mini|Hotel Silber, 2022 mini|Foyer des Hotels Silber, 2018, heute genutzt als Eingangsbereich zum Erinnerungsort. mini|Eines der 16 „Fenster in die Vergangenheit“ in der Ausstellung, hier Foto des zehnjährigen Franz Hirth, Neffe von Georg Elser, in der Jungvolk-Uniform. Er musste während des Verhörs seiner Eltern einen Tag in der Pförtnerloge warten. Der Erinnerungsort Hotel Silber, auch Lern- und Gedenkort Hotel Silber oder kurz Hotel Silber genannt, ist ein Gedenkort im Hotel Silber in Stuttgart mit einer Dauerausstellung zum Thema „Polizei, Gestapo und Verfolgung“. Die Ausstellung behandelt die Verfolgung durch die Polizei von der Weimarer Republik bis in die Zeit der Bundesrepublik Deutschland, insbesondere die Verfolgung durch die Gestapo in der NS-Zeit im Gebiet von Württemberg und Hohenzollern.
Angebot Ausstellungen mini|Hotel Silber, Ostflügel und mittlerer Gebäudeteil, nördliche Front an der Dorotheenstraße. Die Ausstellungen befinden sich im ersten und zweiten Obergeschoss des Ostflügels.
Die Dauerausstellung im Hotel Silber thematisiert die Geschichte der Polizei und der Verfolgung vor allem im heutigen Baden-Württemberg mit folgenden Aspekten: die Geschichte der Verfolgung durch die Polizei in „drei Systemen“ (Weimarer Republik, NS-Staat, Bundesrepublik Deutschland) die Beteiligung der Gestapo an der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik innerhalb und außerhalb Württembergs Kontinuitäten und Brüche im Umgang mit Minderheiten und in der Strafverfolgung das Selbstverständnis der Polizisten in Demokratie und Diktatur
Der Schwerpunkt der Dauerausstellung liegt auf der Verfolgung durch die politische Polizei bzw. die Gestapo im ehemaligen Hotel Silber. Für die Verfolgung der Sinti und Roma und die Verfolgung der Homosexuellen war überwiegend die Kriminalpolizei zuständig, jedoch auch die Gestapo, die für Deportationen oder Einweisungen in Konzentrationslager verantwortlich war.Nikolai B. Forstbauer: Hotel Silber vor der Eröffnung in Stuttgart: „Wir sind auf der Zielgeraden“ stuttgarter-nachrichten.de, 11. Juli 2018. Die Kriminalpolizei war seit 1895 im vormaligen Bürgerhospital im Hospitalhof untergebracht. Das Gebäude wurde 1944 durch die britische Luftwaffe zerstört.
Die Dauerausstellung wird durch Sonderausstellungen ergänzt.
Pädagogische Angebote Der Erinnerungsort Hotel Silber führt regelmäßig verschiedene Projekte zur Geschichtsvermittlung für Kinder und Jugendliche durch. Hierbei werden die Ausstellungen und der historische Ort durch pädagogische Formate erschlossen und Kindern und Jugendlichen ab 13 Jahren näher gebracht. Es werden unter anderem Führungen zur Errichtung der NS-Diktatur und deren Ideologie und zur Erinnerungskultur durchgeführt. In einer Kooperation mit der Stauffenberg-Erinnerungsstätte findet in regelmäßigen Abständen ein Museumsgespräch zum Thema Widerstand und Verfolgung statt. Ebenfalls werden Kooperationen mit Schulen und deren Lehrkräften durchgeführt, um die Geschichtsvermittlung für Schulkinder zu ergänzen.
Räume und Gestaltung mini|Teil der nördlichen Gebäudefront, links der Haupteingang. Drei der Fenster sind durch Platten mit den Begriffen „Vorurteil“, „Verhaftung“ und „Denunziation“ verdeckt. Insgesamt wurden elf Fenster mit solchen Platten verschlossen. mini|Zugang auf der Rückseite
Die Dauerausstellung befindet sich auf 300 m² im ersten Obergeschoss. Auf dem Boden des Flurs der Dauerstellung sind in Abständen fünf Lichtkästen angebracht. Über die gesamte Länge bilden kleine Fotos derjenigen, die im Hotel Silber für die Polizei tätig waren, zusammen den „Schattenriss eines Polizisten“. Dieses Motiv befindet sich auch auf dem bis zum Dachrand reichenden zylinderförmigen Textilbanner, das oberhalb des Haupteingangs angebracht ist.
Im zweiten Obergeschoss ist der Raum für die Wechselausstellungen. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind elf Fenster an der Fassadenseite durch Platten verschlossen. Diese Platten tragen jeweils einen zentralen Begriff der Dauerausstellung als Aufschrift: Überwachung, Mut, Denunziation, Verhaftung, Vorurteil, Widerstand, Ausgrenzung, Verfolgung, Recht, Würde, Staatsschutz.
Im Erdgeschoss befinden sich das Eingangsfoyer (frühere Gaststätte) und Räume für Seminare. Auf rückwärtigen, südlichen Seite des Gebäudes befindet sich ein weiterer Zugang. Im Keller sind die Garderobe, die sanitären Einrichtungen und die technischen Anlagen untergebracht.
Organisation Verträge Die Zusammenarbeit zwischen dem Träger des Erinnerungsorts, den Partnern sowie weiteren Institutionen ist im Wesentlichen durch zwei Verträge geregelt. Dies sind: die Finanzierungs- und Organisationsvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart zum Erinnerungsort Hotel SilberFinanzierungs- und Organisationsvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart zum Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart, Januar 2016 (PDF; 5 MB). die Bürgerbeteiligungs- und Nutzungsvereinbarung zwischen dem Träger und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V.Bürgerbeteiligungs- und Nutzungsvereinbarung zwischen dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. zum Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart, Januar 2016 (PDF; 5 MB).
Die beiden Verträge wurden nach langen Verhandlungen am 15. Januar 2016 unterzeichnet.Ein Meilenstein: Hotel Silber Verträge wurden am 15.1.2016 unterschrieben Mitteilung auf der Website der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V.
Träger und Partner Träger der Einrichtung ist das Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Der Erinnerungsort ist eine Außenstelle des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg.Finanzierungs- und Organisationsvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart zum Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart, 2015 (PDF; 5 MB). Siehe § 1.
Der Träger arbeitet insbesondere bei der Programmgestaltung mit vier Partnern zusammen: der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, der Landeshauptstadt Stuttgart, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) und der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen in Baden-Württemberg (LAGG).Erinnerungsort Hotel Silber hdgbw.de, siehe Abschnitt Träger und Partner*innen.
Der Erinnerungsort untersteht einer Rechts- und Fachaufsicht durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.
Gremien Drei Gremien sind maßgeblich an Entscheidungen und Beratungen beteiligt:Finanzierungs- und Organisationsvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart zum Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart, 2015 (PDF; 5 MB). Siehe §§ 5 bis 8. der Verwaltungsrat. Ihm gehören je zwei Vertreter des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft, der Stadt Stuttgart sowie der Bürgerschaft an. Der Verwaltungsrat beschließt den Wirtschaftsplan, die mittelfristige Finanzplanung und das Jahresprogramm. Zudem entscheidet er über Grundsatzfragen. Er tagt mindestens einmal im Jahr. Der Vorstand des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg nimmt beratend an den Sitzungen teil. der Programmbeirat. In diesem beratenden Gremium sind die Bürgerschaft, die Stadt Stuttgart, die LpB und die LAGG vertreten. ein Runder Tisch. Ihm gehören an: die Mitglieder des Verwaltungsrats der Vorstand des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg je ein Vertreter des Staatsministeriums, der LpB und der LAGG je ein Vertreter aller Fraktionen und Fraktionsgemeinschaften im Landtag je ein Vertreter der Jugendorganisationen aller Parteien im Landtag je ein Vertreter aller Fraktionen und Fraktionsgemeinschaften im Gemeinderat der Stadt Stuttgart weitere zu bestimmende Vertreter „von gesellschaftlich relevanten Organisationen“ Der Runde Tisch berät den Verwaltungsrat und kann Empfehlungen aussprechen. Er soll einmal jährlich zusammenkommen.
Finanzierung Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart teilen sich die Kosten für die Ausstattung und den Betrieb je zur Hälfte. Die Baden-Württemberg Stiftung vermietet als Eignerin des Gebäudes die Räume an das Land; das Land übernimmt die Mietkosten.Finanzierungs- und Organisationsvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart zum Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart, 2015 (PDF; 5 MB). Siehe § 3. Die Initiative kann ein Arbeitszimmer im Hotel Silber mietfrei nutzen.Bürgerbeteiligungs- und Nutzungsvereinbarung zwischen dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. zum Erinnerungsort Hotel Silber in Stuttgart, Januar 2016 (PDF; 5 MB). Siehe § 14.
Wegen der regionalen Thematik des Erinnerungsorts Hotel Silber ist der Bund nicht an der Finanzierung beteiligt.Antrag der Abg. Dr. Nils Schmid u. a. SPD und Stellungnahme des Ministeriums für Finanzen. Bundesmittel für den Erinnerungsort Hotel Silber. Drucksache 16/1545 des Landtags von Baden-Württemberg, 1. Februar 2017.
Projektgeschichte Das Hotel Silber als Polizeizentrale
Im Hotel Silber war von 1928 bis 1933 in der Weimarer Republik das Polizeipräsidium Stuttgart zusammen mit der landesweit agierenden Politischen Polizei untergebracht. Danach wurde das Gebäude zum Hauptquartier der NS-Geheimpolizei (Gestapo) für Württemberg und Hohenzollern. In der Nachkriegszeit befanden sich hier verschiedene Dienststellen der von den Alliierten kommunalisierten Polizei. Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland war das Gebäude von 1949 bis 1984 Gefängnisanstalt und Dienststelle der Kriminalpolizei, zunächst unter kommunaler Verwaltung und ab 1973 direkt dem Land Baden-Württemberg unterstellt.
Bewahrung des Gebäudes vor dem geplanten Abriss Im Zuge eines Neubauprojekts plante seit 2007 das Land Baden-Württemberg und die Kaufhauskette Breuninger den Abriss des Bürogebäudes Hotel Silber. Im Neubau sollte ein Erinnerungsort über die NS-Vergangenheit des Hotels Silber entstehen.
Für den Erhalt des Gebäudes sprach sich der Architekt Roland Ostertag aus. Zusammen mit Organisationen, die die Geschichtskultur und/oder -politik gestalten, gründete dieser die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Seit Februar 2009 forderte die Initiative, ein NS-Dokumentationszentrum im Hotel Silber unterzubringen. Die Investoren lehnten den Erhalt des Gebäudes ab, weil dadurch das Neubauprojekt unwirtschaftlich werden würde. Auch sei die Immobilie kein NS-Bau mehr. Durch die Kriegszerstörung, den Wiederaufbau und die nachfolgenden Umbaumaßnahmen sei „die NS-Nutzung nicht mehr substanziell kenntlich.“ Die Initiative hielt entgegen, dass das Gebäude „zum großen Teil den Bombenkrieg unbeschädigt überstanden hat“ und deshalb ein authentisches Gebäude aus der NS-Zeit sei. Der Antrag der Initiative auf Denkmalschutz vom April 2009 wurde abgelehnt.
Zunächst waren die SÖS und dann die Linkspartei die einzigen Fraktionen im Stadtrat, die sich für den Erhalt einsetzten.
Im Juli 2010 hielt die Stadt Stuttgart eine Expertenanhörung über das Hotel Silber ab. Der Mentor der Anhörung Micha Brumlik sprach sich dabei für den Erhalt des Gebäudes aus. Eine Mehrheit aus Grünen, CDU, FDP und den Freien Wählern folgte der Empfehlung nicht. Der Bebauungsplan, der drei Monate später aufgestellt wurde, sah deshalb nur den Erhalt des Kellers vor. Ein Stück Fassade des Hotel Silber sollte in die Außenwand eingebaut werden und als „Stolperstein“ dienen. Die SPD im Landtag und im Gemeinderat, die zunächst für den Abriss war, sprach sich im Herbst 2010 für den vollständigen Erhalt des Gebäudes aus.