Gerald Schwedler (* 1975) ist ein deutscher Historiker. Seit 2018 hat er eine Professur für Geschichte des späten Mittelalters sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Kiel.
Leben und Wirken Gerald Schwedler studierte von 1994 bis 2002 Geschichte, Historische Hilfswissenschaften, Anglistik und Philosophie an den Universitäten Salzburg, Oxford, Heidelberg und Rom. Im Rahmen seiner Mitarbeit im Sonderforschungsbereich „Ritualdynamik“ (SFB 619) arbeitete er an seiner Dissertation. Im Wintersemester 2006/07 wurde er promoviert mit einer von Jürgen Miethke betreuten Arbeit über die Herrschertreffen des Spätmittelalters. Seit 2007 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Zürich am Lehrstuhl Sebastian Scholz für frühmittelalterliche Geschichte. 2016 habilitierte er sich an der Universität Zürich mit einer Arbeit über die damnatio memoriae im frühen Mittelalter.Vgl. dazu die Besprechung von Hans-Werner Goetz in: Historische Zeitschrift 314, 2022, S. 175–177. Schwedler hatte Lehrstuhlvertretungen für Sebastian Scholz an der Universität Zürich (2015), für Gabriela Signori an der Universität Konstanz (Winter- und Sommersemester 2017) und für Nikolas Jaspert an der Universität Heidelberg (Sommersemester 2018). Seit November 2018 lehrt er als Professor für Geschichte des späten Mittelalters sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. 2023 wurde er zusammen mit Andreas Schwab zum Sprecher des Subcluster "Knowledge" im Exzellenzcluster ROOTS – Konnektivität von Gesellschaft, Umwelt und Kultur in vergangenen Welten gewählt. Im Wintersemester 2025/26 war er Visiting Professor an der École des hautes études en sciences sociales. Er ist Mitglied der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und korrespondierendes Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg (KgL).
Seine Forschungsschwerpunkte sind neben Themen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, vormoderne Verwaltung auch Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur, kulturelle Nachahmung und Mimesis, die Damnatio memoriae im frühen und hohen Mittelalter, der Kirchenbau im späteren Mittelalter, Soundscapes und urbane Klangräume, die Politik- und Kulturgeschichte der Königreiche im gesamteuropäischen Kontext, auswärtige Beziehungen und Zeremoniell im spätmittelalterlichen Europa, Normbildung und -durchsetzung, Rechtsrituale und Rechtskodifikation.
In seiner Dissertation untersucht er Herrschertreffen im Europa des Spätmittelalters.Vgl. dazu die Besprechungen von Martin Bauch in: H-Soz-Kult, 23. September 2009 (online); Kerstin Rahn in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 88 (2008), S. 682–684 (online); Michail A. Bojcov in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 1 [15. Januar 2009] (online); Achim Thomas Hack in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 65 (2009), S. 729–730 (online); Immo Eberl in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 59 (2009), S. 471–472 (online); Petra Schulte in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d‛histoire 2009/2, S. 174–176 (online); Benjamin Scheller in: Historische Zeitschrift 292 (2011), S. 489–490; Heike Johanna Mierau in: Archiv für Kulturgeschichte 94/2 (2012), S. 285–287; Alexandra Kaar in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 119 (2011), S. 218–219 (online); Stéphane Péquignot in: Francia-Recensio 2009/3, Mittelalter; Len Scales in: The English Historical Review 125 (2010), S. 1230–1231 (online); Peter Elbel in: Mitteilungen der Residenzenkommission/Akademie der Wissenschaften Göttingen 19/2 (2009), S. 37–40. Ein wesentliches Ziel der Arbeit ist es, „ein königliches Handlungsinstrument auf europäischer Ebene“ darzustellen.Gerald Schwedler: Herrschertreffen des Spätmittelalters. Formen – Rituale – Wirkungen. Ostfildern 2007, S. 413. Die Arbeit erstreckt sich zeitlich auf die rund 170 Jahre zwischen circa 1270 und etwa 1440. Im ersten Teil der Studie werden „acht signifikante historische Einzelfälle“ hinsichtlich Verhandlungen und Konsensbildung, Eide, Vertragsschlüsse, Friedensverträge, Belehnungsakte, Gegen- und Doppelkönigtum, Waffenstillstand und Friedensschluss untersucht.Gerald Schwedler: Herrschertreffen des Spätmittelalters. Formen – Rituale – Wirkungen. Ostfildern 2007, S. 21. Im zweiten Teil der Arbeit „Abläufe und Elemente spätmittelalterlicher Herrschertreffen“ versucht Schwedler den Idealtyp einer Begegnung zweier Könige anhand der vier Phasen Vorbereitung, Zusammenkommen, Zusammensein und Trennung zu entwerfen. Schwedler beobachtet einen Rückgang von Herrschertreffen im 15. Jahrhundert. Er interpretiert ihn als Ausdruck eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels in Europa und als Folge zeitlich versetzter Bürokratisierungs- und Verrechtlichungsschübe. Persönliche Herrschertreffen wurden langfristig durch Reisen geschulter Diplomaten ersetzt.Gerald Schwedler: Herrschertreffen des Spätmittelalters. Formen – Rituale – Wirkungen. Ostfildern 2007, S. 412. Im Anhang der Arbeit befindet sich ein Repertorium, das 204 eindeutig belegte, wahrscheinlich zu machende oder geplante und nicht zustande gekommene Herrschertreffen im Spätmittelalter enthält, und einen Überblick über die Treffen sortiert nach Reichen und Herrschern liefert. In seiner Studie analysiert Schwedler auch das Treffen zwischen Kaiser Karl IV. mit König Karl V. im Jahr 1378. Dabei stellt er heraus, dass jeder öffentliche Auftritt französischerseits darauf zielte, „auf der unbegrenzten Superiorität, der Souveränität des Herrschers, zu beharren“.Gerald Schwedler: Deutsch-französische Herrschertreffen im 14. Jahrhundert. Dynastische und staatliche Beziehungen im dynamischen Wandel. In: Stefan Weiss (Hrsg.): Regnum und Imperium. Die französisch-deutschen Beziehungen im 14. und 15. Jahrhundert. München 2008, S. 55–101, hier: S. 62 (online).
Schriften (Auswahl) Monographien Vergessen, Verändern, Verschweigen und damnatio memoriae im frühen Mittelalter (= Zürcher Beiträge zur Geschichtswissenschaft. Bd. 9). Böhlau, Köln 2017, ISBN 978-3-412-50723-7. Herrschertreffen des Spätmittelalters. Formen – Rituale – Wirkungen (= Mittelalter-Forschungen. Bd. 21). Thorbecke, Ostfildern 2008, ISBN 978-3-7995-4272-2 (online).
Herausgeberschaften mit Richard Nemec: Architekturökonomie. Die Finanzierung kirchlicher und kommunaler Bauvorhaben im späteren Mittelalter (= Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beiheft. Band 255). Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-515-13062-2. mit Andreas Büttner, Birgit Kynast, Jörg Sonntag: Nachahmen im Mittelalter. Dimensionen – Mechanismen – Funktionen (= Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte. Heft 82). Böhlau, Köln u. a. 2018, ISBN 978-3-412-50908-8. mit Sebastian Scholz, Kai-Michael Sprenger: Damnatio in memoria. Deformation und Gegenkonstruktionen in der Geschichte (= Zürcher Beiträge zur Geschichtswissenschaft. Bd. 4). Böhlau, Köln 2014, ISBN 978-3-412-22283-3 mit Jörg Peltzer, Paul Töbelmann: Politische Versammlungen und ihre Rituale. Repräsentationsformen und Entscheidungsprozesse des Reichs und der Kirche im späten Mittelalter (= Mittelalter-Forschungen. Bd. 27). Thorbecke, Thorbecke 2009, ISBN 978-3-7995-4278-4 (online).
Weblinks
Veröffentlichungen von Gerald Schwedler im Opac der Regesta Imperii Veröffentlichungen Gerald Schwedler Seite von Gerald Schwedler an der Universität Kiel
Anmerkungen
Kategorie:Mittelalterhistoriker Kategorie:Hochschullehrer (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1975 Kategorie:Mann