The Final Tour: The Bootleg Series, Vol. 6 ist ein Livealbum von Miles Davis und John Coltrane, das 1960 im Olympia in Paris (21. März) im Konserthuset, Stockholm (22. März) und im Tivoli in Kopenhagen (24. März) aufgenommen wurde und am 23. März 2018 auf dem Label Columbia Records erschien. The Final Tour: The Bootleg Series, Vol. 6 ist die erste offizielle Veröffentlichung der Aufnahmen, von Miles Davis’ Europatournee im Jahr 1960, die in den Jahrzehnten zuvor in zahlreichen Bootleg-Versionen kursierten.
Knapp fünf Jahre lang hat John Coltrane Tenorsaxophon in der Band des Trompeters Miles Davis gespielt. In dieser Zeit – von 1955 bis 1959 – nahmen die beiden zusammen eine ganze Reihe legendärer Jazzalben auf, darunter ’Round About Midnight (1955) und Cookin’ (1956). Doch Coltrane suchte in dieser Phase nach seinen eigenen Aufnahmen 1959 (Coltrane Jazz und Giant Steps) nach neuen musikalischen Richtungen. „Die Spannung zwischen den beiden Männern, die kurz zuvor noch gemeinsam Kind of Blue aufgenommen hatten, prägt die Musik auf diesen vier CDs“, schrieb der Deutschlandfunk. „Was man hört“, schrieb Co-Produzent Michael Cuscuna, „ist eine Band am Ende ihrer Laufbahn, und man hört dieses Genie Coltrane, wie es dabei ist aufzubrechen und weiterzugehen.“
Hintergrund Anfang 1960 erhielt Miles Davis das Angebot, an einer Europatour mit dem Titel Jazz at the Philharmonic mitzuwirken, die der Impresario Norman Granz organisiert hatte und von George Wein produziert wurde. Die weiteren Headliner der Tournee waren Oscar Peterson und Stan Getz; vom 21. März bis 10. April 1960 traten sie in Frankreich, Schweden, Dänemark, in der Bundesrepublik Deutschland, Norwegen, Italien, Schweiz, Österreich und den Niederlanden auf, teilweise zwei Mal am Tag. Dies bot Davis die Chance, „auch auf der anderen Seite des Atlantiks Fuß zu fassen“.
Coltrane, obwohl er zu dieser Zeit dabei war eine eigene working group zusammenzustellen, ließ sich überreden mitzureisen, sprühte aber nicht gerade vor Begeisterung. In der Zeit letzter gemeinsamer Auftritte in den Vereinigten Staaten, so am 5. März 1960 in Oakland, hatte der Saxophonist bereits einen eigenen Auftritt mit seiner neuen Band im New Yorker Club Jazz Gallery gebucht. Coltrane hatte Miles Davis zunächst empfohlen, einen anderen Tenorsaxophonisten mitzunehmen, den damals 26-jährigen Wayne Shorter, welchen Davis dann 1964 in seine Band holte. Doch Miles Davis brauchte Coltrane, da dieser mit dem Material der Band vertraut war; schließlich konnte Davis Coltrane davon überreden, ein letztes Mal bei der Europatour in der Band zu spielen. Widerwillig akzeptierte Coltrane; nach Aussage von Jimmy Cobb drückte Coltrane auf der Tour stets sein Missvergnügen aus, indem er meist nur stumm aus dem Fenster des Tourneebusses schaute und orientalisch klingende Skalen auf dem Sopransaxophon spielte. „Er saß neben mir und wirkte, als könne er jederzeit das Handtuch werfen.“ mini|Das Pariser Olympia in einer Aufnahme aus dem Jahr 1968. Hier begann am 21. März 1960 die Europatournee des Miles Davis Quintetts. „Beim ersten Auftritt, der im Pariser Olympia stattfand, kam es schon fast zum Eklat, als Coltrane versuchte, seinen Chef an die Wand zu spielen. Der Saal bebte, Davis schien sich jedoch mit der Rolle als Nebendarsteller zu begnügen. Coltrane sei kaum bekannt gewesen, nach dem Auftritt aber zum Helden geworden, erinnert sich ein Zuschauer in der Zeitschrift New Yorker“. Davis begann sein Spiel lauthals mit ausgestreckten Ellbogen, und Coltrane antwortete in seinem Solo, indem er wild agierte, einem Spießrutenlauf gleich. Seine Darbietungen hatten den Erfolg eines Skandals; nach einigen langem und furiosen Soli reagierte das Publikum mit Pfiffen, aber es gab auch ausgelassenen Jubel. Für manche war Coltrane der Held des Abends. „Auf der Bühne blies er wie gewohnt in ein Tenorsaxophon und schien alle Noten auf seinem Instrument gleichzeitig spielen zu wollen. Da ihm das nicht möglich war, spielte er sie nacheinander - bei atemberaubender Geschwindigkeit.“ „Auf der 1960er Tour erlebte man nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Zuschauerraum Erstaunliches,“ schrieb Ashley Kahn. „Das Publikum reagierte direkt und ungefiltert auf die emotional aufgeladenen, hochenergetischen Darbietungen der Band.“
Davis hatte für die Tour viel altbekanntes Material ausgewählt, etwa „Bye Bye Blackbird“, „On Green Dolphin Street“ oder „All Of You“ waren Standards aus den 1940er- und 1950er-Jahren, während „So What“ und „All Blues“ dagegen aus Kind of Blue stammten. „Natürlich entwickelten sich die Stücke im Lauf der Tour weiter, Davis stand auch wieder mehr im Mittelpunkt, während Coltrane sich nach und nach mäßigte beziehungsweise in seinen Soli nach einer "spirituellen Essenz" suchte, wie es ein Kritiker beschrieb“. Beim nächsten Auftritt nach Paris, im Konserthuset in Stockholm, „schien Davis irgendwie vorsichtig zu sein, nicht indem er befürchtete, nicht Schritt zu halten, doch wachsam, als ob er damit rechnen müsse, dass musikalische Grenzen verteidigt werden müssten“, schrieb Richard Brody im New Yorker. „Dagegen ließ Coltrane seinem Pariser Ausbruch edel-philosophische Spielfreude folgen, indem er einige Läufe der Melodie aufgriff und diese wiederholte, [...] sie Stück für Stück ausarbeitete, bis er eine außergewöhnliche Komplexität ausgebildet hatte, die sogar ihn selbst erstaunte, als sie an ihm vorbeiraste.“
Zum Schluss kommt John Coltrane in einem Interview mit dem schwedischen Rundfunk zu Wort. „Bist du wütend?“, fragte ihn der DJ Carl-Erik Lindgren. „Nein, bin ich nicht. Vielleicht hört es sich wütend an. Der Grund, weshalb ich so viele Klänge spiele, ist, dass ich viele Dinge ausprobiere. Gleichzeitig. Ich bin auf der Suche nach dem, was für mich Sinn macht“, so die Antwort eines entspannt klingenden Coltranes.
Auch eine weitere Erfahrung sollte Coltrane auf seiner letzten Tour mit Miles Davis machen. „Bevor er ging, gab ich ihm dieses Sopransaxophon“, schrieb der Trompeter in seiner Autobiografie, „jenes Instrument, das schließlich Coltranes Hinwendung zum, spirituellen Jazz kennzeichnen sollte.“ Seine Beziehung zu Coltrane sollte den Anstoß geben, sich [nach dessen Weggang] wieder neu zu erfinden. „Wenig später sollte keiner der Stars so klingen wie noch zuvor“.
Musik des Albums Wynton Kelly Trio mit Wynton Kelly (links), Jimmy Cobb und Paul Chambers Fotografie ca. 1957 (Shaw Artists Corporation, New York) Link zum Bild (Bitte Urheberrechte beachten) Das Personal der Davis-Band schloss neben Coltrane größtenteils die Besetzung des 1959 eingespielten Albums Kind of Blue ein; Pianist Wynton Kelly, Kontrabassist Paul Chambers und der Schlagzeuger Jimmy Cobb. Auf dieser Tour fehlten Hauptpianist Bill Evans und Altsaxophonist Cannonball Adderley. Das Repertoire bestand aus den im Jahr zuvor im Studio aufgenommenen Nummern „So What“ und „All Blues“, außerdem die von Davis schon länger gespielten Standards „’Round Midnight“, „On Green Dolphin Street“, „Bye Bye Blackbird“' and „All of You“, „Walkin’“ und „Oleo“.
Thom Jurek beschrieb das Geschehen auf der Bühne am Beispiel von „All of You“ aus der ersten Show im Pariser Olympia: Von den ersten Momenten des Stücks an ist erkennbar, dass das, was passierte, nicht geplant war. „Es sollte jeden, möglicherweise mit der Ausnahme von Coltrane, überraschen“, und mit Coltranes über fünf Minuten ausdehntem Solo geriet das Stück schließlich 17 Minuten lang. Coltranes Solo enthält „Dissonanzen, scharfe Winzelzüge, und einen (zu dieser Zeit) untypischen Furor, als er neue Klänge, Griffe und Atemtechniken ausprobiert.“ Nach ihm bringt Wynton Kelly mit seinem eigenen Solo das Stück quasi zurück, indem er leichtfüßig, fließend, fachkundig und swingend agiere.
Auf „All of You“ folgt in Paris eine lodernde, 13-minütige Fassung von „So What“, „das den aufschlussreichen Kontrast offenbart, die diese Tour kennzeichnen sollte: die Neuinterpretation von Standards der 1940er- und 1950er-Jahre in Verbindung mit mehr offenem, weniger melodisch ausgerichtetem, modalen Material, verkörpert im Kind of Blue Material.“ In der ersten Fassung von „All Blues“, folgt Miles Davis Chambers und Kelly, „indem er in sein Spiel mehr Körperlichkeit steckt ohne seine lyrische Erfindungen zu opfern. Es lässt Coltranes wehklagendes Solo vorausahnen, voller Multiphonics, Hupgeräusche, Reihen mehrschichtiger Skalen, die Ost und West verweben. Die kurze Interpretation des Bop-Standards ‚Oleo‘ bildet die einzige Stelle in jeden der beiden Pariser Konzerte, bei der Saxophonist Coltrane sich selbst beherrscht. „All Blues“ aus Kopenhagen ist ebenso schneller; Chambers’ kurze solistische Einleitung wird von Kelly mit breiten repetitiven Figuren und Cobbs stotterndem Beat aufgegriffen, bevor Davis die reduzierte Melodie aufgreift und ausdehnt; damit öffnet er die Tür für Coltrane, der langsam beginnt, bevor er die Strukturen des Stücks weit aufbricht. Einmal mehr ist es Kellys groovendes Solo mit gloriosen Schnörkeln mit der rechten Hand, die das Stück zum Ausgleich bringt.“
Produktion Die drei Produzenten Steve Berkowitz, Michael Cuscuna und Richard Seidel hatten das verfügbare Material nach Kriterien der Klangqualität und der musikalischen Substanz ausgewählt; danach entschied man sich für die Mitschnitte der fünf Konzerte in Paris, Kopenhagen und Stockholm. In Kopenhagen stammten sie aus einem Mitschnitt des dänischen Radios.
Rezeption Giovanni Russonello schrieb in The New York Times, diese Tour sei „ein epochaler Moment im Jazz“ gewesen, indem er scheinbar zwei verschiedene Pfade für die Zukunft der Musik aufzeigte. Davis hatte ein enges Gruppengefüge aufgestellt und genoss die warmherzige Aufnahme seines neuen Albums Kind of Blue; „Coltrane hingegen blickte in eine ganz andere Richtung, riss seine Spieltechnik auseinander und suchte nach einer neuen Form von Transzendenz. Auf diesen Mitschnitten spaltet er Töne und wiederholt stürmische, arhythmische Phrasen; man hört wie das Publikum in Paris und Stockholm mit Verwirrung reagiert — und gelegentlich schreit, pfeift und buht.“
Werner Stiefele schrieb in Rondo, Coltrane blase „bereits nicht nur jene flirrenden Klangtrauben, die ihn Ende der 1950er-Jahre auszeichneten, sondern würzt diese auch durch Mehrstimmigkeiten und raue Intonation zwischen den eleganten Improvisationslinien. Auch Miles Davis lotete bereits die Grenzen des Hard Bop in langen, kraftvollen, verschlungenen Soli auf, während der Pianist Wynton Kelly, der Kontrabassist Paul Chambers und der Schlagzeuger Jimmy Cobb eine flexible Rhythmusgruppe bildeten, die ebenso souverän wie gelassen begleitete, sensibel auf die Solisten reagierte und in Triopassagen auch Wynton Kelly in den Vordergrund rückte. Das alles macht die Aufzeichnungen nicht nur zu einem Dokument jenes Quintetts. Jedes Konzert ist – trotz und wegen der Überschneidungen – hörenswert.“
Thom Jurek schrieb in Allmusic, die sechste Ausgabe der Miles Davis Bootleg Series von Columbia/Legacy schließe den Kreis zur Edition Miles Davis and John Coltrane: The Complete Columbia Recordings 1955–1961. Die Entscheidung, die Jazzstandards zu spielen, um eine Basis für größere Offenheit zu haben, sei weise gewesen und zeige sich nachweislich besonders in den drei Fassungen von „On Green Dolphin Street“. Obwohl die Tournee Miles Davis’ internationale Reputation endgültig etablierte, war es interessanterweise Coltrane, der von der Tour am meisten profitierte – er war zwar zuvor längst bekannt, aber danach unvergessen. Damit gehörten die historischen Mitschnitte zu den wichtigsten der Bootleg Series. mini|Für sein Album Giant Steps wurde John Coltrane 1961 in Amsterdam mit einem Edison ausgezeichnet