Ein „Mikrohabitat“ (, ) ist ein Lebensraum mit einer geringen räumlichen Ausdehnung. Baum-Mikrohabitate sind abgrenzbare Lebensräume in, auf oder an Bäumen (sog. Biotopbäumen). Biotopbäume mit ihren spezifischen Kleinbiotopen stellen Schlüsselelemente für die Artenvielfalt von Wäldern dar.Laurent Larrieu, Christophe Bouget, Alain Cabanettes, Benoît Courbaud: Tree-related microhabitats (TreMs) as key elements for forest biodiversity. In: ConFoBi Workshop, 28. Februar 2018 – 1. März 2018 (Fribourg, Switzerland) (univ-toulouse.fr [PDF]). Da auch Mikrohabitate an lebenden Bäumen oft aus Totholz bestehen, besteht eine gewisse Verwandtschaft zu diesem Begriff.

Unter dem Begriff Baum-Mikrohabitate werden Veränderungen der Rinde, der Stamm- oder der Kronenstruktur an lebenden und toten Bäumen zusammengefasst. Diese können die natürlichen Abwehrreaktionen des Baumes schwächen und es kann beispielsweise zu einer Besiedlung durch verschiedene Holzpilze, Mikroorganismen oder xylobionte Insektenarten kommen. Auch viele Vögel und Säugetiere nutzen oder kreieren solche Sonderstrukturen als Brutstätte oder Rückzugsorte. Die zusätzliche Besiedlung von verschiedenen, an Baum-Mikrohabitate gebundene Lebewesen, kann die Artenvielfalt enorm erhöhen und spielt deshalb eine immer zentraler werdende Rolle in der Biodiversitätsforschung und bei der Zielsetzung, die Biodiversität zu erhalten bzw. zu erhöhen.

Bäume, die Mikrohabitat-Strukturen aufweisen oder das Potential dazu haben, werden in einem Wirtschaftswald jedoch oftmals während Durchforstungen entnommen, da sich die Holzstrukturen verändern und deshalb aus ökonomischer Perspektive eine zukünftige Nutzung nicht sinnvoll erscheint.

Baum-Mikrohabitate können bereits zersetztes Holz aufweisen oder einen Lebensraum ohne Holzzersetzung gewähren. Die Wahrscheinlichkeit eines Baumes Mikrohabitate auszuprägen nimmt dabei mit zunehmender Dimension, Alter und rückläufiger Vitalität zu. Generell gilt, dass ein größerer Baumdurchmesser aufgrund einer größeren Lebensspanne, Kronen-Totholz, lockerer Rinde und Rissen Artenreichtum fördert. In einigen Studien wurde gezeigt, dass in Mitteleuropa Laubbaumbestände bzw. Mischbestände eine größere Anzahl und Diversität von Mikrohabitaten als reine Nadelbaumbestände aufweisen. Durch forstliche Bewirtschaftung nimmt die Dichte an Baum-Mikrohabitaten in der Regel ab, jedoch können unter Umständen einige Baum-Mikrohabitate, wie beispielsweise Rindenverletzungen, auch durch Holzerntemaßnahmen gefördert werden.

Baum-Mikrohabitate lassen sich nach unterschiedlichen Formen gruppieren: Baum-Mikrohabitat FormL. Larrieu, Y. PaiLLet, S. Winter, R. Bütler, D. Kraus, F. Krumm, T. Lachat, A. K. Michel, B. Rregnery, K. Vanderkerkhove: Tree related microhabitats in temperate and Mediterranean European forests: a hierarchical typology for inventory standardization. In: Ecological Indicators, Band 84, 2018, S. 194–207.BeispieleBaumhöhlenSpechthöhlen, Mulmhöhlen, InsektenfraßlöcherStammverletzungen und freiliegender SplintAbgelöste Rinde, Stamm- oder AstbrücheKronentotholzTotäste in der BaumkroneWucherungenMaserknollen, KrebsePilzfruchtkörperPilzkonsolen oder Fruchtkörper einjähriger PilzeEpiphytische und parasitische StrukturenNester, aufliegende Pflanzen (Efeu, Misteln) und FlechtenAusflüsseSaft- oder Harzfluss

Baumhöhlen mini|hochkant|Stammfußhöhlen einer Rotbuche

Baumhöhlen gibt es in den unterschiedlichsten Größen und Formen. In den Höhlen entwickeln sich Mulmkörper und -taschen, Nester, mit Pilzen besiedelte Innenräume oder zerklüftete Gangsysteme und Totholzzonen. Je nach Baumhöhle gibt es Unterschiede in der Art der Pilze, dem Stadium der Holzzersetzung und der Durchfeuchtung, was dazu führen kann, dass sich Insekten in ihrer Art unterscheiden. Großhöhlen entwickeln sich über Jahrzehnte und werden von Vögeln, kleineren Säugetieren und Amphibien wegen des großen Nahrungsangebots und des stabilen Mikroklimas genutzt. Ein prominenter Besiedler von Mulmkörpern ist der Eremit. Höhlen können von höhlenbauenden Arten, wie dem Specht, gebaut und diese dann wiederum von Sekundärnutzern wie Bienen und Hornissen besiedelt werden.

Charakteristische Arten: Wildkatze (Felis silvestris), Siebenschläfer (Glis glis) und viele heimische Spechtarten

Specht- und Asthöhlen Eine Spechthöhle ist eine durch einen Specht erbaute Bruthöhle an einem lebenden oder abgestorbenen Baum. Spechthöhlen sind im oberen Kronenbereich (Kleinspecht) zu finden, an abgestorbenen Ästen, Hochstümpfen oder in mit Pilzen besiedelte Stammbereichen. Die Spechthöhlen bieten nicht nur Lebensraum für den Specht, sondern auch für eine große Anzahl weiterer Organismen wie zum Beispiel Insekten. Allerdings besiedeln die meisten Insektenarten erst nach einigen Jahren die Höhle, nachdem die Holzzersetzung weiter fortgeschritten ist. Wenn mehr als zwei Spechthöhlen in max. 2 m Abstand übereinander am Stamm vorzufinden sind, wird dies als Höhlenetage bezeichnet. Mögliche Gründe einer Etagenbildung sind: Bau von getrennten Schlaf und Bruthöhlen durch Schwarzspechte oder Erschaffen neuer Ersatzeingänge aufgrund von fortgeschrittener Zersetzung der bisherigen Eingänge. Andere Varianten: schwerwiegende Stamm- oder Borkenverletzungen aber auch Zersetzung durch Pilze mit anschließender Hohlraumbildung. Höhlenetagen sind potentielle Vorstufen einer Großhöhle. Sekundärbewohner von Spechthöhlen sind u. a. Hohltaube (Columba oenas) oder Sperlingskauz (Glaucidium passerinum).

Charakteristische Arten: Blauer Scheinbockkäfer (Ischnomera cyanea und Ischnomera caerulea), Waldkauz (Strix aluco), Goldfell-Schüppling (Pholiota cerifera).

Asthöhlen sind durch Astabbruch entstandene Faulhöhlen.

Charakteristische Arten: Schwarzspecht (Dryocopus martius), Spechtloch-Schillerporling (Inonotus niduspici), Haubenmeise (Lophophanes cristatus)

Ausgehöhlte Stämme Ausgehöhlte Stämme sind lange, röhrenförmige Höhlen im Stamm mit stabilen mikroklimatischen Verhältnissen. Ausgehöhlte Stämme haben häufig eine verdickte Stammbasis aufgrund vom Ligninabbau mit anschließender Holzerweichung. Der Pilz kann sich sowohl den Stamm hinauf bzw. bis zum Boden hinabarbeiten.

Charakteristische Arten: Bluthals-Schnellkäfer (Ischnodes sanguinicollis), Brandkrustenpilz (Hypoxylon deustum), Waldkauz (Stix aluco) und Haselmaus (Muscardinus avellanarius)

Höhlen mit Mulmkörper mini|Blick in eine Baumhöhle mit Mulm

Höhlen mit Mulmkörper, sind Baumhöhlen die Holzmulm mit einer Menge von mind. 8 Litern enthalten. Über Jahrzehnte, greifen verschiedenste Pilzarten, auf eine deutlich weniger aggressive Weise, zum Überleben wichtige Bereiche am Baum an. Besonders Kambium und Splint werden auf diese Art angegriffen und in Folge von lignikolen Insekten zernagt und verkleinert. Initialpunkte sind offene, nicht von der Borke umgebene Brüche, Spalten, Risse, sowie aufgeschürfte Stellen oder kleinere Höhlungen. Holzameisen bilden in diesem sogenannten Nagemehl ihre Kolonien und zerkleinern dieses umso mehr (primärer Holzmulm). Zusätzliches organisches Material wird von Kleinsäugern, Vögeln und Insekten, wie Bienen oder Hornissen eingetragen was zu einem erhöhten Nährstoffangebot führt.

Charakteristische Arten: Eremit (Osmoderma eremita), Großer Rosenkäfer (Protaetia speciosissima), Ockerfarbene Hydrabasidie (Uthatobasidium ochraceum), Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkäfer (Limoniscus violaceus), Haselmaus (Muscardinus avellanarius)

Insektenlöcher mini|Schlupfloch des Heldbock (Cerambyx cerdo)

Als Insektenlöcher werden durch Insekten geschaffene Galerien und Bohrlöcher bezeichnet, wie sie beispielsweise durch Borkenkäfer geschaffen werden. Diese befallen bevorzugt geschwächte und absterbende Bäume und legen ihre Eier in der Rinde (Rindenbrüter) oder im Splintholz (Holzbrüter) ab. Damit einhergehend entstehen die gut erkennbaren Fraß- und Brutgänge. In diesen leben zahlreiche weitere Insektenarten, u. a. solche die räuberisch von den Borkenkäfern leben. Ein beeindruckendes Beispiel ist der Heldbock (Cerambyx cerdo), einer der größten Käfer in Mitteleuropa. Dessen Bohrlöcher sind so groß, dass sie von Fledermäusen als Winterquartier genutzt werden können.Gottfried, Iwona & Gottfried, Tomasz & Zając, Krzysztof. (2019). Bats use larval galleries of the endangered beetle Cerambyx cerdo as hibernation sites. Mammalian Biology - Zeitschrift für Säugetierkunde. 10.1016/j.mambio.2019.01.002.

Vertiefungen Wassertöpfe (Dendrotelme): nach obenhin geöffnete Ausbuchtungen oder -höhlungen mit der Möglichkeit der Wasseransammlung. Die Vertiefungen entstehende häufig durch Verletzungen. Typisch sind auch verzweigte oberirdischer Wurzeln an Stammfuß, eng nach oben gerichtete, zueinander stehenden Äste in Astgabelungen, Überwallungen an Zwieseln, Stammverwachsungen und Ausriss von Ästen. Der Wasserstand in den Wassertöpfen ist abhängig von Niederschlag und Verdunstung. Bei bleibender Ansammlung, ist ein Dendrotelm ein idealer Lebensraum und Reproduktionsort für Amphibien wie z. B. dem Laubfrosch (Hyla arborea). Pilzansiedlung an Faulstellen bei periodischer Austrocknung. Wassertöpfe beherbergen wenige aber dafür sehr spezialisierte Insektenarten.

Charakteristische Arten: Sumpffieberkäfer (Prionocyphon serricornes), Hummelschwebfliege (Mallota fuciformis)

Weitere Vertiefungen: Fraßlöcher von Spechten, rindenbedeckte Einbuchtungen am Stamm

Stammverletzungen und freiliegender Splint mini|263x263px|Tanne mit Stammbruch

Blitzrinnen Eine Blitzrinne ist eine Rinne, am Baumstamm, die durch Blitzeinschlag verursacht wird. Das nun offen gelegte Splintholz kann durch holzabbauende Pilze besiedelt werden. Entstehende Spalten können als Versteck genutzt werden.

Charakteristische Arten: Schwarzkäfer (Corticeus unicolor), Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus), Igel-Stachelbart (Hericium erinaceum)

Risse und Spalten Starke und mit der Zeit schädliche Spannungsverhältnisse im Baum können zu einer erweiterten Rissbildung in Stamm und Ästen führen. Dies entsteht in der Regel durch Ungleichverteilung der Kronenlast, Drehwuchs, Frosteinwirkung oder durch Starkwind ausgelöste extreme Krafteinwirkung. Im weiteren Verlauf können sich Risse und Spalten durch Ansiedlung von Pilzen zu Mulmhöhlen weiterentwickeln. Spalten werden ebenfalls als Versteck genutzt.

Charakteristische Arten: Schleimflusskäfer (Nosodendron fasciculare), Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla), Beulenkopfbock (Rhamnusium bicolor), Großer Lindenprachtkäfer (Scintillatrix rutalins)

Schürfstellen Relativ großflächige Störstellen der Rinde am Stamm oder Stammfuß bezeichnet man als Schürfstellen. Diese entstehen durch umfallende Nachbarbäume, abbrechende Kronenteile oder auch Wildschaden, aber auch durch Holzerntemaßnahmen. Mögliche Folgen sind Pilz- und Insektenbefall durch ein fehlende Borke.

Charakteristische Arten: Buchen-Kammkäfer (Isorhipis melasoides), Goldfell-Schüppling (Pholiota cerifera), Rosthaarbock (Anisarthron barbipes)

Kronen- und Teilkronenbruch Bei Kronenbruch ist mehr als die Hälfte, bei Teilkronenbruch weniger als die Hälfte der Krone abgebrochen, jedoch muss mindestens ein Starkast der 1. Ordnung betroffen sein. Der Abbruch führt sehr schnell zu tiefgehenden Verletzungen am Stamm, die Folge ist eine rasche Ansiedelung von Pilzarten mit dem Ergebnis einer schnell größer werdenden Höhle bis hin zur Großhöhle.

Charakteristische Arten: Augenfleckenbock (Mesosa curculionoides), Gelbschuppiger Schnellkäfer (Lacon quercus), Rothalsiger Scheinbockkäfer (Ischnomera sanguinicollis), Gewöhnlicher Austernseitling (Pleurotus ostreatus), Körnerbock (Megopis scabricornis)

Stammbruch Im Falle eines Stammbruchs bricht die Baumkrone ganz ab, allerdings kann sich aus Zweigen eine Ersatz- oder Sekundärkrone entwickeln, während der Stammbereich fast vollständig abgestorben ist.

Charakteristische Arten: Bluthals-Scheinbockkäfer (Ischnomera sanguinicollis), Mattschwarzer Schnellkäfer (Megapenthes lugens), Zwergschnäpper (Ficedula parva)

Zwieselabbruch