mini|hochkant=0.7|Torban Torban (), auch teorban, ist eine gezupfte Halslaute, die in der Ukraine gespielt wird und im 19. Jahrhundert zeitweilig auch in Polen, Litauen und Russland verbreitet war. Mit der namensverwandten Theorbe, die zu den im 16. Jahrhundert in Westeuropa eingeführten Erzlauten gehört, verbindet die torban eine neben dem Griffbrett bis zu einem zweiten Wirbelkasten am verlängerten Hals führende Gruppe von Basssaiten. Wie die ukrainische Laute kobsa hat sie eine Reihe von Diskant-Nebensaiten, die über die Korpusdecke verlaufen.
Herkunft Lauteninstrumente mit einem mutmaßlich birnenförmigen Korpus und einem langen oder kurzen Hals sowie schlanke Kastenzithern vom Typ der gusli sind in den ostslawischen Gebieten seit dem frühen Mittelalter bekannt. Für das Gebiet der Ukraine ist erstmals ein Lautenspieler im 11. Jahrhundert auf einem Wandbild in der Sophienkathedrale von Kiew abgebildet. Auf Abbildungen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert sind ukrainische Lauten mit einem kurzen und einem langen Hals jeweils mit sechs Saiten zu erkennen, die kobsa genannt wurden.Kobza. In: Grove Music Online. 25. Mai 2016. Zu einer nicht genau bekannten Zeit – möglicherweise um 1700Roman Turovsky: II. Palaeographia Testudinis Bisantina & Ruthenica. torban.org – erhielten manche der Kurzhalslauten entweder durch Übernahme von westeuropäischen Lauteninstrumenten oder durch Angleichung an die im Baltikum und Russland verbreiteten Kastenzithern eine Gruppe von kurzen Diskantsaiten auf der Decke, die nur leer gezupft werden. Eine Weiterentwicklung in Richtung einer Kastenzither stellt die ukrainische bandura dar, bei der alle Saiten leer gezupft werden und lediglich die Korpusform mit ihrem Halsansatz noch an ein Lauteninstrument erinnert. Für diese Diskantsaiten (ukrainisch pristrunki), die auch bei der torban vorkommen, gibt es kaum Vorbilder an historischen Lauteninstrumenten außerhalb der Region.
Im Unterschied zu kobsa und bandura, die überwiegend von Liedersängern zur Begleitung in der Volksmusik verwendet wurden, ist die torban ein Instrument, das wegen seiner komplexen Form und den hohen Herstellungskosten zur musikalischen Unterhaltung der Oberschicht gehörte. Die als besondere dritte Saitengruppe vorhandenen langen Basssaiten machen die torban zu einer Vertreterin der Erzlauten.
Als Erzlauten werden eine Gruppe von im 16. Jahrhundert in Italien eingeführten Lauten mit Bünden bezeichnet, bei denen neben dem Griffbrett Basssaiten bis zu einem zweiten Wirbelkasten verlaufen. Ein schahrud genanntes Zupfinstrument, das in Zentralasien Anfang des 10. Jahrhunderts gemäß dem persischen Musiker Abd al-Qadir (um 1350–1435) „doppelt so lang wie eine ʿūd“ war, interpretierte Henry George Farmer (1962) als eine Art Erzlaute. Ein anderes historisches Zupfinstrument aus der Familie der arabischen Langhalslauten tanbūr, das Farmer als Erzlaute klassifiziert, hieß mugnī und soll 24 Saiten besessen haben. Seine Erfindung wird Safi ad-Din al-Urmawi im 13. Jahrhundert zugeschrieben.Henry George Farmer: ʿAbdalqādir ibn Ġaibī on Instruments of Music. In: Oriens. Band 15, Dezember 1962, S. 242–248, hier S. 244, 246. Curt Sachs (1940) erwähnt diese mugnī als eine Kombination aus Laute und Zither im Zusammenhang mit der torban, weil er eine direkte Abstammung der torban von der Theorbe nicht für wahrscheinlich hält und speziell für die Diskantsaiten einen orientalischen Ursprung sucht.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton, New York 1940, S. 372.
Es gab offenbar in der mittelalterlichen arabischen Musik einzelne Bestrebungen, sehr komplexe Saiteninstrumente einzuführen. Wie diese Instrumente aussahen, lässt sich anhand der Quellen häufig nicht genau rekonstruieren, weshalb Fehleinschätzungen möglich sind. Beispielsweise soll laut Farmer (1939) der während der Fatimidenherrschaft in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Ägypten lebende Musiker Ibn at-Tahhan al-Musiqi eine Erzlaute mit vier oder fünf Doppelsaiten und einer Länge von 180 Zentimetern erfunden haben. Die Länge errechnete Farmer aus den arabischen Maßangaben.Henry George Farmer: The Structure of the Arabian and Persian Lute in the Middle Ages. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland. Nr. 1, Januar 1939, S. 41–51, hier S. 47. Nachdem 40 Jahre lang in der Fachliteratur die außerordentliche Größe des Instruments diskutiert wurde, ergaben 1979 angestrengte Plausibilitätsüberlegungen, dass die Laute nur ungefähr halb so groß gewesen sein dürfte.Amine Beyhom: Two Common Errors about the Proportions of the ʿūd: Ibn a-ṭ-Ṭaḥḥān and al-Kindī. In: Iconea. Near and Middle Eastern Archaeomusicology. 2011, S. 81–110, hier S. 82f.
mini|Basslaute in Form einer dickbauchigen orientalischen Knickhalslaute. Illustration aus den Cantigas de Santa Maria, 13. Jahrhundert. Kurzhalslauten mit einem birnenförmigen Korpus kamen im Zuge der islamischen Eroberung aus dem westlichen Asien auf die Iberische Halbinsel und wurden im 13. Jahrhundert in zahlreichen spanischen Buchillustrationen dargestellt.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton, New York 1940, S. 252, 260. Eine Abbildung in der während der Herrschaft von König Alfons X. (reg. 1252–1282) entstandenen Liedersammlung Cantigas de Santa Maria zeigt eine große Basslaute nach dem Vorbild der ʿūd ohne Bünde mit neun seitenständigen Stimmwirbeln für wahrscheinlich vier Doppelsaiten und eine höchste Saite (Chanterelle), aber erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gewannen Saiteninstrumente in Basslage an Bedeutung. Da es Lautenspielern schwerfällt, die Saiten mit der linken Hand zu verkürzen, wenn eine bestimmte Breite des Griffbretts überschritten wird, ergänzte man seitlich Basssaiten, die nicht gegriffen werden können. Die italienische Bezeichnung arciliuto (gemeint „vergrößerte Laute“), die wohl auf den Komponisten und Lautenspieler Alessandro Piccinini (1566 – um 1638) zurückgeht, war vor 1590 bekannt und bezog sich auf eine Laute mit einem verlängerten Hals und einem zusätzlichen Wirbelkasten. Doppelsaiten, Stimmung und die musikalische Verwendung der zeitgenössischen Renaissancelaute wurden bei den frühen verlängerten Instrumenten beibehalten.Lynda Sayce: Archlute. In: Grove Music Online. 2001. In der von Raymund Fugger in Augsburg angelegten Kunstsammlung befand sich 1566 „ain fischbaine Laute mit zwen Krägen“. Dies ist die erste bekannte Erwähnung einer verlängerten Laute. Mehrere experimentelle Erzlautenvarianten folgten im Verlauf des 16. Jahrhunderts. In den 1620er Jahren waren für die liuti attiorbati genannten Erzlauten bis zu elf Doppelsaiten üblich, von denen sechs bis sieben über Bünde führten.
mini|Michael Praetorius: Syntagma musicum, Band 2, 1619, Tafel XVI, Nr. 2 zeigt eine „Laute mit Abzügen oder Testudo Theorbata“. mini|Eine von Vendelino Venere (Tieffenbrucker) 1595 in Padua entwickelte Kurzhalslaute mit einer Chanterelle und fünf Doppelsaiten über einem Griffbrett mit Bünden sowie vier leeren Basssaiten, die seitlich an der Wirbelplatte befestigt sind. Eine Vorstufe der Erzlauten. Eine der italienischen Erzlauten war die Theorbe, deren italienische Namen tiorba und chitarrone Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts synonym verwendet wurden.James Tyler: Chitarrone. In: Grove Music Online. 2001. Der 1589 erstmals von Bastiano de Rossi erwähnte Name chitarroneDouglas Alton Smith: On the Origin of the Chitarrone. In: Journal of the American Musicological Society. Band 32, Nr. 3, Herbst 1979, S. 440–462, hier S. 441. ist die Augmentativform von chitarra, das von griechisch kithara abstammt, und bedeutet wörtlich „große Gitarre“; die Herkunft des Wortes tiorba ist spekulativ. Die Theorbe wurde vermutlich zuerst Ende des 16. Jahrhunderts in Padua hergestellt. Der Gelehrte Giovanni Florio erwähnt in seinem Italienisch-Englisch-Wörterbuch von 1598 die „tiorba als eine Art Volksmusikinstrument“ und in der Ausgabe von 1611 ist die „tiorba ein von Blinden gespieltes Musikinstrument“. Die Theorbe wurde offenbar noch nicht zu den bekannten Lauten gezählt,John Downing: Further to Comm. 2027 – In Search of the Colascione or Neapolitan Tiorba. FoMRHI Comm. 2042 entwickelte sich aber bald zu einem beliebten Generalbassinstrument in großen Orchestern und zur Liedbegleitung, das bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts eingesetzt wurde.Sibyl Marcuse, 1975, S. 425. Michael Praetorius bildet in Syntagma musicum (1619) eine Theorbe mit sieben oder acht Doppelsaiten über dem Griffbrett und sechs einzelnen Basssaiten ab, die er Testudo Theorbata nennt („theorbierte Laute“; testudo bedeutet „Laute“, ursprünglich „Schildkröte“, entsprechend Latein lyra).Hans Radke: Theorbierte Laute (Liuto attiorbato) und Erzlaute (Arciliuto). In: Die Musikforschung. 25. Jahrgang, Heft 4, Oktober-Dezember 1972, S. 481–484, hier S. 482.
Zu der Vielzahl an konstruktiven Lösungen für die obere Befestigung der zusätzlichen Saiten an Wirbelkästen, kommt ein ungewöhnlicher Versuch, die Saiten am unteren Ende nicht über einen gemeinsamen Steg zu führen, sondern an einer gestuften Reihe von einzelnen Sätteln auf der Decke zu fixieren. Ein erhaltenes Exemplar aus dem 16. Jahrhundert, das sich im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet, wird in einem Bestandskatalog von 1596 als „mer ain grosse selczame lauten mit zween kragen und drei stern“ („eher eine große seltsame Laute mit zwei Wirbelkästen und drei Schalllöchern“) beschrieben.Friedemann Hellwig: The Morphology of Lutes with Extended Bass Strings. In: Early Music. Band 9, Nr. 4 (Plucked-String Issue 2) Oktober 1981, S. 447–454, hier S. 453. Das Instrument mit einem länglichen, an der rechten Seite barock gekurvten Korpus und zwei sehr kurzen Halsansätzen nebeneinander ist typologisch von einer Laute zu einer Kastenzither übergegangen. Bemerkenswert ist die obere Befestigung der drei kürzesten Saiten mit Stimmwirbeln an der Zarge neben dem Hals. Diese Befestigungsart ist ansonsten bei westeuropäischen Saiteninstrumenten unbekannt, aber charakteristisch für die ukrainischen Lauten (vgl. die unten abgebildete torban aus dem 18. Jahrhundert).Sibyl Marcuse, 1975, S. 424f. Ein anderes merkwürdiges Saiteninstrument mit einem birnenförmigen Lautenkorpus und einem nicht nach hinten, sondern nach oben geknickten Hals, ist im Syntagma musicum auf Tafel XXXVI, Nr. 2, abgebildet. Die Saitenebene befindet sich laut der Abbildung wie bei einer Harfe frei zwischen dem Hals und einem diagonal auf der Korpusdecke angebrachten Steg, weshalb die „sonderbare Laute..nach Art der Harpfen tractiret“ werden sollte.
Der Name torban (teorban) ist von tiorba abgeleitet. In der westlichen Ukraine wurde er noch im 19. Jahrhundert für unterschiedliche Lauteninstrumente verwendet, also für kobsa, bandura, der Mandora entsprechende Lauten und für Erzlauten. Selbst in literarischen Werken des 19. Jahrhunderts, etwa in Iwan Frankos historischer Beschreibung Sachar Berkut: Ein Bild des öffentlichen Lebens der Karpatenrus im 13. Jahrhundert ist fälschlich von einer torban anstelle einer kobsa die Rede.