Die Landbewirtschaftungsgesellschaft Ukraine m.b.H. (LBGU) war eine deutsche Organisation, die während des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe hatte, die Landwirtschaft in der von der deutschen Wehrmacht besetzten Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik auszubeuten und ihre Erträge zum einen der Wehrmacht, zum anderen der deutschen Bevölkerung im Reichsgebiet zur Verfügung zu stellen.Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel: Hitler’s Brudervolk. The Dutch and the Colonization of Occupied Eastern Europe, 1939–1945. Routledge, New York/London 2015, S. 61 (). Sie war dem »Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete« (RMfdbO) unterstellt.
Vorgeschichte und Gründung Nur knapp zwei Monate nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion vom 22. Juni 1941 ordnete der Beauftragte für den Vierjahresplan, Reichsmarschall Hermann Göring, mit seinen Erlassen vom 12. und vom 17. September 1941Anordnung des Reichsmarschalls betr. Einrichtung von Landbewirtschaftungsgesellschaften im RKU und RKO vom 12. und 17. September 1941 sowie entsprechende Gesellschaftsverträge, Bundesarchiv, BA-MA, RW 31/144 (»Wirtschaftsstab Ost mit nachgeordnetem Bereich«). die Errichtung einer Landbewirtschaftungsgesellschaft in dem am 20. August 1941 gegründetenJörg Echternkamp: Chronologische Übersicht: Der Zweite Weltkrieg. Daten zum Ausbruch, Verlauf und Ende des Zweiten Weltkriegs. Bundeszentrale für politische Bildung, 30. April 2015, abgerufen am 1. Februar 2023. Reichskommissariat Ukraine (RKU) an. Er wies den Reichskommissar für die Ukraine Erich Koch an, dieser Landbewirtschaftungsgesellschaft die treuhänderische Verwaltung und Bewirtschaftung der nationalisierten landwirtschaftlichen Grundstücke und Betriebe zu übertragen, insbesondere der Staatsgüter (Sowchosen), Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS), Saatzuchtbetriebe und technischen Nebenbetriebe.
Der größere Teil der Ukraine unterstand nach seiner Besetzung durch die Wehrmacht von 1941 bis 1943/44 als Reichskommissariat Ukraine einer Zivilverwaltung durch das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Die ukrainische Hauptstadt Kiew war vom 19. September 1941 bis zur Rückeroberung durch die Rote Armee am 6. November 1943 deutsch besetzt.
Auf Anweisung von Erich Koch wurde durch Gesellschaftsvertrag vom 31. August 1942Erringung von Höchsterträgen – Die Landbewirtschaftungsgesellschaft Ukraine. In: Deutsche Zeitung in den Niederlanden. 3. Jg., Nr. 277, 12. März 1943, Rubrik-S. Wirtschaft und Arbeit (kb.nl [PDF; 4,5 MB; PDF-S. 6]). die Landbewirtschaftungsgesellschaft Ukraine m.b.H. als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) mit Hauptsitz im ukrainischen (ehemals ost-polnischen) Rovnovan Eek: Steunpunten in Europa’s Strijd. Op school bij de Nederlandsche boeren in Oekrajina. In: De Waag – algemeen cultureel, politiek en economisch weekblad voor Nederland. 7. Jg., Nr. 9, 5. März 1943, S. 136/137 (Scan – Delpher). im RKU gegründet.
Neben der LBGU bestand auch die Landbewirtschaftungsgesellschaft Ostland (LBGO), die im Reichskommissariat Ostland (RKO) die gleiche Funktion übernahm wie die LBGU in der Ukraine.
Die militärischen Wirtschaftsdienstellen (Wi-Dienststellen) der Wehrmacht übergaben diesen Landbewirtschaftungsgesellschaften in ihrem vorgelagerten Operationsgebiet die entsprechenden landwirtschaftlichen Grundstücke und Betriebe zur treuhänderischen Bewirtschaftung.
Struktur und Organisation der LBGU
Räumliche Gliederung Hauptsitz der LBGU war in Riwne (Rowno, Ukraine), also am Hauptsitz des Reichskommissariates Ukraine, ferner existierten Stützpunkte der LBGU in Nikolayev (Ukraine), in Kiew (Ukraine) und in Tarnów (Polen).Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel: Hitler’s Brudervolk. The Dutch and the Colonization of Occupied Eastern Europe, 1939–1945. Routledge, New York/London 2015, ISBN 978-1-317-62248-2, Index, S. 203 ff. ().
Der Zentralstelle der LBGU in Riwne unterstanden ihre sechs Bezirksstellen, die jeweils für das Gebiet eines Generalbezirks des Reichskommissariates Ukraine zuständig waren. Es gab also LBGU-Bezirksstellen in (von Westen nach Osten): Wolhynien und Podolien Shitomir Kiew Nikolajew Dnjepropretrowsk Krim (Teilbezirk Taurien)
Den sechs Bezirksstellen und ihren fünf Nebenstellen unterstanden die Gebietsstellen und die Kreisstellen. Unterhalb der Kreisstellen folgten die Stützpunkte für allgemeine landwirtschaftliche Betriebe und die Oberleitungen der Staatsgüter. Anfang des Jahres 1943 unterstanden der LBGU 1912 Stützpunkte, die durchschnittlich etwa 10–12.000 ha umfassten, sowie 274 Oberleitungen mit einer Größe von 6–15.000 ha im Durchschnitt. Mit Stand vom 1. Juli 1943 unterhielt die LBGU 114 Gebietsstellen, 431 Kreisstellen, 2870 Stützpunkte und 400 Oberleitungen.Trial of the major war criminals before the International Military Tribunal, Nuremberg, 14 November 1945–1 October 1946. Vol. XXV, 327-PS, S. 358/359, Schreiben von Alfred Rosenberg an den NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann, DRMfdbO. II 1 c 1183 /44 g. Berlin, 17. Oktober 1944, Betr.: Maßnahmen gegen zivile Etappe. Ihr Rundschreiben Nr. 309144 vom 9. Oktober 1944, hier: Anlage / Seite 3 des Anhangs, (Exhibit USA-338); S. 357 ().
Nach dem Ende April / Anfang Mai 1944 abgeschlossenen Rückzug der Deutschen aus der Ukraine befand sich die letzte Dienststelle der LBGU offenbar in Ostrava (Mährisch-Ostrau) in Tschechien.
Funktionale Gliederung Funktional war die LBGU als Gesellschaft mit beschränkter Haftung in den Verwaltungsrat, die Gesellschafterversammlung und die Zentralgeschäftsstelle gegliedert.
An der Spitze des Verwaltungsrates stand der Leiter der Hauptabteilung Ernährung und Landwirtschaft beim Reichskommissariat Ukraine, der sächsische Landesbauernführer Hellmut Körner. Dessen Vorgesetzter war der Reichskommissar für die Ukraine und NSDAP-Gauleiter Erich Koch. Dem Verwaltungsrat gehörten weitere Landwirtschaftsfunktionäre an.
Die Zentralgeschäftsstelle gliedert sich auf in die zwei Gruppen „Landwirtschaft“ und „Verwaltung“. Die Gruppe „Landwirtschaft“ bestand aus vier Zentralabteilungen, die Gruppe Verwaltung aus drei Zentralabteilungen. Außerdem unterstanden der Zentralgeschäftsstelle die vier Hauptabteilungen „Allgemeine Betriebe“, „Staatsgüter“, „Saatzuchten“ und „Maschinen-Traktoren-Stationen“ (MTS).
Aufgaben und Tätigkeit der LBGU Die LBGU hatte gemäß ihrem Gesellschaftsvertrag vom 31. August 1942 und der Einweisungsverordnung des Reichskommissars für die Ukraine zwei Aufgaben: Ihre erste Aufgabe bestand in der Leitung und Bewirtschaftung der ehemals sowjetischen Staatsgüter (ehemalige Sowchosen), Saatzuchtbetriebe, Motoren-Traktoren-Stationen und Meisterwerkstätten, ihre zweite Aufgabe in der Lenkung der landwirtschaftlichen Produktion in den Gemeinwirtschaften, Landbaugenossenschaften (ehemalige Kolchosen) und den wiedergeschaffenen (entkollektivierten) landwirtschaftlichen Einzelhöfen. Über Gemeinwirtschaften und Landbaugenossenschaften hatte die LBGU ein weitreichendes Weisungsrecht.Landbewirtschaftungsgesellschaft Ukraine. Ein Instrument des agrarischen Wiederaufbaus. In: Revaler Zeitung, 1. April 1943, S. 7 (digar.ee).
Die Anzahl der von der LBGU verwalteten Betriebe (mit Stand vom 1. Juli 1943) beziffert der Leiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, in einem Schreiben an den Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP, Martin Bormann, vom 17. Oktober 1944, wie folgt:
Einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1942 zufolge gab es in der Ukraine 2.215 Staatsgüterbetriebe von sehr unterschiedlicher Größe; die größten Staatsbetriebe sollen demnach Anbauflächen von bis zu 80.000 Hektar gehabt haben, ihre Durchschnittsgröße soll bei etwa 2.850 Hektar gelegen haben.Musterwirtschaften der Zukunft. In der Ukraine gibt es 2215 Staatsgüterbetriebe. In: Deutsche Zeitung in den Niederlanden. Nr. 165, 16. November 1942, Rubrik-S. Wirtschaft und Arbeit (Scan – Delpher).
Die von der LBGU verwalteten landwirtschaftlichen Betriebe mussten ihre Erzeugnisse – mit Ausnahme des Saatgutes und der unmittelbar von ihnen selbst benötigten Güter – an die Zentralhandelsgesellschaft Ost für landwirtschaftlichen Absatz und Bedarf (ZO) liefern. Als Abgabepunkte für diese landwirtschaftlichen Erzeugnisse wurden so genannte Sagots (Ankaufstellen) aus sowjetischer Zeit weiterverwendet. Die landwirtschaftlichen Betriebe erhielten von den Sagots eine Quittung für die eingelieferten Produkte, für die sie wiederum ein entsprechendes Guthaben auf ihrem Bankkonto gutgeschrieben bekamen.Institut für Zeitgeschichte München-Berlin: Zeugenschrifttum Online. ZS 1007, Bavendamm, Dr. Hans, APO 696-A, Interrogation Summary No. 2719 vom 3. Juli 1947 (Vernehmungsprotokoll; ifz-muenchen.de [PDF; 2,0 MB; S. 8]).
Finanzierung der LBGU Die LBGU hatte das Recht, von den von ihr „betreuten“ landwirtschaftlichen Betrieben eine so genannte Verwaltungskostenumlage zu erheben. Außerdem erzielte sie laufende Einnahmen aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Güter.
Niederländische Kolonisten in der LBGU Die LBGU war in die Umsetzung des „Generalplans Ost“ zur „Umvolkung“ Mittel-Ost-Europas eingebunden,Wendy Lower, „Nazi Empire-Building and the Holocaust in Ukraine“, The University of North Carolina Press, Chapel Hill, Published in association with the United States Holocaust Memorial Museum, 2005, ISBN 0-8078-2960-9, 328 Seiten, S. 174, http://hauster.de/data/HolocaustUkraine.pdf der vorsah, die jüdische Bevölkerung der Ukraine zu töten, die slawische Bevölkerung der Ukraine zu unterjochen sowie nach militärstrategischen Gesichtspunkten „Volksdeutsche“ (Deutschstämmige) innerhalb der Ukraine umzusiedeln und „germanische“ (vor allem niederländische) Siedler in der Ukraine neu anzusiedeln.
Geführt wurde die LBGU überwiegend von deutschen Landwirten des Reichsnährstandes. Als Stützpunktleiter der LBGU wurden vereinzelt auch niederländische Siedler eingesetzt, die von der Nederlandsche Oost Compagnie (NOC) in die Ukraine vermittelt wurden.Rolf-Dieter Müller (Hrsg.): Die deutsche Wirtschaftspolitik in den besetzten sowjetischen Gebieten 1941–1943: der Abschlußbericht des Wirtschaftsstabes Ost und Aufzeichnungen eines Angehörigen des Wirtschaftskommandos Kiew (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts. Band 57). Boldt, Boppard am Rhein 1991, ISBN 3-7646-1905-8, S. 140, (osmikon.de).Siehe auch: Geraldien von Frijtag Drabbe Künzel: Hitler’s Brudervolk. The Dutch and the Colonization of Occupied Eastern Europe, 1939–1945. Routledge, New York/London 2015, ISBN 978-1-317-62248-2 ().