Das Carlton Club-Treffen am 13. November 1911 war ein formales Treffen der Parlamentsabgeordneten der britischen Conservative Party. Es fand im namensgebenden Londoner Carlton Club statt, um dort nach dem Rücktritt des Parteivorsitzenden Arthur Balfour den neuen Vorsitzenden der konservativen Parteifraktion im House of Commons (Unterhaus) zu wählen. Balfour hatte Anfang November 1911 seinen Parteivorsitz nach starker parteiinterner Kritik an seinem Führungsstil aufgegeben. Aufgrund einer Pattsituation zwischen den beiden führenden Kandidaten Austen Chamberlain und Walter Long kam es im Vorfeld des Treffens bereits zu internen Verhandlungen und Absprachen zwischen Parteimanagern und den führenden Kandidaten. Als Ergebnis dieser Absprachen wurde schließlich der Kompromisskandidat und klare Außenseiter Andrew Bonar Law zum neuen Vorsitzenden der konservativen Unterhausfraktion gekürt.

mini|Der Carlton Club, traditioneller Treffpunkt der konservativen Abgeordneten

Hintergrund Seit dem Tod von Benjamin Disraeli im Jahr 1881 lag die Führung der „Tories“ fest in den Händen des Hauses Cecil; zunächst bestimmte Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury, die Geschicke der Partei und dann, seit 1902, sein Neffe und bisheriger Adjutant Arthur Balfour.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 167. Dieser hatte im Dezember 1905 (als bislang letzter Premierminister) aufgrund interner Verwerfungen in der konservativen Partei freiwillig die Regierungsgeschäfte niedergelegt und an die Liberal Party abgegeben.Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 1. Die Liberalen riefen sofort Unterhauswahlen aus, bei der die Konservative Partei eine schwere Niederlage erlitt. Während die Liberalen 397 Sitze errangen, fielen die Konservativen zurück auf lediglich 156 Sitze. Nicht nur verloren sie dabei viele Wähler in ihren bisherigen Hochburgen (wie Südostengland, Lancaster und London), auch ihr Anteil an Wählern in der britischen Arbeiterklasse und der Mittelschicht brach ein.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 184 f. Selbst ihr Vorsitzender Arthur Balfour verlor seinen Parlamentssitz in Ost-Manchester, den er seit 1885 gehalten hatte.E.T. Raymond: A Life of Arthur James Balfour. Little, Brown and Company, London 1920. S. 157. Er konnte jedoch einige Zeit später durch eine Nachwahl in der Londoner City wieder ins Unterhaus einziehen. Dagegen konnten die Liberalen nun mit einer klaren Mehrheit regierenRoy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 9 f. und begannen ein umfangreiches Gesetzgebungsprogramm, welches von den Konservativen heftig bekämpft wurde. Die Konservativen blockierten mithilfe ihrer traditionell bestehenden Mehrheit im House of Lords (Oberhaus) wichtige liberale Gesetzesvorhaben, die diese zuvor im House of Commons (Unterhaus) verabschiedet hatten. Dies führte zu den heftigen Auseinandersetzungen um das sogenannte Volksbudget 1909/1910: Aufgrund der konservativen Blockade im Oberhaus versuchte die liberale Regierung Asquith, diese mit Hilfe eines Kunstgriffs zu umgehen; traditionell waren Finanz- und Haushaltsfragen die ureigene Domäne des Unterhauses und wurden vom Oberhaus nicht angefochten. Die Liberalen bündelten deshalb alle ihre Gesetzesvorhaben in einem großen Gesetz, dem jährlichen Haushaltsentwurf.Ewen Green: Balfour (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 73 ff. Dieser Budgetentwurf wurde allerdings ebenfalls vom Oberhaus blockiert, woraufhin Premierminister Asquith Neuwahlen ausrief, um das Patt zu brechen und eine Entscheidung herbeizuführen. In kurzer Folge gingen für die Konservativen 1910 zwei weitere Unterhauswahlen verloren (Januar 1910 und Dezember 1910)Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 190. und das traditionell von den Tories dominierte Oberhaus verlor im Parliament Act von 1911 sein Veto-Recht.Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 264 ff.

Arthur Balfour geriet nun innerhalb seiner Partei in das Kreuzfeuer der Kritik.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 54. Vor allem seine Handhabung der Krise um den Parliament Act provozierte bittere Kritik vom rechten Flügel seiner Partei.Stephen Bates: Asquith. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 68. Ein Zirkel um Lord Halsbury hatte eine totale Opposition ungeachtet aller möglichen Implikationen für das Oberhaus gefordert; dieser Flügel wurde, im Gegensatz zu den moderaten „Hedgers“ (deutsch: Drückeberger), wegen seiner kompromisslosen Haltung auch als „Ditchers“ oder als „Die-hards“ (abgeleitet aus der englischen Redewendung die in the last ditch, deutsch etwa: Kampf bis zum bitteren Ende) bezeichnet.Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 221. Halsburys Gruppierung fand nun für ihre Forderungen zunehmend auch Unterstützung in der konservativen Presse. Unter dem Slogan B.M.G. – Balfour must go (dt. Balfour muss gehen) agitierten neben Lord Halsbury auch andere namhafte Tories wie F. E. Smith und Edward Carson gegen Balfours Führung.R. J. Q. Adams: Balfour. The Last Grandee. John Murray, London 2007, S. 307 f. Zudem schlossen sich mit Lord Hugh Cecil und Lord Robert Cecil zwei Angehörige von Balfours eigener Familie dieser Gruppe an.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 71 f. Balfour selbst zeigte sich zumindest in der Öffentlichkeit lange betont gelassen, gab jedoch im September 1911 bei einer Besprechung in seinem schottischen Landhaus dem Chief-Whip Lord Balcarres und dem Parteimanager Arthur Steel-Maitland zu erkennen, dass er einen Rücktritt erwägen würde.Sydney H. Zebel: Balfour. A political Biography. Cambridge University Press, London 1973. S. 171. Am 7. Oktober 1911 formten die Hardliner der Partei den sogenannten Halsbury Club, der ganz offensichtlich die Zielsetzung hatte, Balfour zum Rücktritt zu zwingen.Roy Jenkins: Mr. Balfour’s Poodle. Bloomsbury Reader, London 2012, S. 269. Balfour selbst informierte Ende Oktober Lord Lansdowne, den Führer der Konservativen im Oberhaus, dass er nun zum Rücktritt entschlossen sei um einen möglichen Bruch der Partei zu verhindern.E.T. Raymond: A Life of Arthur James Balfour. Little, Brown and Company, London 1920. S. 197. Am Nachmittag des 8. November 1911 gab Balfour seinen Rücktritt der Öffentlichkeit bei einem Auftritt in seinem Wahlkreis, der Londoner City, bekannt.R. J. Q. Adams: Balfour. The Last Grandee. John Murray, London 2007, S. 309.

Unklare Nachfolgeregelung Über die Nachfolge Balfours herrschte zunächst absolute Unklarheit, da kein formelles Procedere existierte, um einen Nachfolger auszuwählen. In der Oppositionsrolle verteilte sich die Leitung der konservativen Partei auf die Führer der Fraktionen in Oberhaus und Unterhaus. In der Vergangenheit waren die bisherigen Vorsitzenden im Unterhaus jeweils vom anerkannten Anführer der konservativen Partei nominiert worden. Dieser saß entweder im Oberhaus und wählte so seinen Adjutanten im Unterhaus aus (wie auch Lord Salisbury es mit Balfour getan hatte) oder krönte auf diese Weise bereits seinen Nachfolger. Lediglich im Jahr 1846 hatte eine offene Wahl stattgefunden, bei der jedoch Lord George Bentinck ohne einen Gegenkandidaten gewählt worden war.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 193. Balfour war zum einen der konservative Fraktionsführer im Unterhaus gewesen, als letzter verbliebener ehemaliger konservativer Premierminister jedoch zugleich auch natürlicher Führer der Partei insgesamt.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 76. Schnell gefundener Konsens innerhalb des konservativen Führungszirkels war nun, bei einem Treffen aller konservativen Unterhausabgeordneten Balfours Nachfolger für den Fraktionsvorsitz im Unterhaus auszuwählen. Balcarres bestellte deshalb alle konservativen MPs (Members of Parliament) zu einem kurzfristigen Treffen im Carlton Club für den folgenden Montag, den 13. November 1911. Der Carlton Club, 1832 von Tory-Peers gegründet, stellte seit langem den traditionellen privaten und gesellschaftlichen Treffpunkt für die Mitglieder der Konservativen dar.Seth Alexander Thévoz: Club Government: How the Early Victorian World Was Ruled from London Clubs. IB Tauris, London 2018. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Carlton Club als Hauptquartier der konservativen Partei gedient und war bei mehreren Gelegenheiten der Ausgangspunkt für parlamentarische Initiativen von konservativen Hinterbänklern gewesen.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 137 ff.

Nachfolgekandidaten Die natürlichen Nachfolgekandidaten waren Edward Carson, Austen Chamberlain und Walter Long. Carson erklärte jedoch sofort, nicht zu kandidieren.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 193 f.

Austen Chamberlain repräsentierte als Sohn von Joseph Chamberlain dessen Positionen.Douglas Hurd: Choose your Weapons: The British Foreign Secretary. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 260. In den vergangenen Jahren war er einer der tonangebenden Anhänger von Lord Halsbury gewesen und stand gleichzeitig für die Liberalen Unionisten, die u. a. für eine Reform der Zölle sowie gegen Home Rule in Irland eintraten und zu diesem Zeitpunkt bereits fast gänzlich mit der Konservativen Partei verschmolzen waren. Er konnte auf die Unterstützung vieler Zollreformer zählen.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 57. Chamberlain verfügte zudem über die Unterstützung vieler namhafter Granden der Konservativen.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 72.

Walter Long, ein impulsiver Mann mit wenig Verständnis für ökonomische Fragen, war dagegen ein typischer Vertreter des alten ländlichen Englands, welches lange nicht nur das Rückgrat der Tories bildete, sondern aus denen sich auch Longs Anhängerschaft speiste. Diese bestand größtenteils aus den zahlreichen Hinterbänklern der Partei. Long stand in der Debatte um den Parliament Act den Hardlinern um Lord Halsbury eher distanziert gegenüber und trat gegen Protektionismus ein.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 73. Während Chamberlain eher für den progressiven Flügel der Partei stand, repräsentierte Long den rechten Flügel der Partei.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 194.

Als dritter – und klarer Außenseiter – entschloss sich zudem überraschend Andrew Bonar Law am Donnerstag, dem 9. November, für eine Kandidatur. Law sah sich selbst als chancenlos bei dieser Wahl; Hauptzweck seiner Kandidatur war, seine höheren Ambitionen kundzutun und sich selbst als möglichen Kandidaten ins Spiel zu bringen für eine nachfolgende Vakanz in der Zukunft.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 77.

Vorherige Kalkulationen und Absprachen im Führungszirkel