mini|Der Preßburger Kalvarienberg (Stich von Johann Melchior Gutwein, 1723)

Der Kalvarienberg in Preßburg war ein historisches Ensemble, das im Jahre 1694 als Erinnerungsstätte des Sieges über das Osmanische Reich bei Wien errichtet wurde. In der Vergangenheit diente er der katholischen Bevölkerung der Stadt für Pilgergänge und zur Glaubenserbauung.

Einführung Kalvarienberge [aus dem lat. calvaria „Schädel“] sind Andachtsstätten mit mehreren Stationen, die etwa seit dem 14. Jahrhundert in katholischen Gebieten Europas – bevorzugt auf Bergen bzw. Berghügeln – errichtet wurden. Bei den einzelnen Stationen des Kalvarienberges handelt es sich in der Regel um künstlerisch gestaltete kleine Kapellen, in denen Handlungen der Kreuzigung Christi häufig in dramatischer Form dargestellt werden. Bei kirchlichen Anlässen wurden diese Stationen von Pilgern, häufig in geschlossenen feierlichen Prozessionen begangen, wodurch in frommer Absicht der Kreuzigung unseres Herrn gedacht werden sollte. Den Abschluss des Kalvarienberges bildete in der Regel eine Kreuzigungsgruppe mit einem Kirchlein. Auch in katholischen Gegenden Altungarns wurden in jener Zeit an vielen Orten Kalvarienberge errichtet (Schemnitz, Kaschau, Eperjes). Einer der bedeutendsten Kalvarienberge entstand 1694 in Preßburg.

Historie des Kalvarienberges zu Preßburg Im Juli 1683 lag Kara Mustafa mit 200 000 Muselmanen vor den Toren Wiens. Und Emmerich Thököly der von den Türken militärisch und von Ludwig XIV. von Frankreich finanziell unterstützt wurde, marschierte mit 30 000 Mann gegen Preßburg. Die Hoffnung der Bevölkerung, dass Thököly – der Kuruzenkönig – die Stadt verschonen würde, erfüllte sich nicht. Am 28. Juli 1683 standen nahezu alle Vorstädte Preßburgs in Flammen. Auch Teile des alten evangelischen Friedhofes, der sich damals in der heutigen Konventgasse befand, sowie Teile der Nonnenbahn, wo sich das hölzerne Bethaus der Evangelischen Gemeinde A. B. befand, standen in Brand. Obzwar man wusste, dass Erzherzog Karl von Lothringen mit einem starken Entsatzheer zur Stadt eilte, wurde unter dem Eindruck der fürchterlichen Verwüstungen, die Stadt an Thököly übergeben. Jedoch bereits am 29. Juli konnte die Stadt durch Erzherzog Karl und seine Truppen zurückerobert werden.

Im Jahre 1694, als die Kriegswirren abebbten und die Zeiten etwas ruhiger wurden, regten die Jesuiten Patres die Errichtung eines Kalvarienberges in Preßburg an. Er sollte an den Sieg der christlichen Heere über das Osmanische Reich erinnern. Der Initiator des gesamten Unternehmens war der Rektor des Preßburger Jesuiten-Kollegiums, Pater Albert Mechtl (1636–1718). Der Jesuitenorden wirkte bereits seit 1622 in Preßburg. Im Jahre 1627 wurde auf Anregung des Graner Erzbischofs Peter Pázmany das Jesuiten-Kollegium in der Kapitelgasse gebaut, welches zum Hauptsitz der Jesuiten in Preßburg wurde. In den folgenden Jahren gewann der Orden auch in Preßburg an bedeutenden Einfluss und spielte bei der Rekatholisierung Preßburgs eine entscheidende Rolle. Die erste Deutsche Evangelische Kirche (heute Jesuitenkirche) am (späteren) Franziskanerplatz, die 1638 von den Lutheranern gebaut wurde, ist im Zuge der Gegenreformation dem Jesuitenorden zugesprochen worden und wurde am 9. September 1672 durch den damaligen Primas von Ungarn und Erzbischof von Gran Georg Szelepcsényi neu geweiht.

Die Gründung des Kalvarienberges Über die Gründung des Kalvarienberges in Preßburg gibt der handgeschriebene Jahresbericht des Jesuitenordens aus dem Jahre 1694 [Litterae annuae provinciae Austriae Societatis Jesu], der sich in der Österreichischen Nationalbibliothek befindet, erschöpfende Auskunft. Unter anderem erfahren wir folgendes: mini|Die Dreifaltigkeitskirche (Trinitarierkirche) in Preßburg; im Hintergrund ist der Kalvarienberg zu sehen.|alternativtext= In Preßburg wurde unweit des Meilensteins ein erhabenes und siegreiches Zeichen des Kreuzes errichtet. Die Initiative geht auf den ehrwürdigen Vater [Albert Mechtl] zurück, der in dieser Zeit Rektor des Kollegioms war. (…) Unter denen, die der Pater für die Arbeit gewann war auch Matthias Schmid, einer der Bürger Preßburgs, welcher die sieben hölzernen Bauten [Stationen bzw. Kapellen] besorgte und diese festlich schmücken und elegant ausmalen ließ. Es handelt sich um denselben Berg auf welchem vor 11 Jahren in der Zeit der Belagerung Wiens, Thököly, der Hauptrebell, sein Lager aufgeschlagen hatte: Auf dieser Stelle wurde in diesem Jahr die bedeutende Gestalt des gekreuzigten Heilands errichtet. Auf selbige Stelle wurde auch der Bauplatz für die Kapelle vorgesehen, für welche am 27. Mai der Grundstein gelegt wurde. Eine feierliche Prozession die von der Kathedralkirche (St. Martinsdom) ausging pilgerte unter Beteiligung unserer Jugend sowie der bürgerlichen Kongregation unter einer wunderschönen Fahne zum Ort des Geschehens. (…) Gleich danach wurden aus der Kasse der Kongregation 500 rheinische Taler entnommen, die in Übereinstimmung von Katholiken sowie Andersgläubigen zusammen mit nochmals 500 rheinischen Talern dazu benutzt wurden, dass der Bau in kürzester Zeit vollendet sein möge. Der Hügel wird durch eine Steinmauer begrenzt. Auf dem offenen Gelände besteht Zutritt zu den beiden Kapellen. Beide sind ein Klafter tief und breit und zwei Klafter hoch, wobei die [entferntere] der Mutter Gottes der Sterbenden und die [nähere] der Gottgebärerin, der Mutter Gottes der Verstorbenen geweiht wurde. In der Mitte erhob sich ein sehr hohes und erhabenes Holz [des Kreuzes] mit Heiland, das sicherlich einen Wert von 80 Talern hatte. Auf der rechten Seite des Kreuzes ist die allerheiligste Jungfrau und der Hl. Dismas zu sehen, auf der linken Seite der Hl. Johannes. Vor der Kreuzigungsgruppe befindet sich das Grab Christi, (…) durch Eisengitter vor Ungläubigen gut geschützt. (…)

Am Tage der Erhöhung des Kreuzes (14. September) kam die ganze Stadt in einer feierlichen Prozession zusammen. Dabei waren auch Nichtkatholiken (was ein seltener Fall ist) sowie die Vertreter des städtischen Adels, was den Feierlichkeiten ein besonderes Gepränge gab. Die Einweihung und Einsegnung des Kreuzes nahm der damalige Stadtpfarrer, Kanonikus Korsnarics vor. (…)

Wie aus dem vorstehenden zeitgenössischen Bericht ersichtlich, wurde der Kalvarienberg innerhalb einer sehr kurzen Zeit erbaut. Ab Grundsteinlegung (27. Mai 1694) bis zur Einweihung (14. September 1694) vergingen nur dreieinhalb Monate. Das Grundstück wurde von der Stadt Preßburg kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Laufe der folgenden Jahre wurden die hölzernen Kapellen durch Steinbauten ersetzt und es kamen weitere Kapellen hinzu.

Aus dem Jahresbericht 1696 erfahren wir, dass in diesem Jahre die Kapelle der Dornenkrönung und Verhöhnung des Heilandes, ein Jahr später wurde die Kapelle Christus verabschiedet sich von seiner Mutter errichtet, außerdem wird auch die VI. Kapelle Ecce homo erwähnt. Aus weiteren Berichten des Jesuitenordens können wir sehen, dass es auch in den folgenden Jahren rege Bauarbeiten am Kalvarienberg gab, die bis 1702 anhielten. Im Jahre 1720 wurden dann die ersten Renovierungsarbeiten fällig. In dieser Zeit wurden das Hl. Grab, sowie das Gefängnis neu überdacht.

Topographie des Kalvarienberges Zwischen dem bereits seit dem Jahre 1493 bekannten Tiefen Weg (Tewffn Weg) und der im Jahre 1764 angelegten Blumenauer Straße erhebt sich ein früher dicht bewaldeter 285 m hoher Hügel, auf welchem später die Stationen des Kalvarienberges errichtet wurden. Der Beginn des Weges zum Kalvarienberg verlief westlich vom Mauttor, dass sich um 1775 etwa am Ende der Stephaniestraße befand (Linea ad montem Calvariae). Die Lage des Kalvarienberges ist auch aus dem Stadtplan von Johann Leopold Neyder aus dem Jahre 1820 gut ersichtlich. Gemäß alten Beschreibungen war die gesamte Umgebung des Kalvarienberges in der damaligen Zeit mit Weingärten bestückt, die von kleineren Kastanienwäldchen unterbrochen wurden. Westlich vom Weg befanden sich die „Graf Joan Erdődische Wiesen“. Die Erdődys waren Wohltäter der Stadt und spendeten auch größere Summen für die Errichtung der Kalvarienberg-Kapelle.

Gemäß dem Stadtplan von Johann Leopold Neyder begann der Kalvarienberg am unteren Ende des Tiefen Weges, er hatte eine Länge von 250 Wiener KlafterDer Wiener Klafter ist ein altes deutsches Längenmaß; 1 Klafter (1 K.) = 6 Fuß; im Mittel etwa 1,7 m (etwa 425 m) und wand sich im spitzen Winkel, teilweise über eine Freitreppe hinauf zum Gipfel. Im Plan sind sieben Kapellen, die sich auf dem eigentlichen Kalvarienberg befinden, eingezeichnet. Diesen Kapellen, waren ursprünglich zwei Kapellen vorgelagert (Nr. I und II), die quasi zur frommen Einstimmung der Pilger dienten. Das Ende des Kreuzweges bildete das Gipfelplateau, auf dem sich eine mit einer Steinmauer eingefriedete Kapelle mit Türmchen, sowie die Gipfelkreuzgruppe befanden.

Der Kalvarienberg im 18. Jahrhundert Das Jahr 1723 war für den Preßburger Kalvarienberg ein besonderes Jahr. In diesem Jahr erschien im Verlag Andreae Spaiser das – heute zu den Raritäten zählende – „Andachtsbüchlein für Pilger“, das bei den Preßburger Buchdrucker Johann Paul Royer gedruckt wurde. Es hat den etwas langen und kuriosen Titel: Dreyfacher, Heiliger und Trostreicher Creutz-Weg Durch Mündliches Gebett, gute Gedancken und geistlichen Gesang gebahnet Auff den nächst der Königl. Frey- und Haubd-Stadt Preßburg in Ungarn, gelegenen Calvari-Berg.Allen Christ- und Creutz-liebenden Seelen zu beliebiger Andacht, mit anmüthigen Kupffern deren Capellen und Stationen gezieret, vorgestellt. (siehe Literatur)

Das reichlich illustrierte Büchlein enthält neben zahlreichen Gebeten, Meditationen und Andachten einen ausführlichen Bericht über den Ursprung des Preßburger Kalvarienberges. Der Bericht schöpft aus den Aufzeichnungen des Jesuitenordens, auch hier wird als Leitmotiv seiner Errichtung der Sieg der christlichen Heere über die Türken im Jahre 1683 bei Wien angegeben. Ganz besonders erwähnt wird, dass die Kreuzigungsgruppe exakt an jener Stelle errichtet wurde, wo einst „die osmanische Fahne des Islams“ wehte. Diese Vermutung konnte jedoch historisch nicht belegt werden. Auch wenn der Sieg über die Türen in jener Zeit ein sehr bedeutendes Ereignis gewesen ist, so sollte dieser Sieg im Zusammenhang mit der Errichtung des Kalvarienberges nicht überschätzt werden.

Auch heute noch ist dieses Büchlein die wohl wichtigste Quelle die uns über das frühere Aussehen und die Anordnung der einzelnen Stationen des Preßburger Kalvarienberges erschöpfend Auskunft gibt.

Ohne Zweifel zählte der Preßburger Kalvarienberg, genau so, wie z. B. der von Schemnitz oder Eperjes zu den außerordentlich bedeutenden Bauensembles des Barock. Er überdauerte unverändert 200 Jahre. Vom Kalvarienberg aus genoss man seinerzeit eine wunderbare Aussicht auf die gesamte Stadt, die Vegetation, die man hier heute vorfindet gab es damals noch nicht.

Im Jahre 1755 wurde am Kalvarienberg eine kanonische Visitation durchgeführt. Bei dieser Gelegenheit erfolgten auch zahlreiche Renovierungsarbeiten an den verschiedenen Stationen. Danach fanden kaum mehr Umbauten bzw. Veränderungen statt, sodass dieser Zustand praktisch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts anhielt.

Das 19. Jahrhundert mini|Kalvarienberg In Preßburg vor dem Ersten Weltkrieg (Historische Ansichtskarte um 1910)