mini|Stadtmitte Selbitz mini|Schloss Neuhaus

Selbitz (fränkisch: SelbedsJaques Crevorcel: Sedda und sedda - Gschichdla und Verschla und nuchawos in unnera Spraouch, 3. Ausgabe 2004, S. 77) ist eine Stadt im oberfränkischen Landkreis Hof in Bayern und liegt im Frankenwald, etwa 14 Kilometer westlich der Stadt Hof.

Ortsname Der Ortsname ist belegt mit „Seilbitz“ (1358),W.-A. v. Reitzenstein: Lexikon fränkischer Ortsnamen, S. 207. „Selbitz“ (1367), „Selwitz“ (1374), „Selwicz“ und „Selbitz“ (1386), „Selbicz“ (1388), „Schelwitz“ (1401), „Selwitz“ (1407), „Selwicz“ (1421) und ab dem 15. Jahrhundert „Selbitz“.

Die Bezeichnung stammt entweder vom Gewässernamen Želvьnica (für Schildkrötenbach), wofür das westslawische Wort Žely (für Schildkröte) als Basis diente, oder vom Wort Zělwina (für die Grüne) ab.Maas, S. 205. Damit und wegen der Endung -itz ist der Ortsname ein Relikt der Westslawen, die sich vor allem im 6. Jahrhundert bei einer Siedlungswelle im heutigen Oberfranken (daraufhin auch als terra slavorum bezeichnet) niederließen.Gewusst?, Nürnberger Nachrichten, 9. Dezember 2006.

Die Einwohner tragen den Spitznamen „Bockpfeifer“. Diese Bezeichnung ist etwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, da die Selbitzer häufig als Bettelmusikanten in der Gegend unterwegs waren und dabei eine Bockpfeife (Dudelsack) spielten.Der Selbitzer Bockpfeifer, #1/1970, S. 1–4, 10. Januar 1970. Die Benennung ist in Selbitz häufig anzutreffen, so gibt es zum Beispiel eine Gaststätte,Gaststätte Bockpfeifer, abgerufen am 24. Juli 2011 einen Fanclub,FCN Fanclub Bockpfeifer, abgerufen am 24. Juli 2011. einen Wanderweg, abgerufen am 24. Juli 2011. und den Brunnen am Rathaus, deren Namensbestandteil Bockpfeifer ist. Auch im Stadtwappen und im Titel des ehemaligen Heimatblattes Der Selbitzer Bockpfeifer taucht die Figur auf.

Geografie Geografische Lage Die Stadt liegt am gleichnamigen Fluss Selbitz, der den Ort von Süd nach Nord durchfließt. Im Stadtgebiet mündet auch der aus südöstlicher Richtung kommende Rothenbach. Selbitz liegt im Bayerischen Vogtland und am östlichen Rand des Naturparks Frankenwald.

Nachbargemeinden Angrenzende Gemeinden sind:

Gemeindegliederung Die Gemeinde Selbitz hat 17 Gemeindeteile; in Klammern sind die Siedlungstypen und die Einwohnerzahlen mit Stand 8. Juni 2021 angegeben:

Auf dem Gemeindegebiet liegt die Einöde Wiesenhaus und die Wüstung Stegmühle.

Es gibt auf dem Gemeindegebiet die Gemarkungen Dörnthal, Neuhaus, Rodesgrün, Selbitz und Weidesgrün. Die Gemarkung Selbitz hat eine Fläche von 9,404 km² und ist in 2935 Flurstücke aufgeteilt, die eine durchschnittliche Fläche von 3204 m² haben. In ihr liegen die Gemeindeteile Föhrighaus, Hüttungshaus, Kreuzbühl und Schertlas.

Geschichte Selbitz war seit 1388 im Besitz der Burggrafen von Nürnberg, die den Ort häufig als Lehen weitergaben. Dem späteren Amt des seit 1792 preußischen Fürstentums Bayreuth wurde am 16. Mai 1783 das Marktrecht verliehen. Selbitz besaß wichtige magistratische Eigenrechte. Die Marktgemeinde fiel im Frieden von Tilsit 1807 an Frankreich und kam 1810 zu Bayern. Im Zuge der Verwaltungsreformen in Bayern entstand mit dem Gemeindeedikt von 1818 die heutige Gemeinde. Am 26. Oktober 1954 wurde dem Markt Selbitz die Bezeichnung Stadt verliehen.

Dreißigjähriger Krieg Da sich Markgraf Christian in den ersten 13 Jahren des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) neutral verhielt, blieb die Gegend um Selbitz weitgehend vom Krieg verschont. 1632 schloss er ein Bündnis mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf, wodurch der Krieg auch nach Selbitz kam. Am 11. Oktober 1632 wurde die Stadtkirche von Kroaten in Brand gesteckt, das Pfarrhaus, die Schule und weitere Wohnhäuser und Scheunen wurden ebenfalls zerstört. Außerdem gingen dabei die Kirchenbücher verloren.Evangelische Kirche im Frankenwald. Verlag der Ev.-Luth. Mission Erlangen, Erlangen 1990, S. 119.

Bierkrieg zwischen Naila und Selbitz Am 11. April 1778 wurde die ehemals reußische Selbitzer Brauerei an die Nailaer bürgerliche Braugenossenschaft verkauft, ohne vorher die Bevölkerung davon in Kenntnis zu setzen. Das hatte zur Folge, dass auch Bier aus Naila nach Selbitz geliefert werden durfte. Als am 13. April 1778 die ersten Fässer nach Selbitz gebracht werden sollten, wurde der Transport zunächst von General von Reitzenstein, Besitzer der zweiten Selbitzer Brauerei, Heinrich Beyer, Bürgermeister, und Georg Christoph Dittmar, Schöffe und Bäcker, aufgehalten, durfte aber später doch passieren, wobei ein Fass direkt ins Wirtshaus, die übrigen in einen Keller geliefert wurden. Diese wurden zwei Tage später durch den Bürgermeister und den Schöffen zerstört. Als am 24. April erneut eine Lieferung nach Selbitz unterwegs war, stoppten Beyer und Dittmar auch diese, worauf beide verhaftet wurden, aber zunächst mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung fliehen konnten. Am 6. Mai wurden beide zu Hause verhaftet und zur Gerichtsverhandlung nach Hof gebracht.Der Selbitzer Bockpfeifer. Wiesenfestsondernummer/1959, 18. Juli 1959, S. 1–3. Dort wurden sie zu je sechs Wochen Gefängnis wegen Beschädigung fremden Eigentums, Befehlsverweigerung und Vergeudung von Gerstensaft verurteilt.Der Selbitzer Bockpfeifer. #25/1959, 12. Dezember 1959, S. 1–4.

Obwohl die Selbitzer den Prozess und damit den Bierkrieg verloren, wird bei dem seit 1834 jährlich stattfindenden Heimat- und Wiesenfest in Ermangelung einer eigenen Brauerei Bier aus Naila ausgeschenkt. Ebenso wird bei dem Fest seit 1959 im Anschluss an den Festzug die Gerichtsverhandlung von Kindern und Jugendlichen auf der Rathaustreppe nachgespielt (Wiesenfestspiel).

Verwaltungsgeschichte Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bestand Selbitz aus 128 Anwesen, einer Kirche, einer Schule, einem Brauhaus und einer Zollstätte. Die Hochgerichtsbarkeit sowie die Dorf- und Gemeindeherrschaft hatte das bayreuthische Verwaltungsamt Selbitz. Grundherren waren das Vogteiamt Selbitz: 1 Badstube; für die ehemals reußischen Güter (58 Anwesen): 1 ehemaliges Schloss, 7 Halbhöfe, 1 Hof, 7 Häuser, 28 Tropfhäuser, 1 Herberge mit Schankrecht, 1 Mühle, 9 Herbergen, 2 halbe Herbergen, 1 Gütlein; für die ehemals reitzensteinischen Güter (67 Anwesen): 1 ehemaliges Schloss, 1 Schafhaus, 1 Gut, 7 Halbhöfe, 5 Herbergen, 1 Mühle; 1 Wirtshaus, 7 Häuser, 4 „Fischgütlein“, 37 Tropfhäuser, 1 halbe Herberge, 1 halbes Tropfhaus; das Gotteshaus Selbitz: 3 Sechstelhöfe.M. Körner: Naila, S. 306.

Von 1797 bis 1810 unterstand Selbitz dem Justiz- und Kammeramt Naila. Infolge des Ersten Gemeindeedikts wurde 1812 der Steuerdistrikt Selbitz gebildet. Zu diesem gehörten Dörnthal, Hüttung, Hüttungshaus, Kreuzbühl, Rothenbürg, Sellanger und Staudenhäuser. Zugleich entstand die Munizipalgemeinde Selbitz (Magistrat III. Klasse) mit den Orten Hüttungshaus und Kreuzbühl. Sie war in Verwaltung und Gerichtsbarkeit dem Landgericht Naila zugeordnet und in der Finanzverwaltung dem Rentamt Lichtenberg (1919 in Finanzamt Lichtenberg umbenannt, seit 1955 Finanzamt Naila). Ab 1862 gehörte Selbitz zum Bezirksamt Naila (1939 in Landkreis Naila umbenannt). Die Gerichtsbarkeit blieb beim Landgericht Naila (1879 in Amtsgericht Naila umgewandelt). 1964 hatte die Gemeinde eine Gebietsfläche von 9,381 km².

Gebietsreform Bei der Gebietsreform in Bayern wurden vier Gemeinden nach Selbitz eingemeindet: Dörnthal (mit Hüttung, Rothenbürg, Sellanger, Staudenhäuser, Stegenwaldhaus), Neuhaus (mit Edlasmühle, Wachholderbusch), Rodesgrün (mit Kohlbühl) am 1. April 1971 und Weidesgrün am 1. Mai 1978. Außerdem wurden am 1. Juli 1976 Gebietsteile der Nachbargemeinden Köditz und Leupoldsgrün mit damals jeweils weniger als 50 Einwohnern eingegliedert.

Im Zuge der Kreisgebietsreform kam der Landkreis Naila zusammen mit Selbitz am 1. Juli 1972 zum Landkreis Hof.

Einwohnerentwicklung Im Zeitraum 1988 bis 2018 sank die Einwohnerzahl von 4948 auf 4294 um 654 bzw. um 13,2 %. Am 31. Dezember 1994 hatte die Stadt 5048 Einwohner.

Gemeinde Selbitz Jahr 1819 1840 1852 1861 1867 1871 1875 1880 1885 1890 1895 1900 1905 1910 1919 1925 1933 1939 1946 1950 1961 1970 1987 2000 2010 2015 2022Einwohner 1108 1592 1624 1673 1681 1620 1586 1604 1836 1670 1720 1913 2009 2156 2233 2446 2823 2861 3698 3858 4174 4200 4981 4947 4507 4359 4249HäuserEs sind nur bewohnte Häuser angegeben. Von 1871 bis 2022 werden diese als Wohngebäude bezeichnet. 200 226 232 254 337 443 639 1273 1350 1373Quelle Für die Gemeinde Selbitz inklusive Heinrichsdorf (S. 48).

Ort Selbitz Jahr 1819 1861 1871 1885 1900 1925 1950 1961 1970 1987 2021Einwohner 1108 1653 1604 1813 1902 2437 3836 4156 4190 3696 3201Häuser 224 252 335 439 635 895 Quelle

Dokumentation der Stadtgeschichte Zur Dokumentation der Geschichte der heutigen Gemeinde Selbitz, tragen das Stadtarchiv im Rathaus und das Schulmuseum in der Grund- und Mittelschule bei. Des Weiteren wurde seit den 1950er Jahren der Selbitzer Bockpfeifer als Beilage des städtischen Bürgerblattes veröffentlicht, wobei die Vergangenheit von Selbitz, sowie Erlebnisse der Bevölkerung (laienhaft) beleuchtet wurden (→ Literatur).

Religion mini|Evangelisch-lutherische Kirche von Selbitz mit einem für die Gegend charakteristischen Schieferdach (2009) Der Großteil der Bevölkerung gehört der evangelisch-lutherischen Kirche an.Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Selbitz Daneben besitzen die evangelisch-methodistische Kirche sowie die römisch-katholische Kirche eigene Gotteshäuser.

Der Friedhof befindet sich etwas außerhalb der Stadt in der Brunnenstraße, nachdem der alte Friedhof an der evangelisch-lutherischen Pfarrkirche zu klein geworden war. Die Namen der Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege sind auf Tafeln an der Außenseite des Gotteshauses verzeichnet.Abbildungen der Stadtkirche in Selbitz, abgerufen am 8. Mai 2011.

Selbitz ist seit 1949 Sitz der Communität Christusbruderschaft Selbitz, einer Lebensgemeinschaft innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Das Gelände der Communität befindet sich auf dem Wildenberg, einer Anhöhe oberhalb des Ortes am Waldrand. Neben dem Ordenshaus befindet sich dort auch ein Gästehaus, das Haus der Begegnung und Einkehr. Im Walter-Hümmer-Haus betreibt die Christusbruderschaft Selbitz ein Altenheim und eine Arztpraxis, ebenfalls auf dem Wildenberg. Für verstorbene Mitglieder der Christusbruderschaft gibt es auf dem Wildenberg im Wald einen eigenen Friedhof.

Politik mini|Das Rathaus von Selbitz (2012) Bürgermeister mini|Seit 2026 führender Bürgermeister: Philip Hohberger Liste der Bürgermeister seit dem Zweiten Weltkrieg: 1945: Hans Kießling, eingesetzt von der US-Militärverwaltung 1945–1946: Hans Friedrich, eingesetzt von der US-Militärverwaltung 1946–1948: Georg Rank (Christlich-Demokratische Wählergruppe CDW) 1948–1952: Nikol Weber (CDW) 1952–1956: Josef Kohnen (SPD) 1956–1978: Adolf Thumser (Überparteiliche Wählergemeinschaft ÜWG) 1978–1990: Herbert Schmidt (Parteifreie Wähler PFW) 1990–2013: Klaus Adelt (SPD) 2013–2014: Karl-Heinz Färber (PFW), als zweiter Bürgermeister 2014–2026: Stefan Busch (PFW) seit 2026: Philip Hohberger (SPD)

Stadtrat Die vergangenen vier Kommunalwahlen führten in Selbitz zu den folgenden Sitzverteilungen im Stadtrat:

Partei / Liste 2002 2008 2014 2020 CSU 7 5 5 5 SPD 8 6 4 4 Grüne – – – 1 Parteifreie Wähler (PFW) 3 3 5 4 Überparteiliche Wählergemeinschaft (ÜWG) 2 2 2 2 Summe 20 16 16 16

Bundestag, Landtag, Bezirkstag und Kreistag Selbitz liegt bei Bundestagswahlen im Wahlkreis Hof (Wahlkreis 239), der neben dem Landkreis Hof die Stadt Hof sowie den Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge umfasst. Bei der Wahl 2013 direkt gewählter Abgeordneter ist Hans-Peter Friedrich (CSU). Daneben gehören aus dem Wahlkreis auch Petra Ernstberger (SPD), Silke Launert (CSU) und Elisabeth Scharfenberg (Grüne) dem Deutschen Bundestag (631 Mitglieder) an.