Semantische Rollen – auch thematische Rollen genannt – sind ein Konzept der Linguistik, mit dem Bedeutungseigenschaften erfasst werden sollen, die den Ergänzungen eines Prädikats dadurch zukommen, dass sie in Verbindung mit diesem Prädikat interpretiert werden.
Der am meisten betrachtete Fall sind Verben, die Ereignisse bezeichnen: Dann bezeichnen z. B. Subjekt und Objekt des Verbs Teilnehmer dieses Ereignisses, die dabei verschiedene „Rollen“ einnehmen. Beispielsweise kann in dem Satz Die Katze fraß die Maus das Subjekt „die Katze“ als Teilnehmer charakterisiert werden, der das Ereignis verursacht (ein sogenanntes Agens) und das Objekt „die Maus“ als der Teilnehmer, der in dem Ereignis eine Veränderung erfährt (Patiens oder Thema genannt). Diese Rollenvergabe ist abhängig von der Wortbedeutung des Verbs „fressen“ (von dem Subjekt und Objekt auch grammatisch abhängen, da es das Prädikat dieses Satzes bildet).
Bedeutsam ist das Konzept der semantischen Rollen durch Versuche, aus solchen Bedeutungseigenschaften grammatische Eigenschaften von Satzteilen zu erklären, vor allem die Zuordnung von Verbergänzungen zu den syntaktischen Funktionen Subjekt und Objekt. Hierbei wird eine Hierarchie der Rollen erstellt, die die Teilnehmer nach Subjektwürdigkeit und Objektwürdigkeit ordnet. Diese Anordnung dient zur Herleitung des Aktiv-Satzes, also des grammatischen Normalzustandes. Zusätzlich können grammatische Prozesse diese Anordnung nochmals abwandeln; dies sind dann Diathesen wie das Passiv. Das Konzept der semantischen Rollen bezieht sich also auf eine tieferliegende Ebene in der Analyse des Satzes, so dass auch Bedeutungsaspekte und grammatische Eigenschaften von Satzteilen analytisch getrennt werden.
Aufgrund des Rückgriffs auf Bedeutungseigenschaften wird in klassischen Theorieansätzen sogar erwartet, dass sich hiermit Bedingungen formulieren lassen, die Sprachuniversalien darstellen, also unabhängig von der Grammatik einer Einzelsprache sind. Semantische Rollen nehmen insbesondere in vielen funktionalistischen, sprachvergleichend orientierten Theorien der Grammatik eine zentrale Rolle ein, sind aber andererseits auch dafür kritisiert worden, dass sie nicht präzise definierbar seien und kein konsistentes System ergäben, das grammatische Muster vollständig vorhersagen kann.
Geschichte des Begriffs
Die 1960er Jahre und Fillmores „Kasusgrammatik“ Das Konzept der Semantischen Rollen gewann etwa seit Ende der 1960er Jahre Beachtung. Die linguistische Diskussion war in dieser Zeit stark durch die Rezeption und die Auseinandersetzung mit der Syntaxtheorie von Noam Chomsky bestimmt. Chomsky hatte 1965 mit Aspects of the Theory of Syntax eine Version der Generativen Transformationsgrammatik vorgelegt, die zwar bestimmte semantische Aspekte berücksichtigte, die jedoch nach wie vor der Syntax die zentrale Rolle in der Sprachbeschreibung einräumte. Viele Linguisten bemühten sich in der Zeit nach 1965 die Semantik mehr in den Mittelpunkt der linguistischen Theorie zu rücken. Neben der sogenannten Generativen Semantik (George Lakoff, James D. McCawley (1938–1999)) galt vor allem der Ansatz der Kasusgrammatik als ein wichtiger Versuch zur Integration der Semantik in eine generative Sprachbeschreibung.
Als einflussreichster Beitrag in dieser Anfangsphase kann der 1968 von Charles J. Fillmore verfasste Aufsatz The Case for Case gelten. Er unterschied zwischen grammatischen „Oberflächenkasus“ (Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ) und, andererseits, semantisch charakterisierten „Tiefenkasus“ (Agentiv, Instrumental, Faktiv, Lokativ und Objektiv). Diese Tiefenkasus charakterisieren die semantischen Beziehungen der verschiedenen Nominalphrasen, die hauptsächlich durch ein Verb vorgegeben sind.
In dem Satz (1) ist der Oberflächenkasus von „Schlüssel“ der Dativ; in (2) Nominativ: (1) John öffnet die Tür mit dem Schlüssel. (2) Der Schlüssel öffnet die Tür. Nach Fillmores Konzept des Tiefenkasus ist „Schlüssel“ von seiner semantischen Rolle her aber in beiden Fällen Instrumental, auch als Subjekt. Das Subjekt in (1), „John“, ist hingegen Agentiv.
Neben Fillmores Arbeiten spielen auch die Ansätze von Jeffrey S. Gruber (1965)Publiziert als Gruber (1976). und Ray Jackendoff (1972)Ray Jackendoff: Semantic Interpretation in Generative Grammar. MIT Press, Cambridge (MA) 1972. in dieser Anfangsphase eine Rolle. Sie sprechen nicht von Tiefenkasus, sondern von Kasusrollen.
Chomskys „Theta-Rollen“ Diese Ansätze wurden vielfach rezipiert und in eine ganze Reihe von Grammatikmodellen integriert. In der besonders einflussreichen Version der Generativen Grammatik von Chomsky aus dem Jahre 1981, dem „GB“-Modell (Lectures on government and binding), fand das Konzept dann ebenfalls einen indirekten Niederschlag in dem Begriff der „Theta-Rolle“. Theta-Rollen dienen in dieser Theorie dazu, die Identität einer Verbergänzung im Lauf einer transformationellen Ableitung festzuhalten und zwischen interpretierbaren und nicht interpretierbaren Ausdrücken (wie z. B. einem Expletivum) zu unterscheiden. Chomsky legte sich dabei nicht auf einen bestimmten semantischen Gehalt seiner Theta-Rollen fest, sondern benutzte sie als rein grammatischen Indizierungs-Mechanismus. Daher ist Chomskys Begriff der „Theta-Rolle“ von dem der „semantischen Rolle“ zu unterscheiden.Vgl. Davis (2011), S. 408.
Semantische Rollen als Problem für die Semantik Während Grammatiktheorien seither in unterschiedlichem Ausmaß semantische Rollen benutzen, hat die semantische Forschung erst relativ spät begonnen, das Konzept der semantischen Rollen aufzugreifen und zu analysieren. In Arbeiten von David Dowty wurde eine Definition versucht, die den Begriff der semantischen Rolle auf Folgerungen aus einer Prädikatsbedeutung zurückführt (siehe unten: #Ansätze zur Definition von semantischen Rollen). Dowty beurteilte die Durchführbarkeit des herkömmlichen Konzepts der semantischen Rollen aber sehr skeptisch und ersetzte es durch ein Modell, das die Menge semantischer Rollen auf zwei prototypische Kategorien reduziert, d. h. Proto-Agens bzw. -Patiens.
Grundlagen: Prädikate und Argumente Semantische Rollen (thematische Rollen) werden den Argumenten eines Prädikats zugeschrieben. In einer logischen DarstellungVgl. Davis (2011), S. 401 ff. (Abschnitt 3.1). können die Argumente als geordnete Folge von Variablen zu einem Prädikat notiert werden, z. B. hat das transitive Verb „töten“ zwei Argumente, die in der Reihenfolge dargestellt werden können, die der Hierarchie Subjekt – Objekt in der Grammatik entspricht.
töten (x,y) Im Beispiel: Die Katze tötete die Maus entsteht die Belegung: x = die Katze, y = die Maus
Es wird eine geordnete Folge benötigt, da eine Vertauschung der Belegung im obigen Beispiel eine völlig andere Bedeutung ergeben würde. Die Frage entsteht aber, wodurch solch eine festgelegte Ordnung entsteht. Der Begriff der semantischen Rolle besagt nun, dass inhaltliche Beschreibungen für die Funktion von x und y gegeben werden können, die dann auch die Ordnung der Argumente festlegen.
Ansätze zur Definition von semantischen Rollen (Individuelle) semantische Rollen Ein Versuch, eine präzise logische Definition semantischer Rollen zu geben findet sich erstmals in Arbeiten von David Dowty, die in den Jahren um 1990 erschienen.Dowty (1991), S. 552f. (wo frühere Arbeiten des Autors hierzu aufgegriffen werden) Hier wird die thematische Rolle eines Arguments definiert als diejenige Menge von Folgerungen, die aus der Wortbedeutung eines Prädikats über eines seiner Argumente gezogen werden können."From the semantic point of view, the most general notion of thematic role (type) is A SET OF ENTAILMENTS OF A GROUP OF PREDICATES WITH RESPECT TO ONE OF THE ARGUMENTS OF EACH. (Thus a thematic role type is a kind of second-order property, a property of multiplace predicates indexed by their argument positions.)" (Dowty (1991), S. 552) Der Begriff „Folgerung“ besagt hierbei, dass die von der Verbbedeutung gegebene Ereignisbeschreibung allein für die Festlegung von Rolleneigenschaften zählt, nicht etwa typische Annahmen über die Situation oder verschiedene Perspektiven, die die Darstellung des Ereignisses im Satz oder Kontext eröffnet.
Dowty gibt hierzu folgende Beispiele (hier ins Deutsche übertragen):
x ermordet y /vs./ x tötet y Aus beiden Verben folgt: y verändert sich im Ereignis (von lebendig zu tot) x ist Verursacher der Veränderung Nur aus ermorden folgt jedoch x beabsichtigt das Ereignis als solches (da töten im Einzelfall absichtlich oder unabsichtlich sein kann, entsteht keine zwingende Folgerung auf Absicht).
x überredete y /vs./ x überzeugte y weist einen ähnlichen Kontrast auf. Aus beiden Verben folgt: y verändert im Ereignis seine Ansicht über einen Gegenstand x ist Verursacher dieser Veränderung Nur aus überreden folgt jedoch x beabsichtigte das Ereignis als solches (da überzeugen auch dadurch geschehen kann, dass y aus dem was x sagt etwas entnimmt, das seine Überzeugungen verändert, ohne dass x dies beabsichtigt haben muss, also garantiert die Wortbedeutung von überzeugen keine Folgerung auf Absichtlichkeit von x).
Es können für jedes einzelne Verb und für jedes einzelne von dessen Argumenten Listen von Folgerungen aufgestellt werden. Diese bezeichnet Dowty als „individuelle thematische Rollen“ (d. h. für individuelle Argumentpositionen).
Semantische Rollentypen Individuelle Rollen sind bereits geeignet, um die Argumente eines einzelnen Verbs voneinander zu unterscheiden. Chomskys Mechanismus der Theta-Rollen kann im Sinne Dowtys als die Vergabe von individuellen thematischen Rollen eingeordnet werden, da immer ein bestimmtes Verb jeweils einen Rollen-Index an eines seiner syntaktischen Argumente zuweist.Dowty (1991), S. 550 Linguistisch interessant ist jedoch hauptsächlich die Frage, welche Klassen von individuellen Rollen gebildet werden können, so dass große Gruppen von Verben und bestimmte grammatische Funktionen allgemein erfasst werden können. Im obigen Beispiel ist z. B. zu sehen, dass das jeweils erste Argument der Verben „überreden, überzeugen, ermorden, töten“ generell als Verursacher bezeichnet werden kann, auch wenn sich hinsichtlich der Folgerung auf absichtliche Verursachung Unterschiede ergeben. Es ergibt sich somit die Möglichkeit, einen allgemeineren Begriff Agens zu definieren, der nur die Verursachungseigenschaft enthält. Rollen wie Agens werden von Dowty genauer als Rollentypen bezeichnet, sie entsprechen aber dabei dem was im allgemeinen Sprachgebrauch unter „thematischer Rolle“ verstanden wird.
Wenn sich die Beobachtung verallgemeinern lässt, dass alle Argumente mit der Eigenschaft Agens als erstes Argument eines Verbs auftreten, dann besagt dies, dass Regeln für die Zuordnung von semantischen Rollen auf grammatische Funktionen wie Subjekt und Objekt aufgestellt werden können: zum Beispiel dass ein Agens immer der Subjektposition zugeordnet werden muss (soweit es die Verbbedeutung betrifft, und bevor grammatische Regeln ansetzen, die etwa bei Infinitiven oder Passivsätzen das Erscheinen eines Agens als Subjekt blockieren). Solche Zuordnungen bezeichnet man als Linkingregeln (Rollen werden mit syntaktischen Positionen „verlinkt“) oder Regeln der Argumentprojektion (d. h. Projektion aus der Semantik in die Grammatik).