Hasan ibn Abī Numaiy Muhammad ( geb. 7. Januar 1526, gest. 29. November 1601 im Nadschd) war von 1584 bis 1601 regierender Scherif von Mekka, nachdem er bereits von 1540 bis 1553 zweiter Mitregent und von 1553 bis 1584 erster Mitregent gewesen war.

Von arabischen Gelehrten und Geschichtsschreibern wird Hasan ibn Abī Numaiy sehr positiv beurteilt. Zum einen wird hervorgehoben, dass er im Hedschas durch militärische Stärke und Verfolgung von Verbrechen für Sicherheit und Stabilität sorgte, zum anderen wird betont, dass er großzügig Dichter und Gelehrte förderte. Der ägyptische Gelehrte al-Chafādschī (gest. 1659) wird mit der Aussage zitiert, der Hedschas habe mit dem Scherifen Hasan einen ähnlichen Höhepunkt des Ruhms (intihāʾ ṣuʿūd aš-šaraf) erreicht wie zeitgleich der Maghreb mit Ahmad al-Mansūr und das Osmanische Reich mit Murād III.Zit. bei as-Sinǧārī: Manāʾiḥ al-karam. 1998, Bd. III, S. 518. Vor dem Hintergrund dieser Bewertungen urteilte Gerald de Gaury, dass die Herrschaftsperiode Hasan ibn Abī Numaiys ein „goldenes Zeitalter“ in der Geschichte Mekkas gewesen sei.Gerald de Gaury: The Rulers of Mecca. Dorset Press, New York, 1954. S. 132. Der mekkanische Historiograph ʿAbd al-Malik al-ʿIsāmī (gest. 1699) meinte sogar, dass Hasan das Herrschaftsgebiet der beiden Heiligtümer zu einem Kalifat gemacht habe (ṣaiyar wilāyat al-ḥaramain ḫilāfa)Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 364. und bezeichnet ihn selbst als "Kalifen der beiden Heiligtümer" (ḫalīfat al-ḥaramain).Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī 1998, Bd. IV, S. 360.

Abstammung und Geburt Hasan war sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite her scherifischer Herkunft. Seine Mutter Fātima war eine Tochter von Subāt ibn ʿAnqā, einem Nachkommen des Scherifen Abū Numaiy Muhammad I. ibn Abī Saʿd, der von 1254 bis 1301 über Mekka herrschte.Al-Ḥamawī: Fawāʾid al-irtiḥāl. 2011, Bd. III, S. 475. Er wurde am 23. Rabīʿ al-awwal 932 (= 7. Januar 1526) geboren, wenige Monate, nachdem sein Großvater Barakāt verstorben war.Al-Ḥamawī: Fawāʾid al-irtiḥāl. 2011, Bd. III, S. 475.

Herrscherliche Karriere Um 1540 wurde Hasans Bruder Ahmad zum Kronprinzen ernannt und erhielt den Mantel der Herrschaft (ḫilʿat al-iyāla wa-l-amāra), während Hasan selbst den zweiten Mantel (al-ḫilʿa aṯ-ṯāniya) erhielt. Als sein Bruder Ahmad 1553/54 starb, bekleidete ihn der Vater mit dem ersten Mantel und machte ihn zu seinem Mitregenten. Fortan wurde auf den Minbars das Bittgebet auch für ihn gesprochen, osmanische Sultansschreiben wurden in seinem Namen beantwortet und die Herrschaftszeremonien zu seinen Ehren abgehalten.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm. 1998, Bd. IV, S. 361. Hasans Bruder Thaqaba erhielt zur gleichen Zeit den zweiten Mantel.Al-Ḥamawī: Fawāʾid al-irtiḥāl. 2011, Bd. III, S. 475f. Das scherifische Herrschaftsgebiet erstreckte sich zu dieser Zeit über den gesamten Hedschas von Chaibar im Norden über Medina, Yanbuʿ, Mekka und Dschidda bis nach Haly im Süden und schloss auch die Küstenebene von Dschaizān an der Grenze zum jemenitischen Hochland ein.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 340.

Einer der ersten erfolgreichen Kriegszüge Hasans war eine Strafexpedition Ende des Jahres 963 (= Oktober 1556) gegen den Stamm der Schammar, der zuvor im Wadi al-Furaisch die Pilgerkarawane von Medina angegriffen hatte. Am Ende dieser Militäraktion konnte er mit den in Ketten gelegten Häuptlingen der Schammar in Medina einziehen, womit er der Bevölkerung der Stadt wirkungsvoll seine Macht demonstrierte.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 374–376. Der Gelehrte Nūr ad-Dīn al-Dschamm fasste bei dieser Gelegenheit ein längeres Lobgedicht auf ihn ab.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 385f. Im November 1566 leitete Hasan in Mekka die Trauerzeremonien für den wenige Wochen vorher verstorbenen osmanischen Sultan Süleyman I.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 361–363.

Im Jahre 982 (= 1574/75 n. Chr.) unternahm Hasan mit 50.000 Kämpfern eine Strafexpedition gegen den Gebirgsort Midbaʿ. Grund dafür soll die Vertragsbrüchigkeit der Bewohner dieses Ortes und ihr Übertreten der Scharia gewesen sein. Nachdem Hasan die Leute von Midbaʿ unterworfen hatte, zog er ihr Vermögen ein und setzte in dem Ort einen Statthalter ein, der dort die Einhaltung der Scharia durchsetzte. Auf dem Rückweg unterwarf er außerdem den Stamm der Badschīla, entwaffnete ihn und zwang ihn zur Einhaltung der Scharia und der jährlichen Entrichtung der Grundsteuer.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 376f.

Bis zum Tod seines Vaters am 9. Muharram 992 (= 22. Januar 1584) blieb Hasan Mitregent seines Vaters. Danach übernahm er die Alleinherrschaft des Hedschas.Al-Ḥamawī: Fawāʾid al-irtiḥāl. 2011, Bd. III, S. 475f. Während dieser Zeit führte er zahlreiche militärische Unternehmungen durch, mit denen er jedoch fast ausschließlich seine Söhne betraute.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 364. Auf diese Weise konnte er seine Herrschaft auch bis an die Ränder des zentralarabischen Hochlandes ausdehnen.

Herstellung von allgemeiner Sicherheit Von Zeitgenossen wird lobend hervorgehoben, dass es Hasan ibn Abī Numaiy gelang, die Karawanenwege zu sichern. Am Anfang seiner Regierung, so berichtet der Gelehrte ʿAbd al-Qādir at-Tabarī in dem Kommentar zu einem von ihm selbst verfassten panegyrischen Gedicht, "sind die Wege noch gefürchtet gewesen und die Landstriche noch ungezähmt." Selbst wer von Mekka die kurze Strecke nach Tanʿīm hinausging, um die ʿUmra zu vollziehen, sei gezwungen gewesen, eine Eskorte aus der Reihe der Mächtigen mitzunehmen. Wer das nicht tat, habe Leben und Vermögen aufs Spiel gesetzt. Hasan ibn Abī Numaiy habe Wachen aufgestellt, die Araber für alles, was den Leuten abhandenkam, zur Verantwortung gezogen und sie mit den schwersten Strafen wie dem Anhängen ans Kreuz und dem Abhauen der Hände belegt, „bis im ganzen Lande Frieden und Ordnung herrschte“ (ḥattā ṣaluḥa ḥāl al-ʿālam ġāyat al-iṣlāḥ).Zitiert hier nach al-Muḥibbī: Ḫulāṣat al-aṯar. Bd. II, S. 6. Selbst Karawanen mit wertvollen Gütern, so lobt der spätere Biograph Muhammad al-Amīn ibn Fadlallāh al-Muhibbī (gest. 1699), seien unter Hasan nur mit wenigen Männern durch gefürchtete und gefährliche Gegenden gezogen.al-Muḥibbī: Ḫulāṣat al-aṯar. Bd. II, S. 2.

Was die Innenpolitik anlangt, so betonen Historiographen wie ʿAbd al-Malik al-ʿIsāmī, dass es zu den Besonderheiten Hasans gehörte, dass er in seinen Geschäftsbeziehungen Scharia und kodifiziertes Recht (qānūn muḥarrar) zugrunde legte.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 380. Außerdem soll er mit großer Findigkeit Verbrechen aufgeklärt haben, wobei er auch Methoden der Spurensicherung anwandte.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 372f Hasan selbst soll auch des Persischen und Türkischen mächtig gewesen sein, allerdings im Gespräch und in der Korrespondenz von Übersetzern Gebrauch gemacht haben.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 381

Mit der Sicherheit ging eine allgemeine Belebung Mekkas einher. Während andere Zeitgenossen diese auf die osmanische Oberherrschaft zurückführten, deutete ʿAbd al-Qādir at-Tabarī sie eher als ein Werk des Scherifen. In einem panegyrischen Gedicht auf Hasan ibn Abī Numaiys schrieb er: Wa-šāʿa hāḏā l-amnu min-hū wa-štahar muʿaṭṭiran bāqiya l-mamāliki l-uḫar Fa-kullu man ḥaǧǧa ilā l-bayti l-ḥarām wa-šāhada l-amna staḫāra fī l-muqām […] Fa-min hunā Makkatu ṣārat miṣran maḥšūdatan bi-l-ʿālimīna ṭurran wa-qabla haḏā l-ʿahdi lam yuqim bi-hā illā unāsun šuġifū bi-ḥubbi-hāZit. in al-Muḥibbī: Ḫulāṣat al-aṯar Bd. II, S. 5f. Und diese Sicherheit, die er geschaffen, duftete in die anderen Reiche hinüber, jeder, der zum Heiligen Haus pilgerte und diesen Frieden sah, wünschte zu bleiben. […] Und so wurde Mekka zu einer Metropole, voll von Gelehrten von überall her. Vor dieser Zeit dagegen blieben nur diejenigen, die sie leidenschaftlich liebten.

Patronage von Gelehrten und Dichtern Viele Autoren berichten davon, dass Hasan großzügig Dichter und Gelehrte förderte. Der wichtigste von ihnen war ʿAbd al-Qādir at-Tabarī (gest. 1623), der aus einer sehr angesehenen husainidischen Familie Mekkas stammte. Er hatte bei Hasan eine sehr hohe Stellungal-Mūsawī al-Makkī: Tanḍīd al-ʿuqūd as-sanīya. 2009/10, S. 133f. und diente ihm als ständiger Begleiter (muṣāḥib).ʿAlī Ibn-ʿAbd-al-Qādir aṭ-Ṭabarī: Al-Araǧ al-miskī fi t-tārīḫ al-Makkī wa-tarāǧim al-mulūk wal-ḫulafāʾ. Ed. Ašraf Aḥmad al-Ǧammāl. Al-Maktaba at-Tiǧārīya, Mekka, 1996. S. 195. Digitalisat. Auch der Gelehrte Chidr ibn ʿAtā' al-Mausilī (gest. 1598) trat in seine Dienste. Er widmete ihm sein Werk al-Isʿāf, einen Kommentar zu den Belegstellen des Kaššāf von az-Zamachscharī, für den er im Januar 1595 vom Scherifen 1000 Dinar erhielt.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 367. Außerdem dichtete Chidr zu seinem Lob eine Qasīda und verfasste für ihn ein langes Radschaz-Gedicht über die Verdienste seiner Familie und ihre Kriegstaten.Wüstenfeld: Die Scherife von Mekka. 1885, S. 12f. Auch der bekannte arabische Arzt Dāwūd al-Antākī (gest. 1599) hielt sich längere Zeit in dem geselligen Kreis al-Hasans auf.Ibn Zainī Daḥlān: Ḫulāṣat al-kalām. 1887, S. 61.

Der Gelehrte an-Nāzim erhielt für die Überreichung seines Kommentars zu der Qasīda al-Maqsūra von Ibn Duraid 1000 Dinar.Al-Ḥamawī: Fawāʾid al-irtiḥāl. 2011, Bd. III, S. 481. Mehrere zeitgenössische mekkanische Gelehrte, unter anderen Salāh ad-Dīn al-Quraschī (gest. 1572), Abū Bakr ibn ʿAlī al-Dschamāl al-Ansārī (gest. 1598), Ibrāhīm al-ʿAbdalī (gest. 1614) und der bereits genannte ʿAbd al-Qādir at-Tabarī verfassten panegyrische Gedichte auf ihn. Auch Dichtern im Jemen, die Lobgedichte auf ihn verfassten und ihm zuschickten, ließ Hasan großzügige Geldgeschenke zukommen. Als er eine scherifische Dame heiratete, schenkte ihm die väterliche Tante von Akbar, die zu der Zeit in Mekka weilte, einen Behälter mit Gold. Dieses behielt Hasan nicht für sich, sondern ließ es während der Hochzeitsgesellschaft unter den Koranlesern, die während der Feier Lobgedichte auf seinen Vorfahren Mohammed rezitierten, verteilen.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 382.

Voraussetzung dafür, dass sich Mekka in der Zeit von Hasan zu einer „Gelehrtenmetropole“ entwickelte, war nach ʿAbd al-Qādir at-Tabarī, dass der Herrscher auf einen alten Brauch verzichtete, den die früheren Scherifen gepflegt hatten. Sie hatten nämlich regelmäßig am Ende der Wallfahrt mit dem Ruf „Ihr Syrer nach Syrien, ihr Jemeniten in den Jemen“ (Yā ahla š-Šaʾmi Šaʾmu-kum, yā ahla l-Yamani Yamanu-kum) die Pilger dazu aufgefordert, zügig in ihre Heimat zurückzukehren, so dass nur die Bewohner aus den alteingesessenen Familien (ḏawū l-buyūtāt al-qadīma) in der Stadt verblieben. Nach der Aufgabe dieses Brauchs, so ʿAbd al-Qādir weiter, habe nun ein jeder nach der Mudschāwara, dem Aufenthalt in der Heiligen Stadt, gestrebt.Zit. in al-Muḥibbī: Ḫulāṣat al-aṯar. 1998, Bd. II, S. 5–7.

Hasan soll auch die Bewohner von Medina großzügig mit Sadaqa-Zahlungen bedacht haben. Wenn er zum Besuch des Prophetengrabes in dieser Stadt weilte, verteilte er unter den Gelehrten, Bediensteten und Ribāt-Bewohnern Geld entsprechend einer von seinem Vater übernommenen Liste, ging aber meistens über die dort verzeichneten Beträge noch hinaus.Al-ʿIṣāmī: Samṭ an-nuǧūm al-ʿawālī. 1998, Bd. IV, S. 382f.

Sein Wesir Ibn ʿAtīq