mini|hochkant|Einziges existierendes Porträt von Märter (Scherenschnitt von Bernhard Albrecht Moll, Wien 1783)
Franz Joseph MärterAuch Maerter, Märder, Marter, Martyr, Merter oder ähnlich geschrieben. (* 1. November 1753 in Freiburg im BreisgauHelga Hühnel: Kaiserliche bereisen Amerika. In Elisabeth Zeilinger (Hrsg.): Österreich und die Neue Welt, Symposion in der Österreichischen Nationalbibliothek, Tagungsband (Biblos-Schriften 160), Österreichische Nationalbibliothek, Wien 1993, S. 95–102, hier: S. 95.; † 7. Mai 1827 in WienOesterreichisch-Kaiserliche privilegirte Wiener-Zeitung, 11. Mai 1827, S. 517 (); Neuer Nekrolog der Deutschen. 5. Jahrgang, 1827, 2. Theil, Bernhard Friedrich Voigt, Ilmenau 1829 (), S. 1114 f.) war ein aus Vorderösterreich stammender Botaniker und Naturforscher, der im Auftrag Kaiser Josephs II. 1783–1787 den Süden der Vereinigten Staaten, die Bahamas, Saint-Domingue (Haiti) und Jamaika bereiste, während andere Mitglieder der von ihm geleiteten Expedition 1785–1788 bis nach Venezuela bzw. auf die Maskarenen gelangten. Später spezialisierte er sich auf die Forstwissenschaft und die Pomologie.
Leben und Werk
Professor am Theresianum
Märter war Doktor der Medizin, Professor der Naturgeschichte und der Ökonomie (Agrar- und Geowissenschaften, Technologie, Wirtschaftsethik, Handel(Theodor Kravina von Kronstein): Entwurf der oekonomischen Kenntnisse, welche in dem kaiserlichen königlichen Theresianum der adelichen Jugend beygebracht werden. Joseph Kurzböck, Wien 1773 ().) an der Theresianisch-Savoyischen Ritterakademie in Wien sowie Mitglied der Freimaurerloge Zur wahren Eintracht, deren Meister vom Stuhl der Mineraloge Ignaz von Born war. 1781 veröffentlichte er ein Verzeichnis der österreichischen Bäume und Sträucher.Verzeichniß der östreichischen Bäume, Stauden und Buschgewächse mit kurzgefaßten Anmerkungen aus der Natur- und ökonomischen Geschichte derselben. Joseph Gerold, Wien 1781 (); 2. Aufl., Berlin 1785; nicht autorisierte 3. Aufl. (bearbeitet durch Christian Baumann): Die Obstbaumzuchten, nebst dem Verzeichniß aller Bäume, Stauden und Buschgewächse (…) Joseph Gerold, Wien 1795 (); autorisierte 3. Aufl.: Verzeichniß der östreichischen Bäume und Sträucher (…) Joseph Stahel, Wien 1796 (). 1782 folgte ein solches der Pflanzen in einem , deren Auswahl von Nützlichkeit und Verfügbarkeit bestimmt sein sollte.Laut Friedrich Nicolai: Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz im Jahre 1781 (…) 4. Band, Berlin/Stettin 1784, S. 774/Anm. (), schwebte Märter dabei vor als der des Theresianums. Indem er den klassischen botanischen Garten als und bezeichneteFranz Joseph Märter: Vorstellung eines ökonomischen Gartens nach den Grundsätzen der angewandten Botanik. Krauß, Wien 1782, Vorbericht, unpaginiert ()., verhöhnte er indirekt jenen von Schönbrunn, der dem berühmten Niederländer Nikolaus Joseph von Jacquin unterstandMarianne Klemun: Exotik, Nutzen, Wissenschaft, Praktiken und Pflanzenaneignung im der Theresianischen Akademie. In: Franz M. Eybl (Hrsg.): Strukturwandel kultureller Praxis, Beiträge zu einer kulturwissenschaftlichen Sicht des theresianischen Zeitalters (Jahrbuch der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts 17/2002), ISBN 978-3-85114-644-8, S. 303–333, hier S. 328.. Dies, obwohl er die eigenen Botanikkentnisse bei Jacquin und in Schönbrunn erworben haben soll.Warren Royal Dawson: The Banks letters. A calendar of the manuscript correspondence of Sir Joseph Banks (…) British Museum, London 1958, S. 799 ().
Expeditionsleiter in Amerika
Kurz bevor Joseph II. die Ritterakademie 1783 in eine Ingenieurschule umwandelte, bestimmte Born seinen Logenbruder zum Leiter einer Gruppe von Forschern, die nach dem Vorbild von James Cook die Welt umsegeln sollten. Der sparsame Kaiser reduzierte das Projekt dann aber auf eine Expedition ohne eigenes Schiff, was zu einem dauernden Wechsel der Reisepläne führte. Die weiteren Mitglieder des heterogenen Teams waren der Botaniker Matthias Leopold Stupić, der Maler Bernhard Albrecht Moll sowie die Gärtner Franz Boos und Franz Bredemeyer.
Während der stürmischen Überfahrt von Le Havre nach Philadelphia zeigte sich zum ersten Mal, dass Märter nicht seetauglich war. In den USA wurden die Forscher vom kaiserlichen Agenten in Philadelphia Frédéric Baron de Beelen unterstützt. Die amerikanischen Botaniker William Bartram und Thomas Walter lieferten Samen. Während Märter seine Begleiter von Philadelphia aus per Schiff nach Charleston (South Carolina) schickte, wählte er mit dem ansbach-bayreuthischen Militärarzt Johann David Schöpf in dem rekordkalten Winter 1783/1784 den Landweg. Von Charleston aus reiste er dann mit Schöpf und Boos nach Ostflorida und auf die Bahamas. In seinen Berichten an Born, die in dessen Freimaurerzeitschrift und zuvor auszugsweise in Wiens erster TageszeitungDas Wienerblättchen, Januar 1785, S. 200–202, 208–210, 241 f. (); Februar 1785, S. 26–28, 35 f. (); März 1785, S. 99 f., 115 f., 122–124, 132 f., 144–146 (). publiziert wurden, behandelt er neben naturgeschichtlichen auch ökonomische und politische Themen. So kritisierte er den Großgrundbesitz und die Sklaverei in den SüdstaatenWilliamsburg in Virginien, den 20. Dezember 1783, Herrn Professor Märters Nachrichten aus Virginien (…) In Ignaz Edler von Born (Hrsg.): Physikalische Arbeiten der einträchtigen Freunde in Wien, S. 93–100, hier: S. 95 ()., ließ aber auch durchblicken, dass er den aufgeklärten Despotismus Josephs II. der in begriffenen Demokratie Amerikas vorzogPhiladelphia in Pensylvanien, den 14ten November 1783, Herrn Professor Märters Nachrichten über die natürliche Geschichte Pensylvaniens (…) In Ignaz Edler von Born (Hrsg.): Physikalische Arbeiten der einträchtigen Freunde in Wien, 1. Jahrgang, 4. Quartal, 1785, S. 20–39, hier: S. 39 (); vgl. Williamsburg in Virginien, den 20. Dezember 1783, Herrn Professor Märters Nachrichten aus Virginien (…) In Ignaz Edler von Born (Hrsg.): Physikalische Arbeiten der einträchtigen Freunde in Wien, S. 93–100, hier: S. 97 ()..
Krank und verlassen
Märter litt in Charleston schon bald an Malaria, und später erkrankte auch Boos lebensgefährlich. Bredemeyer und Boos brachten 1784 bzw. 1785 Pflanzen und Tiere nach Wien. Moll und Stupić verließen das Expeditionsteam und etablierten sich als Zeichenlehrer und Silhouetteur bzw. als Arzt. Obwohl sie die Expedition schon von Anfang an als Gelegenheit zur Auswanderung betrachtet hatten, gab der Kaiser dem Märter die Schuld daranHelga Hühnel: Botanische Sammelreisen nach Amerika im 18. Jahrhundert. In Franz Wawrik et al. (Hrsg.): Die Neue Welt, Österreich und die Erforschung Amerikas, Österreichische Nationalbibliothek, Edition Christian Brandstätter, Wien 1992, ISBN 3-85447-427-X, S. 61–77, hier: S. 67. und ersetzte sie nicht. Bredemeyer hingegen bat darum, zu Märter zurückkehren zu dürfen, was diesen zur Bemerkung veranlasste, dass er wohl doch kein so schlechter Chef seiÖNB, Cod. Ser. N. 3517, fol. 141–144 (Märter an Born, Cap-Français, 30. Oktober 1785, Abschrift).. Zusammen mit dem Gärtner Joseph Schücht fuhr Bredemeyer nach Martinique. Märter wollte sie dort abholen, musste aber wegen seiner Seekrankheit in Guadeloupe an Land gehen. Schließlich traf man sich in Saint-Domingue (Haiti). Dort war Märter ein halbes Jahr lang krank.Moriz Kronfeld: Kaiser Joseph II. Cap-Expedition (1786 bis 1788). In: Wiener Zeitung, 15. Juni 1894, S. 3–5, hier: S. 4 (). Er schickte Bredemeyer nach Puerto Rico und später mit Schücht nach Venezuela. Als die Probleme, die man ihnen dort machte, in Wien Märter angelastet wurden, schrieb Bredemeyer, er habe diesen als kennen gelernt, .ÖNB, Cod. Ser. N. 3517, fol. 313 f. (Bredemeyer an Cobenzl, Caracas, 15. September 1787).
Boos wurde von Joseph II. mit dem Gärtner Georg Scholl in die niederländische Kapkolonie und auf die französischen Inseln Île-de-France (Mauritius) und Île Bourbon (La Réunion) entsandt, wo es im Gegensatz zu Venezuela ansässige Botaniker und hilfsbereite Beamte gab. Märter aber musste nun ganz ohne Begleiter auskommen und den Plan einer Weltumsegelung aufgeben. Obwohl er mittlerweile eine hatte, vertrug er Hitze immer noch schlecht und Seereisen überhaupt nicht.Österreichische Nationalbibliothek, Sammlung von Handschriften und alten Drucken, Cod. Ser. N. 3517, fol. 141–144 (Märter an Born, Cap-Français, 30. Oktober 1785, Abschrift). 1786 setzte er nach Jamaika über. Dort fühlte er sich besser, drang ins gebirgige Innere vor und untersuchte wie später Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in den AndenAlexandre de Humboldt (Red.): Essai sur la géographie des plantes, accompagné d’un tableau physique des régions équinoxiales (…) Fr. Schoell, Paris 1807 (). den Einfluss zunehmender Meereshöhe auf die FloraÖNB, Cod. Ser. N. 3794, 3. Konvolut, fol. 66–75 (Versuch einer Stuffenabtheilung der phÿsikalisch-tropischen Klimaten bei Gelegenheit einer Gebirgsreise auf der Insel Jamaika), vgl. Cod. Ser. N. 3517, fol. 323 f. (Märter an Cobenzl, Brüssel, 24. Oktober 1787).. Der schwedische Botaniker Olof Swartz traf ihn auf dem Blue Mountain Peak an, wo er wieder krank war. Möglicherweise bedrückte ihn auch der Gedanke, als in Ungnade Gefallener nicht mehr nach Österreich zurückkehren zu können.Madeleine Ly-Tio-Fane: Le Géographe et le Naturaliste à l’Île-de-France (…), Port-Louis (Mauritius) 2003, ISBN 99903-31-12-X, S. 99. Jedenfalls schrieb Swartz dem Präsidenten der Royal Society, Sir Joseph Banks, wenn Märter auf Jamaika bliebe, wäre er nützlicher als der Leiter des dortigen botanischen Gartens.Warren Royal Dawson: The Banks letters. A calendar of the manuscript correspondence of Sir Joseph Banks (…) British Museum, London 1958, S. 799 ().
Nach eigenen Angaben sammelte Märter auf der Insel 3000 Pflanzen.ÖNB, Cod. Ser. N. 3517, fol. 264, 267 (Märter an Cobenzl, Kingston, 14. April 1787). Ganz auf sich gestellt, beschloss er, seine Ausbeute selber nach Europa zu bringen.Vgl. ÖNB, Cod. Ser. N. 3517, fol. 240 f. (Märter an Cobenzl, Montego Bay, 10. Februar 1787). Als schon alles zum Einschiffen bereit war, traf aus Brüssel noch ein unnützer Helfer namens J. Grosjean ein.Vgl. ÖNB, Cod. Ser. N. 3793, fol. 228 f. (Grosjean an Cobenzl, Brüssel, 22. Januar 1787), 232 f. (Reviczky an Cobenzl, London, 30. Januar 1787), 296 f. (Märter an Cobenzl, Brüssel, 20. August 1787), 308 f. (dito, 12. September 1787); Alexandre Pinchart: Archives des Arts, des Sciences et des Lettres. § 24. Voyages scientifiques. In: Messager des sciences historiques, des arts et de la bibliographie de Belgique, Jahrgang 1855, L. Hebbelynck, Gand, S. 389–392, hier: S. 391 (). Über London erreichte Märter Brüssel, wo er 1800 lebende Pflanzen in Glashäusern überwinterte.ÖNB, Cod. Ser. N. 3517, fol. 292 f. (Märter an Cobenzl, Brüssel, 16. August 1787), 298 f. (dito, 22. August 1787), 306 f. (dito, 8. September 1787), 325/327 (dito, 20. Dezember 1787). 1788 kaufte er noch in Holland und England Vögel und Pflanzen ein, um dann in die Kaiserstadt abzureisen.ÖNB, Cod. Ser. N. 3517, fol. 343 f. (Märter an Cobenzl, Brüssel, 15. April 1788), 348 f. (dito, Brüssel, 15. Mai 1788), 358 f. (dito, 15. Juni 1788). Obwohl er bis zur Donau in Ulm verlor, erschien ihm der Landtransport anstrengender als zwei Ozeanüberquerungen.ÖNB, Cod. Ser. N. 3517, fol. 366 f. (Märter an Cobenzl, Ulm, 15. Juli 1788). Kurz darauf waren auch Boos und Bredemeyer wieder in Wien. Der Gärtner Georg Scholl hingegen, den Boos am Kap der Guten Hoffnung zurückgelassen hatte, konnte wegen des Ersten Koalitionskriegs erst nach vierzehnjähriger Abwesenheit nach Europa zurückkehren.
Universitätsprofessor in Brüssel