Pskow (, deutsch historisch auch Pleskau, Pleskow, ) ist eine Großstadt im Nordwesten Russlands mit 185.000 Einwohnern (Stand: 2025) etwa 290 km südwestlich von Sankt Petersburg und nahe der Grenze zu Estland. Die Hauptstadt der Oblast Pskow ist eine der ältesten Städte Russlands. Früher war sie eine mächtige Grenzfestung und Hauptstadt einer unabhängigen mittelalterlichen Republik, heute ist sie eine bedeutende Industriestadt.
Im Jahr 903 erstmals urkundlich erwähnt, gewann die Stadt im 15. Jahrhundert hohe Bedeutung auf dem Gebiet der Baukunst und der Ikonenmalerei, im 16. Jahrhundert wurde sie Bischofssitz und blieb bis ins 19. Jahrhundert religiöses Zentrum für die Region.
Geographie und Klima Pskow liegt an der Mündung des Flüsschens Pskowa in die Welikaja in der Nähe des Pskower Sees, eines südlichen Nebengewässers des Peipussees. Die Welikaja ist zugleich der Hauptfluss der Oblast Pskow (etwa 55.300 km²). Bei Pskow befindet sich der westlichste Punkt des als „russisches Kernland“ betrachteten Gebietes (also ohne die Oblast Kaliningrad).
Die Durchschnittstemperatur beträgt im Winter (Januar) −8 bis −10 °C, im Sommer (Juli) 17 bis 18 °C.
Geschichte
Gründung Pskow wurde vom ostslawischen Stamm der Kriwitschen gegründet. Die Anfänge der Stadt liegen im Dunkeln, Funde aus den Langen Kuranen und dem östlichen Baltikum belegen jedoch, dass die Siedlungsanfänge bis ins dritte Viertel des ersten Jahrhunderts reichen, eine kontinuierliche Entwicklung kann jedoch nicht nachgewiesen werden.
Als die Stadt 903 erstmals erwähnt wurde, bezeichnete man sie als lange existierend. Der Sage nach gehörte sie seit 864 zum Großfürstentum Nowgorod. Zu den Bewohnern der Stadt zählten Slawen, Skandinavier und finno-ugrische Bevölkerung.
Mittelalter Bereits 955 begann unter Fürstin Olga, der Witwe des Fürsten Igor von Kiew, die Christianisierung der Region; an die Stelle heidnischer Sitten trat die altrussische Kultur.
mini|Kirche Johannes der Täufer (12. Jahrhundert) in Pskow
1137 wurde Pskow ein selbständiges Fürstentum unter Wsewolod Mstislawitsch. Obwohl er schon 1138 starb, wurde er in der Stadt zur Symbolfigur der Unabhängigkeit.
Als die russischen Fürstentümer im 13. Jahrhundert von den zerstörerischen Einfällen der Goldenen Horde im Zuge der mongolischen Invasion der Rus heimgesucht wurde, blieb Pskow verschont, musste sich aber etwa zur selben Zeit gegen den Deutschen Orden zur Wehr setzen. 1240 besetzte dieser die Stadt, doch am 5. April 1242 wurde er von Alexander Newski in der Schlacht auf dem Peipussee vernichtend geschlagen. Als Zentrum einer selbständigen Republik war Pskow auch im Folgenden immer wieder Angriffen aus dem Westen ausgesetzt. Allein im 15. Jahrhundert wehrte es 26 Belagerungen von Polen-Litauen sowie dem Deutschen Orden ab.
Zur Zeit der Hanse war Pskow Standort einer Faktorei und ein wichtiger Stützpunkt für die Reisenden, die den Weg von Riga oder Reval nach Nowgorod zum dortigen Hansekontor Peterhof mit dem Schlitten nahmen. Der Ablauf des Handels zwischen deutschen und russischen Kaufleuten ergibt sich aus dem 1607 in Pskow geschriebenen Gesprächsbuch des Lübecker Kaufmannsgehilfen Tönnies Fonne.
1510 wurde Pskow ein Teil des Großfürstentums Moskau. 1581/1582, am Ende des Livländischen Krieges, wurde es gegen das 50.000 Mann starke Heer des polnischen Königs Stephan Báthory verteidigt (siehe Belagerung von Pskow), ebenso 1615 bei der Belagerung durch den schwedischen König Gustav Adolf.
Neuzeit mini|Alexander Iwanowitsch Morosow: Kirchenausgang in Pskow, 1864
Ab 1701 wurde die Stadt von Peter I. zur Festungsstadt ausgebaut, zur gleichen Zeit ging jedoch ihre Bedeutung aufgrund der Verlegung der Grenze nach Westen und der Gründung Sankt Petersburgs zurück. 1777 entstand das Gouvernement Pskow.
1900 hielt sich Lenin einige Monate in Pskow auf. Am 15. März 1917 unterzeichnete Zar Nikolaus II. in Pskow seine Abdankungsurkunde.Manfred Hellmann: Die Russische Revolution 1917. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1964, S. 135–136. Von Februar bis November 1918 war Pskow im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt. Vom Mai bis August 1919 wurde die Stadt von Truppen des weißrussisch-polnischen Generals Stanislau Bulak-Balachowitsch kontrolliert. Im September 1919 konnte die Rote Armee die Stadt einnehmen.
Zweiter Weltkrieg Im Zweiten Weltkrieg wurde aufgrund des Zögerns der sowjetischen Führung um Josef Stalin nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 versäumt, frontnahe Städte rechtzeitig zu evakuieren. Nur wenige örtliche KP-Funktionäre und Wissenschaftler konnten Pskow noch rechtzeitig verlassen. Weitere 10.000 Bewohner, die fliehen wollten, wurden von Truppen der deutschen Wehrmacht eingeholt und mussten wieder zurückkehren.
Während des Deutsch-Sowjetischen Krieges war die Stadt vom 9. Juli 1941 bis zum 23. Juli 1944 von der Wehrmacht besetzt. Etwa 300.000 Menschen kamen während der Besatzungszeit nach sowjetischen Schätzungen in und um Pskow ums Leben, davon etwa 60 Prozent Bewohner der Stadt und der umliegenden Dörfer, daneben eine große Zahl sowjetischer Kriegsgefangener. Pskow selbst verlor rund 40 Prozent seiner Bewohner, 26 Dörfer wurden ausgelöscht, die meisten davon in den Jahren 1943 und 1944. Ab September 1941 mussten die Pskower aufgrund eines Befehls der neuen lokalen Kommandantur ihre Stadt wiederaufbauen. Als die Tätigkeit von Partisanen in der Gegend ab Sommer 1942 immer stärker wurde, wurden aus Rache zahlreiche Häuser von der Wehrmacht niedergebrannt und den Menschen so ihre Lebensgrundlage genommen. Nicht selten wurden die Bewohner vertrieben. Die deutschen Besatzer plünderten Pskow gemäß ihrer im Generalplan Ost dokumentierten Ideologie und Zielsetzung aus: Nach neuen Verordnungen erhielten die Bewohner der Stadt seit November 1941 nur noch 33 Prozent der Nahrung. Die Bauern im Umland mussten regelmäßig zwei Drittel ihrer Ernte abliefern. In Pskow lebten etwa 1100 Juden, das waren 2 % der Bevölkerung. Die Deutschen ordneten im August 1941 ein Zwangsghetto an; die Insassen wurden Anfang 1942 erschossen. Zwischen März 1942 und Juli 1944 wurden rund 11.000 Menschen aus Pskow als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Im Zuge der Pskow-Ostrower Operation wurde die Stadt am 23. Juli 1944 von Truppen der Roten Armee befreit.
Kriegsgefangenenlager In der Stadt befand sich sowohl das Stammlager 372 der Wehrmacht für deren sowjetische KriegsgefangeneMario Bandi: Das Metall des Krieges oder: 100 Briefe aus Pleskau. Deutschlandfunk, Feature. 12. September 2014. wie auch das sowjetische Kriegsgefangenenlager 343 für deutsche Kriegsgefangene.Maschke, Erich (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962–1977.
Moderne Während der Sowjetherrschaft wurden die meisten Klöster und Kirchen geschlossen oder zerstört. In der Perestroikazeit ist das geistliche Leben wiedererwacht. Viele Klöster wurden wieder eröffnet oder ausgebaut, zunächst mit bescheidenen Mitteln. Heute gewinnt Pskow wieder an Bedeutung als religiöses Zentrum. Zahlreiche Gläubige aus ganz Russland pilgern zu den Kirchen und Klöstern. Seit 1990 besteht eine Städtepartnerschaft mit Neuss, wozu auch Austausch von künstlerisch begabten Jugendlichen gehört. Die Evangelische Kirche im Rheinland pflegt seit 1991 – aus Anlass des 50. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion – eine Partnerschaft mit Pskow.Versöhnung praktisch: Kirche engagiert sich für behinderte Menschen in Pskow. EKiR, Pressemitteilung, 15. Juni 2018; abgerufen am 16. Juni 2018.
Heute ist Pskow auch Zentrum einer landwirtschaftlich und handwerklich-technisch geprägten Region und Standort mehrerer pädagogischer Hochschulen und Ausbildungsstätten.
Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner 1897 30.478 1926 43.857 1939 60.439 1959 81.270 1970 126.711 1979 175.724 1989 203.789 2002 202.780 2010 203.279 2024 187.129 Anmerkung: Volkszählungsdaten
Söhne und Töchter der Stadt
Wilhelm von Fermor (1702–1771), General der russischen Armee Grigori Teplow (1717–1779), Staatsbeamter, Schriftsteller und Komponist Jakow Knjaschnin (1742–1791), Dichter, Dramaturg und Übersetzer Pjotr Petrowitsch Konownizyn (1764–1822), Korpsführer, General der Infanterie (1817) sowie von 1815 bis 1819 Kriegsminister des Russischen Reiches Maxim Worobjow (1787–1855), Landschaftsmaler Ferdinand von Wrangel (1797–1870), Offizier der kaiserlich-russischen Marine, Sibirienreisender, Weltumsegler und Geograph Adolf von Huebbenet (1830–1901), Staatsmann im Russischen Kaiserreich deutsch-baltischer Abstammung Georg Noltein (1854–1936), deutsch-baltisch-russisch-lettischer Eisenbahningenieur und Hochschullehrer Aleksander von der Bellen (1859–1924), liberaler russischer Politiker und Adeliger Walter Bodneck (1885–??), Sportschütze Alexander Bulynnikow (1892–1972), Geologe und Hochschullehrer Michail Nesturch (1895–1979), Anthropologe, Primatenforscher und Autor Jewgeni Tarejew (1895–1986), Internist, Pathophysiologe, Verdienter Wissenschaftler und Akademiemitglied Konstantin Gei (1896–1939), sowjetischer Politiker und Revolutionär russlanddeutscher Abstammung Boris Schtegman (1898–1975), Ornithologe deutscher Abstammung Jelisaweta Bradis (1900–1975), Biologin und Hochschullehrerin Weniamin Kawerin (1902–1989), Schriftsteller Georg von Rauch (1904–1991), Historiker Markas Luckis (1905–1973), litauisch-argentinischer Schachspieler Iko Maran (1915–1999), estnischer Dramatiker und Jugendbuchautor Boris Meissner (1915–2003), deutsch-baltischer Rechtswissenschaftler Nikolai Schanin (1919–2011), Mathematiker Oleg Lawrentjew (1926–2011), Physiker Sara Minz (1927–1990), Literaturwissenschaftlerin und Hochschullehrerin Igor Pissarew (1931–2001), Kanute Iwan Ljubimow (* 1932), Skilangläufer Nina Tscheremissina (* 1946), Steuerfrau im Rudern Alexander Bastrykin (* 1953), Polizist Galina Stepanowa (* 1955), Ruderin Wladimir Smirnow (* 1957), Geschäftsmann Marija Fadejewa (* 1958), Ruderin und Bronzemedaillengewinnerin Swetlana Semjonowa (* 1958), Ruderin Marina Studnewa (* 1959), Ruderin Alexander Merkulov (* 1963), Pianist und Komponist Lew Schlosberg (* 1963), liberaler Politiker (Jabloko) und Journalist Andrei Schuwalow (* 1965), Degenfechter Sergei Fjodorow (* 1969), Eishockeyspieler Sergei Schilow (* 1970), Behindertensportler Oxana Fjodorowa (* 1977), Fernsehmoderatorin Alexander Wassiljew (* 1982), Politiker Julija Peressild (* 1984), Schauspielerin Michail Sjamjonau (* 1986), Biathlet Anastassija Kalina (* 1989), Biathletin Konstantin Schabanow (* 1989), Hürdenläufer Wladislaw Masternoi (* 1995), Fußballspieler Pawel Sorin (* 1995), Ruderer Jaroslaw Michailow (* 2003), Fußballspieler
Kultur
Sehenswürdigkeiten der Stadt mini|Dreifaltigkeitskathedrale mit Kreml in Pskow mini|Kreml in Pskow, Luftbild
Die „Kirchen der Pskower Architekturschule“ wurden 2019 in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbestätten aufgenommen.Pskows Architektur ist Unesco-Weltkulturerbe. de.rbth.com Kreml (mit Dreifaltigkeitskathedrale) Snetogorski-Kloster mit Mariä-Geburts-Kathedrale – ältestes erhaltenes mittelalterliches Freskenprogramm Russlands (Propheten, Mariä Geburt, Jüngstes Gericht) Kirche Mariä Schutz und Geburt Dowmontow-Stadt (Daumantas-Stadt) Basiliuskirche (15. Jahrhundert) Cosmas-und-Damian-Kirche (15. Jahrhundert) Kirche zu Christi Erscheinung (15. Jahrhundert) Mirosch-Kloster (mit Mirosch-Kathedrale, 12. Jahrhundert) Pogankinpalast (Museum für Geschichte und Kunsthandwerk) Gemäldegalerie
Sehenswürdigkeiten der Umgebung Festung Isborsk Kloster Petschory Michailowskoje (Puschkin-Gedenkstätten) Swjatogorski Kloster (mit dem Grab von Puschkin)
Politik
Wappen