Donald Herbert Davidson (* 6. März 1917 in Springfield, Massachusetts; † 30. August 2003 in Berkeley, Kalifornien) war ein US-amerikanischer analytischer Philosoph und ein Schüler von Willard Van Orman Quine.Brockhaus: Philosophie. Mannheim/Leipzig 2004, Lemma Donald Davidson.
Leben Donald Davidson – Sohn von Clarence Herbert Davidson und Grace Cordelia Anthony – wuchs zunächst auf den Philippinen und seit 1921 in Amherst und Philadelphia auf. 1926 zog die Familie nach Staten Island, wo Davidson mit dem Besuch einer öffentlichen Schule in der ersten Klasse begann und dann in die vierte Klasse der Staten Island Academy wechseln konnte.
Nach seiner Graduierung im Jahr 1939 zog Davidson nach Kalifornien, wo er Skripte für einige Folgen des Detektivhörspiels Big Town verfasste, in der Edward G. Robinson mitwirkte. An der Harvard University studierte Davidson zuerst als Hauptfächer Englisch und vergleichende Literaturwissenschaften: Er hörte Theodore Spencer über Shakespeare und die Bibel, Harry Levin über James Joyce. Davidson wechselte zur Altphilologie und Philosophie. Seine Lehrer waren Alfred North Whitehead, C. I. Lewis und W. V. O. Quine. Unter dem Einfluss von Quine, den Davidson seinen Mentor nannte und dem er im Jahr 1984 seinen Sammelband Inquiries into Truth and Interpretation widmete, wandte er sich den Methoden und Problemen der analytischen Philosophie zu. 1941 erwarb er seinen Master. Sein Studium unterbrach er während des Zweiten Weltkriegs von 1942 bis 1945 für den Dienst in der U.S. Navy, wo er Piloten im Erkennen feindlicher Flugzeuge trainierte und an den Invasionen von Sizilien, Salerno und Anzio teilnahm. 1949 schloss Davidson sein Ph.D.-Philosophiestudium ab. Seine Dissertation über Platons Dialog Philebos bezeichnete er später als seltsam. Sie wurde 1990 veröffentlicht.Donald Davidson: Plato's Philebus. Garland Publishing, New York 1990.
Im Anschluss an eine erste Tätigkeit am Queens College lehrte Donald Davidson von 1951 bis 1967 als Professor an der Stanford University, wo er sich mit der Entscheidungstheorie und Musikphilosophie beschäftigte. Hier entwickelte er mit Patrick Suppes einen experimentellen Zugang zur Entscheidungstheorie. Sie kamen überein, dass es nicht möglich sei, die Ansichten und Präferenzen einer Person isoliert zu behandeln, so dass die Handlungen einer Person bezüglich ihrer Absichten durch verschiedene Methoden analysiert oder bewertet werden sollten. Hieraus folgte für Übersetzungen eine Theorie der Unbestimmtheit.
Ab 1967 übernahm Davidson Professuren an den Universitäten Princeton (1967–1970), Rockefeller (1970–1976) und Chicago (1976–1981). 1981 wurde Donald Davidson als ein Willis S. und Marion Slusser Professor of Philosophy an die Universität von Kalifornien in Berkeley berufen.Matthias Schirn: Donald Davidson. In: Julian Nida-Rümelin: Philosophie in Einzeldarstellungen von Adorno bis v. Wright. Kröner, Stuttgart 1991, S. 126. Die Professur behielt er bis zu seinem Tod.
Donald Davidson war zweimal verheiratet – seit 1984 mit der Philosophin Marcia Cavell. Ihr ist sein Sammelband Subjective, Intersubjective, Objective (2001) gewidmet; sie übernahm die posthumen Editionen.
Davidson war 1973–1974 und 1985–1986 Präsident der American Philosophical Association und hatte zahlreiche Dozenturen unter anderen an der Harvard University und der Universität Oxford inne.
Auszeichnungen und Mitgliedschaften 1975: Mitglied der American Academy of Arts and Sciences 1981: Korrespondierendes Mitglied der British Academy 1985: Mitglied der American Philosophical Society 1991: Hegel-Preis 1995: Jean-Nicod-Preis.
Werk
Themenbereiche Donald Davidson hat kein einheitliches Werk verfasst und publiziert. Seine Philosophie ist in einer großen Anzahl von Aufsätzen und Kongressberichten veröffentlicht, deren Themenbereiche sich über die Schlüsselbegriffe in zwei Gruppen einteilen lassen:Ian Hacking: Die Bedeutung der Sprache für die Philosophie. Hain, Königstein 1984, S. 119.
Philosophie des Geistes: Handlung, Ursache, Grund und Ereignis. Sprachphilosophie: Wahrheit, Bedeutung, Satz und Semantik.
Seine Aufsätze beeinflussten die gesamte Philosophie einschließlich der analytischen Bedeutungstheorie und der Postanalytischen Philosophie. Eine Zusammenstellung seines Werkes liegt in den fünf Bänden Gesammelter Aufsätze vor.Donald Davidson: Collected Essays, Oxford University Press, 5 Bände. Insgesamt ca. 80 Arbeiten. Seine Philosophie wird als eine homogene, methodisch-rationale und betont sprachpragmatische Philosophie beschrieben. Ihr originärer Ansatz ist eine Interpretationsmethode, die Davidson mit einer Formel als principle of charity (Prinzip der wohlwollenden Interpretation) kennzeichnet: Verständlichkeit ist das Ziel. Demnach ist die erste Aufgabe von Interpretation die Verständigung, in der es um den Sinn und die Bedeutung sprachlicher Aussagen anderer geht.
Handlungen, Gründe und Ursachen Davidson wurde 1963 mit dem Aufsatz Actions, Reasons, and Causes (Handlungen, Gründe und Ursachen) bekannt, in dem er versuchte, die vorherrschende Ansicht zu widerlegen, der zufolge die Gründe eines Handelnden nicht die Ursache seiner Handlung sein können.Malpas, 2005, §2 Diese Auffassung wurde damals vor allem Wittgenstein zugeschrieben, findet sich aber schon in Tolstois Roman Krieg und Frieden. Davidson nahm dagegen an, dass eine Rationalisierung – hier verstanden als ein Konstrukt von Gründen des Handelnden, um seine Handlungen zu erklären – eine Art normaler kausaler Erklärung sei:1963, p. 685 Eine Handlung A wird in Davidsons Worten durch einen primären Grund erklärt, der eine zielgerichtete Haltung (einem starken Wunsch oder Verlangen ähnlich) zu einem Ziel G und dann den instrumentellen Glauben einschließt, dass die Ausführung der Handlung A ein Mittel ist, um G zu erreichen. Zum Beispiel ist der primäre Grund, einen Regenschirm bei schlechtem Wetter zu verwenden, das Bedürfnis trocken zu bleiben und die Überzeugung, dies unter einem Regenschirm erreichen zu können.
Diese Ansicht, die weitgehend mit dem gesunden Menschenverstand der Populärpsychologie übereinstimmt, beruht zum Teil auf der Idee, dass Kausalgesetze strikt und deterministisch sein müssen, die Erklärung durch die Angabe von Gründen aber nicht. Mangelnde Präzision der Formulierung von Gründen heißt auch nicht, dass ein Besitz solcher Gründe nicht ein Zustand sein könnte, Verhalten kausal zu beeinflussen. Davidson arbeitete diese Auffassung in mehreren Aufsätzen aus.
Mentale Ereignisse In dem 1970 erschienenen Aufsatz Mental Events (Geistige Erkenntnis) stellte Davidson seine Identitätstheorie des Geistes (mind) zur Debatte, nach der bestimmte Vorkommnisse oder Token geistiger Ereignisse mit bestimmten Vorkommnissen physikalischer Ereignisse identisch sind. Eine Schwierigkeit dieser Ansicht war immer die Unmöglichkeit gewesen, Gesetze aufzustellen, welche mentale Zustände – wie die Annahme eines blauen Himmels – oder das Verlangen nach einem Hamburger – mit physikalischen Zuständen (etwa Muster neurologischer Aktivitäten im Gehirn) verknüpfen würden. Davidson nahm an, dass eine solche Reduktion für eine Token-Identitätsthese gar nicht notwendig wäre: Möglicherweise ist jedes individuelle geistige Ereignis nur das korrespondierende physikalische Ereignis, ohne dass es Gesetze gäbe, die verschiedene Arten oder Typen (im Gegensatz zu Token) geistiger Ereignisse mit den entsprechenden Typen physischer Ereignisse zu verbinden. Davidson stellte aber klar, dass diese Unmöglichkeit einer Reduzierung nicht bedeute, dass der Verstand (mind) etwas anderes als das Gehirn sei. Davidson ist also ein Monist, für den es sich bei Fragen mentaler und physischer Ereignisse nur um eine Sache handelt. Davidson nannte seine Position einen Anomalen Monismus (AM), da geistige und physische Ereignis-Typen nicht durch strikte Gesetze (Gesetze ohne Ausnahmen) verbunden werden könnten.
Davidson nahm an, dass ein Anomaler Monismus aus drei überzeugenden Thesen folge: Erstens aus der Ablehnung des Epiphänomenalismus, der Ansicht, dass mentale Ereignisse physische Ereignisse nicht verursachen können. Die zweite These ist die nomologische Auffassung von Verursachung, nach der ein Ereignis ein anderes dann und nur dann verursacht, wenn ein strenges Gesetz ohne Ausnahmen existiert, das diese Beziehung bestimmt. Aber zugleich setzt Davidson drittens den Anomalismus des Geistigen voraus: Solch strikte Gesetze gelten nicht für Typen geistiger und physischer Ereignisse, geregelt sind nur bestimmte Vorkommnisse dieser Ereignisse; Typen geistiger Ereignisse verhalten sich anomal. Dies bestätigt den Token-Physikalismus und das Verhältnis der Supervenienz von mentalem und physischem, und respektiert zugleich die Autonomie des Geistigen.
Wahrheit und Bedeutung 1967 veröffentlichte Davidson Truth and Meaning (Wahrheit und Bedeutung) und nahm die These auf, dass jede erlernbare Sprache in einer endlichen Form darstellbar sein muss, obwohl sie eine theoretisch unbegrenzte Anzahl von Ausdrücken umfasst – was eine natürliche Sprache im Prinzip tut. Wenn eine Sprache nicht auf eine endliche Art und Weise dargestellt werden könne, könnte sie auch nicht mit den begrenzten empirischen Methoden gelernt werden, mit denen das nun einmal geschieht. Daraus folge, dass es möglich sein müsse, eine theoretische Semantik für jede natürliche Sprache zu erstellen, die die Bedeutungen einer unbegrenzten Zahl von Sätzen auf der Basis eines endlichen Systems von Axiomen angibt. In der Nachfolge etwa von Rudolf Carnaps Introduction to Semantics (Harvard 1942, Seite 22) nahm Davidson zudem an, dass die Bedeutung eines Satzes angeben bedeutet, seine Wahrheitsbedingungen anzugeben. Davidson inspirierte so die moderne Wahrheitsbedingungen-Semantik. Er schlug vor, eine Bedeutungstheorie müsse aufzeigen, wie sich aus einer Spezifikation von endlich vielen Eigenschaften einer Sprache für jeden der unendlich vielen Sätze dieser Sprache herleiten lässt, unter welchen Umständen er wahr ist. Die Angabe der Wahrheitsbedingung eines Satzes S erfolgt hierbei typischerweise durch einen Satz der Form „S ist wahr genau dann, wenn p“. Davidson hat diese Idee zuerst in seinen Oxforder John Locke Vorlesungen (1969/70), The Structure of Truth, vorgestellt. Mehrere Philosophen haben versucht, Davidsonsche semantische Theorien für natürliche Sprachen zu entwickeln. Er selbst arbeitete Elemente dieser Theorie in seinen Aufsätzen über Anführung (quotation), indirekte Rede und Handlungsbeschreibungen aus.
Wissen und Glauben Nach 1970 griff Davidson in seiner Philosophie des Geistes die Einflüsse von Saul Kripke, Hilary Putnam und Keith Donnellan auf, die die deskriptivische Theorie geistiger Inhalte kritisieren. Der Deskriptivismus, der auf Bertrand Russells Kennzeichnungstheorie, seiner Theory of Descriptions und möglicherweise auch auf Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus zurückgeht, besagt, dass der Gegenstand oder die Person, auf den sich der Name bezieht, durch die Vorstellungen, die der Namensgeber von dieser Person oder den Gegenstand hat, bestimmt wird: Von wem ist in den beiden Aussagen Aristoteles gründete das Gymnasium und Aristoteles unterrichtete Alexander den Großen die Rede? Offensichtlich von Aristoteles, aber warum? Nach Russell meinen solche Aussagen denjenigen, der die meisten der über ihn ausgesagten Behauptungen erfüllt. Wenn zwei Personen Alexander unterrichteten, aber eine das Gymnasium gründete, ist Aristoteles derjenige, der beides tat. Kripke und andere nahmen an, dass diese Theorie nicht haltbar sei, und dass die Frage, wem unsere Vorstellungen und Ideen gelten, praktisch von der Art und Weise des Erwerbs unserer Ideen und der Namen abhängig seien, insbesondere von der Möglichkeit, den Gebrauch dieser Namen kausal vom ursprünglichen Referenten zum gegenwärtigen Sprecher zurückzuverfolgen.