Das Gustav-Lübcke-Museum ist ein kulturhistorisches Museum in Hamm in Nordrhein-Westfalen. Es wurde 1890 als Institution gegründet und hieß bis 1925 Städtisches Museum Hamm. 1993 bezog die Institution ihren ersten eigens errichteten Museumsbau. Benannt ist das Museum nach Gustav Lübcke, einem Kunsthändler und -sammler, der 1917 seine Sammlung der Stadt Hamm übertrug und Direktor des Museums war. Seit dem Tod Gustav Lübckes 1925 trägt das Museum seinen Namen. Das Museum ist Mitglied der RuhrKunstMuseen und der Vereinigung westfälischer Museen (VWM).

Seine Wurzeln hat das Museum in bürgerschaftlichem Engagement Ende des 19. Jahrhunderts. Da es die einzige museale Institution in Hamm ist, sind seine Aktivitäten thematisch entsprechend breit. 1993 wurde ein Museumsbau der Architekten Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert bezogen. In fünf Abteilungen zeigt das Museum kulturhistorische Objekte von der mittleren Steinzeit bis in die Gegenwart. Zwei ortsbezogene Sammlungen zeigen die Entwicklungen des Kulturraums Westfalen mit archäologischen Zeugnissen und die Stadtgeschichte von Hamm bis in die Gegenwart. Die Abteilung zur Kultur des Alten Ägyptens geht bereits auf die Gründungsphase zurück. Zwei Sammlungen mit ästhetischen Objekten zeigen Kunstgewerbe, angewandte Kunst und Produktdesign von antiker Zeit bis in die Gegenwart und Freie Kunst mit einem Schwerpunkt auf Malerei und Papierarbeiten des 20. Jahrhunderts. Sonderausstellungen zu allen Bereichen des Museums ergänzen das Programm. Außerdem ist ein Veranstaltungssaal für 300 Personen mit guter Akustik, das Forum, in den Bau integriert.

Geschichte Mumienverein mini|Auflösungsurkunde des Mumiensvereins, Hamm, 1887, Gustav-Lübcke-Museum, Hamm Im Frühjahr 1886 gründeten Hammer Bürger den Mumienverein. Dem voraus ging die Entdeckung eines Notgrabes im ägyptischen Deir el-Bahari mit über 50 Mumien von Pharaonen, Angehörigen der königlichen Familien und hohen Würdenträgern als Weltsensation um die Welt. Ägyptenbegeistert knüpfte man Kontakte zu dem Ägyptologen Heinrich Brugsch, dessen Bruder Emil als Mitarbeiter des Ägyptischen Museums in Kairo die Sicherungskampagne der sogenannten Cachette geleitet hatte. Nach einem einschlagenden Vortrag Brugschs am 22. Februar 1886 in Hamm fasste man den Plan, eine altägyptische Mumie für Hamm zu erwerben. Dafür gründete man den Mumienverein und sammelte Gelder durch Aktien. Noch im selben Jahr konnte über Vermittlung Emil Brugschs in Kairo eine Mumie, die sicher nicht aus der Cachette stammt, sondern aus der 22./23. Dynastie, erworben und nach Hamm transferiert werden. Zudem erwarb der Mumienverein ein Fotoalbum mit Abbildungen der Königsmumien aus der Cachette, die heute eine wichtige Quelle für die Ägyptologie sind, da sie den Zustand der Mumien in verschiedenen Stadien des Auswickelns dokumentieren. Der Mumienverein löste sich 1887 plangemäß selbst auf und schenkte die Hammer Mumie sowie das Fotoalbum dem im Dezember 1886 gegründeten Museumsverein. Zunächst wurde diese Hammer Mumie im Gesellschaftssaal einer Gaststätte gezeigt, danach als Eigentum des Museumsvereins Hamm im Rathaus.

Museumsverein Hamm Der ebenfalls 1886 gegründete Museumsverein Hamm hatte von Anfang an einen pädagogischen Impuls. Man gab sich das Ziel, so die Statuten, „die Einwohnerschaft von Stadt und Land für Natur und Geschichte der engeren Heimat zu interessieren durch Anlage von zweckentsprechenden Sammlungen und durch die Belehrung in Wort und Schrift.“ Damit ist schon vieles beisammen, was das Gustav-Lübcke-Museum heute ausmacht: Besucherorientierung, das Museum als außerschulischer Lernort, stadt- und regionalhistorisches Sammeln, Ausstellen und Publizieren. Allerdings trat die naturgeschichtliche Ausrichtung geriet später in den Hintergrund und wird heute nur in der Abteilung Regionalarchäologie an einigen Stellen aufgegriffen. Das im Inventarbuch des Museumsvereins ist als erste Nummer ein „Wasserhuhn von der Lippe“ genannt, das sich heute nicht mehr im Bestand des Gustav-Lübcke-Museums befindet.

Die Gründung des Museumsvereins Hamm im späten 19. Jahrhundert ist vor dem Hintergrund ähnlicher Kulturvereinsgründungen des Bürgertums in Deutschland zu verstehen. Gerade der heimatbezogene Charakter war dem national gesinnten Zeitgeist eng verbunden. Dennoch öffnet die Hammer Mumie im Bestand des Museumsvereins den Horizont immer schon über die Heimat im engeren Sinne hinaus.

1890 konnte der Museumsverein Hamm sein erstes Städtisches Museum in zwei angemieteten Räumen eines Privathauses, Oststraße 26, eröffnen. Damit beginnt die Geschichte des Museums. Sonderausstellungen fanden im Rathaus statt. Bis 1917 musste das Museum noch mehrmals umziehen.

Der Museumsverein Hamm fördert und begleitet das Gustav-Lübcke-Museums bis heute. Durch ihn hat bürgerschaftliches Engagement die Initiative auf die Errichtung eines Museums in Hamm ergriffen und von Beginn an eng mit dem Gemeinwesen der Stadt Hamm verzahnt. Er nimmt Anteil an den Aktivitäten des Museums, unterstützt sie finanziell, ermöglicht Ankäufe und bietet seinen Mitgliedern ein eigenes Ausstellungsführungs-, Bildungs- und Reiseprogramm, das auf das Museumsprogramm abstimmt ist. Der Museumsverein ist ein eingetragener Verein und als gemeinnützig anerkannt.

Gustav Lübcke mini|Hugo Lehmann: Porträt Gustav Lübcke, 1924, Gustav-Lübcke-Museum Als 1917 die Stadt Hamm das Angebot des aus Hamm gebürtigen Kunst- und Antiquitätenhändlers Gustav Lübcke (1868–1925) annahm, seine eigene Sammlung für das Städtische Museum zu übernehmen, erweiterte sich das Spektrum des Museums wesentlich. Der Schwerpunkt der Sammlung Lübckes lag auf dem europäischen Kunsthandwerk vom Mittelalter bis in seine Gegenwart. Auch antike Objekte, wie griechische Vasen oder römische Terra Sigillata, vor- und frühgeschichtliche Objekte aus dem nordmitteleuropäischen Raum und Ägyptiaca gehörten dazu, wie auch einige Gemälde und Arbeiten auf Papier. Lübckes Kollektion hatte den Charakter einer Universalsammlung und war daher als Grundstock für das Museum einer Stadt bestens geeignet. Alle späteren Abteilungen des Museums waren in der Sammlung Lübckes bereits angelegt. Mehrere tausend Objekte 1917 konnte das Museum in die zehn Räume von Haus Windthorst in der Südstraße gegenüber dem Oberlandesgericht umziehen, das die Stadt mit der Auflage einer Museumsnutzung günstig erwerben konnte. Gustav Lübcke und seine Frau, Therese Lübcke, geborene Nüsser, zogen 1917 nach Hamm und bewohnten eine repräsentative Villa in der Ostenalle 98. Lübcke organisierte vor allem Ausstellungen zu Themen der angewandten Kunst und des Kunsthandwerks. Während seiner Amtszeit trennte Lübcke die naturkundliche Abteilung von der kulturhistorischen. Anstrengungen zu einer Abteilung mit Militaria und Andenken zum Ersten Weltkrieg kamen über entsprechende Sammlungsaktivitäten nicht hinaus. 1924 erlitt Lübcke einen ersten Schlaganfall. Er starb am 29. August 1925.

Vertrag zwischen Gustav-Lübcke und der Stadt Hamm 1917 Der Vertrag, den Gustav Lübcke am 3. April 1917 mit der Stadt Hamm schloss, sah unter anderem Folgendes vor: Gustav Lübcke übereignete der Stadt „seine sämtlichen Sammlungen geschichtlicher und kunstgewerblicher Altertümer, ferner Gemälde, Münzsammlung und Bibliothek“ im Wert von 100.000 Mark, ferner „ein Kapital von 20.000 Mark“. Dafür verpflichtete sich die Stadt Gustav Lübcke eine jährliche Rente von 6.000 Mark, die nach dessen Tod an seine Ehefrau übergehen sollte. Die Stadt Hamm darf die Sammlung nicht veräußern und muss sie in geeigneten und ausreichenden Räumen des städtischen Museums ausstellen. Nach dem Tod von Gustav Lübcke soll das Museum seinen Namen tragen. Gustav Lübcke übernahm ehrenamtlich die Leitung des Museums als Direktor. Die Stadt Hamm stellte ihm einen nebenamtliche, angemessen besoldete Hilfskraft zur Verfügung. Nach dem Tod Lübckes verpflichtete sich die Stadt einen hauptamtlichen, angemessen besoldeten Leiter anzustellen, dessen Befähigung nachgewiesen ist. 1917 konnte das Museum in die zehn Räume von Haus Windthorst umziehen, die die Stadt mit der Auflage einer Museumsnutzung günstig erwerben konnte.

Ludwig Bänfer Ludwig Bänfer war bereits seit 1915 ehrenamtlich für das Museum tätig. 1917 wählte Gustav Lübcke ihn zur vertraglich zugesicherten, nebenamtlichen Hilfskraft. 1925 wurde er dann Direktor des Gustav-Lübcke-Museums. Das besondere Interesse Bänfers galt der Bodendenkmalpflege und der Vor- und Frühgeschichte. So war er maßgeblich an der von 1930 bis 1935 durchgeführten Ausgrabung der germanische Siedlung bei Westick beteiligt.Hartmut Polenz: Die Archäologischen Sammlungen und Museen im Ruhrgebiet. In: Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, , Jg. 2002, Heft 2, S. 9–16, hier S. 13. Zwar enthält schon die Sammlung Gustav Lübcke etliche vor- und frühgeschichtliche und antike Objekte, doch Bänfer konnte die Museumssammlungen durch wichtige Stücke der Regionalarchäologie bereichern, indem er sich an Grabungen in der Umgebung beteiligte. Auf ihn geht die Abteilung Regionalarchäologie zurück. Er rückte die heimatgeschichtliche Ausrichtung des Museums, die bereits vom Museumsverein vor Gustav Lübcke angelegt war, wieder stark in den Mittelpunkt. Am 26. März 1959 wurde Ludwig Bänfer mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet. Er starb am 29. August 1959.

Ludwig Bänfer und das NS-Regime mini|Gipsabguss eines angeblich bronzezeitlichen „Hakenkreuzbechers“, Gips, bemalt, zwischen 1933 und 1937 angeschafft für das Gustav-Lübcke-Museum Ludwig Bänfer wurde 1933 Mitglied im Kampfbund für deutsche Kultur. 1937 holte er aktiv die vom Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte organisierte Ausstellung „Lebendige Vorzeit in Reich und Heimat“ in das Museum, wo sie mit großem Besuchererfolg lief. Für die Ausstellung und das Museum wurde Lehrmaterial angeschafft, so etwa der Gipsabguss eines angeblich bronzezeitlich-germanischen „Hakenkreuzbechers“, der eine politisch motivierte Fälschung darstellt. Ludwig Bänfer ging mit dem nationalsozialistischen Geschichtsbild der Vor- und Frühgeschichte in Nordmitteleuropa weitestgehend konform. 1942 wurde er anlässlich seines 40-jährigen Dienstjubiläums von nationalsozialistischen Oberbürgermeister Erich Deter für besondere Verdienste um das Gustav-Lübcke-Museum mit dem Wappenteller der Stadt Hamm ausgezeichnet. Susanne Birker, Kuratorin für Regionalarchäologie, und Museumsdirektor Daniel Spanke arbeiteten mit einer Arbeitsgruppe die Verstrickung Bänfers in den Nationalsozialismus auf. In der Folge wurde die nach Bänfer benannte Straße in Hamm-Süden 2018 in Gersonstraße umbenannt.

Aktion „Entartete Kunst“ 1937 In Bänfers Amtszeit fiel die Aktion „Entartete Kunst“, die nicht der NS-Ideologie konforme Kunst aus staatlichen Museen beschlagnahmte uns ins Eigentum des Deutschen Reiches zog. Durch die Aktion wurden 1937 aus dem Bestand des Museums 23 Kunstobjekte beschlagnahmt und entfernt. Diese 23 Kunstwerke listet auch die historische Harry-Fischer-Liste detailliert auf, darunter Werke von Peter August Böckstiegel, Lovis Corinth, Wilhelm Lehmbruck, Wilhelm Morgner und Christian Rohlfs.

Kriegsverluste Ludwig Bänfer hielt den Museumsbetrieb bis in die ersten Monate des Jahres 1944 aufrecht, bis im September die Luftangriffe auf Hamm so stark waren, dass das Museum im selben Monat geschlossen und evakuiert werden musste. Vor allem der Angriff vom 5. Dezember 1944, der auch das Neue Stadthaus zerstörte, hat zu kriegsbedingtem Kulturgutverlust geführt. Zwar waren große Teile der Sammlung auf verschiedene Auslagerungsstätten verteilt, doch die ägyptische Sammlung erlitt schwere Einbußen, da sie sich noch im Stadthaus befand. Zu den besonders schmerzhaften Kriegsverlusten zählt die „Hammer Mumie“, jene altägyptische Mumie, die 1886 vom Mumienverein erworben und dem Museumsverein geschenkt worden war. Von ihr hat sich lediglich ein Foto erhalten.

Nachkriegszeit bis heute