Der Matrosenaufstand von Cattaro ereignete sich während des Ersten Weltkrieges. Er begann am 1. Februar 1918 im damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Adriahafen von Cattaro (heute: Kotor, Montenegro). Er blieb isoliert und musste wegen der Heranführung loyaler Truppen nach drei Tagen abgebrochen werden. Vier Marineangehörige wurden anschließend standrechtlich erschossen. Der Marinehistoriker Halpern sieht in dem Ereignis den letzten Sieg der Monarchie über die sozialen Kräfte, die sie schließlich beseitigten.Paul, G. Halpern: The Cattaro Mutiny, 1918. In: Christopher, M. Bell/Bruce A. Elleman (Hrsg.): Naval mutinies of the twentieth century. An international perspective. London 2003, S. 54–79, hier S. 54.

Ausgangslage Zu Beginn des Jahres 1918 waren die Unzufriedenheit mit der Ernährungssituation, mit den politischen Verhältnissen, sowie die Kriegsmüdigkeit weiter angewachsen. Nach der russischen Oktoberrevolution 1917 und dem Friedensangebot der Bolschewiki befürchteten weite Kreise insbesondere der Arbeiterschaft, dass die deutsche Oberste Heeresleitung den erhofften Frieden an der Ostfront durch unmäßige Forderungen torpedieren könnte. Aus Protest kam es zu den Jännerstreiks mit über 700.000 Beteiligten in ganz Österreich-Ungarn. Es bildeten sich Arbeiterräte, die außerdem eine bessere Versorgung, die Abschaffung der Zensur, die Beendigung des Kriegsrechts und die Einführung des Achtstundentags forderten. Die Streikwelle erreichte auch das Marinearsenal in Pola. Nachdem die Streiks im Reich größtenteils am 21. Januar endeten, wurde die Arbeit am 28. Jänner auch in Pola wieder aufgenommen.Peter Fitl: Meuterei und Standgericht. Die Matrosenrevolte im Kriegshafen Cattaro vom Februar 1918 und ihr kriegsgerichtliches Nachspiel. Wien 2018, S. 76 ff. Vermutlich in Unkenntnis des Endes der Aktionen beschlossen die Matrosen der in Cattaro vor Anker liegenden Kriegsschiffe, eine Demonstration zu veranstalten, von der sie hofften, der Bewegung weiteren Auftrieb zu verleihen.Richard Georg Plaschka: Cattaro – Prag. Revolte und Revolution. Kriegsmarine und Heer Österreich-Ungarns im Feuer der Aufstandsbewegungen vom 1. Februar und 28. Oktober 1918. Graz 1963, S. 15–19.

Der Stützpunkt Cattaro im Süden Österreich-Ungarns bekam besondere strategische Bedeutung, als der auf montenegrinischem Gebiet liegende und die Bucht überragende Lovćen im Jahr 1916 im Zuge der Besetzung Montenegros und Nord-Albaniens erobert werden konnte. Cattaro wurde jetzt zu einer wichtigen Operationsbasis gegen die Otranto-Sperre, zur Basis für den U-Bootkrieg im Mittelmeer und für den Nachschub zur Balkanfront. Dazu wurde dort, neben Zerstörern, Torpedobooten und U-Booten (auch deutschen) die ganze Kreuzerflottille unter dem Flaggschiff (österr.: Flaggenschiff) Sankt Georg sowie die V. Schiffsdivision stationiert.Richard G. Plaschka, Horst Haselsteiner, Arnold Suppan: Innere Front. Militärassistenz, Widerstand und Umsturz in der Donaumonarchie 1918. Bd. 1: Zwischen Streik und Meuterei. Wien 1974, S. 108. mini|Kriegsschiffe und ihre Positionen in der Bucht von Cattaro im Februar 1918. Zerstörer, Torpedoboote und U-Boote sowie die modernen Rapidkreuzer trugen die Hauptlast des Seekrieges, während die großen Schiffe meist untätig vor Anker lagen, weil – wie auch im deutschen Kaiserreich – das Risiko einer Vernichtung der Flotte zu groß erschien (Fleet-in-being). Auch hier war dies ein wichtiger Grund für steigende Spannungen zwischen Offizieren und Mannschaften auf diesen Einheiten.Plaschka/Haselsteiner/Suppan, Innere Front, S. 109.Halpern, Cattaro, S. 73 f. Die Besatzungen fühlten sich von ihren Vorgesetzten ungerecht und grob behandelt. Sie beklagten sich über sinnlosen Drill, strenge Bestrafung für Nichtigkeiten, Beleidigungen und Demütigungen durch oft junge Offiziere, die im Gegensatz zu den Offizieren schlechte Verpflegung, abgerissene Uniformen und den geringen Heimaturlaub. Viele Besatzungsmitglieder waren ausgebildete Metallfacharbeiter und waren mit den Ideen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Kontakt gekommen. Sie verlangten demokratische Reformen. Die empfundene privilegierte Lage der Offiziere nährte auch den Verdacht, dass diese an einem Frieden nicht interessiert seien, sondern den Krieg verlängern wollten, während die einfachen Soldaten und ihre Angehörigen unter großen Entbehrungen zu leiden hätten.Plaschka, Cattaro – Prag, S. 29 ff.Bruno Frei: Die Matrosen von Cattaro. Eine Episode aus dem Revolutionsjahr 1918. Neuausgabe Berlin 1963, S. 25 ff., 35 ff.

Verlauf Erster Tag des Aufstands, 1. Februar 1918 Der Aufstand, der offenbar von verschiedenen lockeren GruppenJindřich Veselý nennt in seinem Buch: Povstání v Boce Kotorské (siehe unter Literatur) auf S. 34 – leider ohne jeglichen Beleg (man kann nur vermuten, dass er sich auf Befragungen von im Anhang genannten Zeitzeugen stützt) – die folgenden Personen, die die Aktion vorbereitet hätten: „Niemand fragte, aber jeder vermutete, dass die heißblütigen kroatischen Matrosen Matulovič, Uidor, Marusič, Sužek, Grabar und Berničevič, sowie die bekannten ungestümen Italiener Baldini, Pachor, Galigari und Scaramuza den Organisatoren der Rebellion sehr nahe standen. Es bestand kein Zweifel, dass sie eine Reihe von Tschechen umfassten: den ernsten und glücklichen/brillanten František Rasch, den bewussten Sozialdemokraten, die Prager Rudolf Kreibich und Tomas Nitka von "St. Georg", Petr Páral, Wiener Tscheche von "Gäa", Zahálka von "Monarch", Franta Srbek von "Franz Joseph", Josef Děd von "Karl VI,", Šmahel von "Gäa", Bittner von "Novara", Janousek von "Helgoland", Vošmik von "Balaton" und Mývalt von "Orjen" sowie Pribyl und Fr. Malý von der Flugstation und von der U-Boot-Basis Ruda Krčmář, Jíša und Valášek und viele andere. Es gab auch die Polen Gustav Stonawski, einen Sozialisten, der bereits 1912 einen Hungerstreik an der Marineschule in Pola organisiert hatte, und den Flieger Grabowiecki.“ Ähnliche Namen nennt Frei, leider auch ohne eine nachprüfbare Quelle anzugeben (Bericht des Matrosen Ujdor) (Frei, Cattaro, S. 42). Plaschka und Kollegen bezeichnen unter Verweis auf Stulli diese Aussagen als problematisch. (Plaschka/Haselsteiner/Suppan, Innere Front, S. 117). vorbereitet worden war, ging am 1. Februar 1918 gegen 12 Uhr mittags von dem Flaggschiff SMS Sankt Georg aus. mini|SMS Sankt Georg Die Offiziere nahmen das Mittagsessen in der Messe ein. Die Mannschaft bewaffnete sich, feuerte einen Kanonenschuss ab und hisste eine rote Fahne. Der an Deck stürzende 1. Offizier (österr.: Gesamtdetailoffizier), erhielt einen Schuss an das Schläfenbein. Medizinische Hilfe wurde zunächst verhindert, bevor er dann ins Bordlazarett geschafft werden konnte. Außerdem erhielt ein Unteroffizier einen Brustdurchschuss, und ein Matrose wurde von einem abprallenden Projektil verletzt. Auch auf den Schiffskommandanten wurde geschossen, ohne ihn jedoch zu treffen. Dieser holte dann auf Verlangen der Besatzung den Kommandanten der Kreuzerflottille Konteradmiral Hansa an Deck. Anton Grabar forderte gemäß dem 14-Punkte-Programm von Woodrow Wilson die sofortige Beendigung des Krieges und beklagte die schlechte Behandlung besonders durch die jungen Kadetten und die mangelhafte Verpflegung. Den Offizieren wurde jetzt Mannschaftskost verordnet.Plaschka, Cattaro–Prag, S. 41.

Auf SMS Gäa befand sich ein weiteres Zentrum der Aktion. Gäa war ein Depot- und Werkstättenschiff mit einer großen Zahl älterer Arbeiter an Bord, die intensiver mit sozialdemokratischen Ideen in Berührung gekommen waren. mini|SMS Gäa mit Torpedo- und U-Booten in der mittleren Bucht von Cattaro, vor Gjenović (Djenovici).

Die Bewegung breitete sich schnell aus. Auf allen größeren Schiffen wurde die rote Fahne gehisst. Nur auf den Schiffen, die häufiger im Kriegseinsatz waren und auf denen deshalb die Mannschaften von den Offizieren wesentlich besser behandelt wurden, stieß sie auf Unbehagen (bei den Rapidkreuzern) oder Widerstand (bei den Zerstörern, Torpedo- und U-Booten). Unter der Drohung von den Panzerkreuzern, man würde die Schiffe unter Feuer nehmen, setzten dann doch einige der kleineren Einheiten, zum Teil mit Zustimmung ihrer Kommandanten, die rote Fahne.Plaschka/Haselsteiner/Suppan, Innere Front, S. 117 ff.

Der Zerstörer „Csepel“ hatte schon früher einen Auslaufbefehl für 15 Uhr erhalten, um einen Konvoi nach Durazzo zu eskortieren. Der Kommandant ließ die Kessel anheizen. Daraufhin wurde von „Gäa“ signalisiert, dass im Falle des Auslaufens das Feuer eröffnet würde. Der Kommandant der „Csepel“ ließ jedoch ablegen und drohte seinerseits die „St. Georg“ zu torpedieren. Von der „St. Georg“ und von der „Gäa“ wurde daraufhin je ein Kanonenschuss abgefeuert. Als die „Csepel“ sich trotzdem weiter näherte, beorderte der Stabschef auf der „St.Georg“ die „Csepel“ wieder an den Liegeplatz.Fitl, Cattaro, S. 94.Halpern, Cattaro, S. 61.

Insgesamt beteiligten sich rund 30 Kriegsschiffe und etwa 3.000–4.000 Mann, von insgesamt 5.000 Marineangehörigen in Cattaro, an dem Aufstand. Auch die U-Bootbasis, das Telegraphenmagazin, das Seeminenkommando und die Seeflugstation in Kumbor sowie die Flankierbatterie in Gjenović (heute: Djenovici) und die Marinestation Caballa waren einbezogen.Fitl, Cattaro, S. 268, 270–273.

An die Stelle der Offiziere traten meist auf Zuruf gebildete Matrosenräte oder Mannschaftskomitees, welche den normalen Dienstbetrieb weiterführten. Auf SMS Sankt Georg bildete sich ein zentrales Komitee. Dieses überreichte am Abend dem Kreuzerflottillenkommandanten Konteradmiral Alexander Hansa einen Zettel mit den Forderungen der Besatzungen, die sowohl allgemein politische als auch mannschaftsspezifische Punkte enthielten:

„Was wir wollen Maßnahmen zur Einleitung eines sofortigen allgemeinen Friedens. Vollständige politische Unabhängigkeit von anderen Mächten. Frieden auf Grund des russischen demokratischen Vorschlags, ‚ohne Annexionen etc.‘ Vollständige Abrüstung (Demobilisierung) und Aufstellung der freiwilligen Miliz. Selbstbestimmungsrecht der Völker. Loyale Antwort auf Wilsons Note. Für Angehörige Eingerückter größere Unterstützung und genügende Versorgung mit Lebensmitteln und Bekleidung. Demokratisierung der Regierung.

Infolge Unterernährung Weglassen jeder unnötigen Arbeit und Exerzitien. Für KorveesDamit wurde die Heranziehung der Mannschaften für Arbeiten an Land bezeichnet. Diese waren besonders unbeliebt, weil sie nicht in den eigentlichen Aufgabenbereich fielen, mit großer körperlicher Anstrengung verbunden waren und manchmal in Zusammenhang mit Verbesserungen des Lebens der Vorgesetzten standen; so wurden unter anderem auch Sportstätten für die Offiziere errichtet. separate Kostzubuße. Mehr Landgang und von längerer Dauer. Heimaturlaub unbedingt innerhalb 6 Monate einmal in der Dauer von 21 Tagen ohne Reisetage. Für Stab gleiche Bedingungen. Einführung eines menschenwürdigen, rascheren Urlaubertransportes, Erhöhung des Kostgeldes bei Heimaturlauben und eventuell Ausfolgung der Kost in natura. Gerechte Verteilung der Schiffskost. Für Stab und Mannschaft Einheitsküche. Bessere Versorgung mit Rauchmaterialien, für Stab und Mannschaft gleich. Abschaffung der Briefzensur. Berücksichtigung von Spezialforderungen einzelner Schiffe und Boote. Keine irgend geartete Konsequenz dieser Demonstration.

Matrosendelegationen sämtlicher Einheiten.“Plaschka, Cattaro–Prag, S. 59.