu den bekanntesten Arbeiten mit Swimmingpool-Motiv gehört Hockneys 1967 entstandenes Gemälde A Bigger Splash (Tate Gallery, London), ein großformatiges Bild, das einen Swimmingpool mit Wasserspritzer zeigt. Das Bild beschrieb Christopher Knight als „liebevolles Abbild des guten, aber sinnentleerten Lebens unter der Sonne Kaliforniens“. Ein Motiv, „so wie nur ein Ausländer es gemalt haben kann“.Christopher Knight: Vermischte Ansichten: Themen und Motive in Hockneys Kunst in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney, eine Retrospektive, S. 23. Für Knight ist das Swimmingpool-Motiv das Thema, „das man gemeinhin mit David Hockneys Kunstschaffen in Verbindung bringt.“Christopher Knight: Vermischte Ansichten: Themen und Motive in Hockneys Kunst in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney, eine Retrospektive, S. 23.
Obgleich seine Poolbilder vordergründig mit Begriffen wie Freizeit und Wohlstand assoziiert werden, beschäftigten Hockney nach eigener Aussage andere Fragestellungen beim Anblick des Motivs. Er interessierte sich nicht für die Darstellung eines hedonistischen Freizeitvergnügens, sondern ihn reizte das Lichtspiel an der Wasseroberfläche.Zitat David Hockney: „I never thought the swimming pool pictures were at all about mere hedonist pleasure“ in Lawrence Weschler: A Visit with David and Stanley Hollywood Hills 1987 in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney: a retrospective, S. 81. Hockney merkte hierzu an: „Well, it’s that surface that fascinates me; and that’s what those paintings are about really“ (sinngemäß: Nun, es ist diese Oberfläche, die mich faszinierte, und darum geht es wirklich in diesen Bildern).Lawrence Weschler: A Visit with David and Stanley Hollywood Hills 1987 in Stephanie Barron, Maurice Tuchman: David Hockney: a retrospective, S. 81.
Das Bild einer Trennung – Hintergründe zur Entstehung des Gemäldes Bei nur wenigen Gemälden Hockneys ist die Entstehungsgeschichte so gut dokumentiert wie bei Portrait of an Artist (Pool with Two Figures). Hierzu gehören Fotografien, die zur Vorbereitung des Gemäldes dienten, und zahlreiche dokumentierte Aussagen von Personen, die an der Entstehung des Bildes beteiligt waren, einschließlich Äußerungen von Hockney selbst. Darüber hinaus drehte der Regisseur Jack Hazan in der Zeit von 1970 bis 1973 über Hockney eine halbdokumentarische Filmbiografie, die mit dem Titel A Bigger Splash in die Kinos kam. Der Film zeigt ein Porträt von Hockney als Person und als Künstler sowie die Schilderung seines Umfeldes. Hierbei mischen sich reale Begebenheiten mit fiktionalen Sequenzen. Auch wenn der Titel von Hockneys gleichnamigem Gemälde von 1967 übernommen wurde, spielt dieses Bild im Film eine nachgeordnete Rolle. Stattdessen wird die Entstehung von Portrait of an Artist (Pool with Two Figures) gezeigt, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht.