mini|Verordnung über die Feststellung von Unterhaltsansprüchen dänischer Kinder gegen deutsche Wehrmachtangehörige vom 9. August 1943 Als Besatzungskinder bezeichnet man Kinder, die der Verbindung einer einheimischen Frau mit einem Besatzungssoldaten entstammen. Besatzungskinder wurden in nahezu allen Kriegs- oder Nachkriegsbesatzungszeiten gezeugt. Breitere Aufmerksamkeit widerfährt ihnen zum ersten Mal seit den beiden Weltkriegen in Europa; ihr sozialer Sonderstatus sowie der ihrer Mütter ist öffentlich bekannt und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Ihr Schicksal ist häufig mit gravierenden Tabuisierungen in ihrem familiären und sozialen Umfeld verbunden. Viele heute lebende Besatzungskinder sind sogenannte Wehrmachtskinder: Sie wurden in den Ländern gezeugt, die das Deutsche Reich während des Zweiten Weltkriegs besetzt hielt. In den Jahren nach 1945 wurden in den Besatzungszonen, vor allem in Japan, Deutschland und Österreich, viele Kinder von den jeweiligen Besatzungssoldaten gezeugt, vor allem von Soldaten der US Army, der Roten Armee, der British Army und der Französischen Armee.

Diskriminierung der Mütter und Kinder 19. Jahrhundert In der zwischen 1773 und 1858 großteils von Johann Georg Krünitz geschaffenen deutschsprachigen Oeconomischen Encyclopädie werden zum Begriff „Kind“ folgende Komposita aufgeführt, die eine soziale Einschätzung beinhalten: „Beykind“, „Findelkind“, „Frühkind“, „Hofkind“, „Hurkind“, „Jungfernkind“, „Kebskind“, „Kirchspielskind“, „Mantelkind“, „natürliches Kind“, „Pflegekind“, „uneheliches Kind“, „Ziehkind“.

Zu „Hurkind“ wird ausgeführt: „Das Hurkind, in der harten Sprechart. Im engsten Verstande, ein von einer öffentlichen Hure erzeugtes Kind, oder ein außer der Ehe erzeugtes Kind, dessen Vater die Mutter nicht mit Gewissheit anzugeben vermag, ein Bankart, französisch ‚Fils de putain‘. In weiterer Bedeutung, ein uneheliches Kind, ein außer der Ehe erzeugtes Kind, dessen Vater aber bekannt ist, ein natürliches Kind (d. i. ein Kind, welches bloß aus einem natürlichen Bedürfnisse, bloß nach dem Stande der Natur, ohne Beobachtung der bürgerlichen Ordnung gezeuget worden) in der deutschen Bibel Hurenkind, mit anständigern Ausdrücken Bastard, ein Beykind, Kebskind, Jungfernkind, wenn die Mutter vorher nicht verheurathet gewesen, im Altfries. ‚Hornink‘, ‚Hörning‘; ehedem ein Liebkind, oder Liebeskind, ein Stichling, lateinisch ‚Infans adulterinus‘, ‚nothus‘ oder ‚spurius‘, ‚Filius naturalis‘, französisch ‚Bâtard‘, ‚Enfant naturel‘. Ein vor der priesterlichen Einsegnung gezeugtes uneheliches Kind, wird, mit einem größtentheils veralteten Worte, ein Mantelkind genannt […].“

Zu den späteren Komposita gehören die Schweizer Verdingkinder, die Schwabenkinder, die Schlüsselkinder und die am ehesten zu den „Hurkindern“ zu zählenden „Besatzungskinder“. Damit ist auch gleichzeitig gesagt, dass außereheliche Kinder von fremden Soldaten nie eine Sonderrolle spielten, obwohl sie mit Gewissheit immer wahrgenommen wurden. Denn die Geschichte der Kriege ist, wie die neuere Kriegs- und Zivilisationsforschung zeigt, von der Geschichte der Zivilisation nicht zu trennen,John Keegan: Die Kultur des Krieges. Reinbek bei Hamburg 1997, ISBN 3-499-60248-2. so dass in der Kriegführung ein immer auch in Kultur eingebettetes Bild von Männer- und Frauenrolle zum Ausdruck kommt.Vgl. hierzu die materialreiche Darstellung des Ethnologen Hans Peter Duerr: Der Mythos vom Zivilisationsprozess, Band 3 und 5.Susan Brownmiller zitiert Dschingis Khan als „heroischen Vergewaltiger“, der zum Ausdruck brachte, was Krieg für ihn bedeutete: „Die höchste Aufgabe im Leben des Mannes besteht darin, den Widerstand seiner Feinde zu brechen, sie vor sich herzutreiben, all ihren Besitz zu nehmen, das Wehklagen ihrer Lieben im Ohr zu haben, ihre Pferde zwischen die Schenkel zu nehmen und die begehrenswertesten ihrer Frauen zu umarmen.“Susan Brownmiller: Gegen unseren Willen. Vergewaltigung und Männerherrschaft. Fischer, Frankfurt a. M. 1980, ISBN 3-596-23712-2, S. 205.

Eine vielzitierte Beschreibung des Rheins als „der großen Völkermühle“ und als „der Kelter Europas“ gibt Carl Zuckmayer im ersten Akt seines Schauspiels Des Teufels General von 1946/1966, indem er sich über den Ariernachweis lustig macht und das Schicksal von Besatzungskindern glorifizierend ins Anekdotische wendet: „Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Und dann kam ein griechischer Arzt hinzu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist der natürliche Adel. Das ist ‚Rasse‘.“

20. Jahrhundert Unabhängig von zu Schwangerschaft führenden Vergewaltigungen sind Frauen, die sich mit dem „Feind“ einließen, im 20. Jahrhundert in Belgien, Dänemark, Deutschland (siehe auch Rheinlandbastard), Frankreich, Holland, Italien, auf Jersey, in Norwegen (vgl. Tyskerbarn) und Spanien (franquistische Soldaten vergewaltigten und schoren Frauen, denen sie Verbindungen mit den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg unterstellten) registriert und diskriminierender Rache unterworfen worden.Fabrice Virgili. Für die NS-Führung waren die Besatzungskinder eine nicht zu übersehende Tatsache, die in Nord- und Westeuropa wegen des „rassisch wertvollen“ Bevölkerungszuwachses begrüßt werden konnte. Als „rassisch unerwünscht“ galten hingegen zunächst Kinder aus deutsch-sowjetischen Verbindungen, ehe auch sie „als wertvoller Ersatz für die kriegsbedingt ausgefallenen Geburten“ erfasst werden sollten. Neben ihren russischen Vornamen sollten sie, wie den Juden die zusätzlichen Vornamen „Israel“ und „Sarah“ gegeben wurden, die Vornamen „Friedrich“ oder „Luise“ tragen. Wenig ist bisher darüber bekannt, wie die Sowjetunion mit den sowjetischen Gefährtinnen von Deutschen und ihren Kindern umging, außer dass sie in unbekannter Zahl nach Sibirien geschickt oder erschossen wurden. Frankreich hielt nach dem Ersten Weltkrieg das Rheinland und Teile von Hessen besetzt – auch durch schwarze Kolonialregimenter (siehe „Alliierte Rheinlandbesetzung“ und Ruhrbesetzung 1923). Wenn eine Frau ein schwarzes Baby gebar, wurde dies im Volksmund auch Rheinlandbastard oder „schwarze Schmach“ genannt.Digitales Archiv Hessen-Darmstadt: „Schwarze Schmach“ – durch französische Kolonialtruppen nach 1918. „es waren nie mehr als 25.000 farbige (überwiegend nordafrikanische) Soldaten eingesetzt. … Die schwarzen Kolonialtruppen aus Senegal mussten schon 1920 das Rheinland verlassen, weil sie das winterliche Klima dort nicht vertragen konnten.“

Wehrmachtskinder im Zweiten Weltkrieg Die Zahl der deutschen „Wehrmachtskinder“ zwischen 1939 und 1945 dürfte europaweit zwischen einer und zwei Millionen liegen.Ebba D. Drolshagen: Wehrmachtskinder. Auf der Suche nach dem nie gekannten Vater. Droemer, München 2005, S. 9. Auch: Kriegskinder in Europa.

Für Ebba D. Drolshagen ist der Begriff „Besatzungskind“ so sehr auf die deutsche und österreichische Nachkriegszeit fixiert, dass sie für die europaweit von deutschen und damit auch österreichischen und volksdeutschen Soldaten bis 1945 gezeugten Kinder den Begriff „Wehrmachtskinder“ vorzieht.Bericht in der Neuen Zürcher Zeitung über Kinder deutscher Soldaten im Ausland Denn die von manchen benutzte Bezeichnung Kriegskind trifft für sie den Sachverhalt auch nicht, weil damit jedes Kind gemeint ist, das in Kriegszeiten geboren wird oder heranwächst.

Dass sie zuerst 1998 mit ihrem Buch Nicht ungeschoren davonkommen und ausführlicher 2005 an die „Wehrmachtskinder“ erinnern musste, führt sie auf die lange aufrechterhaltene „Begriffsstutzigkeit“ der Deutschen zurück: „Die schlichte Wahrheit ist, dass wir Deutsche sozusagen mit ganz Europa versippt und verschwägert sind, denn wir haben überall Brüder und Schwestern, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen.“Ebba D. Drolshagen (2005), S. 11–13.

Belgien Die Zahl der Wehrmachtskinder in Belgien („Kuckuckskinder“) aus den Landesteilen Flandern und Wallonien wird auf 20.000 bis 40.000 geschätzt. Darunter sind auch die Kinder, die im Lebensbornheim „Foyer Ardennen“ in Wégimont bei Lüttich geboren wurden.Dreißig Besatzungskinder aus Belgien wollen berichten (französisch).

Das erste belgische Kriegskind, die 1942 geborene Belgierin Gerlinda Swillen,Gerlinda Swillen erhält deutsche Staatsbürgerschaft. In: Frankfurter Rundschau erhielt innerhalb dreier Monate nach Antragstellung im Juli 2010 die deutsche Staatsangehörigkeit.

Dänemark Die Zahl der Besatzungskinder in Dänemark wird auf 18.000 geschätzt.Thorsten Knuf: Kinder des Krieges. In: Berliner Zeitung, 5. Mai 2010, S. 3Danske Krigsboerns Forening

Finnland Finnland war seit seiner Unabhängigkeit nie fremdbesetzt. Die Zahl der finnischen Kinder, die als Vater einen in Finnland stationierten Wehrmachtssoldaten hatten, wird auf 4.000 geschätzt, diese wurden von 1940 bis 1946 geboren. Nach Kriegsende wurden die Kinder „versteckt“, weil sie unerwünscht waren.Arne Schrader und Maurice Bonkat: Abschied vom deutschen Vater. Aufruf der Wehrmachtskinder in Finnland. In: Frieden. Zeitschrift des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Oktober 2013, S. 36 bis 37 Es gibt einen Verein der Wehrmachtssoldatenkinder in Finnland.(en) (PDF; 9 kB) In Lappland, einer Region mit damals etwa 180.000 Einwohnern, waren mehr als 200.000 Wehrmachtsoldaten stationiert.FAZ.net Oktober 2014: Nicht mit dir! Finnische Truppen kämpften im Fortsetzungskrieg (1941–44) an der Seite von Wehrmacht-Truppen, die teils in Finnland stationiert waren.

Frankreich Die Zahl der Wehrmachtskinder und Kinder deutscher Kriegsgefangener in Frankreich in den Jahren von 1941 bis 1949 wird auf 75.000–200.000 geschätzt.Bericht und Zahlen über die Besatzungskinder des Zweiten Weltkriegs in Europa (französisch)Armin Hass: Forschen und versöhnen. Geschichten über Kriegskinder und den verlorenen Großonkel Joseph. In: Arolser Zeitung, 13. Oktober 2011.

Inzwischen kann zum Beispiel für Frankreich nach Jahrzehnten des Beschweigens (Tabu) festgestellt werden, dass sich der Status der Frauen, die der Horizontalen Kollaboration bezichtigt wurden, und ihrer als „Enfants maudits“ (verdammte Kinder) oder „Bâtards de Boche“ (Bastarde eines Boche) verunglimpften Kinder sehr verändert hat: aus schwarzen Schafen wurden Opfer.Das Schweigen der Lämmer. In den in Frankreich sehr verbreiteten Comics wurde 2009 ein zweibändiger Titel „L’Enfant Maudit“ veröffentlicht.Besatzungskind im französischen Comic.

Seit 2005 gibt es den Verein „Amicale Nationale des Enfants de la Guerre“ (A.N.E.G.). Er hat sich in seiner Satzung der Hauptaufgabe gestellt, den Besatzungskindern einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters bei der Suche nach ihren Wurzeln zu helfen. Ferner haben sich seine Mitglieder auch die Aufgabe gestellt, sich um die Besatzungskinder zu kümmern, die einen französischen Vater und eine deutsche Mutter haben. Diese wurden in der Regel nach 1945 gezeugt, als französische Soldaten die Französische Besatzungszone inklusive des Saarlands besetzt hielten.Nationaler (französischer) Verein der Kriegskinder e. V. (A.N.E.G.).