Die Geschichte der Juden in den Niederlanden beschreibt die Entwicklung des Judentums auf dem Gebiet der heutigen Niederlande, die bis in die Zeit um Christi Geburt zurückreicht und häufig von Verfolgung und Unterdrückung geprägt war. Insbesondere der Holocaust, der auch in den besetzten Niederlanden stattfand, stellte eine Zäsur für die jüdische Gemeinschaft dar.
Anfänge bis zum Mittelalter mini|Judenverbrennung während der Pestepidemie von 1349 Wahrscheinlich erreichten die ersten jüdischen Einwanderer die „niederen Lande“ – neben den Niederlanden auch das heutige Belgien – etwa zur Zeit der römischen Eroberungen um die Zeitenwende. Über diese Menschen ist wenig bekannt, jedoch gilt als gesichert, dass sie nicht in größerer Zahl einwanderten. Für einige Zeit bestand die jüdische Präsenz daher aus kleinen, isolierten Gemeinschaften und einzelnen versprengten Familien.
Belastbare Quellen datieren meist frühestens aus dem 11. Jahrhundert, als die heutigen Niederlande Teil des Heiligen Römischen Reiches waren. Bereits aus der Zeit der Kreuzzüge finden sich Berichte, dass Juden sich regelmäßig Verfolgung und Vertreibung ausgesetzt sahen. Frühe Quellen aus dem 11. und 12. Jahrhundert bezeugen Konflikte zwischen Christen und Juden sowie Konvertierungsversuche zum Christentum. Für das Jahr 1164 ist in der Gegend von ’s-Hertogenbosch die Ansiedlung einer Gruppe von Juden belegt, die einige Jahre später durch Verbrennung auf der Vughtse Heide ermordet wurden. Dies stellte den ersten bekannten Massenmord an Juden in den Niederlanden dar.
Ab dem 13. Jahrhundert lebten jüdische Menschen in den Herzogtümern Brabant und Limburg, wo sie vor allem in den größeren Städten wie Brüssel, Leuven, Tienen und Maastricht in nennenswerter Zahl ansässig waren. Quellen aus dem 14. Jahrhundert berichten auch von jüdischen Bewohnern in den Städten Antwerpen und Mechelen sowie im nördlichen Teil des Herzogtums Geldern. Im Jahr 1309 wurden im südlimburgischen Born 110 jüdische Flüchtlinge aus Sittard und Susteren getötet. Als sie in einer dortigen Burg Zuflucht gesucht hatten, wurden diese in Brand gesteckt und die Flüchtlinge ermordet. Während der Pestepidemie der Jahre 1347 bis 1349 traf die Juden die Anschuldigung, durch die Vergiftung öffentlicher Brunnen für den Ausbruch der Krankheit verantwortlich zu sein. Die Juden waren verdächtig, weil sie diese Wasserquellen auf Grund ihrer Glaubensvorschriften nicht nutzten. Auch waren Juden deutlich seltener erkrankt, was vermutlich auf die durch ihre Religion vorgeschriebenen Reinigungsvorschriften zurückzuführen war. Zur damaligen Zeit war der Zusammenhang zwischen mangelnder Hygiene und der Ausbreitung der Pest und anderer Krankheiten noch unbekannt. Jüdische Menschen wurden während der Pestzeit als Sündenböcke vertrieben oder getötet, in einigen Städten entlang der IJssel sowie in Arnhem, Nijmegen und Utrecht wurden bis 1349 alle dort wohnhaften Juden lebendig verbrannt.
Auf Grund der besonderen Rechtslage im Heiligen Römischen Reich für Juden – sie dienten offiziell keinem lokalen Fürsten und „gehörten“ direkt dem Kaiser – konnten sie gezwungen werden, bestimmte Tätigkeiten auszuüben. So wurden sie vielerorts eingesetzt, um Steuern einzutreiben, was sie zusätzlich bei der übrigen Bevölkerung unbeliebt machte. Im 15. Jahrhundert verbesserte sich die Lage der Juden in den Niederlanden leicht. Es wurden sogenannte „Judenbriefe“ () herausgegeben, die es den Juden erlaubten, sich als Kreditgeber zu betätigen., abgerufen am 22. Januar 2019 (niederländisch)
Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern mussten in den heutigen Niederlanden Juden nicht in separaten Stadtteilen wohnen und keine sichtbare Kennzeichnung tragen. Dennoch lebten sie mit gewissen Einschränkungen. So waren etwa viele Berufe für Juden verboten. Ebenso durften sie sich nicht über das Christentum äußern und lediglich jüdisch heiraten.
Frühe Neuzeit Erst Ende des 16. Jahrhunderts begannen größere Gruppen von Juden in die Niederlande einzuwandern, zunächst Sephardim genannte Juden aus Spanien und Portugal, die sich auf der Flucht vor der Spanischen Inquisition befanden, die sie vor die Wahl stellte, entweder zum Katholizismus zu konvertieren oder aber ihre Heimat zu verlassen. Viele von ihnen siedelten nach Nordafrika oder in das Osmanische Reich um, eine kleinere Anzahl von ihnen wandte sich jedoch auch nach Norden und fand zunächst vor allem in Amsterdam Zuflucht. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden auch erste Städte in Holland besiedelt: Als erste holländische Stadtverwaltung erließ der Rat der Stadt Alkmaar im Jahr 1604 eine sogenannte „Judenregelung“ (niederl. jodenreglement) und gestattete damit offiziell den Zuzug jüdischer Menschen. Solange sich diese Einwanderer korrekt verhielten, konnten sie ihren Glauben in Freiheit ausleben. Es war ihnen jedoch verboten, Christen zu heiraten oder zu versuchen, Christen zum Judentum zu bekehren. Ähnlich tolerante Regelungen wurden in den Folgejahren auch in Haarlem (1605) und Rotterdam (1610) festgelegt. Aus dem streng calvinistischen Amsterdam kam jedoch scharfe Kritik an diesen Regelungen. Ratspensionär Johan van Oldenbarnevelt trat an seinen Rotterdamer Amtskollegen Hugo de Groot, den Verfasser der Rotterdamer Judenverordnung, sowie an den Amsterdamer Pensionaris Adriaan Pauw, heran, mit dem Vorschlag gemeinsam eine jüdische Verordnung für ganz Holland zu verfassen. Nach dem Scheitern dieses Versuchs erließ die Stadt Amsterdam im Jahr 1616 ihre eigenen Vorschriften. In diesen wurde das Bekenntnis zur jüdischen Religion zwar geduldet, jeder Ausdruck dieses Glaubens blieb allerdings verboten.
mini|links|Innenansicht der Portugiesisch-Israelitischen Synagoge in Amsterdam. Gemälde von Emanuel de Witte, circa 1680, aus der Sammlung des Rijksmuseums Amsterdam Da ihnen der Beitritt zu einer Gilde – und damit de facto das Ergreifen vieler Berufe – weiter verboten war, betätigten sich im 17. Jahrhundert noch immer viele Juden meist als Händler und Kaufleute. Durch zahlreiche Handelskontakte in ihre Herkunftsländer Spanien und Portugal war ein Teil von ihnen wirtschaftlich gut aufgestellt. So finanzierten Sepharden unter anderem Reisen der Niederländischen Ostindien-Kompanie und traten als Hausbankiers des Hauses Oranien in Erscheinung. In dieser Position profitierten einige Juden erheblich von der als Goldenes Zeitalter bezeichneten kulturellen und wirtschaftlichen Blütezeit der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen. Dennoch waren viele weniger erfolgreiche Juden gezwungen, sich als Hausierer oder Tagelöhner durchzuschlagen. Um das Jahr 1700 herum besaß die Stadt Amsterdam mit etwa 10.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinschaft Westeuropas. Die sephardische Abstammung vieler Juden war noch gut an Nachnamen wie „Pereira“, „Cardozo“, „del Castilho“, „Nunes“, „De Pinto“ oder „Vas Dias“ zu erkennen.
Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) war ein Höhepunkt der Judenverfolgung in Europa verbunden, sodass viele Juden aus dem Heiligen Römischen Reich und Osteuropa in die sichereren Niederlande flohen. Diese als Aschkenasim bezeichneten Menschen waren meist ärmer als ihre sephardischen Glaubensgenossen und verdingten sich fortan vor allem als Tagelöhner oder Torfstecher in ländlichen Gebieten, im Wanderhandel, als Metzger oder Viehhändler. Trugen sie zunächst noch Nachnamen wie „Polak“, „Hamburger“, „Bremer“, „Moszkowicz“ und „Van Praag“, wählten sie später häufig neue Namen, die sich regelmäßig an Tiere oder Früchte anlehnten. Einige Beispiele sind etwa „De Hond“, „De Haan“, „Schaap“, „Appel“ oder „Citroen“. Beide Gruppen lebten zunächst weitgehend isoliert voneinander, in Amsterdam gab es getrennte Synagogen für Sepharden und Aschkenasim.
Französische Zeit Anfang 1795 beendete eine Invasion der französischen Armee im Zuge des Ersten Koalitionskriegs die Existenz der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen, die durch die von Frankreich abhängige Batavische Republik ersetzt wurde. Nicht lange nach der Ankunft der Franzosen gründete eine kleine Gruppe von Juden, angeführt von dem Kakaohändler Mozes Salomon Asser, in Amsterdam einen sogenannten „Patriotenclub“. Unter dem Namen Felix Libertate (etwa: „Glücklich durch Freiheit“) propagierten sie die Gleichberechtigung aller jüdischer Bürger in den Niederlanden. Die Zeit war für ein solches Unterfangen günstig, weil das neue Regime bereits mit zahlreichen etablierten Traditionen gebrochen hatte. Um entsprechende Aufmerksamkeit für ihr Anliegen zu erreichen, wandten sich die Libertate-Mitglieder wiederholt mit Beschwerden an die Mitglieder der Nationalversammlung. Diese stellte die Juden am 2. September 1796 den Mitgliedern anderer Konfessionen rechtlich in vollem Umfang gleich. Sie legte fest, dass keinem Juden die im Batavischen Bürgerrecht festgeschriebenen Rechte verwehrt werden dürften. Noch im selben Jahr wurde das Verbot der Mitgliedschaft in einer Gilde aufgehoben. Die Entscheidung der Nationalversammlung ist vor dem Hintergrund der französischen Einflussnahme zu sehen, die die Gleichheitsideale der Französischen Revolution in Frankreichs Satellitenstaaten exportierte. Die Verabschiedung dieses Dekrets stellte einen wichtigen Schritt im Emanzipationsprozess der niederländischen Juden dar, ohne ihn abzuschließen. Die bürgerliche Gleichstellung brachte vor allem ohnehin wohlhabenden und sozial bessergestellten männlichen Juden weitere Vorteile. An Frauen und der großen Masse des sogenannten „Lumpenproletariats“ gingen diese Verbesserungen fast völlig vorbei. Vor dem Gesetz waren Juden nun anderen Niederländern gleichgestellt, in der Praxis schlug sich dies aber noch längst nicht immer nieder: Selbst in Amsterdam, der einzigen westeuropäischen Stadt, die schon vor der Französischen Revolution die Einwanderung jüdischer Menschen uneingeschränkt zugelassen hatte, war die Ungleichbehandlung noch immer deutlich spürbar. Mindestens sechzig Prozent der Juden lebten ganz oder teilweise von der Armenhilfe.
Nach der Umwandlung der Batavischen Republik zum kurzlebigen Königreich Holland betrachtete dessen König Louis Bonaparte die Juden als Teil der „niederländischen Nation“ und somit nicht mehr als eigenständige Gemeinde. Im Jahr 1808 bündelte er die jüdischen Gemeinden durch die Errichtung eines sogenannten „Oberkonsistoriums“. Als nach dem Ende des Königreichs Holland der Nachfolgestaat, das Königreich der Vereinigten Niederlande, entstand, formte dessen König Wilhelm I. dieses Konsistorium im Jahr 1814 zur „Hauptkommission für die Angelegenheiten der Israeliten“ um. Das Konsistorium wurde später in eine niederländisch-israelitische für die aschkenasischen Juden und eine portugiesisch-israelitische Konfession für die sephardischen Juden unterteilt. Obwohl es immer noch eine gewisse Trennung zwischen Aschkenasim und Sepharden gab, waren die Einkommensunterschiede zwischen den beiden Gruppen nun geringer geworden. Nach dem Ende des Goldenen Zeitalters waren die Sepharden grundsätzlich ärmer und die Aschkenasim etwas reicher geworden. Im 19. Jahrhundert gehörten die meisten Angehörigen beider Gruppen noch immer zur wirtschaftlich schwächsten Bevölkerungsschicht. Sephardische und aschkenasische Juden kamen nun einander näher und schlossen auch häufiger untereinander Ehen.
Seit dem Jahr 1811 bestand auch für niederländische Juden die Pflicht, einen Nachnamen anzunehmen. Dieser konnte grundsätzlich frei gewählt werden, ausgeschlossen waren jedoch Ortsnamen aus dem Heiligen Land. Darüber hinaus wurde eine neue Bibelübersetzung in Auftrag gegeben, die sowohl für Juden als auch für Christen akzeptabel sein sollte. Um ihre Integration zu fördern, wurde den Juden von der Verwendung des Jiddischen im Alltag abgeraten.
Jüdische Emanzipation