Philémon et Baucis (deutsch: Philemon und Baucis) ist eine Opéra-comique von Charles Gounod (Musik) mit einem Libretto von Jules Barbier und Michel Carré. Der Text basiert auf Jean de La Fontaines Fabel Philémon et Baucis, die eine Episode aus Ovids Metamorphosen verarbeitet. Die Erstfassung in drei Akten wurde am 18. Februar 1860 im Théâtre-Lyrique in Paris uraufgeführt. Die zweiaktige Zweitfassung erlebte ihre Uraufführung am 16. Mai 1876 in der dortigen Opéra-Comique.

Handlung

Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Libretto der dreiaktigen Urfassung von 1860.

Die Oper spielt zu mythischer Zeit. Der Gott Jupiter hat sich zusammen mit dem Schmiedegott Vulcain auf die Erde nach Phrygien begeben, um das gottlose Verhalten der dortigen Menschen zu strafen. In einer Hütte treffen sie auf das alte Ehepaar Philémon und Baucis, die sie freundlich bewirten und von ihrem Glück erzählen, sich noch immer wie in ihrer Jugendzeit zu lieben. Jupiter verspricht, sie bei seiner Strafaktion zu verschonen, und versetzt sie in tiefen Schlaf. Im später gestrichenen zweiten Akt feiern junge Leute im Jupitertempel eine blasphemische Orgie, bei der eine Bacchantin die Stimmung anheizt. Sie ignorieren eine Warnung Vulcains, bevor sie von Jupiter in die ewige Nacht verdammt werden. Als Philémon und Baucis zu Beginn des dritten Akts erwachen, stellen sie fest, dass Jupiter ihre Hütte in einen Palast verwandelt und sie selbst verjüngt hat. Jupiter ist jedoch von Baucis wiedergewonnener Schönheit so fasziniert, dass er versucht, sie zu verführen. Da Philémon eifersüchtig wird, kommt es zum Streit zwischen den Ehegatten. Baucis kann die Situation retten, indem sie Jupiter ein Liebesabenteuer verspricht, sofern er ihr einen letzten Wunsch erfüllt: Er soll sie zuvor in eine alte Frau zurückverwandeln. Jupiter gibt sich geschlagen, und das Paar versöhnt sich wieder.

Erster Akt

In der Hütte von Philémon und Baucis

Szene 1. Die Ehegatten Philémon und Baucis sind nach einem langen Leben ohne Reichtum trotz aller altersbedingten Gebrechen glücklich und wie am ersten Tag ineinander verliebt (Duett: „Du repos voici l’heure“). Sie denken gern an ihre Jugend zurück. Sorgen macht ihnen jedoch das Treiben der heutigen jungen Leute, die in den Tempeln über die Götter lästern und kürzlich den Götterboten Mercure persönlich verhöhnten. Wie zur Bestätigung zieht in diesem Moment eine Gruppe Bacchanten an der Hütte vorbei (Chor: „Filles d’Athor, folles Bacchantes“). Anschließend geht Baucis hinaus, um das Abendessen zu bereiten.

Szene 2. Allein in der Hütte zündet Philémon eine Lampe an und kümmert sich um das Kaminfeuer. Ein Gewitter naht. Es klopft an der Tür. Philémon öffnet, und die Götter Jupiter und Vulcain erscheinen inkognito in schlichter Kleidung an der Schwelle.

Szene 3. Da Jupiter Philémon um Gastfreundschaft und Schutz vor dem Sturm bittet, heißt der alte Mann die beiden willkommen (Terzett: „Étrangers sur ces bords“). Vulcain schimpft übel gelaunt über die Windgötter Borée und Éole. Philémon mahnt ihn, die Götter nicht zu beleidigen. Er entfernt sich, um Baucis zu holen.

Szene 4. Ein Gespräch zwischen Jupiter und Vulcain erhellt die Hintergründe für ihren Besuch in Phrygien: Der Götterbote Mercure hat von der Gottlosigkeit der Einwohner berichtet, und Jupiter will prüfen, ob das der Wahrheit entspricht, und die Schuldigen bestrafen. Vulcain war mit Mars in Streit geraten, da die von beiden verehrte Venus letzteren vorzog. Seitdem fühlte er sich von den anderen Göttern verhöhnt und nahm nicht mehr am Göttermahl teil. Stattdessen blieb er in seiner Schmiede, wo er wie ein König herrschen kann (Couplets: „Au bruit des lourds marteaux“). Da sich Mercure noch von der letzten Reise erholt und Vulcain auf andere Gedanken kommen muss, befahl ihm Jupiter, ihn auf die Erde zu begleiten. Er mahnt ihn, die Sache mit Mercure und Venus nicht zu ernst zu nehmen, da Venus nun einmal „von leichtem Sinne“ sei (Ariette: „Hé quoi? parce que Mercure“).

Szene 5. Baucis bringt den Gästen frische Ziegenmilch und teilt ihnen mit, dass Philémon noch Früchte sammle. Sie erklärt, dass sie dank der Güte Amors trotz ihrer Armut vollkommen glücklich sei (Mélodrame). Sie bedauere nur, dass sie ihr Leben nicht noch ein weiteres Mal mit demselben Ehemann von neuem beginnen könne (Romanze: „Ah! si je redevenais belle“).

Szene 6. Jetzt kommt auch Philémon mit den Früchten und einem Krug Wasser hinzu, und das Gastmahl beginnt (Quartettino: „Prenez place à la table“). Baucis erzählt zur Verdeutlichung ihres Glücks die Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus. Als sie Jupiter Wasser einschenken will, stellt sie fest, dass der Krug leer ist. Daraufhin füllt Jupiter ihn durch seine Zauberkraft mit Wein. Die alten Leute erkennen jetzt, mit wem sie es zu tun haben. Sie werfen sich den Göttern zu Füßen. Jupiter verspricht ihnen, dass sie nichts zu befürchten haben und er sie bei seiner Strafaktion verschonen werde. Damit sie nichts davon mitbekommen, versetzt er sie in tiefen Schlaf (Finale: „Allons! triste buveur“, fehlt im Libretto von 1860).

Zweiter Akt

Ein vom Mond beschienener Jupiter-Tempel

Szene 1. Junge Leute feiern im Tempel eine wilde Orgie und besingen die Liebe (Chor: „Dans l’ombre de la nuit“)

Szene 2. Bacchanten mischen sich unter die Anwesenden. Eine Bacchantin stachelt die Teilnehmer an, die Müdigkeit zu verscheuchen, weiter zu feiern und die Götter zu verhöhnen (Strophen: „Place au chœur des bacchantes“). Sie tanzen (Chor der Bacchanten: „Filles d’Athor“, fehlt im Libretto von 1860).

Szene 3. Das Erscheinen Vulcains unterbricht die Feier (Szene und Chor: „Arrêtez!“). Er droht mit der Rache Jupiters. Die Feiernden nehmen ihn jedoch nicht ernst, verhöhnen ihn und werfen ihn hinaus.

Szene 4. Die Feier geht weiter. Erneut werden die Götter gelästert (Chor: „Nous chantons aux lueurs“).

Szene 5. Jupiter verdammt die Gotteslästerer wütend in die ewige Nacht (Finale: „Jupiter!!!“).

Dritter Akt

Ein Palast

mini|Dritter Akt, Palast von Philémon und Baucis, Théatre-Lyrique 1861

Szene 1. Während Philémon und Baucis schliefen, hat Jupiter ihre ärmliche Hütte in einen prächtigen Palast verwandelt. Baucis erwacht als erste und ist verwundert über diese Veränderung (Ariette: „Philémon m’aimerait encore“). Noch größer ist ihr Erstaunen, als sie den jungen Mann neben sich im Bett entdeckt und feststellt, dass es sich um den verjüngten Philémon handelt. In einem Spiegel erkennt sie, dass auch sie selbst wieder jung und schön ist. Überglücklich weckt sie ihren Gatten (Duett: „Philémon! Philémon!“). Nachdem dieser seine Verwirrung überwunden hat, fallen sich die beiden in die Arme. Sie wissen, dass sie dieses Wunder Jupiter zu verdanken haben. Allerdings sorgt sich Baucis um die anderen Phrygier, die er für ihre Gottlosigkeit strafen wollte. Jetzt will sie aber ihre neu gewonnene Jugend nutzen. Sie läuft hinaus und fordert Philémon auf, sie zu fangen, wenn er sie küssen will.

Szene 2. Als Philémon Baucis folgen will, wird er an der Türschwelle von Vulcain aufgehalten. Dieser misstraut allen Frauen und rät Philémon, mit seinem Dank zu warten, bis Baucis wieder alt geworden ist. Philémon versichert ihm, dass sie ihn immer noch unverändert liebe. Er wünscht Vulcain, einmal dasselbe Glück erfahren zu dürfen. Philémon geht hinaus.

Szene 3. Jupiter erkundigt sich bei Vulcain, wie das Paar die Verwandlung aufgenommen hat. Besonders interessiert ihn die wiedergewonnene Schönheit Baucis’. Die beiden betrachten die junge Frau aus der Ferne, und Jupiter ist begeistert (Couplets: „Vénus même n’est pas plus belle!“). Da er sie sofort verführen will, bittet er Vulcain, Philémon solange abzulenken. Vulcain gehorcht nur widerstrebend.

Szene 4. Baucis stellt fest, dass Philémon ihr nicht folgen konnte (Arie: „Il a perdu ma trace“). Sie lässt sich für eine Weile nieder, um die Natur zu genießen („O riante nature“).

Szene 5. Jupiter versucht, Baucis mit Schmeicheleien zu umgarnen (Duett: „Relevez-vous jeune mortelle“). Da sie sich nicht gegen einen Gott zu wehren wagt, lässt sie eine Umarmung zu, denkt dabei aber nur an ihre Liebe zu Philémon.

Szene 6. Philémon überrascht die beiden und reagiert extrem eifersüchtig. Jupiter beschimpft ihn als niederträchtigen Bauern und zieht sich zurück.

Szene 7. Baucis kann Philémon nicht besänftigen. Sie geraten in Streit.

Szene 8. Vulcain versucht vergeblich, den Frieden zwischen den beiden wiederherzustellen, indem er sie darauf hinweist, dass es auch im Himmel flüchtige Liebesabenteuer gebe (Terzett: „Qu’est-ce donc? qu’avez vous“). Philémon wirft Vulcain eine Statuette Jupiters vor die Füße und verlässt Baucis mit den Worten, dass er sie diesem überlasse.

Szene 9. Baucis ist verzweifelt über diese Entwicklung. Sie erklärt Vulcain, dass Jupiter sie niemals über den Verlust Philémons hinwegtrösten könne. Vulcain stellt fest, dass ihre Tränen echt sind. So wie sie würde Venus niemals reden. Er verspricht Baucis, Philémon zurückzubringen.

Szene 10. Jupiter macht Baucis erneut den Hof. Diesmal verspricht sie ihm einen Kuss, wenn er verspricht, ihr noch einen weiteren Wunsch zu erfüllen. Er schwört es ihr beim Styx. Daraufhin verlangt sie, wieder in eine alte Frau verwandelt zu werden (Romanze und Finale: „Sous le poids de l’âge“).

Szene 11. Noch während Baucis ihren Wunsch ausspricht, erscheinen im Hintergrund Vulcain und Philémon und beobachten das Geschehen. Jupiter weiß nun, dass er verloren hat. Er verzichtet auf das Liebesabenteuer mit Baucis und lässt ihr auch ihre Jugend. Außerdem schwört er beim Styx, nie wieder leichtfertig beim Styx zu schwören. Das wieder vereinte Paar fällt dankbar auf die Knie, und die beiden Götter verabschieden sich.

Gestaltung

Orchester

Die Orchesterbesetzung der Oper enthält in der Erstfassung die folgenden Instrumente:

Holzbläser: zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, Trompete, Piston, drei Posaunen Pauken, Schlagzeug: Triangel, große Trommel, Amboss, Harfe Streicher Bühnenmusik: Piccoloflöte, Flöte, zwei Oboen, zwei Harfen, Schlagzeug (Triangel, Tambour de basque), Klavier vierhändig

Musiknummern

Der gedruckte zeitgenössische Klavierauszug enthält die folgenden Musiknummern (in Klammern die Position im Libretto von 1860, sofern vorhanden):

Erster Akt Introduction pastorale Nr. 1. Duett (Baucis, Philémon): „Du repos voici l’heure“ (I.1) Nr. 2. Chor: „Filles d’Athor, folles Bacchantes“ (I.1) Orage (Gewitter, I.2) Nr. 3. Terzett (Philémon, Jupiter, Vulcain): „Étrangers sur ces bords“ (I.3) Nr. 4. Couplets (Vulcain): „Au bruit des lourds marteaux“ (I.4) Nr. 5. Ariette (Jupiter): „Hé quoi? parce que Mercure“ (I.4) Nr. 5.bis Mélodrame (I.5) Nr. 6. Romanze (Baucis): „Ah! si je redevenais belle“ (I.5) Nr. 7. Quartettino (Baucis): „Prenez place à la table“ (I.6) Nr. 8. Finale (Baucis, Philémon, Jupiter, Vulcain): „Allons! triste buveur“ (fehlt)

Zweiter Akt Nr. 9. Zwischenaktmusik und Tanz der Bacchanten (II.2) Nr. 10. Ariette (Baucis): „Philémon m’aimerait encore“ (III.1) Nr. 11. Duett (Baucis, Philémon): „Philémon! Philémon!“ (III.1) Nr. 12. Couplets (Jupiter): „Vénus même n’est pas plus belle!“ (III.3) Nr. 13. Arie (Baucis): „Il a perdu ma trace“ (III.4) Nr. 14. Duett (Baucis, Jupiter): „Relevez-vous jeune mortelle“ (III.5) Nr. 15. Terzett (Baucis, Philémon, Vulcain): „Qu’est-ce donc? qu’avez vous“ (III.8) Nr. 16. Romanze (Baucis) und Finale: „Sous le poids de l’âge“ (III.10)

Anhang A. Trinkchor: „Dans l’ombre de la nuit“ (II.1) B. Strophen: „Place au chœur des bacchantes“ (II.2) C. Chor der Bacchanten: „Filles d’Athor“ (fehlt) D. Szene und Chor: „Arrêtez!“ (II.3) E. Chor der Gotteslästerung: „Nous chantons aux lueurs“ (II.4) F. Finale: „Jupiter!!!“ (II.5)

Libretto

mini|Titelblatt des Librettos, Paris 1860