mini|295px|Innenraum der Kirche mit Deckengewölbe
Santi Severino e Sossio ist ein Gebäudekomplex mit Kirche und (ehemaligem) Kloster in der historischen Altstadt von Neapel, Via Bartolommeo Capasso.Informationen über „Santi Severino e Sossio“ auf der Website „napoligrafia“, gesehen am 11. November 2018 Der Name bezieht sich auf die Heiligen Severin von Noricum und Sossio, einen Begleiter des San Gennaro (oder Januarius), den Stadtpatron von Neapel. Das einstige Benediktinerkloster war eines der größten und bedeutendsten der Stadt und befand sich nahe der ehemaligen Stadtmauer im ehemals antiken Kern, im decumano inferiore. Heute befindet sich hier das Staatsarchiv von Neapel (Archivio di Stato di Napoli).
Santi Severino e Sossio gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Geschichte mini|Plan des Complesso monastico SS Severino e Sossio:██ Kirche██ Cappella Medici di Gragnano██ Sakristei██ Kreuzgänge (Chiostri)██ Freskenzyklus Leben des heiligen Benedikt von Antonio Solario, ca. 1515██ Kapitelsaal (oder Sala Catasti)██ Sala Tasso██ Refektorium (oder Sala Filangieri) Der Bau des Klosters geht auf das 10. Jahrhundert zurück, als die Benediktinermönche, die vorher auf dem Hügel von Pizzofalcone lebten, aus Angst vor Streifzügen der Sarazenen hierher in die Stadt zogen. Die Reliquien des heiligen Severinus kamen im Jahr 902 in den Besitz des Klosters, zwei Jahre später (904) folgten diejenigen von San Sossio. Die Reliquien der beiden Heiligen blieben bis 1808 in der Kirche, als man sie in das nahegelegene Frattamaggiore brachte.
1394, während der Herrschaft der Anjou, wurde im Kloster das Parlament einberufen durch die Familie Sanseverino, Parteigänger von König Ludwig II.Stanislao D’Aloe, Catalogo di tutti gli edifici sacri della città di Napoli, in Archivio Storico per le Province Napoletane, VIII, 1883, S. 728.
1494 wurde dank der finanziellen Unterstützung von Alfons II. eine neue Kirche errichtet. Die Bauarbeiten lagen in der Hand des Architekten Giovanni Francesco Mormando und zogen sich bis 1535 hin; der Ausbau des dazugehörigen Klosterkomplexes wurde 1571 von Giovanni Francesco Di Palma abgeschlossen und finanziert von der Familie des Troiano Mormile. Die Kuppel der Kirche wurde 1561 nach Plänen von Sigismondo Di Giovanni gebaut,Archivio di Stato di Napoli: Monasteri Soppressi, Faszikel 1793; Nunzio Federico Faraglia: Memorie artistiche della chiesa benedettina dei Santi Severino e Sossio, in: Archivio Storico per le Province Napoletane, III, 1887, S. 236–237. und 1571 feierte man die offizielle Weihe der Kirche.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand, 2007. S. 177
Nach mehreren Erdbeben bekam die Kirche im 18. Jahrhundert durch Giovanni Del Gaizo eine neue Fassade nach Entwürfen von Giovan Battista Nauclerio.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand, 2007. S. 178
Das Kloster wurde 1799 aufgehoben und zu einem Depot der Truppen von Kardinal Ruffo umfunktioniert, die dem Bauwerk nicht wenige Schäden zufügten. 1804 durften die Benediktiner zurückkehren, mussten aber wenige Jahre später ihr Kloster wieder verlassen.
Seit 1808 – nach anderen Quellen seit 1835 – befindet sich im Konvent, in den Gebäuden um die vier Kreuzgänge (siehe unten), der Sitz des Staatsarchivs von Neapel (Archivio di Stato di Napoli), das von „fundamentaler Bedeutung für die Geschichte Süditaliens vom 10. Jahrhundert bis heute“ ist. Diesem angeschlossen ist auch eine Schule für Archivieren, Paläografie und Diplomatik (Scuola di Archivistica, Paleografia e Diplomatica), die zweijährige Spezialkurse anbietet.
Die Gebäude von Santi Severino e Sossio wurden 1980 durch das Erdbeben von Irpinia schwer beschädigt, und die Kirche war jahrzehntelang geschlossen. Nach einer notwendigen Restaurierungsphase konnte sie erst am 6. Mai 2014 wiedereröffnet werden.
Inneres mini|Santi Severino e Sossio, Deckengewölbe mit Fresken von Francesco De Mura Hauptschiff und Apsis Santi Severino e Sossio wurde 1643 von Giulio Cesare Capaccio als „die schönste Kirche“ von Neapel bezeichnet („La più bella ecclesia che era in la dicta cita“),Artikel: „Archivio di Stato e Chiesa dei Santi Severino e Sossio“, auf „vivicentro.it“, 27. Oktober 2017, gesehen am 11. November 2018 (italienisch) wobei man allerdings berücksichtigen muss, dass viele andere Kirchen der Stadt, die heute in barockem Glanz erstrahlen, in den 1640er Jahren noch in einem sehr unfertigen Zustand waren.
Der Innenraum ist etwa 80 m lang. Der Grundriss hat die Form eines lateinischen Kreuzes mit sieben Kapellen zu beiden Seiten des Kirchenschiffs und einer sehr großen und tiefen viereckigen Apsis.Informationen über „Santi Severino e Sossio“ auf der Website „napoligrafia“, gesehen am 11. November 2018 Hinzu kommen zwei weitere große Seitenkapellen rechts und links von der Apsis. mini|links|hochkant|Fußboden mit Grabplatte von Belisario Corenzio Besonders bemerkenswert ist der vielfarbige Fußboden aus dem 16. Jahrhundert, für den man Marmorsorten aus 14 verschiedenen Herkunftsstätten von Spanien bis zur Türkei verwendete. In den Boden sind außerdem zahlreiche Grabplatten eingelassen, darunter auch diejenige des griechischstämmigen Malers Belisario Corenzio (in griechischer Schrift), der einen großen Teil der Kirche mit Fresken ausmalte. Laut einer Legende, die von De Domenici verbreitet wurde, soll der über 80-jährige Corenzio 1643 angeblich auf ein Gerüst gestiegen sein, um etwas am Deckenfresko auszubessern, und dabei vom Gerüst gefallen und gestorben seinBernardo De Dominici: „Vita di Belisario Corenzio Pittore“, in: Vite de pittori, scultori e architetti napolitani, vol. II, 1744, Bologna, 1979, S. 292–318, online als E-Book, hier: S. 315 – nach neueren Studien ist allerdings erwiesen, dass er einige Jahre später (1646) noch lebte, sich aber nach Frusinate (heute: Esperia) zurückgezogen hatte.Francesco Abbate: „CORENZIO, Belisario“, in: Dizionario biografico degl'italiani, vol. 29, 1983, S. 65–68, online, zuletzt eingesehen am 26. September 2018 Belisario Corenzios Fresken im Deckengewölbe wurden beim Erdbeben von 1731 zerstört. Erhalten blieben seine Darstellung der Dreifaltigkeit im Querschiff (1609), Geschichten aus dem Alten Testament und die Geschichte des Benediktinerordens an Decke und Wänden der Apsis, und die Auferstehung Christi im rechten Querschiff (1609).
Die Kuppel wurde 1561 von Sigismondo Coccapani errichtet und gehörte zu den ersten in Neapel; sie wurde 1566 durch den flämischen Maler Paul Schepers dekoriert (nur teilweise erhalten).
Als Ersatz für die zerstörten Fresken von Corenzio schuf Francesco De Mura im 18. Jahrhundert im Gewölbe des Kirchenschiffs die Vision des heiligen Benedikt (1740). Von De Mura sind außerdem: das Gastmahl im Hause des Pharisäers an der Eingangswand (1740), die Begegnung von Benedikt und Totila, mit Maurus und Placidus, und ein Zyklus von 30 Bildern zwischen den Fenstern mit Päpsten aus dem Benediktinerorden (1745) – und mit den Titelheiligen San Severino und San Sossio neben dem Fenster der Eingangsfassade.
Die Stuckdekorationen schuf Giuseppe Scarola. mini|Apsis mit Hauptaltar und Orgel Der Hauptaltar und die Balustrade des Presbyteriums wurden 1640 von Cosimo Fanzago geschaffen, der Fußboden ist von 1697; der Altar wurde jedoch 1783 von Giacomo Mazzotti erneuert, der dabei den Paliotto (Altarvorsatz) veränderte. An der Rückwand der Apsis, hinter dem Hauptaltar, befindet sich die geschnitzte und komplett vergoldete barocke Orgelempore (siehe Abb.). Das feingeschnitzte Chorgestühl ist ein Werk von Benvenuto Tortelli aus Brescia und wurde schnell zum Vorbild für andere Kirchen in Neapel und Süditalien.
Seitenkapellen In den Seitenkapellen arbeiteten einige bedeutende und einflussreiche Maler und Bildhauer Neapels im 16. und frühen 17. Jahrhundert. mini|Polyptichon des Andrea da Salerno, 1529 (Madonna mit Kind, Kreuzigung, Heilige) Rechte Seite: Marco dal Pino aus Siena ist vertreten mit Werken in der ersten Kapelle rechts (Geburt Mariä), in der dritten Kapelle rechts (Mariä Himmelfahrt) und in der sechsten Kapelle rechts (Epifanias) – in der letzteren schuf er auch die Deckenfresken. In der ersten Kapelle rechts befindet sich außerdem eine anonyme Tafel mit den Heiligen Georg, Sebastian und Stephan aus dem späten 15. Jahrhundert.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand, 2007, S. 179 In der zweiten Kapelle rechts sind marmorne Skulpturen und Altäre von Giovanni Antonio Tenerello, einem ‚zweitrangigen‘ Künstler der lokalen Schule. In der dritten gibt es Fresken von Giovan Filippo Criscuolo. Belisario Corenzio malte die Fresken an den Wänden der fünften Kapelle, das Gemälde der Verkündigung ist wiederum von Criscuolo.
Linke Seite: In der ersten Kapelle links befindet sich eine Geburt Jesu von Marco dal Pino. Das Polyptichon von 1529 in der zweiten Kapelle links schuf Andrea da Salerno, mit Bildern einer Madonna mit Kind im Zentrum und darüber einer Kreuzigung, sowie diversen Heiligen (siehe Abbildung). In der gleichen Kapelle malte Niccolò de Simone die Fresken mit Geschichten des Moses. In der dritten Kapelle gibt es eine Grablegung Christi von Giovanni Bernardo Lama, wo er sich selbst und seinen Schwiegervater (und Maler) Pompeo Landolfo verewigte (siehe Abbildung unten). Die Maria Immaculata in der fünften Kapelle links ist ein Werk von Antonio Stabile von 1582 (siehe Abbildung unten). In der siebenten Kapelle links befindet sich ein Heiliger Lorenz von Cavalier d’Arpino, die Madonna mit Kind und Heiligen schuf Giuseppe Marullo 1633.
Querschiff Im linken Querschiff befindet sich das Grabmonument für Vincenzo Carafa von Girolamo D’Auria (1611); der Kalvarienberg in Öl an der linken Wand ist wiederum von Marco Pino (genannt: Marco da Siena) von 1577.AA.VV.: Napoli e dintorni, Touring Club Italiano, Mailand, 2007, S. 180
Auf der rechten Seite des Querschiffs sieht man an der rechten Wand eine Grablegung, die Girolamo Imparato zugeschrieben wird; die Kreuzigung auf dem Altar ist von Cornelis Smet und das Basrelief des letzten Abendmahls von Giovanni da Nola.
Cappella Sanseverino und Cappella Gesualdo
Die beiden Kapellen des Presbyteriums – rechts die Cappella Sanseverino und links die Cappella Gesualdo-Troya – wurden vermutlich als erste dekoriert,Maria Antonietta Visceglia: Il bisogno di eternità. I comportamenti aristocratici a Napoli in età moderna, Napoli, 1988, S. 129. die eine zwischen 1538 und 1548, die andere von 1542 bis 1561,Scipione Volpicella: La crociera della chiesa dei Santi Severino e Sossio di Napoli, in: Studi di letteratura, storia, e arti, Neapel, 1856, S. 193, 196–201. also schon einige Jahre vor der Eröffnung der Kirche im Jahr 1567.Maria Raffaella Pessolano: Il monastero napoletano dei Santi Severino e Sossio, Neapel, 1977, S. 54 nota 159, die sich bezieht auf: A.S.N., Mon. Soppr., Faszikel 1793, c. 27 (der jüngsten Nummerierung). mini|links|Cappella Sanseverino (rechtes Querschiff) Die Cappella Sanseverino ist Corpus Christi geweiht. Sie wurde gegründet von Ippolita de Monti, Frau des Ugo und Gräfin von Saponara,Archivio di Stato di Napoli: Monasteri soppressi, n. 1791, Carte della contessa di Saponara, cc. 110 ss.Giacomo Racioppi: Storia dei popoli della Lucania e della Basilicata, vol. II, Roma 1889, S. 170 als ein wahres Pantheon der Familie. Der Raum wird beherrscht von Giovanni da Nolas Drei Grabmälern der Brüder Sanseverino. Die drei jungen Männer starben vorzeitig, vergiftet durch ihren eigenen Onkel aus Gründen der Erbfolge. Sie wurden vom Künstler auf Wunsch der Mutter nicht liegend dargestellt, sondern sitzend, lebendig und einander zugewandt. Die Mutter selber ließ sich am gleichen Ort begraben, die Grabplatte befindet sich auf dem Fußboden vor dem mittleren Monument, hinter dem Altar.