Die Schweinfurter Industriegeschichte blickt heute auf über 240 Jahre zurück. Sie begann 1780 und hat ihre Wurzeln in der protestantischen Reichsstadt Schweinfurt, einem Zentrum des Humanismus und der Aufklärung, im scharfen Kontrast der umgebenden Hochstifte Würzburg und Bamberg, mit Hexenverbrennungen bis ins 18. Jahrhundert.

Alle Branchen, mit Ausnahme der Schwerindustrie, waren oder sind in Schweinfurt vertreten, über Farben, Chemie, Elektro, Filme, Schuhe, Textil, Lebensmittel, Genussmittel, Gesundheit und natürlich Metallverarbeitung. Textil- und Elektroindustrie gab bzw. gibt es nur im kleinen Maße, wodurch die Stadt von Deindustrialisierung verschont blieb, im Gegensatz zu den einstigen fränkischen Industriezentren Nürnberg, Fürth, Aschaffenburg und Hof. Eine durchgehende industrielle Geschichte, ohne größere Einschnitte, von der Gründerzeit bis heute, besitzen in Bayern neben Schweinfurt nur noch München und Augsburg.

Der Aufbau der Schweinfurter Großindustrie wurde einerseits von genialen Leuten, wie Ernst Sachs geprägt, einem Protagonisten der Globalisierung und andererseits vom Kapitalismus in Reinkultur, mit der Bildung eines Kartells und feindlichen Übernahmen, befeuert von zwei Weltkriegen. Die Stadt wurde zum europäischen Zentrum der Wälzlagerindustrie und gilt bis heute als Welthauptstadt der Kugellager. Die  großen Drei  FAG Kugelfischer, Fichtel & Sachs und SKF zählten in den 1960er Jahren zu den 100 größten Industrieunternehmen Deutschlands.

Neben den Chancen traten auch die Krisen durch die Globalisierung in Schweinfurt eher als anderswo in Deutschland auf. Bereits Anfang der 1970er Jahre wollten japanische Firmen, mit dem einzigen weiteren weltweit relevanten Wälzlagerzentrum um Kobe, den Schweinfurter Standort durch Dumpingpreise ausschalten. Das führte zu einer schweren Krise. Auch die große Globalisierungswelle traf die Stadt bereits 1992, ein Jahr eher und härter als das übrige Deutschland. Als die Arbeitslosigkeit die ganze Republik 1994 voll erfasst hatte, wurden in Schweinfurt bereits wieder im größeren Umfang Fachkräfte gesucht. Die Stadt wurde zum Indikator, in dem neue Entwicklungen eher als anderswo auftraten und wurde schließlich Anfang des 21. Jahrhunderts, infolge des industriellen Niedergangs Nürnbergs, zum wichtigsten großindustriellen Zentrum Nordbayerns.Schweinfurt wurde nach Zahl der Beschäftigten in der Großindustrie größter Standort Nordbayerns. Infolge der starken Deindustrialisierung Nürnbergs, mit bereits 2008/10 insgesamt nur noch ca. 17.500 Beschäftigten, wie folgt: Siemens 9.000 (2008), MAN 3.500 (2010), Diehl 3.000 (2010), Bosch 2.000 (2010), Tendenz seitdem weiterhin fallend. Siemens hatte in Erlangen 2008 noch 22.000 Beschäftigte, Tendenz seitdem ebenfalls fallend. Mitarbeiter in den fünf Schweinfurter Großfirmen 2017/18 insgesamt ca. 22.000, wie folgt: ZF Friedrichshafen 9.500 (2017), Schaeffler 5.400 (2017, Bayerischer Rundfunk: Mitarbeiterzahl am Standort Schweinfurt um rund 240 gestiegen, 7. März 2018), SKF 4.100 (2018), Bosch Rexroth ca. 2.000, Fresenius Medical Care 1.200 (2018, Angabe Fresenius zum Produktions- und Entwicklungsstandort Schweinfurt)

Überblick der Erfindungen mini|hochkant=0.9|Torpedo-Freilaufnabe, nach Jahrzehnten kaum verändert

1853: Tretkurbel-Fahrrad von Philipp Moritz Fischer.Im Ggs. zu Pierre Michaux (1861) brachte P. M. Fischer seine im Schweinfurter Museum für Stadtgeschichte ausgestellte Erfindung nicht an die Öffentlichkeit, weshalb er in vielen Quellen zu Fahrradgeschichte bis heute nicht erwähnt wird. Die angeblichen vorhergehenden Erfindungen von Baader (1825) und Heinrich Mylius (1845) sind strittig und unbelegt: 1883: Kugelschleifmaschine von Friedrich Fischer. 1889: Fahrradfreilauf von Ernst Sachs. 1903: Rücktrittbremse und Torpedo-Freilaufnabe von Ernst Sachs. 1920: Moderner Fußball mit Rückschlagventil von Fritz Stöcklein.Der Mann, der dem Ball den Schnüdel nahm. In: Schweinfurter Tagblatt. 21. August 2015. 1986: Mikro-Blockheizkraftwerk von Fichtel & Sachs.

Die Erfindung des Tretkurbelfahrrads von P. M. Fischer war noch nicht der Anfang der großindustriellen Entwicklung Schweinfurts, sondern erst die Erfindung der Kugelschleifmaschine durch seinen Sohn Friedrich Fischer. Fahrradfreilauf und Rücktrittbremse wurden nach deren Erfindung schließlich in der Torpedo-Freilaufnabe (1903) von Fichtel & Sachs integriert. Die Nabenschaltung wurde von Fichtel & Sachs nicht erfunden, aber über Jahrzehnte weiterentwickelt.

Die modernen Inlineskates wurden ebenfalls nicht in Schweinfurt erfunden, aber 1978 von SKF in verbesserter Qualität (insbesondere Kugellager) auf den Markt gebracht (Speedy). Sie wurden nur in Schweinfurt populär, mit Inlineskates-Rennen, und gerieten wieder in Vergessenheit. Als dann Anfang der 1990er Jahre der Trend aus den USA kam, gingen in Deutschland wieder die ersten Impulse von SKF aus. Die verwendeten Rillenkugellager waren die gleichen wie bei Speedy geblieben.

1986 begann Fichtel & Sachs mit der Entwicklung von Prototypen für Mikro-Blockheizkraftwerke und startete 10-jährige Feldversuche. Aus Fichtel & Sachs ging das Unternehmen Senertec in Schweinfurt hervor, das 1996 mit der Produktion des Dachs begann, dem ersten serienreifen Mikro-Blockheizkraftwerk.

Industriegeschichte 18. Jahrhundert Farben und Lebensmittel (I)

1780 begann die Industrialisierung der Stadt, mit einer bis heute durchgängigen 240 jährigen Industriegeschichte, ohne Phasen der Deindustrialisierung, die allen anderen fränkischen Industriestädten widerfuhren.

Die chemische und Farbenindustrie machte den Anfang, mit der Errichtung der Wolf’schen Bleiweißmühle im Jahre 1770, die von Martin Schmidt 1780 zur Bleiweißfabrik ausgebaut wurde,Paul Ultsch: Damals in Schweinfurt. Band 1: Als die Stadtmauer noch Begrenzung war. Buch- und Idee-Verlags-GmbH, Schweinfurt 1982, ISBN 3-9800480-1-2, S. 80 mit einer angeschlossenen Fabrikation von Essig. 1788 nahm Johann Georg Gademann (1754–1813), der einer der ältesten Schweinfurter Familien entstammt, die Produktion von Bleiweiß auf und gründete die erste bayerische Fabrik für Mineralfarben, die Farbenfabrik Gademann & Co. Ab 1792 war sie im Vorort Niederwerrn ansässig. Spätestens 1833 war die Fabrik auf dem Börklein (auch: Gademannscher Hügel) in Schweinfurt, südlich des Mains, am Abzweig des Saumains, angesiedelt. Unter Carl Friedrich Gademann (1846–1910), dem Enkel von Johann Georg, hatte die Fabrik um 1900 ca. 120 Mitarbeiter.

19. Jahrhundert: Erste Hälfte Lebensmittel (II) mini|hochkant=1.7|Schweinfurter Osten auf einem Katasterplan von 1868 mit dem ältesten Industriegebiet der Stadt im Tal des Marienbachs.G=Gademann, W=Wüstenfeld; in Klammern: Betriebseröffnungen

Die weitere industrielle Entwicklung der Stadt ist eng mit dem Namen Wilhelm Sattler verbunden, dem seinerzeit reichsten und erfolgreichsten Unternehmer Bayerns,Bayerischer Rundfunk, Fernsehen: "Zwischen Spessart-und Karwendel" der dies auch mit sozialem Engagement verband. 1810 entwickelte er einen Sago-Ersatz, der in der Zeit der Kontinentalsperre nach Frankreich exportiert wurde. Um 1825 errichtete Sattler innerhalb der Stadtmauern, an Stelle der heutigen Heilig-Geist-Kirche, eine Zuckerfabrik.BayernAtlas der Bayerischen Vermessungsverwaltung, Historische Karte.

Schweinfurter Grün In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Schweinfurt ein Zentrum der deutschen Farbenindustrie. Sattler produzierte und exportierte als erster industriell das (hochgiftige) Schweinfurter Grün, das u. a. auch Pariser Grün genannt wurde, in alle Erdteile. 1814 wurde die Produktion in den Vorort Schonungen verlegt. Mit dem Aufkommen der Anilin-Farben (BASF, Hoechst AG) verlor das Schweinfurter Grün jedoch ab 1860 an Bedeutung. Heute gibt es in dieser Branche noch einige mittelständische Betriebe.

19. Jahrhundert: Zweite Hälfte Die Industrie ist sehr lebhaft. S. hat bedeutende Fabrikation von Farben (Schweinfurter Grün, Bleiweiß, Ultramarin), Fabriken für Herstellung von Schuhwaren, Malz, Maschinen, Leder, Zucker, Stärke, Nudeln, Margarinbutter, Schrot, Seife, Lichten, Likör, Tabak, Baumwollgarn, Mineralwasser, Korb- u. Faßwaren, Brauerei- u. Brennereiapparaten etc., ferner zwei große Kunstmühlen, Dampfsäge- und Lohmühlen, Glockengießerei, lithographische Anstalten, Porzellanmalerei, große Bierbrauereien, Ziegelbrennerei, Getreide-, Obst-, Wein- und Gemüsebau u. dgl. m. Der Handel, unterstützt durch eine Filiale der königlichen Bank in Nürnberg und eine Agentur der Bayrischen Notenbank, ist bedeutend in Materialwaren, Droguen, Wein, Spiritus, namentlich aber in Vieh.

Gelatine und Filme Die Deutsche Gelatinefabrik (1872/1889–1944), im westlichen Randgebiet der heutigen Innenstadt, produzierte Gelatine als Lebensmittel. Später wurde die Herstellung von Emulsions-Gelatine für photochemische Zwecke aufgenommen und das Werk galt auf diesem Gebiet in den 1920er Jahren als größte Fabrik der Welt.

Die Gebäude wurden im Krieg zerstört und das Werk nicht wieder aufgebaut. In den 1960er Jahren wurde die Fabrikruine gesprengt, auf dem Areal entstanden große Wohnkomplexe und ein großer Neubau der Bundesagentur für Arbeit.

Aufstieg der Wälzlagerindustrie

1883 begann die großindustriellen Entwicklung der Stadt durch die Erfindung der Kugelschleifmaschine durch Friedrich Fischer nach heute noch angewandtem Prinzip.Wirtschaft in Mainfranken: Vor 125 Jahren patentiert. August 2015, S. 88. Mit ihr wurden bereits Genauigkeiten von 0,02 Millimetern erreicht. Der Apparat wurde von Wilhelm Höpflinger weiterentwickelt. Diese Idee gilt als historischer Start der Wälzlagerindustrie.

Doch Fischer beansprucht den Erfolg für sich allein, weshalb Höpflinger und Fischers stiller Teilhaber Engelbert Fries die Firma Friedrich Fischer verlassen und ihr eigenes Unternehmen Fries & Höpflinger gründen. Höpflinger baut Fischers Maschine nach und lässt das Patent 1890 schützen. Fischer klagt, darauf wird sein Patent anerkannt, aber Höpflinger erhält lizenzfreies Nutzungsrecht.

Entstehung der großen Drei Unabhängig davon gründeten 5 Jahre später der Erfinder Ernst Sachs und der Kaufmann Karl Fichtel das Unternehmen Schweinfurter Präcisions-Kugellagerwerke Fichtel & Sachs. Dadurch entstanden die großen Drei: Kugelfischer (1890), Fries & Höpflinger (1890) und Fichtel & Sachs (1895), die Schweinfurt zum Zentrum der europäischen Wälzlagerindustrie machten und zudem zu einem weltbedeutenden Zentrum für Fahrrad-Komponenten (siehe: Überblick der Erfindungen).

20. Jahrhundert: Erste Hälfte Erster Global Player Ernst Sachs ließ als erster Global Player mit der Torpedo-Freilaufnabe 1903 erstmals weltweit eine Komponente patentieren, ohne die niemand mehr ein modernes Fahrrad bauen konnte.Wilfried Rott: Sachs – Unternehmer, Playboys, Millionäre. Blessing, 2005, ISBN 3-89667-270-3.

Erster Weltkrieg Einen weiteren Boom brachte der Erste Weltkrieg, als erster moderner Krieg und Materialschlacht der Geschichte.

Neuordnung der Wälzlagerindustrie Die 1929 von Ernst Sachs und Georg Schäfer (II) gestaltete Neuordnung der deutschen Wälzlagerindustrie erwies sich für den Standort als Weichenstellung. Sachs verkaufte seine Wälzlagersparte (Fichtel & Sachs Werk 1 am Schillerplatz; Bild siehe Artikelanfang) an die schwedische SKF, die bereits seit 1925 eine aggressive Expansionsstrategie verfolgte. SKF erwarb auch die Fries & Höpflinger AG und zudem Werke in Berlin und Krefeld, die zu den Vereinigten Kugellagerfabriken AG (VKF, ab 1953 SKF GmbH) fusionierten, mit Hauptsitz in Schweinfurt. Im Aufsichtsrat saßen u. a. Ernst Sachs, Peter Klöckner, Fritz Thyssen und Günther Quandt. VKF beherrschte 80 % des deutschen Marktes. Einziger verbliebener deutscher Konkurrent war FAG Kugelfischer. SKF legte nun die Werke in Berlin und Krefeld sukzessive still. Die deutsche Wälzlagerindustrie wurde nun komplett aus Schweinfurt gesteuert, von zwei Zentralen, die nur 500 m auseinander lagen.

Depression und Aufschwung