mini|hochkant=1.5|Tänzer und Musikanten auf einer Vase aus Hüseyindede (ca. 16./15. Jh. v. Chr.). Ganz links eine Tänzerin, danach ein Mann und eine Frau mit Zimbeln, ein Lautenspieler und ganz rechts zwei Tänzer mit Zimbeln in den Händen.

Als Hethitische Musik wird die Musik des Hethitischen Reichs aus dem 17.–12. Jahrhundert v. Chr. und der späthethitischen Nachfolgestaaten des 12.–7. Jahrhunderts v. Chr. bezeichnet.

Als Zeugnisse hethitischer Musik stehen sowohl archäologische Funde als auch Schriftquellen zur Verfügung. Hethitische Texte beschreiben vor allem die Verwendung von Musik in religiösem Kontext. Grundlegende musikalische Elemente waren Instrumentalmusik und Gesang. Hinzu kamen Rufe und Geräusche, etwa durch Klatschen. Aufgrund der Überlieferungslage ist über hethitische Musik weniger bekannt als für die gleichzeitige Musik Mesopotamiens und des Alten Ägypten.

Kulturelle und zeitliche Unterschiede Die Bewohner des Hethitischen Reichs bildeten keine ethnische Einheit. Im Norden zum Schwarzen Meer hin wohnten die Hattier, die einen sehr großen Einfluss auf die hethitische Kultur hatten. Ihre Sprache, das Hattische, wurde im hethitischen Kult sehr häufig benutzt. Im westlichen und südlichen Anatolien lebten die mit den Hethitern nahe verwandten Luwier, bei denen, wie es scheint, das Musikhorn eine besondere Rolle im Kultus spielte. Mehrere Liedanfänge in luwischer Sprache wurden in hethitischen Texten überliefert. Relativ spät war der Einfluss der östlich der Hethiter siedelnden Hurriter. Sie hatten in der Spätzeit des Hethitischen Reichs einen großen Einfluss auf die hethitische Religion. Aus Ugarit stammen hurritische Hymnen mit den ältesten Melodie-Notationen.Anne Draffkorn Kilmer: The Cult Song with Music from Ancient Ugarit: Another Interpretation. In: Revue d’Assyriologique. Band 68, 1974, S. 69–82, hier S. 69.

Die hethitische Musikgeschichte kann in drei Perioden eingeteilt werden. Älteste Zeugnisse aus Anatolien sind archäologische Funde von Geräuschinstrumenten, die als vorhethitisch eingestuft werden. Am besten überliefert ist die Musik der hethitischen Reichszeit. Nach dem Untergang des Hethitischen Reichs um 1180 v. Chr. bildeten sich im südöstlichen Anatolien und in Syrien mehrere späthethitische Fürstentümer. Die in luwischer Sprache überlieferten Texte dieser Zeit geben zwar keine Auskunft über die Musik, viele Reliefbilder zeigen aber neben verschiedenen Alltagsszenen auch detailliert ausgearbeitete Darstellungen von Musikanten und Instrumenten. Mit der endgültigen Unterwerfung dieser Kleinstaaten durch die Assyrer im 7. Jahrhundert v. Chr. verschwanden die Zeugnisse hethitische Kultur und damit auch zur hethitischen Musik.

Überlieferung mini|Vase von İnandık (17./16. Jh.v. Chr.), mit verschiedenen Kult- und Musikszenen. Im untersten Fries ist eine von zwei Männern gespielte große Leier abgebildet, rechts daneben ein Musiker mit einer kleinen Leier. Zudem sind noch Lautenisten, Frauen mit Becken und Saltotänzer gemalt. Die bekannten schriftlichen Zeugnisse bezüglich hethitischer Musik stammen ausschließlich aus den bronzezeitlichen Archiven der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša. Diese in hethitischer Sprache und in Keilschrift abgefassten Texte behandeln vorwiegend Musik in religiösem Kontext. Die Texte geben ausführlich Auskunft darüber, wann bei einem Ritual gesungen, rezitiert oder getanzt wird, welche Musikinstrumente zum Einsatz kommen und wer diese spielt, aber auch, wann keine Musik gespielt werden darf. Im Gegensatz zu gleichzeitigen Schriftzeugnissen aus Mesopotamien und Ägypten sind keine musiktheoretischen Texte bekannt.

Bei den wenigen archäologischen Zeugnisse handelt es sich meist um bildliche Darstellungen auf Kultgefäßen oder steinernen Reliefs. Musikinstrumente oder deren Teile wurden – im Verhältnis zu vergleichbaren Funden aus Mesopotamien oder Ägypten – selten entdeckt. Aus vorhethitischer Zeit stammen einigermaßen gut erhaltene Geräuschinstrumente wie Tonrasseln, Gegenschlagplatten (Stielbecken) Abbildung oder Sistren. Kultvasen frühhethitischer Zeit, unter anderem aus İnandık, Bitik und die Reliefvasen von Hüseyindede, zeigen Darstellungen von musizierenden Personen, manchmal zusammen mit Akrobaten und Opferhandlungen.

Aus der späthethitischen Periode sind mehrere Steinreliefs mit Musikerensembles, manchmal zusammen mit Gauklern, überliefert, etwa aus Karkemiš, Maraş, Zincirli (Samʼal) und Karatepe. Sie zeigen mesopotamische Einflüsse, wobei in Karatepe auch griechische Elemente zu bemerken sind. Dort ist auf einem Orthostaten des 8. Jahrhunderts v. Chr. die älteste Darstellung eines Aulisten mit Mundbinde () erhalten.Schuol: Hethitische Kultmusik, S. 131

Musikinstrumente Die hethitischen Texte nennen mehrere Musikinstrumente, doch ist es nicht möglich, alle genau zu bestimmen. Ein Problem der Bestimmung der hethitischen Namen für die Musikinstrumente liegt darin, dass keine die Musik betreffenden Bilinguen oder Wörterlisten bekannt sind, ganz abgesehen davon, dass auch viele akkadische Bezeichnungen von Musikinstrumenten bis heute nicht einwandfrei bestimmt werden können. Namen der hethitischen Musikinstrumente können in hethitischer, luwischer oder hattischer Sprache überliefert sein, andere werden in Sumerogrammen wiedergegeben, so dass der eigentliche hethitische Name nicht bekannt ist.

Zur Bestimmung der Instrumente kann die Spielweise dienen, nämlich ob ein Instrument geblasen (heth. paripariya-), gezupft (heth. ḫazzikk-, ḫazzišk-) oder geschlagen (heth. walḫ-) wird, wobei die beiden letzten Begriffe für Geräusch-, Schlag- und Saiteninstrumente benutzt wurde, der erste für Blasinstrumente.de Martino: Musik. Bei den Hethitern, RdA, S. 484. Selten sind auch zusätzliche Angaben zum Bau des Instrumentes, die eine genauere Bestimmung zulassen. Eine weitere Methode, die genannten Musikinstrumente zu bestimmen, kann die relative Häufigkeit der Nennungen in den Texten sowie in den Abbildungen sein.

Leier mini|Kleine Leier auf der Vase von İnandiık Die Leier (heth. zinar; Sumerogramm: GIŠ.dINANNA „Ištar-Instrument“, nach der mesopotamischen Göttin Ištar) ist das am besten bezeugte Musikinstrument. Anhand schriftlicher und archäologischer Zeugnisse gab es große und kleine Leiern. Beide Leierarten konnten abwechslungsweise gespielt werden, offenbar aber nie zusammen. Gespielt wurden Leiern von Musikern oder Kultsängern, nur in einem Text werden leierspielende Frauen genannt.

Die große Standleier (hatt. ḫunzinar; Sumerogramm: GIŠ.dINANNA.GAL „großes Ištar-Instrument“) war etwa zwei Meter hoch und wurde anhand bildlicher Darstellungen von zwei Männern gleichzeitig gespielt.Rainer Michael Boehmer: Von zwei Musikanten gespielte Leiern. In: Heinrich Otten und andere (Herausgeber): Hittite and other Anatolian and Near Eastern Studies in Honour of Sedat Alp. Sedat Alp’a armağan. Türk Tarih Kurumu Basımevi, Ankara 1992, S. 67 f. Die Anzahl der Saiten kann nicht bestimmt werden. In Kulthandlungen kam sie häufig zum Einsatz, manchmal begleitete sie Gesang oder sie wurde zusammen mit Trommeln und anderen Musikinstrumenten gespielt. Denkbar ist, dass der auf dem Boden stehende Schallkasten auch als Schlaginstrument benutzt wurde.

Die kleine Leier (hatt. ippizinar; Sumerogramm: GIŠ.dINANNA.TUR „kleines Ištar-Instrument“) hatte ungefähr zehn Saiten und wurde während Trinkzeremonien von Kultsängern gespielt, meist alleine ohne jegliche Begleitung. Sie wurde von einem Mann seitlich gehalten und gespielt.

Leiern konnten, wie anderes Kult- und Tempelgerät auch, göttlich verehrt werden. Heilige Leiern wurden gesalbt und erhielten Trank- und Speiseopfer. Da in einigen Texten die „süße Botschaft der Leier“ erwähnt wird, besteht die Möglichkeit, dass die Leier als Vermittlerin zwischen Opfergemeinschaft und den beopferten Gottheiten betrachtet wurde.

Die ältesten Abbildungen von Leiern in Anatolien und Nordsyrien stammen aus der ersten Hälfte des dritten vorchristlichen Jahrtausends (Oylum Höyük, Karkemiš und Urkeš). Spätere Abbildungen aus dem 2. Jt.v. Chr. stammen aus Kültepe, Tarsus und Mardin.Åke Norborg: Ancient Middle East Lyres (= Musikmuseets Skrifter. Band 25). Musikmuseet, Stockholm 1995. All diese frühen Darstellungen befinden sich auf Rollsiegeln, weshalb aufgrund der kleinen Größe außer den fünf oder sechs Saiten keine Details erkannt werden können.

Die Leiern auf der İnandık-Vase sind asymmetrisch gebaut. Sie zeigen einen kantigen Schallkörper, die beiden Jocharme sind schwanenhalsförmig geschwungen und enden in nicht identifizierbare Tierköpfe, auf denen der Querstab befestigt ist, der seinerseits beidseitig in Vogelköpfe ausläuft. Die Saiten, um die sieben an Zahl, wurden mit einem Saitenhalter am Schallkörper befestigt. Über die Stimmvorrichtung ist nichts bekannt. Ein hethitisches Faustgefäß („Boston Fist“) mit einer Opferszene für den Wettergott zeigt zwei asymmetrische Kastenleiern, die nicht verziert sind.

Vogel- und Tierkopfverzierungen auf Leiern finden sich auch im Ägäisraum, so der Leierspieler im mykenischen Palast von Pylos, sowie im Alten Ägypten, wo Leiern aber erst ab 2000 v. Chr. aufkamen.Schuol: Hethitische Kultmusik, S. 57f., 104f; Hans Hickmann: Ägypten (= Musikgeschichte in Bildern. Reihe 2, Band 1). Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1961. In Mesopotamien dagegen wurde der Schallkörper der Leiern oft als liegender Stier dargestellt oder mit einer Stierkopfprotome erweitert.Schuol: Hethitische Kultmusik, S. 104f.

In späthethitischen Reliefs werden nur kleine Handleiern dargestellt, die aber verschiedene Formen haben und die sich von den althethitischen Leiern unterscheiden. In Karatepe wurde unter anderen auch eine Leier abgebildet, die auffallend stark an eine altgriechische Phorminx erinnert.Schuol: Hethitische Kultmusik, S. 73

Laute mini|Lautenspieler aus Alaca Höyük Langhalslauten (Sumerogramm: GIŠTIBULA, so die traditionelle, veraltete Transkription bei den Hethitologen, anstelle von akkadisch tigidlûMiguel Civil: The Tigidlu Bird and a Musical Instrument. In: Nouvelles assyriologiques brèves et utilitaires (NABU). 1987, S. 27.) sind ebenfalls gut bezeugt und konnten alleine oder zu Gesang und Tanz gespielt werden. In hethitischen Ritualen spielte die Laute eine wichtige Rolle neben der Leier, ganz im Gegensatz zu Mesopotamien und Ägypten, wo die Laute erst während zu Beginn der 18. Dynastie aufkam.Schuol: Hethitische Kultmusik, S. 110

Früher war die Bedeutung des akkadischen Wortes tigidlû umstritten, mittlerweile konnte durch eine Wörterliste aus Emar gezeigt werden, dass es dreisaitige tigidlû-Instrumente gab, was eine Laute nahelegt, auch die Erwähnung einer „Wander-tigidlû“ in dieser Liste passt gut zur Laute.Theo Krispijn: Musical ensembles in Ancient Mesapotamia. In: Richard Dumbrill, Irving Finkel (Hrsg.): Proceedings of the International Conference of Near Eastern Archaeomusicology Held at the British Museum, December 4, 5 and 6, 2008. ICONEA Publications, London 2010, S. 135–150 (PDF).

Anhand bildlicher Darstellungen benutzten die Hethiter Spießlauten mit relativ kleinen Schallkörpern und langen Griffbrettern, die der späteren antiken Pandura der Griechen und Römer glichen. Spießlauten waren auch in Mesopotamien und Ägypten bekannt. Dabei wurde ein Kürbis oder anderer Hohlkörper mit einer Resonanzdecke überspannt, durch die ein langer Stab, der als Griffbrett diente, gespießt wurde. Das Griffbrett konnte bundiert sein und hatte zwei oder drei Saiten.