mini|Das Tiefdruckgebiet Vaia/Adrian am 29./30. Oktober mini|Das Mittelmeertief Xena am 4. November
Die Unwetter im Alpen-Adria-Raum im Herbst 2018 waren Unwetterereignisse, die im Oktober und November 2018 in Italien, Kroatien, Österreich, der Schweiz und weiteren Ländern durch orkanartige Sturmböen und Starkregen zu Sturmschäden, Hochwasser, Überschwemmungen, Murenabgängen und Stromausfall führten.
Meteorologischer Ablauf Die großräumige Wetterlage in Europa war im Herbst 2018 von beständig hohem Luftdruck in Osteuropa gekennzeichnet. Dadurch wurden vom Atlantik her kommende Tiefdruckgebiete immer wieder nach Südwesteuropa abgedrängt, wo sie sogenannte Cut-Off-Tiefs bildeten, die über dem Mittelmeer eine starke Eigendynamik entwickelten. Zugleich blieb dadurch in Nord- und Mitteleuropa der Regen aus (siehe Dürre und Hitze in Europa 2018).
Im westlichen Mittelmeerraum bildete sich Ende Oktober ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet, von dem erwartet wurde, dass es im Gebiet von den Balearen über Italien bis nach Kroatien und Slowenien viel Regen bringen würde. Dazu kam eine Föhnwetterlage. Nach den Wettermodellen würden sich Regenwolken an der Südseite der Alpen stauen, wodurch verbreitet große Regenmengen von 120 bis 250 Liter pro Quadratmeter niedergehen würden, stellenweise wurden bis zu 500 Liter pro Quadratmeter für möglich gehalten. Daher veröffentlichte die österreichische Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik am 26. Oktober 2018 eine Starkregenwarnung für den Süden Österreichs.
Am 27. Oktober setzten auf Sardinien, Korsika und weiten Teilen Italiens starke Regenfälle ein. In Italien trafen die kalten Luftmassen des Tiefdruckgebiets am 29. Oktober auf einen äußerst starken Scirocco, wodurch heftige Gewitter entstanden.
In Deutschland erhielt das Tiefdruckgebiet den Namen Vaia, in Frankreich Adrian (siehe Namensvergabe für Wetterereignisse). Nachdem dieses Anfang November nach Norden abgezogen war, hielten die Regenfälle in Italien weiter an und richteten durch Überschwemmungen und Muren weitere Schäden an. Verantwortlich dafür waren die beiden nachfolgenden Tiefdruckgebiete (in Deutschland Wenke und Xena genannt), die verstärkt durch das noch warme Meerwasser wieder große Mengen Feuchtigkeit mitführten.
Auswirkungen in Österreich In Österreich kam es in den frühen Morgenstunden des 28. Oktober zu ersten Sturmschäden in Kärnten. Am Nachmittag setzte Starkregen ein, von dem am 29. Oktober besonders Osttirol und Kärnten betroffen waren. Es kam zu zahlreichen Überschwemmungen und Murenabgängen, manche Täler und Dörfer wurden von der Außenwelt abgeschnitten. Durch den Föhnsturm mit orkanartigen Sturmböen kam es zur selben Zeit auch in anderen Bundesländern zu Sturmschäden. Einige Personen in Österreich wurden durch umstürzende Bäume verletzt. Durch den Föhnsturm wurden in manchen Gebieten ganze Waldflächen gefällt, durch Windwurf entstanden 1,7 Millionen Festmeter Schadholz. Die Regierung kündigte an, schnell und unbürokratisch Hilfe leisten zu wollen.
Kärnten und Osttirol mini|Lesachtal, Folgen und sichtbare Schäden nach dem Unwetter und Sturmtief VAIA (2018) mit starkem Borkenkäferbefall des Waldes, September 2023 Am Sonntag, den 28. Oktober kam es im Raum Ferlach zu Sturmschäden durch Orkanböen mit bis zu 130 Kilometern pro Stunde: Zahlreiche Dächer wurden abgedeckt, Bäume stürzten um. Durch gekappte Stromleitungen fiel in einigen Haushalten der Strom aus. Die Loiblpass Straße zwischen Kirschentheuer und Unterbergen sowie mehrere Gemeindestraßen wurden gesperrt. Die Seeberg Straße war zwischen Vellach und dem Seebergsattel durch umgestürzte Bäume blockiert.
Wegen der prognostizierten Niederschlagsmengen bereitete sich Kärnten auf ein 100-jähriges Hochwasserereignis vor. Es wurden Überschwemmungen der Flüsse Gail, Möll und Drau in Lavamünd, Oberdrauburg, Sachsenburg, Steinfeld, Lurnfeld und Möllbrücke befürchtet. Um die Schäden durch das erwartete Hochwasser möglichst gering zu halten, wurde der Pegelstand des Völkermarkter Stausees um das technische Maximum von 4,5 Meter abgesenkt. In vielen Ortschaften wurden Sandsäcke als Hochwasserschutz verlegt.
Von Samstag, 27. Oktober, bis Montag, 29. Oktober, wurden am Plöckenpass 627 Liter Regen pro Quadratmeter gemessen, auch in anderen Kärntner Orten wurde ungewöhnlich viel Niederschlag gemessen. Am Montagvormittag wurde die Drautal Straße gesperrt. Die Schulen in Osttirol, den Kärntner Bezirken Völkermarkt und Spittal sowie in Ferlach wurden geschlossen. Das Bundesheer wurde in Alarmbereitschaft versetzt. Am Nachmittag des 29. Oktobers wurde der Bahnverkehr im Drautal eingestellt. Die Gailtal Straße musste am Nachmittag wegen eines Erdrutsches gesperrt werden, zwischen St. Lorenzen und Maria Luggau wurde sie auf einer Länge von etwa 85 Metern zerstört. Am Abend musste in Osttirol der Busverkehr eingestellt werden, dadurch fiel auch der Schienenersatzverkehr der ÖBB aus.
Es wurde Zivilschutzalarm für zahlreiche Kärntner Orte ausgerufen.
Am Abend des 29. Oktobers traten Möll und Gail sowie einige ihrer Nebenflüsse über die Ufer, mehrere Menschen mussten evakuiert werden. Im Gebiet von Waidegg kam es zu einem Dammbruch auf einer Länge von etwa 150 Metern, wodurch die an der Gail gelegene Ortschaft Rattendorf fast vollständig überflutet wurde. Bei Rangersdorf gingen zahlreiche Muren ab und verlegten in Folge den Flusslauf der Möll. Auch Straßen wurde dadurch unpassierbar, das Obere Mölltal war nicht erreichbar. Bei Flattach trat an der Möll das 100-jährliche Hochwasserereignis ein.
Beim Gail-Kraftwerk in Schütt wurde ein Kran von den Wassermassen mitgerissen. Einige Gailbrücken in Hermagor-Pressegger See mussten gesperrt werden.
Das Lesachtal wurde durch Murenabgänge von der Außenwelt abgeschnitten.
Auch der Pegel der Drau und ihrer Zuflüsse stieg beträchtlich, an einigen Stellen trat die Drau über die Ufer. Die Staustufe St. Martin-Rosegg nahm durch das Hochwasser Schaden, eine Stützmauer brach weg. Der flussabwärts gelegene Ort Rosegg wurde überflutet.
In zahlreichen Kärntner Orten musste wegen des steigenden Wasserstandes der Strom abgeschaltet werden, 10.000 Haushalte vom Mölltal bis Lavamünd waren vorübergehend ohne Strom. Die befürchtete Überflutung von Lavamünd blieb aus, da einerseits durch das vorsorgliche Absenken des Pegels des Völkermarkter Stausees die Wassermassen im Ort kontrolliert werden konnten, und andererseits, weil durch den Dammbruch bei Rattendorf ein zusätzliches, ungeplantes Ausgleichsbecken entstanden ist.
In der Osttiroler Gemeinde Assling mussten Menschen wegen drohender Murenabgänge evakuiert werden. Der Bezirk Lienz war am Dienstagfrüh vorübergehend auf dem Straßenweg nicht zu erreichen. Die Felbertauern Straße, Gailtal Straße, die Großglockner-Hochalpenstraße und mehrere Landesstraßen mussten wegen Vermurungen oder umgeknickter Bäume gesperrt werden. 5.000 Haushalte waren zeitweise ohne Strom. Im Gemeindegebiet von Sillian erreichte die Drau die Marke eines 100-jährlichen Hochwasserereignisse, sie trat dort aber nicht über die Ufer.
Am Allerheiligentag wurde im Mölltal auf Grund neuerlicher Regenfälle erneut Katastrophenwarnung ausgegeben. Die Feuerwehr verzeichnet nach einer Woche mit 1.300 Einsätzen einen Rekord im Bundesland. Rund 5.200 Feuerwehrmitglieder sind in dieser Zeit dazu ausgerückt.Rudolf Robin: „Bisher noch nie dagewesen“ auf ORF vom 3. November 2018, abgerufen am 3. November 2018. Das Bundesheer half mit Pionieren und acht Hubschraubern bei den Aufräum- und Sicherungsarbeiten, beim Transport von Lebensmittel in isolierte Gebiete und bei der Reparatur des gebrochenen Damms im Gailtal. Der Einsatz dauerte bis 29. November an. Am Freitag, 2. November, entgingen 40 Soldaten des Bundesheeres nur knapp einem Felssturz bei Aufräumungsarbeiten auf der Gailtal Straße.Soldaten entgingen nur knapp einer Katastrophe auf ORF vom 2. November 2018, abgerufen am 3. November 2018.
Der Zivilschutzalarm blieb mancherorts in Kärnten bis 4. November 2018 aufrecht.Unwetter 2: Zivilschutzwarnung für Gemeinde Mörtschach aufgehoben auf Land Kärnten vom 4. November 2018, abgerufen am 5. November 2018.
Nach ersten Einschätzungen soll der wirtschaftliche Schaden in Kärnten im dreistelligen Millionenbereich liegen. In Kärnten sollen etwa zwei Drittel der Forststraßen und Güterwege zerstört worden sein. Die Landesforstdirektion Kärnten schätzte die entstandene Menge an Schadholz auf eine Million Festmeter, in Osttirol sollen es etwa 200.000 Festmeter sein.
Tirol Die Arlbergbahnstrecke zwischen Landeck und Bludenz musste vorübergehend gesperrt werden. Die hochalpine Wetterstation auf dem 2419 Meter hohen Brechten bei Inzing registrierte Windspitzen von 188 km/h.
Salzburg In der Salzburger Gemeinde Muhr wurde Zivilschutzalarm ausgelöst, weil die Mur im Ort über die Ufer getreten war. Die in den Ort führenden Straßen wurden überflutet, wodurch der Ort praktisch von der Außenwelt abgeschnitten wurde. Bäume stürzten um und es kam zu Murenabgängen. Auch in Großarl kam es zu Überflutungen, in Dorfgastein wurde Hochwasserschutz aufgebaut. Der Katschbergtunnel musste wegen Stromausfalls gesperrt werden. Dienstagfrüh erreichte der Sturm die Stadt Salzburg, wo Bäume und Kamine umstürzten und Blechdächer abgetragen wurden. Betroffen war u. a. der Chiemseehof sowie die Festung Hohensalzburg, deren alte Zeugstätte und Schüttkasten beschädigt wurden. Die Behörden sperrten Parks und Friedhöfe sowie private Gärten am Fuß des Festungsbergs.
Steiermark In der Steiermark war der Wind das größte Problem. Am Hochschwab wurden Windspitzen von 200 km/h gemessen. Umgestürzte Bäume blockierten zahlreiche Straßen (B116, B23, B24, B72, L123). In der Sturmnacht vom 29. auf den 30. Oktober waren vorübergehend 6000 Haushalte ohne Strom. Mehrere Hausdächer wurden abgedeckt.
Oberösterreich mini|Entwurzelter Baum in Grünburg In Oberösterreich kam es in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober besonders in den südlichen Bezirken zu Sturmschäden. Einige Straßen mussten wegen umgestürzter Bäume gesperrt werden, in Teilen des Bezirks Kirchdorf fiel der Strom aus.
Am Attersee wurden während des Sturms bis zu zwei Meter hohe Wellen registriert. 50–100 Boote wurden vom Sturm losgerissen, gegen das Ufer geschleudert oder sanken. Am Traunsee waren vier Boote betroffen.
Niederösterreich Ebenso war das südliche Niederösterreich betroffen, wo die Südbahnstrecke am Semmering unterbrochen wurde, nachdem ein Railjet bei Breitenstein mit einem umgeknickten Baum kollidierte. Die Oberleitung wurde beschädigt, Menschen kamen nicht zu Schaden. Auch der gesamte Raum Lilienfeld war von den Stürmen betroffen. Baumwürfe haben 30 Trafostationen lahmgelegt, sodass auch hier etwa 3.000 Haushalte ohne Spannungsversorgung waren.Südbahnstrecke nach Sturm wieder frei auf ORF Niederösterreich vom 30. Oktober 2018, abgerufen am 30. Oktober 2018.
Auswirkungen in Italien mini|Waldschäden in Trentino mini|Unwetterschäden in Dimaro mini|hochkant=0.7|Der Hafen von Rapallo nach dem Sturm Weite Teile Italiens waren vom Unwetter betroffen, ganz besonders Venetien und Trentino-Südtirol. Am Abend des 28. Oktober gingen mehrere Muren auf der italienischen Seite des Brenners ab, in der Folge mussten Autobahn, alte Passstraße und Bahnstrecke vorübergehend gesperrt werden. Nachdem die Autobahn am 29. Oktober wieder geöffnet worden war, musste sie wegen einer Starkstromleitung, die auf die Fahrbahn zu stürzen drohte, erneut gesperrt werden. Zahlreiche kleine Alpenpässe mussten gesperrt werden.