mini|300px|Handelswege um das 1. Jahrhundert n. Chr. entlang der Seidenstraße. Indienhandel bezeichnet in der Geschichtswissenschaft die von der Antike bis in die Frühe Neuzeit reichenden Handelsbeziehungen zwischen den staatlichen Gebilden im Mittelmeerraum (bzw. Europa) und denjenigen Indiens (einschließlich der Anrainerregionen im Indischen Ozean), wobei die Handelsrouten von Indien weiter nach Zentralasien, Südostasien und Ostasien (China) reichten.

Der antike Indienhandel

Die frühesten Kontakte zwischen dem Westen und Indien reichen in die Zeit des persischen Achämenidenreichs zurück, das sich bis an die Grenze Indiens erstreckte. Bereits der in persischen Diensten stehende griechische Geograph Skylax bereiste im späten 6. Jahrhundert v. Chr. die Randgebiete Indiens (Sindh), doch sind seine Aufzeichnungen nur fragmentarisch erhalten. Herodot ist in seinen Historien näher auf Indien eingegangen, wobei jedoch märchenhafte Elemente in die Schilderung einflossen, die bei Ktesias von Knidos noch wesentlich stärker ausgeprägt waren. Das Wissen der Griechen über das antike Indien war vor dem Alexanderzug im späten 4. Jahrhundert v. Chr. insgesamt sehr lückenhaft und geprägt von oft märchenhaften Erzählungen. Seit dem Hellenismus bestanden engere Kontakte zwischen der antiken Mittelmeerwelt und Indien, was sich unter anderem in diplomatischen Beziehungen niederschlug (siehe Megasthenes, Dionysios und Daimachos), wenngleich diese aufgrund der großen Entfernung nie vollkommen kontinuierlich bestanden. Es entstanden aber mehrere Werke über Indien, in denen genauere Informationen einflossen (siehe Indika).Klaus Karttunen: India in Early Greek Literature. Helsinki 1989; Klaus Karttunen: India and the Hellenistic world. Helsinki 1997.

Von großer Bedeutung war der sich im Hellenismus entwickelnde Handel zwischen dem ptolemäischen Ägypten und Indien auf dem Seeweg.Strabon 2,3 und Periplus Maris Erythraei, Kapitel 57. Der Fernhandel zwischen der Mittelmeerwelt und Indien wurde in der römischen Kaiserzeit noch bedeutend intensiviert. Für die römisch-indischen Beziehungen stehen mehrere Quellen zur Verfügung, wobei der Periplus Maris Erythraei von besonderer Bedeutung ist. In diesem werden auch die wichtigsten indischen Häfen genannt, die als Hauptumschlagplätze fungierten,Lionel Casson: The Periplus Maris Erythraei. Princeton 1989, S. 21ff. darunter Barbarikon (im Indusgebiet) und Poduke (in Südindien). Handelsrouten zwischen Indien und dem Westen verliefen in dieser Zeit sowohl über Land als auch (vor allem seit Erschließung der Monsunrouten Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr.) über den Seeweg.Gary K. Young: Rome’s Eastern Trade. London/New York 2001, S. 25ff. Bereits die Ptolemäer hatten Handel mit Indien betrieben und sich anscheinend der Kenntnisse indischer Lotsen bedient, wobei in dieser Zeit die Insel Sokotra sowie der Hafen von Aden in Himyar wichtige Drehpunkte waren.Matthew Adam Cobb: Rome and the Indian Ocean Trade from Augustus to the Early Third Century CE. Leiden/Boston 2018, S. 35ff. Ein zentraler Punkt war bereits hier die Verknüpfung politischer und fiskalischer Interessen, wobei die Ptolemäer durch Abgaben von der maritimen Wirtschaft profitierten.

Die Überlandrouten der Kamelkarawanen über die sogenannte Seidenstraße waren recht verästelt,Zur Seidenstraße siehe einführend Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Berlin 2016; Valerie Hansen: The Silk Road. A History with Documents. Oxford 2016. trafen aber im arabisch-syrischen Raum zusammen. Die Hauptrouten führten in China von Xi’an über Lanzhou weiter nach Westen, teilte sich dann in eine nördliche (nördlich der Taklamakan über Turfan) und eine südliche Route (über Dunhuang und Yarkand), die sich wieder in Kaschgar trafen. Es ging weiter über Marakanda durch das nördliche Persien, dann über Mesopotamien und Syrien (wobei Palmyra ein wichtiger Knotenpunkt warGary K. Young: Rome’s Eastern Trade. London/New York 2001, S. 123ff.) ans Mittelmeer nach Antiochia am Orontes. Abzweigungen der Seidenstraße führten auch nach Indien und bildeten mit den Routen weiter nach Westen ein weitgespanntes Handelsnetzwerk.Zu den Überlandrouten zwischen Ost und West siehe Raoul McLaughlin: Rome and the Distant East. Trade Routes to the Ancient Lands of Arabia, India and China. London/New York 2010, S. 61ff. Vgl. auch Matthew Adam Cobb: Rome and the Indian Ocean Trade from Augustus to the Early Third Century CE. Leiden/Boston 2018, S. 128ff.

mini|400px|Dargestellte Handelswege nach dem Periplus Maris Erythraei aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Der Handel über den Seeweg verlief vor allem vom Hafen Myos Hormos am Roten Meer ausgehend über Adulis, dann die Südküste der arabischen Halbinsel entlang bis zu den Häfen am Indus und weiter die indische Malabarküste hinab, später sogar bis nach Sri Lanka.Vgl. Raoul McLaughlin: Rome and the Distant East. Trade Routes to the Ancient Lands of Arabia, India and China. London/New York 2010, S. 25ff. Plinius der Ältere berichtet in diesem Zusammenhang von drei Seerouten nach Indien (Mitte des 1. Jahrhunderts):Plinius, Naturgeschichte 6, 100ff. Eine führte am Vorgebirge Syagron (Ras Fartak) an der arabischen Südküste vorbei und endete im bereits erwähnten Hafen Barbarikon am Indus, die zweite ging von Syagron nach Zigeros an der indischen Westküste, die dritte schließlich ging vom arabischen Okelis nach Muziris im südwestlichen Indien.

Strabon zufolge unternahmen bereits zur Zeit des Augustus an die 120 Schiffe jedes Jahr die Reise nach Indien,Strabon 2,5,12. um mit Waren zurückzukehren, die dann nach Alexandria und weiter ins Reich importiert wurden. Bei den importierten Handelsgütern (aus Indien und anderen Aufenthalten unterwegs) handelte es sich vornehmlich um Luxuswaren, vor allem Gewürze, Seide aus dem „Land der Serer“ (Kaiserreich China), Edelsteine, Perlen und Elfenbein; nach Indien exportiert wurden unter anderem Keramikprodukte, Glaswaren und Textilprodukte.Vgl. etwa Raoul McLaughlin: The Roman Empire and the Indian Ocean. The Ancient World Economy and the Kingdoms of Africa, Arabia and India. Barnsley 2014, S. 88ff. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Handelsbilanz ausgeglichen war; die von den Römern aufgewendeten Geldmittel dürften beträchtlich gewesen sein.Vgl. Gary K. Young: Rome’s Eastern Trade. London/New York 2001, S. 22f. Plinius der Ältere beziffert die jährlichen Ausgaben für Waren aus Indien, China und Arabien auf 100 Millionen Sesterzen.Plinius, Naturgeschichte 12, 84. Allerdings wird in der jüngeren Forschung diese Bewertung kritischer betrachtet, da ein nicht kleiner Teil davon über Abgaben etc. wieder dem Staat zufloss.Matthew Adam Cobb: Rome and the Indian Ocean Trade from Augustus to the Early Third Century CE. Leiden/Boston 2018, S. 274ff. Der Luxushandel war für die jeweiligen römischen Händler zudem offenbar auch sehr profitabel. Der antike Indienhandel wird aufgrund der damit verbundenen Vernetzung der unterschiedlichen Räume als eine frühe Form der Globalisierung betrachtet.Vgl. Monika Schuol: Globalisierung in der Antike? Seegestützter Fernhandel zwischen Rom und Indien. In: Orbis Terrarum 12, 2014, S. 273–286; E. H. Seland: The Indian Ocean and the Globalisation of the Ancient World. In: West and East 7, 2008, S. 67–79.

Der recht intensive Handelsverkehr zwischen dem Römerreich und Indien wurde im Zusammenhang mit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts und dem Aufstieg des neupersischen Sassanidenreichs im 3. Jahrhundert zunächst unterbrochen bzw. war in dieser Zeit stark rückläufig.Gary K. Young: Rome’s Eastern Trade. London/New York 2001, S. 71ff. Der lukrative Indienhandel nahm aber in der Spätantike wieder zu; dieser erfolgte nun vor allem auf dem Seeweg und wurde zu einem nicht geringen Teil von persischen Zwischenhändlern kontrolliert.James Howard-Johnston: The India Trade in Late Antiquity. In: Eberhard Sauer (Hrsg.): Sasanian Persia. Between Rome and the Steppes of Eurasia. Edinburgh 2017, S. 284ff. Davon abgesehen war der Waren- und auch Ideenaustausch zwischen Ost und West in der gesamten Spätantike gegeben; ebenso bestanden weiterhin Überlandrouten.Vgl. speziell Johannes Preiser-Kapeller: Jenseits von Rom und Karl dem Großen. Aspekte der globalen Verflechtung in der langen Spätantike, 300–800 n. Chr. Wien 2018, S. 143ff. Im spätantiken Zentralasien spielten die Sogdier beim Seidenhandel eine wichtige Rolle, doch konnten sie diesen aufgrund persischen Widerstands nicht nach Westen öffnen (siehe Maniakh); die Perser bestanden darauf, den Seidenhandel über Persien selbst zu kontrollieren. Ebenso waren in der hellenistischen Zeit bis in die späte hohe Kaiserzeit indische Händler im westlichen Indischen Ozean und wohl auch im Roten Meer aktiv.

Die Sassaniden scheinen intensive Handelskontakte mit Indien unterhalten und Teile des Handels monopolisiert zu haben; persische Händler scheinen auch in China selbst aktiv gewesen zu sein. Die ohnehin latent immer vorhandenen Konfliktpunkte zwischen Ostrom und Persien (siehe auch Römisch-Persische Kriege) wurden dadurch weiter befeuert. In diesem Kontext ist auch das oströmische Eingreifen zugunsten des christlichen Reichs von Aksum in Südarabien um 525 zu sehen (siehe Ella Asbeha), da hier wichtige Handelsrouten zwischen Ost und West verliefen.Glen W. Bowersock: The Throne of Adulis: Red Sea Wars on the Eve of Islam. Oxford 2013, S. 92ff. Das Handelsvolumen scheint aber auch in der Spätantike zumindest bis ins 6. Jahrhundert nicht unerheblich gewesen zu sein, wobei der Hafen von Berenike nun weitgehend die Rolle von Myos Hormos einnahm.Vgl. James Howard-Johnston: The India Trade in Late Antiquity. In: Eberhard Sauer (Hrsg.): Sasanian Persia. Between Rome and the Steppes of Eurasia. Edinburgh 2017, hier S. 287. Vgl. zu den römischen Handelsrouten und Häfen am Roten Meer zudem Timothy Power: The Red Sea from Byzantium to the Caliphate: AD 500–1000. Cairo 2012, S. 19ff.

Indienhandel in der Frühen Neuzeit

Ausgangslage Mit dem Aufkommen des Islam und den arabischen Eroberungen im 7. und 8. Jahrhundert wurde der Indienhandel zunächst fast vollständig gekappt, zumal das um sein Überleben kämpfende byzantinische Reich nicht mehr über ausreichende Mittel verfügte bzw. andere Prioritäten setzte und sich zudem andere Handelsrouten herausbildeten. Der Indienhandel mit dem Westen befand sich während des Mittelalters unter Kontrolle muslimischer Händler. Ihnen kam zugute, dass der Raum des Indischen Ozeans – einschließlich der ostafrikanischen Küste und Südostasien – seit Mitte des 14. Jahrhunderts einen einheitlichen Handels- und Wirtschaftsraum bildete.Stephan Conermann: Südasien und der Indische Ozean. In: Wolfgang Reinhard (Hrsg.): Geschichte der Welt. Weltreiche und Weltmeere 1350–1750. München 2014, hier S. 443. Im Bereich des Indischen Ozeans agierten arabische, persische und indische Händler anscheinend kooperativ nebeneinander.Stephan Conermann: Südasien und der Indische Ozean. In: Wolfgang Reinhard (Hrsg.): Geschichte der Welt. Weltreiche und Weltmeere 1350–1750. München 2014, hier S. 474–476.

Güter wie Gewürze, Seide und Edelsteine wurden von Indien in den Persischen Golf und in das Rote Meer transportiert. Von dort aus ging es über Land weiter in die Levante, wobei auch Massengüter exportiert wurden. Die Waren gelangten dann vor allem über den Knotenpunkt Venedig weiter in das christliche lateinische Europa. Pfeffer war im 15. Jahrhundert eines der gefragtesten Gewürze in Europa. Der Hauptanteil der Gesamtproduktion fand in Indien statt (über 6.000 Tonnen in der Zeit um 1515/20). Nur ein Bruchteil des indischen Pfeffers gelangte nach Europa; der Großteil kam auf den asiatischen Markt und wurde vor allem nach China exportiert.Peter Feldbauer: Die Portugiesen in Asien 1498–1620. Essen 2005, S. 40f.

Die Öffnung des Handelsraums im Indischen Ozean durch die Portugiesen und der Estado da India mini|rechts|500px|Portugiesische Entdeckungsfahrten, Stützpunkte und Besitzungen (15. bis 16. Jahrhundert).