Als Clankriminalität wird eine Form der organisierten Kriminalität in Deutschland und Schweden bezeichnet; als örtliche Schwerpunkte gelten Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Malmö, Göteborg und Stockholm. In Deutschland werden knapp 0,6 Prozent aller aufgenommenen Straftaten der Clankriminalität zugeordnet, in Berlin 0,2 Prozent.Arnold Schölzel: Faeser besteht auf Sippenhaftung. In: junge Welt, 14. August 2023, S. 1. Die Täterkreise gehören Großfamilien und Clans an, die oft aus dem arabischen Kulturraum stammen.
Kriminelle Clans werden Stand 2020 durch das BKA definiert als ethnisch abgeschottete Subkulturen, die in der Regel patriarchalisch-hierarchisch organisiert sind und einer eigenen Werteordnung folgen. Damit etablierte sich eine Paralleljustiz im Bereich der Clankriminalität.
Jüngste Geschichte Viele Clans stammen aus dem türkischen Gebiet um Mardin und gehören zur sozialen Gruppe der Mhallami. In der Türkei fand kein sozialer Aufstieg statt, es gab keinen Wohlstand. In den 1940er Jahren setzte eine wirtschaftlich bedingte Migration in den Libanon ein, wo aber keine soziale und wirtschaftliche Integration stattfand. Die Mhallami lebten in den Slums und Ghettos um Beirut, und obwohl sie eine Arbeitserlaubnis hatten, wurden sie von der Mehrheitsgesellschaft offen abgelehnt und zu Objekten intensiver staatlicher Repression.Dienstbühl 2021, S. 31
Die Entstehung des Phänomens der Clankriminalität in Deutschland geht in die 1980er-Jahre zurück: Infolge des libanesischen Bürgerkriegs emigrierten insbesondere staatenlose arabische und palästinensische Familien nach Deutschland. Da ihnen hier zunächst der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt blieb und ihre Kinder nicht schulpflichtig waren, förderte dies die Entstehung entsprechender Parallelgesellschaften und deren Delinquenz. Teile der Großfamilien verlegten sich auf illegale Aktivitäten, um ihren Lebensstandard zu heben. Als Tätigkeitsfelder der Clans gelten insbesondere Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung, illegales Glücksspiel, Betrug, Raubüberfälle, Einbrüche und Diebstähle.
Seit der Flüchtlingskrise in Deutschland 2015/2016 begannen Clans nach Aussage von Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), auch Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs und aus dem Irak für den Drogenverkauf an Endkunden anzuwerben. Fiedler äußerte die Besorgnis, dass auch hier kriminelle Gefüge entstehen, die durch die hohe Zahl der Angeworbenen zum Problem werden könnten.Neue Zielgruppe: Die Ameisentaktik der Clans bereitet Ermittlern Sorgen, WeltN24, 12. September 2019.
In einigen Stadtbezirken schikanieren Clan-Angehörige die Nachbarschaft und ganze Straßenzüge. 2020 schrieben die Journalisten Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer: „Mittlerweile sind sie zu einer echten Bedrohung für die deutsche Zivilgesellschaft geworden.“Thomas Heise, Claas Meyer-Heuer: Die Macht der Clans. DVA, München 2020, S. 12.
Im Jahr 2024 wurde publik, dass ein Clan einen Spitzel in der Zentralstelle für Finanztransaktionsuntersuchungen (Anti-Geldwäsche-Behörde des Bundesfinanzministeriums) hatte. Im selben Jahr wurde eine Frau, die der Familie Abou-Chaker angehört, bei einem Berliner Finanzamt als Beamtenanwärterin eingestellt.
Definitionen, Charakteristika Das LKA NRW hat Kriterien für einen Clan entwickelt, um eine Zugehörigkeit nach Namen kategorisieren zu können. Dazu gehören: Verwandtschaft als Bedingung der Mitgliedschaft Segmentäre, hierarchische und patriarchalische Organisation nach Abstammung Ablehnung der geltenden Rechtsordnung in Deutschland Ideologische Legitimation des kriminellen Handelns durch Abwertung der Opfer Paralleljustiz durch eigene Autoritäten (bspw. Friedensrichter) Strategische Eheschließungen mit Zwangscharakter Nach außen dokumentiertes Machtstreben durch Besetzung des öffentlichen RaumsDorothee Dienstbühl: Clankriminalität. Heidelberg 2021, ISBN 978-3-7832-0061-4, S. 24/25. (bspw. durch Hochzeitsautokorsos)
Solche Clanstrukturen tauchen häufiger auf und sind nicht nur auf den arabischen Raum beschränkt. Nicht jede arabischstämmige Großfamilie gehört zu einem Clan; andererseits kann der verwandtschaftliche Kontext aus einer willkürlichen Zuordnung herrühren, die Personen während der Migration selbst vorgenommen haben. Ein Clan umfasst daher oft mehrere hundert Mitglieder, die Zugehörigkeit kann aber nicht zwangsläufig an einem bestimmten Namen festgemacht werden.
Einige Wissenschaftler wiesen auf eine stigmatisierende Verwendung des Begriffs „Clankriminalität“ hin und erklärten, dass staatliche Maßnahmen gegen Clankriminalität vorrangig politisch motiviert seien und sich negativ auf präventive Maßnahmen und auf die Integration von dem nicht kriminell gewordenen Teil in den Familien auswirken würden.
Das Bundeskriminalamt (BKA) definierte 2019 kriminelle Clans als „ethnisch abgeschottete Subkulturen“, die in der Regel patriarchalisch-hierarchisch organisiert sind und einer „eigenen Werteordnung“ folgen. Für das Landeskriminalamt (LKA) Berlin ist der Bereich Clankriminalität „in weiten Teilen von einer arabischstämmigen Community bestehenden Parallelgesellschaft geprägt und geht einher mit einer mangelnden Akzeptanz oder sogar Ablehnung des in Deutschland vorherrschenden Werte- und Normensystems“. Zu den „weitgehend abgeschotteten Gemeinschaften, die sich deutlich von wesentlichen Werten pluralistischer, liberaler Gesellschaftsformen abgrenz[en]“, gehören laut dem BKA auch nach Europa ausgewanderte kriminell auffällige Tschetschenen, die einen „engen Zusammenhalt“ aufweisen. Während das BKA bei den tschetschenischen Kriminellen in Europa von Bandenkriminalität spricht, findet diese Differenzierung in den Medien nicht immer statt, da die Kriminellen unter den nach Europa ausgewanderten Tschetschenen, wenn auch nicht untereinander verwandt, so doch aber die Charakteristiken mit arabischen Clans teilen, die Gesetze des Landes nicht anzuerkennen, sondern islamische Gesetze als maßgebend zu betrachten und Paralleljustiz zu begehen.
Nach einer Analyse des Polizeipräsidiums Duisburg aus dem Jahr 2015 sind die aktiven Mitglieder der dortigen Clans männlich, jung und in den Jahren zwischen 1990 und 1998 geboren worden. Sie treten demnach häufig in großen Gruppen auf, um Stärke zu demonstrieren – wegen dieses Phänomens ist polizeiintern auch von einer „Street Corner Society“ die Rede. Laut Polizeipräsidium Duisburg treten die Clan-Mitglieder in der Öffentlichkeit je nach der zahlenmäßigen Stärke ihrer Gruppe beziehungsweise der eingesetzten Polizeibeamten unterschiedlich auf. Je größer die eigene Gruppe und je kleiner die Anzahl der Polizeikräfte, desto unangepasster agierten die Clan-Mitglieder.
Laut einem Lagebild des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts zur organisierten Kriminalität sieht sich die Polizei in Bezug auf die sogenannte Clankriminalität mit kriminellen, ethnisch abgeschotteten Gruppierungen insbesondere im Bereich der Rauschgift-, Gewalt- und der Straßenkriminalität konfrontiert. Sie treffe im Einsatzgeschehen häufig auf Respektlosigkeit und ein erhebliches Aggressionspotenzial, welches in gewalttätige Angriffe auf Polizeibeamte eskalieren kann.Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen: Organisierte Kriminalität: Lagebild NRW 2016 (PDF; 1,03 MB) Laut dem Landeskriminalamt üben vor allem als Problemstadtteile geltende Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Mieten wie in Essen-Altenessen oder Duisburg-Marxloh eine hohe Anziehungskraft auf Clan-Angehörige aus. Neben illegalen Aktivitäten würden sich die Großfamilien auch durch legale Quellen wie den Verkauf und die Vermietung von Pkw, Schlüsseldienste sowie Sozialleistungen finanzieren. Seit 2018 setzt die Polizei dem „Eroberungsgedanken“ der Clans, der „vor allem durch Gewalt und Grenzüberschreitungen geprägt“ sei, eine Strategie der „1000 Nadelstiche“ entgegen. Dabei würden bei Einsätzen mehr Kräfte geschickt und Kontrollen und Razzien von Hundertschaften durchgeführt. Ein Sprecher des Bundes Deutscher Kriminalbeamter behauptete, dass „kurdisch-libanesische“ Clans zunehmend versuchten, Ausländerämter, Zulassungsstellen oder Jobcenter zu unterwandern und durch Schmiergelder Einfluss auf die öffentliche Verwaltung zu nehmen, konnte seine These aber nur mit Beispielen aus der italienischen ’Ndrangheta belegen. Es wird daher gefordert, spezielle Strafkammern mit spezialisierten Richtern zu etablieren, die etwa die Familienstrukturen der Clans kennen und das komplizierte Personengeflecht durchblicken, aber auch mit „dem Umstand, dass viele kurdisch-libanesische Sippen Dutzende unterschiedliche Namen“ führen, vertraut sind.
Viele Clan-Mitglieder verfügen nach Polizeiangaben nur über ein geringes Bildungsniveau und besitzen keinen Schulabschluss. Als charakteristisch wird auch ein gewisses Imponiergehabe der Clan-Mitglieder bezeichnet, das ein Beamter des Landeskriminalamts wie folgt beschreibt: „Sie stellen ihre Besitztümer gern öffentlich zur Schau: Man zeigt und ist, was man hat.“ Auch Shisha-Bars, die häufig für Geldwäsche und den Verkauf von unversteuertem Tabak genutzt würden, spielen demnach eine Rolle. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul erklärte, „dass das Umfeld dieser Bars in Nordrhein-Westfalen der Boden für Clan-Kriminalität ist“. Das Bundeskriminalamt schätzt das Personenpotenzial der Clans im Jahr 2015 auf bis zu 200.000 Familienmitglieder, die zu Großfamilien mit türkisch-libanesischem Hintergrund gehören. Jedoch sind bei weitem nicht alle davon kriminell auffällig.
Regionale Verbreitung Kriminelle Großfamilien siedeln sich vor allem in Ballungszentren an. Als besonders betroffen gilt Berlin, wo die Polizei von 15 bis 20 entsprechenden Clan-Gruppierungen ausgeht, wozu auch der bekannte Abou-Chaker-Clan und der Remmo-Clan zählen. In der Hauptstadt wird mindestens ein Fünftel der organisierten Kriminalität Clan-Strukturen zugerechnet.
Als Schwerpunkte der Clankriminalität in Deutschland gelten Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen sowie die Stadtstaaten Berlin (Clan-Kriminalität in Berlin) und Bremen. Viele Täter gehören einem Clan oder großen Familie an, der oder die ursprünglich aus Kleinasien und der Arabischen Welt stammen.
Im deutschsprachigen Raum sind Stand 2018 unter anderem Mitglieder des Abou-Chaker-Clans, des Miri-Clans,Meldung: Wer regiert wo: Die berüchtigtsten Clans in Deutschland. In: Bild.de. 12. September 2018, abgerufen am 28. Juli 2020. des Remmo-Clans und der Al-Zein-Großfamilie kriminell auffällig geworden.
Nordrhein-Westfalen In NRW ist das Phänomen vor allem im Ruhrgebiet und dort in Städten wie Duisburg, Essen, Dortmund und Gelsenkirchen verbreitet.
In Nordrhein-Westfalen wurden bis Anfang 2019 rund 100 verschiedene kriminelle Clans dokumentiert. Zwischen 2016 und 2018 registrierte die Polizei in NRW mehr als 14.225 Straftaten mit rund 6449 tatverdächtigen Clanmitgliedern. Von den 6400 Tatverdächtigen sind 360 Intensivtäter für ein Drittel aller Straftaten verantwortlich. Jeder fünfte Verdächtige war weiblich. Unter den 14.225 Straftaten waren 26 Tötungsdelikte oder versuchte Tötungsdelikte, 5600 Gewaltdelikte, 2600 Betrugsfälle, 2600 Eigentumsdelikte und 1000 Drogendelikte. Von den tatverdächtigen Clanmitgliedern leben 1227 in Essen, 648 im Kreis Recklinghausen, 570 in Gelsenkirchen, 402 in Duisburg, 399 in Dortmund und 378 in Bochum. Von Sommer 2018 bis Januar 2019 wurden in NRW über 100 Razzien durchgeführt. In dieser Zeit durchsuchte die Polizei mehr als 1000 Gebäude. Es kam zu über 100 Festnahmen und zur Schließung von 60 Shisha-Bars.https://www.wz.de/nrw/clan-kriminalitaet-in-nrw-mehr-als-14000-delikte-in-zwei-jahren_aid-35995895 Viel mehr als gedacht: LKA beobachtet rund 100 Clans in NRW WZ vom 30. Januar 2019, abgerufen am 4. Februar 2019Malte Arnsperger: Innerhalb von drei Jahren: Kriminelle Clans für mehr als 14.000 Straftaten in NRW verantwortlich. In: Focus. 30. Januar 2019, abgerufen am 28. Juli 2020.