mini|hochkant=1.3|Theater des Westens in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg

Das Theater des Westens (seit 2011 Stage Theater des Westens) ist eine der bekanntesten Musical- und Operettenbühnen Berlins. Es befindet sich in der Kantstraße 10–12 im Ortsteil Charlottenburg (City West).

Geschichte

Gründung mini|Theater des Westens, um 1900

Das Theater wurde 1895/1896 im Stil des wilhelminischen Historismus von Bernhard Sehring auf dem ehemaligen Kohlenplatz der Meierei C. Bolle errichtet.Die Besitzverhältnisse des Theaters des Westens. In: Königlich privilegierte Berlinische Zeitung, 7. Dezember 1902. Im August 1895 begannen die Arbeiten an der Kantstraße, die Grundsteinlegung war am 4. September 1895. Schon vor der Eröffnung sorgte der Theaterbau für Aufsehen unter den Berliner Architekten. In bewusstem Kontrast zum neobarocken Zuschauerhaus wurde der dahinter liegende Bühnenturm im Stile eines mittelalterlichen Bergfrieds gestaltet. Turmartige Risalite mit hohen Laternen bilden die vier Ecken des Zuschauerhauses. An der Schaufront erhebt sich über rustiziertem Sockel ein fünfachsiger Portikus kombiniert mit sieben großen Rundbogenfenstern. Die Attika ist bekrönt mit der Perseusgruppe von Johannes Pfuhl. Auf dem Giebel der Seitenfront steht der Siegesbote von Max Kruse.

mini|links|Innenansicht mit Bestuhlung, 1912

Der erste Betreiber des Theaters war die Theater des Westens GmbH, ein Unternehmen von Bernhard Sehring und Paul Blumenreich. Das Theater wurde am 1. Oktober 1896 mit Holger Drachmanns Märchenschauspiel Tausendundeine Nacht eröffnet. Im Herbst 1897 übernahm Alois Prasch die Leitung, die er aber 1898 bereits wieder abgeben musste. Nachdem der gewünschte Erfolg des Theaters zunächst ausblieb, wurde das Haus ab 1898 dann als Opernbühne genutzt und ab 1908 als Operettentheater.

Bernhard Sehring hatte die Immobilie noch vor dem Jahr 1900 an seinen Bruder, den Buchdruckereibesitzer Hermann Sehring und an den Kunstmaler Wilhelm Dvorak verkauft. Infolge einer Rückauflassung im Jahr 1902 wurde der Komplex wieder Eigentum des Erbauers. Für diese Transaktion forderte die damals zuständige Stadtverwaltung Charlottenburgs von Sehring eine Umsatzsteuer in Höhe von 20.000 Mark.

mini|hochkant|Aktie über 1000 Mark der Großen Volksoper Berlin gemeinnützige Aktiengesellschaft vom 15. Juli 1922

Von 1903 bis 1906 leitete Prasch noch einmal das Theater.Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Bd. 5, 6. Aufl. Leipzig 1913, S. 335

Ein Brand beschädigte das Haus am 25. August 1912 schwer, es wurde anschließend wiederhergestellt. 1922 hielt die Oper Einzug in das Theater und eine Gemeinnützige Aktiengesellschaft Große Volksoper wurde gegründet (nicht zu verwechseln mit der älteren Volks-Oper auf der Belle-Alliance-Straße).Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1925. Herausgegeben von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Berlin W 62, Jg. 36., S. 287.

Die Folgen der Hyperinflation in der Weimarer Republik und ausbleibende Aktionäre zwangen die Aktiengesellschaft, das Theater 1925 zu schließen.

Goldene Zwanziger Jahre In den Goldenen Zwanzigern wurde Carl Richter neuer Direktor.Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1926. Herausgegeben von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Berlin W 62, Jg. 37. Ständig wechselnde Pachtverträge hinterließen ein unüberschaubares Labyrinth von Direktoren und künstlerischen Leitern und demzufolge entstand ein sehr wechselhafter Spielplan in den späteren Jahren. Die Gastspiele der Tanzgruppe Mary Wigman und Anna Pawlowa 1926 lösten Beifallsstürme aus. Die Aufführungen im Theater des Westens gerieten immer mehr in Konkurrenz zu den Ausstattungsrevuen im Admiralspalast und dem Großen Schauspielhaus.

mini|hochkant|Werbeplakat des Theaters, 1926

Emil Schwarz wurde neuer Pächter und künstlerischer Leiter.Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1927. Herausgegeben von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Berlin W 62, Jg. 38. Seine neuen Revuen Der Zug nach dem Westen und Wissen Sie schon…? fanden keine sehr große Resonanz.

Hans LüpschützDeutsches Bühnen-Jahrbuch 1928 und 1929. Herausgegeben von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Berlin W 62, Jg. 38/39. übernahm das Theater und mischte traditionelle Stücke, darunter Die Fledermaus oder Alt Heidelberg, mit modernen Aufführungen und besetzte sie mit prominenten Persönlichkeiten der Zeit, wie Fritzi Massary in Eine Frau von Format 1927, Max Adalbert in Das Ekel Programmzettel zu Das Ekel. Verlag: Bepa-Verlag Benzki & Pakuscher, Berlin W 35, S. 1. 1928 sowie Josephine Baker in Bitte EinsteigenProgrammzettel zu Bitte Einsteigen, Verlag: KABA-Verlag, Druck: Fischer-Druck GmbH, Berlin SO 16, S. 1. 1928.

Ab 1929 pachteten Alfred Rotter und Fritz Rotter mit der Deutschen Schauspiel-Betriebs-AktiengesellschaftDeutsches Bühnen-Jahrbuch 1930. Herausgegeben von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Berlin W 62, Jg. 41, S. 295. das Theater in der Kantstraße, Direktor blieb weiter Hans Lüpschütz. Die Gebrüder Rotter waren außerdem Generaldirektoren im Metropol-TheaterDeutsches Bühnen-Jahrbuch 1930. Herausgegeben von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Berlin W 62, Jg. 41, S. 288. in der Behrenstraße sowie Eigentümer des Lessing-Theater. Das Theater wurde mit der Inszenierung Friedericke von Franz Lehár wiedereröffnet, direkt übernommen aus dem Metropol-Theater, es standen Käthe Dorsch und Richard Tauber auf dem Besetzungszettel.Programmzettel zu Friedericke, Verlag: KABA-Verlag, Druck: Fischer-Druck GmbH, Berlin SO 16, S. 8. Darauf folgten Marietta, Hotel Stadt Lemberg und im April 1930 Das Land des Lächelns alternierend mit Paganini. Zur Spielzeit 1930/1931 unterverpachteten die Gebrüder Rotter für kurze Zeit, das Theater des Westens und das Lessing-Theater an Heinz Saltenburg und die Saltenburg-Bühnen wurden gegründet.Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1931. Herausgegeben von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, Berlin W 62, Jg. 42, S. 292.

Im Jahr 1931 gastierte die Mistinguett in der Mistinguett-RevueBerliner Lokal-Anzeiger (Morgenausgabe), 25. April 1931. erfolgreich im Theater des Westens.

Im Souterrain des Theaters befand sich von 1921 bis 1923 die Wilde Bühne von Trude Hesterberg, ab 1931 das Tingel-Tangel-Theater, geleitet von Friedrich Hollaender.

Die Gebrüder Rotter gerieten in einen Finanzskandal und wurden in der Presse zum Hassbild des „jüdischen Finanzhasardeurs“. 1932 wurde ein Herr Spitz als neuer Leiter in der Person des Direktors bestellt und plante ein volkstümliches Operettenprogramm.Berliner Lokal-Anzeiger (Morgenausgabe), 6. September 1932.

Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Programmzettel der Volksoper im Theater des Westens zu Hänsel und Gretel, 1935

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurde weiterhin die leichte Muse im Theater des Westens gezeigt unter der Leitung von Karl Jöken gemeinsam an der Seite seiner Frau Edith Schollwer. Die Aufführungen hießen Alles für Eva, Junger Wein, Lockende Flamme und So zwitschern die Jungen. Am 29. Dezember 1933 wurden alle Theaterdirektoren aufgefordert, die Parole Kraft durch Freude (KdF) wahrzumachen.Berliner Lokal-Anzeiger (Morgenausgabe), 29. Dezember 1933.

Erst am 23. Dezember 1934 wurde das Theater als Teil des nationalsozialistischen Programms Kraft durch Freude mit Albert Lortzings Der Waffenschmied.Berliner Lokal-Anzeiger (Abendausgabe), 20. Dezember 1934. wiedereröffnet und erhielt den Namen Volksoper. Im Deutschen Bühnen-Jahrbuch 1936 wurde wie bei vielen anderen Theatern als Betreiber das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda genannt und ist eine Bezuschussung seitens der Deutschen Arbeitsfront ausgewiesen.Deutsches Bühnen-Jahrbuch 1936. Verlag: Fachschaft Bühne in der Reichstheaterkammer Berlin W 62, S. 245. Zum Leiter wurde im Juli 1935 der bisherige Danziger Generalintendant und Generalmusikdirektor Erich Orthmann ernannt. Die neue Spielzeit begann am 1. Oktober 1935 mit der Oper Fidelio.

Nach einem großen Luftangriff während des Zweiten Weltkriegs konnten Ende 1943 wieder einige Berliner Theater spielen, jedoch nicht die Volksoper.Berliner Lokal-Anzeiger, 27. November 1943. Insbesondere das Dach sowie der Foyer- und Verwaltungsbereich waren stark beschädigt worden. Jetzt fanden „Volksoper-Konzerte“ in der Plaza und der Philharmonie statt, auch am 25. April 1944 in Hirschberg in Schlesien.Berliner Lokal-Anzeiger vom 17. Dezember 1944 Die Schäden durch Bombentreffer konnten bis zum 7. Juni 1944 beseitigt werden.Bauarchiv des Bezirksamtes Berlin-Charlottenburg, Revisionsakten 1928–1944.

Städtische Oper mini|Intendant Michael Bohnen während der Generalprobe zu Fidelio 1945 gemeinsam mit Wilhelm Schirp, Irma Beilke, Karina Kutz und Günther Treptow

Nach der Eroberung Berlins brachte der sowjetische Stadtkommandant Nikolai Erastowitsch Bersarin am 19. Mai 1945 durch ein Treffen mit Theaterleitern das Berliner Bühnenleben wieder in Gang.Siehe Berlin. Kampf um Freiheit und Selbstverwaltung 1945–1946. Herausgegeben im Auftrage des Senats von Berlin, Heinz Spitzing Verlag, Berlin 1961, S. 60. Weil das Haus der Städtischen Oper in der Bismarckstraße im Krieg zerstört worden war, wurde das inzwischen wiederhergestellte Theatergebäude in der Kantstraße zu ihrer neuen Heimstätte bestimmt.Am 15. Mai 1945, so Detlef Meyer zu Heringdorf: Das Charlottenburger Opernhaus von 1912 bis 1961. Dissertation. Deutsche Oper Berlin 1988, ISBN 3-926412-07-0, S. 72. Zum Intendanten berief der Berliner Magistrat ein Ensemblemitglied, den Opernsänger Michael Bohnen. Im Deutschen Opernhaus fand mit Beethovens Fidelio am 2. September 1945 die erste Opernaufführung in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg statt.Detlef Meyer zu Heringdorf: Das Charlottenburger Opernhaus von 1912 bis 1961. Dissertation. Deutsche Oper Berlin 1988, ISBN 3-926412-07-0. S. 75. Die Inszenierung erfolgte durch den Oberspielleiter der Oper Hans Wenzel (1904–1966).

+ Intendanten der Städtischen Oper Name Zeit Michael Bohnen 1945–1947 Heinz Tietjen 1948–1954 Carl Ebert 1954–1961

Mit der Fertigstellung der neuen Deutschen Oper zog das Opernensemble 1961 wieder in die Bismarckstraße.

Wichtige Ensemblemitglieder und Gäste: Mathieu Ahlersmeyer, Sari Barabas, Hans Beirer, Johanna Blatter, Inge Borkh, Maria Callas, Lisa della Casa, Marcel Cordes, Dietrich Fischer-Dieskau, Gottlob Frick, Josef Greindl, Boris Greverus, Elisabeth Grümmer, Margarete Klose, Robert Koffmane, Sándor Kónya, Erika Köth, Ernst Krukowski, Vera Little, Josef Metternich, Martha Mödl, Mario del Monaco, Martha Musial, Tomislav Neralić, Hans-Heinz Nissen, Lisa Otto, Hermann Prey, Nada Puttar, Anneliese Rothenberger, Leonie Rysanek, Tatjana Sais, Wilhelm Schirp, Rudolf Schock, Gisela Settgast, Giuseppe Di Stefano, Rita Streich, Ludwig Suthaus, Renata Tebaldi, Elfride Trötschel, Sieglinde Wagner.

Ballett: Klaus Beelitz, Erwin Bredow, Marion Cito, Heinz Egner, Michael Egner, Jürgen Feindt, Konstanze Herzfeld, Rudolf Holz, Benno Kaminski, Rainer Köchermann, Wolfgang Leistner, Gert Reinholm, Hans-Joachim Stahl, Manfred Taubert, Carl Jaeger, Gisela Deege, Lieselotte Herbeth, Friedel Herfurth, Tana Herzberg, Suse Preisser, Ingeborg Settgast, Margo Ufer, Lieselotte Köster-Stahl, Horst Stibbe, Konstanze Vernon.

Operetten- und Musicaltheater 1961–1978 mini|hochkant|Programmzettel zu My Fair Lady, 1961, Beginn des Musicals im Theater des Westens

Seit dieser Zeit wird das Theater des Westens vor allem für Operetten- und Musicalaufführungen genutzt. Als erste Vorstellung stand am 1. Oktober 1961 Frederick Loewes Musical My Fair Lady auf dem Programm.