Friedrich Julius Freund (* 4. Januar 1898 in Darmstadt; † 18. Mai 1944 in Auschwitz), oft auch Fritz Freund, war ein deutscher Rechtsanwalt aus Darmstadt und Cousin des ebenfalls von den Nazis ermordeten jüdischen Kunsthistorikers Karl Freund (1882–1943). Nach nationalsozialistischen Verfolgungen in Darmstadt übersiedelte Friedrich Freund 1937 mit seiner Frau Hilde (geborene Nickelsburg, * 9. September 1901 in Worms; † 18. Mai 1944 in Auschwitz) nach Berlin. 1943 wurden beide zuerst ins Ghetto Theresienstadt deportiert und anschließend zur Ermordung nach Auschwitz. An sie erinnern Stolpersteine in der Mommsenstr. 52 in Berlin-Charlottenburg. mini|Stolperstein Friedrich Freund mini|Stolperstein Hilde Freund

Jugend und Ausbildung Friedrich Freund war der Sohn des Kaufmanns Carl Freund (19. September 1868 in Feudenheim; † 3. Februar 1936 in Darmstadt) und der mit ihm seit dem 14. April 1896 verheirateten Anna Amalie Friedberger (* 25. September 1873 in Laubenheim; † 14. Juni 1914 in Darmstadt).Soweit in dem nachfolgenden Artikel keine anderweitigen Quellen genannt werden, beruhen alle Angaben auf Elisabeth Krimmels Buch Freund ohne Freunde – Das Leben des Dr. Fritz Julius Freund (1898–1944). Vater Carl Freund war der Bruder des Pfungstädter Zigarrenfabrikanten Max Freund und war als Prokurist in dessen Firma für den Verkauf verantwortlich.

Carl Freund und seine Ehefrau Anna Amalie zogen nach ihrer Hochzeit von Pfungstadt nach Darmstadt, wo sie zunächst eine Wohnung in der Elisabethenstraße 54 bezogen. Hier wurde am 4. Januar 1898 Friedrich Julius Freund geboren.

Im Mai 1903 zog die Familie in die Landgraf-Philipps-Anlage 44. Hier wuchs Friedrich Freund auf und besuchte von 1905 an das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Alte Realgymnasium am Kapellplatz,Historie: Von der Darmstädter Realschule zur Georg-Büchner-Schule. gbs-darmstadt.de den Vorläufer der heutigen Georg-Büchner-Schule.

Am 14. Juni 1914 verstarb Anna Amalie Freund. Drei Jahre später bestand ihr Sohn an Ostern 1917 die Reifeprüfung.Friedrich Freund: Lebenslauf vom 17. III. 1921, Quelle: HStAD Dokumente zur Juristischen Ausbildung & Rückgabe der Zulassung als Rechtsanwalt Noch im April 1917 trat er dem Feldartillerieregiment Nr. 61 in Darmstadt bei und immatrikulierte sich parallel dazu für Jura an der Universität Frankfurt am Main. Kurze Zeit später wurde er zum Militärdienst eingezogen. Über seine Kriegsteilnahme schrieb er in seinem Lebenslauf von 1921: „Am 12. 6. kam ich ins Feld, wurde dort verwundet, kam nach Wiederherstellung zur Feldtruppe zurück und verblieb dort bis zum 5. Mai 1918, wo ich infolge Verschüttung und Gasvergiftung verschiedenen Lazaretten, zuletzt einem Heimatlazarett überwiesen wurde. Am 14. Dezember 1918 wurde ich aus dem Heeresdienst entlassen.“

Noch vor Friedrich Freunds Einberufung zum Militärdienst hatte dessen Vater ein zweites Mal geheiratet, und zwar am 12. April 1916 Erna Mathilde Alma Levi (* 23. Juni 1894 in Frankfurt am Main; † 23. Januar 1933 in Darmstadt). Aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor: Hildegard (verheiratete Shelton, * 26. März 1917 in Darmstadt; † 4. Dezember 1999 in London) und Hanna (verheiratete Tabori, * 4. Mai 1919 in Darmstadt; † 1969 in den USA).Hanna Freund war von 1942 bis 1953 mit George Tabori verheiratet. (Deutsche Biographie: Tabori, George)

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs studierte Friedrich Freund Jura an den Universitäten in Heidelberg und Gießen, bevor er zum Wintersemester 1920/1921 an die Universität Gießen wechselte. In Heidelberg war er auch Mitglied der Bavaria Heidelberg im Kartell-Convent, der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens, geworden. Mit seinem Wechsel nach Gießen trat er der dortigen Staufia Gießen bei.

Am 17. März 1921 beantragte Friedrich Freund die Zulassung zu der Mitte April stattfindenden juristischen Fakultätsprüfung. Am 11. Juni 1921 erhielt er vom Darmstädter Ministerium der Justiz die Mitteilung, „daß wir Sie nach im ganzen gut bestandener Fakultätsprüfung zum Vorbereitungsdienst bei dem Amtsgericht Darmstadt I zugelassen haben. Sie wollen sich demgemäß bei diesem Gericht zum Dienstantritt anmelden.“HStAD Dokumente zur Juristischen Ausbildung & Rückgabe der Zulassung als Rechtsanwalt Friedrich Freund wurde Referendar und befasste sich parallel dazu mit einer Dissertation. Ende 1922 wurde er mit einer Arbeit über das Wesen des Staates als Problem der Rechtswissenschaft und mit der Note cum laude in Gießen promoviert.

Nach Stationen bei Rechtsanwälten beendete Friedrich Freund 1924 seinen Vorbereitungsdienst und erhielt am 27. Juni 1924 die Mitteilung, dass er die Staatsprüfung „im ganzen gut“ bestanden habe. Am 25. Juli 1924 wurde er zum Gerichtsassessor ernannt. im November beantragte er die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft, die ihm am 4. Dezember 1924 für das „Landgericht der Provinz Starkenburg zu Darmstadt“ erteilt wurde. Im Januar 1925 eröffnete er seine Praxis in der Bismarckstraße 49 in Darmstadt. Er wohnte noch zu Hause bei Vater, Stiefmutter und Stiefschwestern und war für die von der Inflation stark in Mitleidenschaft gezogene Familie eine wichtige Stütze.

Anwalt in Darmstadt Friedrich Freund avancierte schnell zu einem bekannten Darmstädter Anwalt und spielte auch im gesellschaftlichen Leben eine Rolle.

In der Nähe seiner ersten Praxis erwarb Freund 1927 eine Villa in der Bismarckstraße 37, in der er seine Wohnung und seine Kanzlei einrichtete. Daneben kümmerte er sich weiterhin um seinen Vater und dessen Familie. Für eine Schwester seines Vaters, Hanna Kay, die nach dem Tod ihres Mannes aus New York nach Deutschland zurückgekehrt war, besorgte er 1932 in Berlin eine Wohnung in der Mommsenstraße 52, eine Adresse, die später auch in seinem Leben noch eine Rolle spielen sollte. Am 23. Januar 1933 starb unerwartet seine Stiefmutter, und Friedrich Freund kümmerte sich fortan um seine beiden Halbschwestern.

Am Abend des 30. Januar 1933 und auch in den Folgetagen gab es in Darmstadt nach der Machtübernahme der Nazis noch Demonstrationen und Flugblattaktionen von KPD und Eiserner Front. Bei einer dieser Veranstaltungen wurde Fritz Freund von SA-Rotten zusammengeschlagen. Ob er mit demonstriert hatte oder nur Zuschauer oder einfach nur ein „Passant“ war, ist nicht bekannt. Die Polizei nahm ihn in Schutzhaft, ohne die Familie von der Verhaftung zu unterrichten. Erst nach mehreren Tagen erfuhr sein Vater, was passiert war. Sofort ging er mit seiner Tochter Hanna zum Polizeipräsidium und redete so lange auf die Beamten ein, bis sie seinen Sohn freigaben.Elisabeth Krimmel: Freund ohne Freunde. S. 63 Am 5. März 1933 musste er zusammen mit dem Rechtsanwalt Ebo Rothschild, der in einer benachbarten Kanzlei arbeitete, alte Wahlplakate der Linksparteien in der Umgebung seines Hauses abkratzen.Hessisches Staatsarchiv Darmstadt: Klage Ebo Rothschilds gegen das Land Hessen wegen Reisekosten während der Emigration. Signatur H 12 DA 8766

Am 7. April 1933 verabschiedete der Reichstag das Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft, durch das den meisten jüdischen Anwälten in Deutschland die Ausübung ihres Berufes verboten wurde. Friedrich Freund war davon nicht unmittelbar betroffen, da er das Frontkämpferprivileg zuerkannt bekam. Er konnte seinen Beruf weiterhin ausüben, musste sich parallel dazu aber auch vermehrt um seine Familie kümmern. Nachdem am 25. April 1933 das Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen verabschiedet worden war, wurden die beiden 14- und 16-jährigen Halbschwestern sofort von der Eleonorenschule verwiesen. Friedrich Freund knüpfte erste Kontakte zur Vorbereitung einer Emigration der beiden.

Am 29. Juni 1933 wurde vom Darmstädter Generalstaatsanwalt gegen Friedrich Freund ein Ehrengerichtsverfahren eröffnet. Ihm wurden in früher Vorwegnahme der MeToo-Debatten sexuelle Belästigungen der drei in seiner Kanzlei tätigen Lehrmädchen vorgeworfen. Im August 1933 wurde ihm deshalb ein Verweis erteilt und er musste 500,-- RM Geldstrafe bezahlen.Als Quelle beruft sich Elisabeth Krimmel: Freund ohne Freunde. S. 71, auf die Akte HStAD G 21 B, Nr. 3383/1. Im Archivsystem des Landes Hessen wird jedoch nur eine Akte HStAD G 21 B, Nr. 3383/1–2 (siehe Quellen) ausgewiesen. In dieser existieren die von Krimmel angeführten Blätter nicht und es gibt dort auch keine anderweitigen Hinweise auf dieses Ehrengerichtsverfahren.

Im Sommer 1934 erkrankte Friedrich Freunds Vater und musste im Frühjahr 1935 in der Darmstädter Privatklinik von Max Rosenthal untergebracht werden. Max Rosenthal (* 13. Oktober 1884 in Jacobshagen; † 3. November 1939 in Darmstadt) war ursprünglich Facharzt für Chirurgie und Frauenheilkunde und seit 1919 in Darmstadt ansässig. Seine Praxis in der Eschollbrücker Straße erweiterte er zusammen mit seiner Frau Johanna zu einer Privatklinik, die jedoch im April 1933 in existenzielle Schwierigkeiten geriet: Wie allen jüdischen Ärzten wurde auch Max Rosenthal die Zulassung als Kassenarzt entzogen. Die weiterhin mögliche Behandlung von Privatpatienten wurde durch antijüdische Propaganda, die Deutsche ultimativ dazu aufforderte, jüdische Ärzte zu meiden, erschwert. Unter schwierigen Bedingungen konnte Rosenthal den Betrieb dennoch fortsetzen. 1938 wurde ihm die Approbation entzogen; ein Jahr später erlag er einem Schlaganfall. Nach Rosenthals Tod wurde in der Privatklinik ein Alten- und Siechenheim der Jüdischen Gemeinde eingerichtet.Elisabeth Krimmel: Freund ohne Freunde. S. 72, und Jens Joachim: Berufsverbot für geschätzte Mediziner. In: Frankfurter Rundschau (FR), 23. Oktober 2018. Der FR-Artikel stand im Zusammenhang mit einer Ausstellung zum Approbationsentzug jüdischer Ärztinnen und Ärzte, in dem beispielhaft für Darmstadt auf das Schicksal von Max Rosenthal hingewiesen wurde.

Bedingt durch die Krankheit des Vaters, musste sich Friedrich Freund verstärkt um das Schicksal seiner Schwestern kümmern. Er befasste sich erneut mit Auswanderungsplänen und suchte nach Lösungen für sie und auch für die in Berlin lebende Tante. 1935 konnte er seiner Schwester Hildegard die Ausreise in die Schweiz ermöglichen. Sie machte in Genf eine einjährige Ausbildung zur Säuglingsschwester und wurde von Freund im Anschluss daran, im Herbst 1936, auf ein Schiff in Genua gebracht, das sie nach Palästina brachte. Die nötigen Einreisepapiere hatte Friedrich Freund besorgt. Danach widmete er sich der Ausreise seiner Schwester Hanna. Sie konnte im Winter 1936 von Berlin aus mit dem Zug nach Brindisi reisen und von dort aus mit dem Schiff nach Palästina. Nach ihrer Ankunft ging sie in das von Siegfried Lehmann gegründete Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen.

Umzug nach Berlin