mini|hochkant=1.4|Skulptur „Wall“ von Simon Ungers, 2020 am Gedenkort Deportationslager Köln-Müngersdorf errichtet (4 m Höhe, 19 m Breite, Standort ehemaliges Fort V am äußeren Grüngürtel), Foto von 2023 { "type": "Feature", "properties":
"marker-symbol": "monument", "marker-color": "#8B4513", "marker-size": "large" }, "geometry":
"type": "Point", "coordinates": [6.870703, 50.942938]
Das Deportationslager Köln-Müngersdorf war ein von Oktober 1941 bis März 1945 im Bereich des heutigen Walter-Binder-Weges westlich von Alt-Müngersdorf gelegenes Sammellager, in dem Juden aus Köln und Umgebung ghettoisiert und von dort in die Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa deportiert wurde. Es umfasste zwei Lagerbereiche, erstens das ehemalige Fort V (äußerer Festungsring) und zweitens ein etwa 250 m entfernt gelegenes Barackenlager. 1943 und 1944 diente das Lager auch der Unterbringung von ausländischen Zwangsarbeitern und ab Oktober 1944 als sogenanntes Arbeitserziehungslager. Es wurde Anfang März wenige Tage vor dem Eintreffen der amerikanischen Truppen aufgelöst. Insgesamt wurden nach Schätzungen etwa 3.500 Menschen aus dem Lager deportiert.
Am historischen Ort wurde 2020 der Gedenkort Deportationslager Köln-Müngersdorf errichtet. Im Mittelpunkt des Gedenkorts steht die Skulptur „Wall“ nach Plänen von Simon Ungers (1957–2006). Außerdem geben drei Informationstafeln Auskunft über die Geschichte des Lagers, die durch den 280 m langen Weg des Gedenkens miteinander verbunden sind.
Vorgeschichte: Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung Kölns bis Ende 1941
Zwischen 1933 und 1941 verminderte sich die Anzahl von Juden in Köln von 15.000 auf knapp 6.000.Britta Bopf: „Arisierung“ in Köln: Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden 1933–1945. Köln 2004, S. 287. 1941 markiert die letzte Phase der „organisatorische[n] Vorbereitung ihrer Abschiebung und Vernichtung“. Bereits 1939 hatte die „Arisierung des Wohnraums“ begonnen. Das am 30. April 1939 erlassene Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden zwang jüdische Wohnungseigentümer, auf Anweisung andere Juden aufzunehmen. Jüdische Mieter wiederum konnten zwangsweise aus ihren Mietverhältnissen gekündigt werden. Ab Mai 1941 wurden auf Grundlage dieses Gesetzes zahlreiche Juden in GhettohäuserDer früher verwendete Begriff Judenhaus ist der Behördensprache des NS-Staates entlehnt und deshalb problematisch. Als Alternative zum nationalsozialistischen Begriff wird inzwischen häufiger der Begriff Ghettohaus verwendet. verbracht.Horst Matzerath: Köln in der Zeit des Nationalsozialismus. 1933–1945. Köln 2009, S. 408. Außerdem mussten Juden ab Juni 1941 aus allen rechtsrheinischen Vororten sowie aus Bayenthal, Marienburg, Zollstock, Raderberg, Klettenberg, Sülz, Lindenthal, Braunsfeld, Melaten und Müngersdorf in die Alt- und Neustadt oder nach Nippes oder Ehrenfeld umziehen. Zudem waren sämtliche „arische“ und eine Reihe von jüdischen Häusern in der Innenstadt „kurzfristig von ihren jüdischen Bewohnern freizustellen“. Zur gleichen Zeit wurden zahlreiche weitere Maßnahmen zur Diskriminierung der Juden erlassen, etwa das Tragen des gelben Sterns oder das Verbot, öffentliche Verkehrsmittel oder Fahrräder zu benutzen.
Unter dem Eindruck des sich in Köln intensivierenden Bombenkriegs und des damit einhergehenden Wohnungsmangels fassten Gestapo und die Stadtverwaltung im Herbst 1941 den Beschluss, ein sogenanntes „Gemeinschaftslager der Juden“Bopf, Britta „Arisierung“ in Köln: Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden 1933–1945. Köln 2004, S. 288. für die jüdischen Bewohner Kölns einzurichten. Im Fort V sollten kurzfristig etwa 200 Personen und im neu errichtenden Barackenlager über 1.200 Personen untergebracht werden.
Lagerbereiche Fort V Das Fort V wurde als Teil des äußeren Festungsrings von 1874 bis 1876 errichtet. Bis 1918 wurde das Bauwerk als Militärgefängnis genutzt. 1921/1922 wurde große Teile des Forts bis auf einige Gebäude der Kehlkaserne abgerissen. Das eingeebnete Gelände wurde in den 1920er Jahren nach Plänen des Gartendirektors Fritz Encke und des Baurates Theodor Nußbaum zu einer Grün- und Sportanlage umgestaltet. Außerdem Landschaftsverband Rheinland: NS-Sammel- und Deportationslager in Müngersdorf. online unter: KuLaDig.de (= Kultur.Landschaft.Digital).
Kurz nach dem Beschluss der Einrichtung des Sammellagers mussten im Oktober 1941 die ersten Insassen in das Fort einziehen, um das Barackenlager 250 Meter nordwestlich der Kaserne unmittelbar an der Bahnstrecke Köln–Aachen zu errichten.Martin Rüther: Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Köln 2005, S. 151. Anschließend wurden hunderte jüdische Frauen, Männer und Kinder im Laufe der folgenden Monate in den Gebäuden und Kasematten interniert. Der Rabbiner Zvi Asaria berichtete 1959 über die Situation im Fort:
Es sind zwei Fotografien überliefert, die Lagerinsassen zeigen und aufgrund der Gebäude und Perspektive dem Fort V zugeordnet werden können.Weil der Urheber unbekannt ist, können die Fotografien hier nicht hochgeladen werden. Sie sind auf der Seite des NSdok zu sehen. Zu sehen jeweils mehrere Frauen beim Wäschewaschen. Im Bereich des Fort wurden auch „Verkaufsräume für Lebensmittel“ eingerichtet. Allerdings war die Verpflegung im Lager „völlig unzureichend“.Martin Rüther: Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Köln 2005, S. 154.
Barackenlager Kurz vor Weihnachten 1941 bezogen die ersten Bewohner die bis dahin errichteten 12 Baracken, wo sie unter widrigen hygienischen und sanitären Bedingungen und ohne fließendes Wasser in den unbeheizten Baracken hausen mussten.Kurt Schlechtriemen: „Laut über das Unmenschliche reden!“ Lebensgeschichten zum Deportationslager Köln-Müngersdorf 1941–1945. Köln 2021, S. 11. Die Bewohner mussten selbst für eine notdürftige Möblierung Sorge tragen und konnten nur wenige Habseligkeiten mit in das Lager nehmen.Laut Rundschreiben, das die jüdische Kultusgemeinde an ihre Mitglieder verschicken musste, „je Person ein Bett, für jeweils vier Personen ein Schrank, für acht ein Tisch“. Martin Rüther: Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Köln 2005, S. 151. Die Kosten für das zu errichtende Barackenlager in Höhe von 800.000 RM mussten von der jüdischen Gemeinde getragen werden. Von den ursprünglich geplanten 36 Baracken wurden jedoch nur 22 gebaut.
Nach dem Tausend-Bomber-Angriff auf Köln in der Nacht zum 31. Mai 1942, bei dem 45.000 Einwohner obdachlos und unter anderem auch viele Kölner Krankenhäuser zerstört wurdenBarbara Becker-Jákli: Das jüdische Krankenhaus in Köln: die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869 bis 1945. Köln 2004, S. 344., ließ die nationalsozialistische Verwaltung das kaum beschädigte israelitische Asyl und das jüdische Krankenhaus in der Ottostraße einen Tag später innerhalb von zwei Stunden räumen. Die Patienten und Bewohner des Altenheims wurden mit Lastkraftwagen ins Barackenlager Müngersdorf verbracht, wo viele der Kranken infolge fehlender medizinischer Versorgung starben.Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Krankenhaus in Köln: die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869 bis 1945. Köln 2004, S. 335 ff. Ab Mai 1942 war das Barackenlager nach der Räumung des jüdischen Krankenhauses in der Ottostraße überfüllt, so dass etliche Insassen im Freien übernachten mussten.Kurt Schlechtriemen: „Laut über das Unmenschliche reden!“ Lebensgeschichten zum Deportationslager Köln-Müngersdorf 1941–1945. Köln 2021, S. 12.
Die Aufenthaltsdauer der Lagerinsassen konnte von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten dauern. Sie durften das Lager zeitlich begrenzt verlassen. Der Lagerinsasse Max Schönenberg schilderte, dass der Weg, der von der Aachener Straße zum Lager führte, leicht zu finden sei, weil einem dort „voraussichtlich eine Menge Leute mit dem gelben Stern auf der Brust begegnen“ würden.Martin Rüther: Köln im Zweiten Weltkrieg. Alltag und Erfahrungen zwischen 1939 und 1945. Köln 2005, S. 154. Auf Nachfrage wurden auch Besucher in das Lager gelassen. In der Anfangszeit war das Lager offen und konnte verlassen werden, ab 1944 aber wurde das Lagertor von bewaffneten Posten bewacht und die Ein- und Ausgehenden kontrolliert. Gegen Kriegsende wurde der Wachdienst von Angehörigen des Volkssturms und auch von Frauen durchgeführt.Kurt Schlechtriemen: „Laut über das Unmenschliche reden!“ Lebensgeschichten zum Deportationslager Köln-Müngersdorf 1941–1945. Köln 2021, S. 12 ff.
Verschiedene Funktionen des Lagers 1941 bis 1945 Deportationslager Ende 1941 bis Anfang 1943 Die Deportationen der jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner Kölns begannen im Oktober 1941In Dieter Corbach: 6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz - Deportationen 1938–1945. Köln 1999, S. 57 findet sich eine Aufstellung der Transporte ab Köln Deutz, darunter sieben Transporte mit über 1.000 Personen (der erste am 17. 5. Mai 1940 zur Deportation von Sinti und Roma; anschließend sechs Transporte von sogen. Volljuden zwischen dem 22. Oktober 1941 und dem 27. Juli 1942). Das Deportationslager Müngersdorf spielt in der Darstellung von Corbach keine Rolle., der erste Deportationszug von Insassen des Deportationslagers verließ im Mai 1942 den Bahnhof Köln-Ehrenfeld.Horst Matzerath: Köln in der Zeit des Nationalsozialismus. 1933–1945. Greven, Köln 2009, S. 410 ff. Anfang 1943 wurden die meisten der hier inhaftiert gewesenen Männer, Frauen und Kinder in das Ghetto Theresienstadt und von dort in die NS-Vernichtungslager Bełżec, Sobibor und Treblinka deportiert. Nur wenige von ihnen überlebten. Andere Inhaftierte wurden im Juli 1942 in das Vernichtungslager Maly Trostinez bei Minsk sowie im Januar 1943 über Berlin in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. und Kurz vor den Deportationen verübten zahlreiche Menschen aus Furcht vor der Deportation Suizid.
Zwangsarbeiterlager 1943 und 1944 Nach der Deportation der jüdischen Lagerinsassen diente das Barackenlager 1943/44 der Firma Eichhorn Bauunternehmung als „Gemeinschaftslager“ zur Unterbringung von Arbeits- und Zwangsarbeitskräften verschiedener Nationalität. Bei einem Luftangriff am 14. Februar 1943 brannten die Baracken am Fort V teilweise aus, 25 französische Zwangsarbeiter kamen ums Leben.
Deportationslager September 1944 Ab dem 12. September 1944 internierte die Kölner Gestapo im Barackenlager etwa 1.000 jüdische Männer und Frauen, die in sogenannten „Mischehen“ lebten, sowie Männer, Frauen und Kinder, die als „Halbjuden“ galten, darunter viele Kinder aus den „Mischehen“. und Kurt Schlechtriemen: „Laut über das Unmenschliche reden!“ Lebensgeschichten zum Deportationslager Köln-Müngersdorf 1941–1945. Köln 2021, S. 13. Das Barackenlager wurde zu dieser Zeit auch als Mischlingslager benannt. Die Stapo übertrug die Lagerleitung dem jüdischen Kaufmann Heinrich Kounen.Gabriele Lotfi: KZ der Gestapo. Arbeitserziehungslager im Dritten Reich. Stuttgart München 2000, S. 291. Die Gestapo organisierte die Deportation der Lagerinsassen, die bereits am 23. September 1944 mit einem ersten Transport nach Theresienstadt begann. In den kommenden Wochen kam es laut Zvi Asaria zu zahlreichen Suiziden im Lager.Zvi Asaria: Die Juden in Köln. Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. Köln 1959, S. 389 f. Laut Barbara Becker-Jákli sind während der Deportationen im Laufe des Jahres 1942 22 Suizide für Köln überliefert; Barbara Becker-Jákli: Das jüdische Krankenhaus in Köln; die Geschichte des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache 1869–1945. Köln 2004, S. 342 f. Die „arischen“ Ehepartner sowie sogenannte „Halbjuden“ wurden in den folgenden Monaten zu OT-Zwangsarbeitseinsätzen nach Kassel abtransportiert.
Arbeitserziehungslager Oktober 1944 bis März 1945