mini|Ganzreklame für den Nachtbusverkehr in Siegen mini|NachtExpress-Buslinie in Essen mini|NightLiner am Nürnberger Hauptbahnhof mini|NachtExpress-Buslinie in Mülheim an der Ruhr mini|Bremerhaven: Nachtangebot 1958 Als Nachtverkehr wird der Betrieb des öffentlichen Personennahverkehrs in den Nachtstunden und teilweise bis zum frühen Morgen bezeichnet, wobei die Betriebszeiten stark variieren. Die Einsatztage des Nachtverkehrs sind zumeist die Nächte an Wochenenden sowie vor Feiertagen, seltener alle Tage der Woche. Gewöhnlich wird der Takt des Bus- und Schienenverkehrs stark ausgedünnt und es entstehen häufig vom Tagesverkehr völlig abweichende Nachtliniennetze.
Geschichte
Durchgehende Nachtverkehre von Straßenbahnen und Bussen gab es in größeren Städten bereits lange vor Einführung der heutigen Nachtverkehrsnetze (siehe Beispiel Bremerhaven: Tabelle, Bild auf der rechten Seite: Nachtangebot 1958). Diese wurden allerdings nicht als Besonderheit empfunden, sondern dem regulären Betrieb zu Tages- und eben auch Nachtzeiten zugerechnet. Erst zurückgehende Fahrgastzahlen im Zuge der Massenmotorisierung führten nach zunächst erfolgten Angebotskürzungen in den Schwachlastzeiten (also auch nachts) zu neuen Entwicklungen. In Deutschland fand eine Ausweitung des Angebotes außerhalb von Berlin und Hamburg auf die Nachtstunden ab Ende der 1980er Jahre und Anfang der 1990er Jahre mit innovativen Nachtsternnetzen statt. Im Blickfeld lagen jetzt besonders junge Menschen (Schüler ohne Führerschein), aber auch altersunabhängig Personen nach Alkoholgenuss, die auf diese Weise gefahrlos zu Veranstaltungen und wieder nach Hause gebracht werden konnten. Neben Nachtbussen wurden auch sogenannte Discobusse eingesetzt.
Bereits in den 1920er Jahren gab es in Großstädten besondere Nachtverkehre. Hamburg baute ab dem 4.Mai 1925 – als die dortige Straßenbahn noch dominierte und sich das Kraftomnibusnetz gerade entwickelte– ein Nachtbusliniennetz auf, das zum Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939/1940 eingestellt wurdeOmnibuslinien in der Mönckebergstraße bis zum 2. Weltkrieg. In: Die Mönckebergstraße, Verkehrshistorische Reihe:Hamburgs Nahverkehrsmittel Nr. 4, Verein Verkehrsamateure und Museumsbahn e.V. (VVM), Hamburg 1984, S.18, die Straßenbahn übernahm diese Aufgabe. In den Nachkriegsjahren hatte Hamburg ein Nacht-Straßenbahnnetz, das neben Durchmesserlinien bis 1957 auch eine Ringlinie (Alsterring) über St.Pauli enthielt. Daneben gab es in den 1960er Jahren allerdings auch Buslinien, die nachts betrieben wurden, da bereits wichtige Straßenbahnlinien auf U-Bahn-Betrieb umgestellt worden waren, der jedoch nachts pausierte. 1970 wurde vom Hamburger Verkehrsverbund (HVV) ein Nachtbusnetz mit Linien der 600er Gruppe von den Verkehrsunternehmen HHA und VHH eingeführt, die täglich im Stundentakt verkehrten, am Wochenende meist wesentlich öfter. Heute wird an Wochenenden das Nachtbusnetz durch U- und S-Bahn und einige auch tagsüber verkehrende Buslinien, u.a. Metrobuslinien ergänzt.
Die meisten U-Bahn-Systeme der Welt bieten zumindest werktags keinen durchgehenden Nachtverkehr, da die Betriebsruhe benötigt wird, um Instandhaltungsarbeiten durchzuführen. Eine bekannte Ausnahme ist die New York City Subway, wo aufgrund der vielen drei- und viergleisigen Abschnitte ein dauerhafter Betrieb möglich ist. Dieser Nachtbetrieb wurde aufgrund der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 erstmals ausgesetzt.https://www.bloomberg.com/news/features/2021-02-25/inside-the-debate-over-nyc-s-24-7-subway-servicehttps://www.politico.com/states/new-york/albany/story/2020/04/30/for-the-first-time-in-its-history-new-york-citys-subway-will-no-longer-run-24-7-1281577 Inspektionen und Wartungsarbeiten finden hierbei im laufenden Betrieb statt, während Züge nachts nur einen Teil der Infrastruktur benötigen. Tagsüber dienen die zusätzlichen Gleise dem Expressverkehr.
Liniennetze und Takt mini|Trambahn- und Bushaltestelle an der Münchner Freiheit gegen Mitternacht
Eine Nachtlinie bündelt oftmals die Verkehrsrelationen mehrerer Tageslinien, fährt also ggf. abweichende (Um-)Wege. Die Netzstruktur kann ähnlich jener des Tagesverkehrs oder auch ganz anders gestaltet sein.
Weitverbreitet sind sternförmige Netze. Hierbei beginnen bzw. enden Radiallinien oder treffen sich Durchmesserlinien an einem sogenannten Taktknoten im Stadtzentrum (Bahnhof, Busbahnhof oder sonstigem zentralen Platz) und verkehren von dort in einem festen Takt in alle Richtungen. Ferner können auch Nachtlinien als Ringlinien konzipiert sein, die in eine oder beide Richtungen bedient werden. Dadurch wird eine höhere Flächenerschließung mit geringerem Fahrzeugeinsatz erzielt. Andererseits können bei nur in einer Richtung bediente Ringlinien unter Umständen lange Fahrzeiten zum Stadtzentrum entstehen, da dieses im Gegensatz zu Radial- oder Durchmesserlinien nicht auf direktem Wege erreicht wird. Bei Rendezvous-Systemen fahren alle Linien einen Treffpunkt gleichzeitig an. Dadurch bestehen – bei ebenfalls gleichzeitigen Abfahrtzeiten – direkte Anschlüsse in alle Richtungen.
Nachtlinien ersetzen in deren Betriebsruhe neben Stadtbussen auch die U-Bahn, Stadtbahn oder Straßenbahn. Die Linienführung orientiert sich dann meist an der Schnellbahnstrecke. Eingesetzt werden überwiegend Standardbusse; in einigen Großstädten sind auch Straßenbahnen in das Nachtnetz eingebunden. Am Wochenende können zusätzlich U-Bahnen und S-Bahnen oder auch der übrige Schienenpersonennahverkehr fahren.
Die Taktfrequenz, unter anderem abhängig von der Stadtgröße, liegt im deutschsprachigen Raum zwischen 15 und 120 Minuten. In mittelgroßen Großstädten in Deutschland oder in von Tarifverbünden der Schweiz angebotenen Nachtnetzen hat sich der Stundentakt durchgesetzt. Seltener existieren auch unvertaktete Nachtverkehre oder aus betrieblichen Gründen Takte wie der 71-Minuten-Rhythmus, der von gemeinsamen Rendezvous der Nachtlinien um 1:11 Uhr, 2:22 Uhr, 3:33 Uhr und 4:44 Uhr (Beispiel in Leipzig) ausgeht.
In Kleinstädten oder Gemeinden übernehmen oft einzelne Buslinien (auch Regionalbusse) den Spätverkehr. Dabei werden bisweilen andere Bezeichnungen, in Deutschland beispielsweise Discobus verwendet. Auf wenig genutzten Linien fahren Kleinbusse, Anrufbusse oder Taxis (Anrufsammeltaxis, Nacht-AST).
In den Verkehrsgemeinschaften Münsterland (VGM) und Ruhr-Lippe (VRL) wurden ab 1992 Nachtbus-Verbindungen als Ergänzung zu den Regionalbussen in Betrieb genommen. Gegenwärtig verbinden 16 Linien die Städte und Gemeinden, viele als Zubringer nach Münster und Osnabrück, aber auch zwischen den regionalen Zentren im Münsterland und in den Kreisen Soest und Unna sowie im Hochsauerland. Die NachtBusse in diesen Regionen werden durch die Westfälische Provinzial unterstützt. mini|Seit 1992 fahren die RVM-NachtBusse im Münsterland
Einige Verkehrsbetriebe bieten während der verkehrsarmen Zeit an, außerhalb von Haltestellen oder zwischen den Haltestellen auf Anforderung auszusteigen, da dieser Service außerhalb der Innenstädte keine Probleme bereitet.
Betriebszeiten Die Betriebszeiten variieren je nach Stadtgröße stark. So verkehren in Berlin von Montag bis Sonntagnacht alle Nacht- und Metrolinien mindestens im 30-Minuten-Takt von etwa Mitternacht bis 4:30 Uhr (Sonntagfrüh bis 7:30 Uhr). In München fahren die Nachtlinien unter der Woche stündlich, am Wochenende alle 30 Minuten. In anderen Großstädten fahren sie oft nur in den Wochenendnächten und vor Feiertagen im Stundentakt. Am Sonntagmorgen wird teilweise der Frühverkehr bis gegen 8 Uhr mit einbezogen.
Nachtlinien in Mittel- und Kleinstädten fahren meist nur bis 3 oder 4 Uhr früh und teilweise nur in Wochenendnächten. Manchmal werden in Deutschland auch Fahrten im Spätbetrieb vor Mitternacht als Nachtverkehr bezeichnet oder der Spätverkehr von 20 bis 24 Uhr wird zum Nachtnetz gezählt (z. B. Brandenburg an der Havel).
Fahrgastinformation mini|Bushaltestelle in der Nacht
Die Fahrtrouten, Linienbezeichnungen und Haltestellenlagen können erheblich vom Tagesbetrieb abweichen. Manche Tageshaltestellen werden vom Nachtverkehr nicht bedient oder befinden sich an einer anderen Stelle. Nachthaltestellen sollten einen ähnlichen Standard wie Tageshaltestellen haben. Besonders wichtig ist dabei eine ausreichende Beleuchtung, auch, um die Haltestelle aus der Ferne für die Fahrgäste leicht erkennbar zu machen.
Da die meisten Kunden nur selten in der Nacht fahren, ist der Bekanntheitsgrad der Nachtnetze verhältnismäßig gering. Das Angebot kann sich aber nicht nur an Nachtschwärmer wenden – ein gutes Fahrgastinformationssystem ist also unbedingte Voraussetzung. Dazu gehören ausreichende Informationsaushänge auch an den Tageshaltestellen mit Nachtfahrplänen und Hinweise über die Lage der Haltestellen. Falls dies jedoch existiert, kann eine hervorragende Auslastung erreicht werden. Eine Eintragung der Nachtlinien in die elektronische Fahrplanauskunft erreicht zumindest die Nutzer dieses Systems.
Nachtnetze können aus dem Tagesnetz heraus entwickelt sein – dann ähneln die Linienbezeichnungen dem Tagesangebot oder sind damit identisch – oder sind völlig verschieden davon aufgebaut. Eine Annäherung der Strukturen an den Tagesbetrieb ist der beste Weg zu einer guten Fahrgastinformation.
Linienkennzeichnung mini|In Leipzig kennzeichneten grüne Liniennummern früher Nachtlinien Sofern der Nachtverkehr nicht die gleichen Linienbezeichnungen wie tagsüber benutzt, führen Nachtlinien oft ein zusätzliches „N“ als Präfix vor oder als Suffix hinter der Liniennummer, die entweder von einer Tageslinie abgeleitet oder unabhängig davon sein kann. Verkehrsunternehmen im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr verwenden alternativ die Bezeichnung NachtExpress und die Abkürzung „NE“. Andere verwendete Präfixe sind „NL“ für Nightliner in Karlsruhe und „M“ für Moonliner in Heidelberg. In Bremerhaven werden die zwei Nachtlinien als „ML“ und „NL“ ohne weitere Durchnummerierung gekennzeichnet. Darüber hinaus ist es weit verbreitet, Nachtlinien eigene Nummernblöcke zuzuweisen, die in der Regel höher sind als die Nummernblöcke der Tageslinien.
In Freiburg im Breisgau, Gießen und Reutlingen tragen die Nachtbuslinien Planeten-Namen. Die Straßenbahn Leipzig wiederum verwendete für ihre Nachtlinien früher grüne Liniennummern, während die Straßenbahn Bukarest ihre einzige Nachtlinie, die rund um die Uhr verkehrende Linie 26, früher exklusiv mit einer roten Liniennummer kennzeichnete.
Nachttarife mini|Spezielle Nacht-Karte der Elektrischen Kleinbahn Iglau Für den Nachtverkehr gelten teilweise gesonderte, vom Tagverkehr abweichende Nacht- bzw. Zuschlagstarife. Insbesondere in Deutschland und Österreich wurden die Nachtzuschläge sowie Sondertarife jedoch im vergangenen Jahrzehnt weitestgehend abgeschafft, sodass nun alle Tickets der örtlichen Verkehrsverbünde zur Nutzung im Nachtverkehr gültig sind.
Schweiz In der Schweiz wurden Nachtverkehre im Gegensatz zum sonstigen Orts- und Regionalverkehr früher üblicherweise nicht über die Kantone abgegolten, sondern mussten eigenwirtschaftlich betrieben werden. Neben speziellen Nachttarifen auf einzelnen Netzen existierte deshalb der sogenannte Nachtzuschlag von 5 Franken, welcher zusätzlich zum regulären Fahrschein gelöst werden musste. Er war auf vier Nachtnetzen in den Tarifverbünden A-Welle, Ostwind, beim Tarifverbund Zug und Tarifverbund Schwyz sowie in den Nachtzügen Zürich–Luzern gültig.www.nachtzuschlag.ch, offizielle Webpräsenz des Tarifverbunds Nachtzuschlag Einzelne Nachtnetze wurden zudem von regionalen Firmen gesponsert, das Zürcher Netz beispielsweise durch die Zürcher KantonalbankNachtschwärmer auf www.zkb.ch, jenes in Luzern durch Radio Pilatus.Partner auf www.nachtstern.ch Ausnahmen bildete diesbezüglich das Nachtnetz in der Region Basel, wo der Nachtzuschlag per Dezember 2011 aufgehoben wurde.