Die Matignon-Abkommen (französisch: Accords de Matignon) von 1988 sind Vereinbarungen über den Status des französischen Überseegebiets Neukaledonien, die am 26. Juni 1988 im Hôtel Matignon in Paris, dem Amtssitz des französischen Premierministers, geschlossen wurden. Die Verhandlungen wurden zwischen einer Delegation der Unabhängigkeitsbefürworter (indépendantistes) unter Führung von Jean-Marie Tjibaou und einer Delegation der Befürworter eines Verbleibs bei Frankreich (anti-indépendantistes) unter Jacques Lafleur sowie der französischen Regierung des Premierministers Michel Rocard geführt.
Das Abkommen wurde am 20. August 1988 durch weitere Vereinbarungen konkretisiert und ergänzt, die am Sitz des französischen Ministeriums für die Überseegebiete in der Pariser Rue Oudinot getroffen wurden und deshalb accords d’Oudinot genannt wurden. Das gesamte Vertragswerk wird daher auch als Matignon-Oudinot-Abkommen (Accords de Matignon-Oudinot) bezeichnet. Das neue Autonomie-Statut wurde in einem Referendum am 6. November 1988 von einer Mehrheit der Abstimmenden sowohl in Neukaledonien als auch in Gesamt-Frankreich angenommen. Das Abkommen von 1988 galt für zehn Jahre und wurde 1998 durch das Abkommen von Nouméa abgelöst.
Hintergrund Zwischen 1984 und 1988 gab es teils gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Unabhängigkeit Neukaledoniens aus der melanesischen Volksgruppe der Kanaken – verkörpert insbesondere durch die Front de libération nationale kanak et socialiste (FLNKS; Kanakische und sozialistische nationale Befreiungsfront) – einerseits und dem französischen Staat sowie Anhängern der Zugehörigkeit Neukaledoniens zu Frankreich andererseits.
Im September 1987 gab es ein erstes Referendum über die Frage der Unabhängigkeit Neukaledoniens, das jedoch von der Unabhängigkeitsbewegung boykottiert wurde und mit 98 Prozent Zustimmung für die Zugehörigkeit zu Frankreich ausging (bei einer Beteiligung von 59 Prozent der Abstimmungsberechtigten). Die FLNKS beantragte anschließend bei den Vereinten Nationen erfolglos, die unabhängige Republik Kanaky anzuerkennen.
Am 22. April 1988 griffen Mitglieder der FLNKS die französische Gendarmerie auf der Insel Ouvéa an, töteten vier Gendarme und nahmen 27 Geiseln. Die Gendarmerie-Spezialeinheit GIGN befreite die Geiseln zwei Wochen später, bei dem Einsatz starben 19 der Unabhängigkeitskämpfer und zwei Einsatzkräfte.
Am 8. Mai 1988 wurde in Frankreich der sozialistische Staatspräsident François Mitterrand wiedergewählt. Er entließ am Tag darauf die konservative Cohabitations-Regierung unter Premierminister Jacques Chirac, in der Bernard Pons als Minister für Überseegebiete zuständig war. Stattdessen ernannte Mitterrand wieder eine sozialistische Regierung mit Michel Rocard als Premierminister und Olivier Stirn als Minister für Überseegebiete.
Vereinbarungen Die Abkommen sahen eine zehnjährige Frist vor, mit wirtschaftlichen und institutionellen Garantien für die Kanaken, bevor die Neukaledonier über ihre Unabhängigkeit entscheiden könnten.
Das Territorium wurde in drei Provinzen aufgeteilt: Nordprovinz, Südprovinz und Loyalitätsinseln. Jede Provinz erhielt eine Selbstverwaltung, die alle sechs Jahre neu gewählt wurde. Die gemeinsamen Angelegenheiten wurden durch einen Territorialkongress geführt. Diese umfassten das Steuerwesen, den Territorialhaushalt, das territoriale Straßennetz und weitere gemeinsame Infrastrukturmaßnahmen.
Jede Provinz konnte eigenständig über den Provinzhaushalt, die lokale Infrastruktur und Wirtschaftsentwicklung, die Bildung an den Grundschulen in den Bereichen Lokalsprachen und lokaler Kultur sowie über eine Bodenreform bestimmen.
Alle weiteren Belange wie Außenbeziehungen, Verteidigung, Ein- und Ausreisekontrolle, Innere Sicherheit, Rechtswesen, Finanzverwaltung, das sekundäre und terziäre Bildungswesen und die Staatsangehörigkeit lagen beim französischen Staat.
Die Abkommen von Matignon wurden im Referendum über die neukaledonische Selbstbestimmung in Frankreich 1988 gebilligt. Es folgte 1998 das Abkommen von Nouméa. Referenden über die Unabhängigkeit Neukaledoniens wurden schließlich 2018, 2020 und 2021 durchgeführt, endeten aber jeweils mit einem Votum für den Verbleib Neukaledoniens bei Frankreich.
Quellen Accords de Matignon-Oudinot Décret du 5 octobre 1988 décidant de soumettre un projet de loi au référendum Décision du 9 novembre 1998 proclamant les résultats de la consultation des populations de la Nouvelle-Calédonie du dimanche 8 novembre 1998
Kategorie:Vertrag (20. Jahrhundert) Kategorie:Politik (Neukaledonien) Kategorie:Politik 1988 Kategorie:Historischer Vertrag (Frankreich) Kategorie:Französische Geschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:Geschichte Neukaledoniens Kategorie:Französische Kolonialgeschichte