mini|Eugène François Vidocq (1830) mini|Eugène François Vidocq – Porträt von Achille Devéria Eugène François Vidocq [] (* 23. Juli 1775 in Arras; † 11. Mai 1857 in Paris) war in jungen Jahren ein Krimineller, später aber ein erfolgreicher Kriminalist, dessen Leben zahlreiche Schriftsteller wie Victor Hugo und Honoré de Balzac inspirierte. Durch seine Aktivitäten als Begründer und erster Direktor der Sûreté nationale sowie die anschließende Eröffnung einer Privatdetektei, die wahrscheinlich die erste der Welt war, wird er von manchen Historikern heute als Vater der modernen KriminalistikJay A. Siegel: Forensic Science: The Basics. CRC Press, 2006, ISBN 0-8493-2132-8, S. 12.James Andrew Conser, Gregory D. Russell: Law Enforcement in the United States. Jones & Bartlett Publishers, 2005, ISBN 0-7637-8352-8, S. 39. und der französischen PolizeiClive Emsley, Haia Shpayer-Makov: Police Detectives in History, 1750–1950. Ashgate Publishing, 2006, ISBN 0-7546-3948-7, S. 3. betrachtet und gilt als erster DetektivMitchel P. Roth: Historical Dictionary of Law Enforcement. Greenwood Press, 2001, ISBN 0-313-30560-9, S. 372. überhaupt.Hans-Otto Hügel: Untersuchungsrichter, Diebsfänger, Detektive. Metzler, 1978, ISBN 3-476-00383-3, S. 17.

Leben Eugène François Vidocq wurde in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 1775 als drittes Kind des Bäckermeisters Nicolas Joseph François Vidocq (1744–1799) und der diesem am 2. September 1765 angetrauten Frau Henriette Françoise Vidocq (1744–1824, geborene Dion) in Arras in der Rue du Mirroir-de-Venise (1856 umbenannt in Rue des Trois Visages) geboren.

Kindheit und Jugend (1775–1794) Über die Kindheit von Vidocq ist nur wenig bekannt. Der Vater war gebildet und, da er sich auch als Getreidehändler betätigte, für damalige Verhältnisse vermögend. Vidocq hatte sechs Geschwister: zwei ältere Brüder (von denen einer bereits gestorben war, als Vidocq geboren wurde), zwei jüngere Brüder und zwei jüngere Schwestern.

Vidocqs Jugendjahre waren turbulent. Er wird als unerschrocken, rauflustig und durchtrieben, sehr begabt, jedoch auch sehr faul beschrieben. Er verbrachte viel Zeit in den Waffensälen von Arras und erwarb den Ruf eines furchterregenden Fechters und den Beinamen le Vautrin (dt. WildschweinDie heutige französische Bezeichnung lautet sanglier. Vautrin ist eine mundartliche Bezeichnung für Wildschwein in Nordfrankreich (Artois und Picardie), die sich vermutlich vom reflexiven Verb se vautrer (dt. sich suhlen) herleitet.). Mit kleinen Diebereien verschaffte er sich einigen Luxus.

Mit dreizehn Jahren stahl er das Silbergeschirr seiner Eltern, brachte das dafür erhaltene Geld jedoch innerhalb eines Tages durch. Drei Tage nach dem Diebstahl wurde er verhaftet und in das lokale Gefängnis Baudets gebracht. Erst nach zehn Tagen erfuhr er, dass sein eigener Vater den Arrest veranlasst hatte. Nach insgesamt vierzehn Tagen wurde er wieder entlassen, aber selbst diese Warnung und weitere Strafen vermochten ihn nicht zu bändigen.

Mit vierzehn Jahren entwendete er einen großen Betrag aus der Geldkassette seiner Familie und versuchte, sich in Ostende nach Amerika einzuschiffen. Dabei betrog man ihn und so stand er schließlich mittellos da. Um zu überleben, verdingte er sich als Gaukler, wobei er sich trotz regelmäßiger Prügel vom Stalljungen zum Jahrmarktsmonster hinaufarbeitete. In dieser Rolle als karibischer Kannibale musste er rohes Fleisch essen. Lange hielt er das nicht aus. Er wechselte zu einer Gruppe von Puppenspielern, aus der er jedoch verjagt wurde, weil er mit der jungen Frau seines Arbeitgebers angebandelt hatte. Nach einer Arbeit als Straßenhändler kehrte er nach Arras zurück, wo er seine Eltern um Verzeihung anflehte und von seiner Mutter mit offenen Armen empfangen wurde.

Am 10. März 1791 verpflichtete er sich dem Régiment de Bourbon und bestätigte seinen Ruf als furchterregender Duellant. Innerhalb von sechs Monaten focht er 15 Duelle und tötete dabei zwei Männer. Obwohl er weitere Schwierigkeiten verursachte, verbrachte er in dieser Zeit nur insgesamt 14 Tage im Gefängnis. Dabei half er einem Mitgefangenen erstmals bei einer erfolgreichen Flucht.

mini|Schlacht bei Valmy Nachdem Frankreich am 20. April 1792 Österreich den Krieg erklärt hatte, musste sich Vidocq während des ersten Koalitionskrieges oft an Kämpfen beteiligen. So nahm er im September 1792 an der Schlacht bei Valmy teil und wurde am 1. November zum Caporal der Grenadiere befördert. Während der Feier zum Anlass seiner Beförderung forderte er einen höheren Offizier zu einem Duell heraus. Als man ihn dafür vor das Kriegsgericht stellen wollte, desertierte er von seinem Regiment und wechselte zu den 11e bataillon de chasseurs (Jäger zu Fuß), natürlich ohne seine Vorgeschichte zu erwähnen. Am 6. November 1792 kämpfte er unter Général Dumouriez in der für die Franzosen erfolgreichen Schlacht bei Jemappes gegen die Österreicher. Im April 1793 wurde er jedoch als Deserteur identifiziert und folgte daraufhin dem General bei dessen Wechsel ins feindliche Lager. Nach einigen Wochen kehrte Vidocq ins französische Lager zurück, da er sich aus Beteiligungen an Kampfhandlungen gegen seine Landsleute nicht mehr herauszureden vermochte. Ein befreundeter Jäger Capitaine vermittelte für ihn, woraufhin er wieder bei den Jägern aufgenommen wurde. Schließlich trat er aus der Armee aus, nachdem er bei seinen Kameraden nicht mehr gern gesehen war.

Mit 18 kehrte er nach Arras zurück und machte sich als Frauenheld einen Ruf. Da seine Verführungen oft in Duellen endeten, fand er sich am 9. Januar 1794 in dem ihm bereits bekannten Gefängnis Baudets wieder, aus dem man ihn am 21. Januar wieder entließ.

Am 8. August 1794 heiratete der gerade 19 Jahre alt gewordene Vidocq die fünf Tage ältere Marie Anne Louise Chevalier, nachdem sie vorgetäuscht hatte, schwanger zu sein. Die Ehe war von Anfang an nicht glücklich, und als Vidocq nach wenigen Wochen bemerkte, dass seine Frau ihn mit dem 14 Jahre älteren Adjutanten Pierre Laurent Vallain betrog, schwindelte er ihr ein wenig Geld ab und flüchtete zurück zur Armee. Erst 1805 sahen sie sich aus Anlass ihrer Scheidung wieder.

Abenteuerjahre und Gefängnis (1795–1800) Vidocq blieb nicht lange bei der Armee. Im Herbst 1794 hielt er sich meist in Brüssel auf und lebte von kleinen Betrügereien. Dann geriet er eines Tages in eine Kontrolle der Polizei, Vidocq hatte jedoch als Deserteur keine gültigen Papiere. Er gab sich als Herr Rousseau aus Lille aus und entkam, während seine Angaben noch überprüft wurden.

1795 trat er – noch immer unter dem Namen Rousseau – der armée roulante (dt. Fliegenden Armee) bei. Diese Armee aus (angeblichen) Offizieren ohne Patent und Regiment verschaffte sich mit Hilfe gefälschter Marschrouten, Ränge und Uniformen Unterkünfte und Rationen, blieb jedoch weit weg von den Schlachtfeldern. Vidocq alias Rousseau begann als Sous-lieutenant der Jäger, beförderte sich jedoch nach und nach zum Capitaine der Husaren. In dieser Rolle lernte er eine reiche Witwe kennen, die Gefallen an ihm fand. Ein Vorgesetzter Vidocqs machte sie glauben, einen jungen Adeligen auf der Flucht vor sich zu haben. Kurz vor der geplanten Hochzeit bekam Vidocq jedoch Skrupel und beichtete. Danach verließ er die Stadt mit einem großzügigen Geldgeschenk ihrerseits.

Am 2. März 1795 erreichte er Paris, wo er in der Unterwelt nicht Fuß fassen konnte und einen Großteil seines Geldes wegen einer Frau verlor. Er ging zurück in den Norden und schloss sich einer Gruppe böhmischer Zigeuner an, die er wiederum für eine Frau – Francine Longuet – verließ, die ihn kurze Zeit später mit einem Soldaten betrog. Er überraschte und verprügelte die beiden, worauf ihn der Soldat verklagte. Vidocq wurde im September 1795 zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, die er im Tour Saint-Pierre in Lille absitzen sollte.

Vidocq war 20 und passte sich schnell an das Leben im Gefängnis und die dort üblichen Gepflogenheiten an. Als seine drei Monate abgelaufen waren, wurde er jedoch nicht freigelassen. Drei seiner Mitgefangenen hatten ihn in eine Flucht verwickelt und nun wurde er der Dokumentenfälschung und Fluchtbeihilfe verdächtigt. Mit viel Ideenreichtum und Frechheit, aber auch dank der Unterstützung der mittlerweile reuigen Francine, flüchtete er in den nächsten Wochen mehrmals, wurde jedoch immer wieder schnell aufgegriffen. Bei einem seiner Ausflüge aus dem Gefängnis ertappte ihn Francine, bei der er sich immer versteckte, mit einer anderen Frau. Daraufhin tauchte er für mehrere Tage völlig unter und erfuhr erst später, dass Francine durch mehrere Messerstiche verletzt aufgefunden worden war. Plötzlich sah er sich auch noch einer Anklage wegen versuchten Mordes gegenüber, die erst fallen gelassen wurde, als Francine angab, sich die Wunden selbst zugefügt zu haben. Sein Kontakt zu Francine brach schließlich ab, als sie wegen Fluchtbeihilfe zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Als er sie Jahre später das nächste Mal traf, war sie verheiratet.

mini|Vidocqs Eintrag in den Registern des Bagno von Toulon. Nach langer Verzögerung kam es doch noch zu dem Prozess wegen Dokumentenfälschung. Am 27. Dezember 1796 wurden Vidocq, der stets seine Unschuld beteuert hatte, und ein zweiter Angeklagter, César Herbaux, schuldig gesprochen und zu je acht Jahren Schwerstarbeit in einem Bagno verurteilt.

mini|Le Malheureux Cloquemin Sous les Verroux, 1830, stellt den Transport in Ketten von Bicêtre zum Bagno dar Im Gefängnis von Bicêtre musste er mehrere Monate auf den Transport ins Bagno von Brest warten. Ein Mitgefangener lehrte ihn die Kampftechnik Savate, was ihm später noch oft nützlich wurde. Ein Fluchtversuch am 3. Oktober 1797 scheiterte und brachte ihm acht Tage Kerkerhaft ein. Am 21. November erfolgte schließlich der Transport nach Brest. Obwohl sich auf dem Weg dorthin keine Gelegenheit für eine Flucht eröffnete, hatte er im Bagno selbst Glück. Bereits am 28. Februar 1798 glückte ihm als Matrose verkleidet die Flucht. Er wurde zwar unterwegs wegen fehlender Papiere noch einmal aufgegriffen, doch während man seine neuen Identitätsangaben als Auguste Duval überprüfte, entwendete er im Gefängnisspital den Habit einer Nonne und entkam mit dieser Tarnung erneut. In Cholet heuerte er als Ochsentreiber an und gelangte so bis nach Paris, Arras, Brüssel, Ancer und schließlich Rotterdam, wo ihn Holländer schanghaiten. Nach einer nur kurzen Karriere als Freibeuter wurde er erneut verhaftet und nach Douai gebracht, wo er als Vidocq identifiziert wurde. Daraufhin überstellte man ihn in das Bagno von Toulon, wo er am 29. August 1799 eintraf. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch entkam er schließlich am 6. März 1800 mit Hilfe einer Prostituierten erneut.

Die Wende (1800–1811) Vidocq kehrte heimlich nach Arras zurück. Sein Vater war 1799 verstorben, so kam er bei seiner Mutter unter. Er versteckte sich fast ein halbes Jahr bei ihr, bevor er erkannt wurde und wieder floh. Unter einer falschen Identität als Österreicher lebte er einige Zeit mit einer Witwe zusammen, mit der er um 1802 auch nach Rouen zog. Vidocq baute sich einen guten Ruf als Kaufmann auf und ließ seine Mutter nachkommen. Schließlich holte ihn seine Vergangenheit aber wieder ein, er wurde verhaftet und nach Louvres gebracht. Dort erfuhr er, dass er in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, wogegen er auf Anraten des dortigen Staatsanwaltes Berufung einlegte. Während der folgenden fünf Monate, in denen er im Gefängnis auf ein Ergebnis wartete, benachrichtigte ihn Louise Chevalier von der Scheidung. Am 28. November 1805 entwich er schließlich erneut, indem er in einem unbeaufsichtigten Moment aus einem Fenster in die daran vorbeifließende Scarpe sprang. Die nächsten vier Jahre verbrachte er wieder auf der Flucht.