Die Bottini di Siena sind ein mittelalterliches Kanalsystem und ein unterirdisches Aquädukt zur Wasserversorgung der Stadt Siena mit einer Gesamtlänge von 25 kmComune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 20.Offizielle Webseite der Stadt Siena zu den Bottini di Siena, abgerufen am 18. Oktober 2018 (italienisch). Die Anlage war bis in die 1910er Jahre als Hauptwasserversorgung von Siena aktiv und liefert bis heute Wasser an die Brunnen von Siena. mini|Gegrabener Bottino im Kanalsystem des Bottino di Fonte Gaia
Beschreibung mini|Gemauerter Bottino (Bottino di Fonte Gaia) Namensgebend sind Botte (italienisch für Fässer), die die Form der bogenförmigen, meist aus Terrakotta gemauerten Wände und Überdachungen der Kanäle und der Tunnel beschreibt. Das unterirdische Kanalsystem der Bottini (singular Bottino) besteht aus mehreren Wasserwegen, die bis auf wenige Ausnahmen die Brunnen innerhalb der Stadtmauern von Siena oder die Brunnen wenige Meter außerhalb derer versorgen und von innerhalb der Stadtmauern gelegenen sowie von mehreren Kilometern außerhalb der Stadtmauern gelegenen Wasserquellen gespeist werden. Die Bottini sammeln dabei Regenwasser zwischen zwei verschieden durchlässigen Gesteinsbänken aufFabio Bargagli Petrucci: Le fonti di Siena e i loro aquedotti, note storiche dalle origini fino al MDLV. S. 17. und führen sie in die Stadt, da die Stadt Siena auf drei Hügeln beheimatet ist und nur an wenigen und relativ weit vom Ortszentrum vorbei führenden Flüssen liegt, wie z. B. der Fluss Tressa im Südwesten und Süden der Stadt als der der Stadt Siena nahegelegenster Fluss. Weitere Gründe für die Errichtung eines zu Brunnen wasserzuführenden Systems waren neben der Trinkwasserversorgung der Bevölkerung der BrandschutzComune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 13.Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 44., die Versorgung der wasserabhängigen Handwerksbetriebe (Färber, Ledermacher)Antonio Maria Baldi: Gli antichi bottini senesi., die Wasserversorgung von Tieren, die Versorgung der Waschhäuser und die Wässerung der Landwirtschaft.
Die Bottini sind nicht als einheitliches Kanalsystem zu betrachten. Neben den Hauptadern Bottino maestro di Fonte Gaia und Bottino maestro di Fontebranda sowie ihren Nebenarmen (Ramo genannt, plural rami) existieren viele unabhängige Bottini, die nur einzelne Brunnen speisen. Die Wasserläufe sind unidentisch mit dem Straßen Sienas. Die meisten Kanäle (Gorello genannt, plural: gorelli) haben eine Breite von etwa 20 bis 30 Zentimetern und befinden sich zum Großteil in mit Backstein gemauerten Gängen, die eine Breite von etwa 50 bis 90 Zentimetern haben. Die Höhe der Gänge variiert von 1,50 bis 2 Meter. Die Bottini sind von der Außenwelt nicht abgeschlossen, es existieren bei jedem Bottino mehrere Luftschächte (smiraglio genannt, pl.: smiragli, teilweise auch occhio genannt, pl.: occhiDuccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 58 und 62.).
Der Bottino maestro di Fonte Gaia speist sich aus den drei Hauptzuflüssen aus Colombaio (auch del Castagno, mit 5,75 km der entfernteste Punkt nördlich von Fonte GaiaComune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 37.), Michele a Quarto (auch San Dalmazio) und Uopini, die nahe dem Brunnen von Fontebecci zusammenfinden. Kleinere Zuflüsse sind der von Vico Alto (vor Fontebecci in den Ramo di Colombaio) und die von Acqua Calda, Marciano und Poggiarello (zwischen Fontebecci und Porta Camollia).Comune di Siena, Santa Maria della Scala, Associazione La Diana (Hrsg.): A ritrovar la Diana. S. 13. Die gesamte Wegstrecke hat ein konstantes Gefälle (Gradiente) von 1 ‰ (1 m Gefälle auf 1 km Länge)Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 36. und transportiert 2,7 Liter pro Sekunde.Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 92. Die Grabungen fanden von zwei verschiedenen Punkten statt. Zum einen von der Piazza del Campo aus Richtung Norden, zum anderen von Santa Petronilla (nahe dem Antiporto di Camollia), in Richtung Fonte Gaia (Süden) und in Richtung Fontebecci (Norden).Associazione La Diana: , abgerufen am 17. Oktober 2018 (italienisch)
Der Bottino maestro di Fontebranda ist der kürzere (entferntester Punkt 3,8 km nördlich von Fontebranda), aber ältere und auch tiefere der beiden Hauptkanäle. Auch er entspringt nördlich der Stadtmauern und transportiert 3,5 Liter pro Sekunde. Grabungen gingen hier immer vom Brunnen selbst aus Richtung Norden. Wichtigster Nebenarm ist der Ramo di Chiarenna., weitere wichtige Zuflüsse sind die von Santa Petronilla und San Prospero.Comune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 44 ff.
Geschichte mini|Stadtplan von Siena mit den Brunnen (um 1906) mini|Fonte Gaia um 1906 Erste unterirdische Wasserläufe existierten schon im 4. Jahrhundert, als Siena noch auf das Gebiet von Castelvecchio limitiert war. Hier wird 394 der Brunnen von Fontanella erwähnt.Comune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 15 Die Suche nach dem von Dante Alighieri in der Göttlichen Komödie erwähnten unterirdischen Flusses DianaTu li vedrai tra quella gente vana, che spera in Talamone, e perderagli più di speranza ch’a trovar la Diana; ma più vi perderanno li ammiragli. (Dante Alighieri, Divina Commedia, Purgatorio, XIII, 151–154, it.wikisource), Beim eiteln Volk wirst du die Meinen finden, das Talamon verlockt zum Hoffnungswahn; Und wie bei Diana’s Quelle wird er schwinden – Doch setzen mehr die Admiräle dran. Streckfuß-Übersetzung 1876 Göttliche Komödie (Streckfuß 1876), Purgatorio, de.wikisource verlief bisher nicht erfolgreich. Grund für den Bau der Aquädukte im Mittelalter war die Wasserknappheit der Stadt Siena, die im 11. Jahrhundert einen starken Bevölkerungswachstum erlebte. Der Tressa als am nächsten an Siena gelegener Fluss führte oft wenig Wasser, sodass das Getreide für Siena an den Mühlen des Merse (Molino del Pero und Molino del Palazzo) bei Brenna gemahlen werden musste.Comune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 10.
Erstmals als Bottini dokumentiert wurden sie 1226Comune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 19. als Buctinus. Gemauerte Bottini wurden 1246 bei Ausbauarbeiten von Fontebranda dokumentiert, als tausende Steine verwendet wurden.Comune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 17. Weitere Arbeiten an den Zuflüssen zu den Brunnen fanden im März 1250 statt, hier wurde an den Brunnen von Val di Montone, FollonicaDuccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 26., Fontebranda, Pescaia und Vetrice gearbeitet, wobei der von Pescaia an die beiden Hauptarme (Bottino di Fontegaia und Bottino di Fontebranda) angeschlossen. Im Jahr 1267 gab es Versuche, die Wasser des Merse nach Siena zu leiten, diese Pläne scheiterten kurz darauf. Danach konzentrierte man sich wieder auf Ausbesserungsarbeiten der vorhandenen Wasserwege. Neue Wasseradern wurden 1274 gefunden, die später zum Bau der Brunnen von Fontenuova und Fonte d’Ovile führten.Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 29. Um das Wasser auch endlich zur zentralen Piazza del Campo zu führen, wurde von der Stadtregierung am 16. Dezember 1334 der Vorschlag von Jacopo di Vanni di Ugolino angenommen, Wasser aus den nördlichen Zonen Sienas über den noch zu bauenden und mit 1,5 m hohen und 0,75 m breiten geplanten Bottino maestro di Fonte Gaia einzuleiten. Die vorgesehene Bauzeit von drei Jahren konnte nicht eingehalten werden, bis 1346 wurde nur der Brunnen von Fontebecci erreicht, der mit abgeleitetem Wasser aus dem Staggia versorgt werden sollte. Für die schwierigen Teile der Grabungen wurden ab 1341 Bergbauarbeiter aus Massa Marittima und Montieri eingesetzt, Guerchidem deutschen Wort Werker entstammend: Fabio Bargagli Petrucci: Le fonti di Siena e i loro aquedotti, note storiche dalle origini fino al MDLV. S. 41. genannt, die höhere Löhne als die unerfahrenen seneser Arbeiter erhielten.Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 34. Die ersten Steine zum Bau des Fonte Gaia wurden im April 1343 gemauertDuccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 35., eingeweiht wurde der Brunnen 1346 (mit dem von Fontebecci kommenden Wasser) und dann von 1409 bis 1419 von Jacopo della Quercia neu gestaltet.Touring Club Italiano: Toscana. Touring Editore, Mailand 2003, ISBN 88-365-2767-1, S. 504. Der Ramo di Uopini wurde 1387 fertiggestellt. Um die Wasserqualität zu erhöhen, entstanden 1437/1438Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 34. unter dem Prato di Porta Camollia die Galazzoni, eine Anlage, die durch Dekantieren den Kalk vom Wasser löst. Diese Becken haben eine Tiefe von 1,60 m und fassen mindestens 1400 hl.Comune di Siena (Hrsg.): I Bottini. Acquedotti medievali senesi. S. 68. Nach 1466 wurden keine wesentlichen Veränderungen oder Erweiterungen vorgenommen.
mini|Dado mini|Dado-Schild zur Entnahmemenge der Ableitungen Erste private Abzweigungen zu Privathaushalten entstanden ab 1474. Alessandro di Mariano Sozzini erhielt am 14. Juli 1474 von der Stadtregierung die Erlaubnis, eine Ableitung nahe dem Brunnen von Pantaneto zu seinem Privathaus in der Via Pantaneto auf seine Kosten zu errichten. Im September des gleichen Jahres erhielt auch Pietro Forteguerri die Erlaubnis, Wasser von dem Brunnen in der Via del Casato zu seinem Haus zu leiten.Comune di Siena, Santa Maria della Scala, Associazione La Diana (Hrsg.): A ritrovar la Diana. S. 27 Ebenso erhielt Bartolo di Tura 1474 die Erlaubnis, einen Privatanschluss zu schaffen. Ziel der Schaffung von privaten Anschlüssen war die Verringerung der illegalen Ableitungen, deren immense Ausmaße bereits 1446 offiziell festgestellt wurden.Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 46 f. Die Ableitungen zu den Privathaushalten wurden ab September 1691Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 68. mit Dadi (singular: dado, auch forellino (kleines Loch) genannt) ausgestattet, um die gewünschte Wassermenge abzuzweigen und dem Haushalt dementsprechend das Wasser in Rechnung zu stellen. Gängige Maße waren von einem halben Dado bis dreieinhalb Dadi. Ein Dado entsprach einer Wassermenge von 400 Litern am Tag. Problematisch erwiesen sich in Kriegszeiten die Luftschächte (smiragli) außerhalb der Stadtmauern. Bereits im Vorfeld der Schlacht von Camollia (1526) versuchte der Verschwörer Lucio Aringhieri, Truppen über die Bottini in die Stadt zu bringen. Im Vorfeld der fiorentinischen Belagerung (1554–1555) begann man im März 1553, die Bottini so zuzumauern, dass nur noch Wasser unter den Sperren fließen konnte.Duccio Balestracci, Laura Vigni, Armando Constantini: La memoria dell’Acqua. I bottini di Siena. S. 47 f.