Die Verurteilung des Lukullus ist eine Oper in zwölf Szenen von Paul Dessau (Musik) mit einem Libretto von Bertolt Brecht. Es handelt sich um eine Opernfassung von Brechts Hörspiel Das Verhör des Lukullus. Die Erstfassung wurde am 17. März 1951 in Admiralspalast-Provisorium der Deutschen Staatsoper Berlin als geschlossene Veranstaltung uraufgeführt. Die überarbeitete Zweitfassung wurde dort erstmals am 12. Oktober desselben Jahres im regulären Spielplan gespielt.
Handlung
I. Der Trauerzug. Ausrufer verkünden den Tod des römischen Feldherrn Lukullus, der „den Osten erobert hat, der sieben Könige gestürzt hat, der unsere Stadt Rom mit Reichtümern gefüllt hat“. Der durch die Straße ziehende Trauerzug lockt das Volk herbei. Soldaten tragen den Katafalk und Sklaven einen Fries, auf dem seine Taten abgebildet sind. Einige Personen aus dem Volk kommentieren die Erfolge des Lukullus. Nicht alle sehen sie ausschließlich positiv – andere unterhalten sich gleichgültig über Alltagsdinge. Anschließend begeben sich alle wieder an ihre gewohnte Arbeit.
II. Das Begräbnis. Eine „kommentierende Frauenstimme“ verkündet, dass der Tote in einer kleinen Rotunde an der Via Appia beigesetzt wird. Der Fries wird vor die Grabstätte gestellt. Die Soldaten entfernen sich auf ein Kommando.
III. Abschied der Lebenden. Einige Offiziere verabschieden sich lakonisch von dem Verstorbenen („Servus, Lakalles, wir sind quitt, alter Bock“), um sich gleich darauf ihren Vergnügungen im Weinhaus, im Bordell oder beim Hunderennen zuzuwenden.
IV. In den Lesebüchern. Nachdem Lukullus zu Geschichte geworden ist, zeigen Lehrer den Schulkindern sein Grab. Die Kinder müssen die Taten der großen Eroberer auswendig lernen, um ihnen nacheifern zu können.
V. Der Empfang. Am Eingang des Schattenreichs wartet Lukullus ungeduldig darauf, vorgelassen zu werden. Er vermisst die köstlichen Gerichte seines Kochs Lasus. Seine Beschwerden werden ignoriert. Die alte Tertullia erklärt ihm, dass er wie alle anderen warten müsse, bis er an die Reihe komme. Bei jedem Verstorbenen dauere die Prüfung, ob er in den „finsteren Hades“ oder in die „Gefilde der Seligen“ komme, unterschiedlich lange: „Auf den Nutzen eines Menschen geben sie das Meiste.“ Tertullia wird hereingebeten. Wenig später ist auch „Lakalles“ an der Reihe – zu seinem Ärger verwenden die Aufruferinnen seinen Namen in der „verachteten Sprache der Vorstädte“.
VI. Wahl des Fürsprechers. Das Gericht besteht außer dem Totenrichter aus dem Sprecher des Totengerichts und fünf Schöffen, die zu Lebzeiten Bauer, Lehrer-Sklave, Fischweib, Bäcker und Kurtisane waren, und nun ohne Hände und ohne Münder unbestechlich die Untersuchung führen. Lukullus muss darlegen, ob sein Leben den Menschen genützt oder geschadet hat. Er darf zu seiner Verteidigung einen Fürsprecher wählen. Der von ihm aufgerufene Alexander der Große ist in den Gefilden der Seligen jedoch nicht bekannt, da die Taten der Großen hier nicht verzeichnet werden. Auch von Lukullus’ eigenen Taten weiß man nichts. Dieser schlägt daher vor, den Fries mit den Abbildungen herbeizuholen. Der Totenrichter gestattet, dass er von den Sklaven hereingebracht wird – für sie ist der Schritt von der Welt ins Totenreich nur klein.
VII. Herbeischaffen des Frieses. Die Sklaven schleppen den Fries ohne zu murren herein. Neugierig geworden, lassen die Schöffen die abgebildeten Personen aus dem Totenreich rufen, die sie persönlich als Zeugen vernehmen wollen. Der Widerspruch Lukullus’ wird ignoriert. Die Schatten der „Opfer des Feldherrn Lakalles aus den asiatischen Feldzügen“ treten hervor.
VIII. Das Verhör. Lukullus verwehrt sich gegen die Aussagen seiner ehemaligen Feinde. Ein von ihm besiegter König, dessen Reich zerstört wurde, und eine von seinen Leuten vergewaltigte Königin klagen ihn an. Der Lehrer und die Kurtisane zeigen Mitgefühl mit den Opfern. Der Lehrer fordert die Schöffen auf, sich „zum Lobe derer, die ihrer Städte verteidigten“, zu erheben. Als Lukullus darauf hinweist, dass er von Rom gesandt wurde, fragt der Lehrer, wer Rom sei. „Waren es die Schneider und die Kürschner und die Weber und die Schafescherer, die es kleiden?“ Zwei Kinder zeigen an einer Tafel die Namen der 53 für Rom unterworfenen Städte – mehr blieb nicht von ihnen übrig, obwohl in ihnen einst 250.000 Kinder lebten. Der Totenrichter verordnet eine Pause, da Lukullus erschöpft ist.
IX. Rom noch einmal. Während der Verhandlungspause belauscht Lukullus zwei neu eingetroffene Schatten, die sich über die schlechten Lebensverhältnisse der römischen Bevölkerung unterhalten. Durch die vielen Sklaven wurde die Wirtschaft ruiniert.
X. Das Verhör wird fortgesetzt. Das ehemalige Fischweib stammt ebenfalls aus Rom. Sie möchte von Lukullus wissen, was mit dem vielen von ihm herbeigeschafften Gold geschehen sei, denn sie habe nichts davon bemerkt. Statt den Menschen etwas zu geben, habe er ihnen ihre Söhne genommen. Zwei im Krieg gefallene Legionäre erzählen, dass sie Soldat wurden, weil sie in Rom nichts zu essen hatten. Lukullus erhebt Einspruch: „Wie sollen den Krieg beurteilen, die ihn nicht verstehen!“ Der erschütternde Bericht des Fischweibs über ihre Suche nach ihrem ebenfalls im Asienkrieg umgekommenen Sohn Faber überzeugt den Totenrichter davon, dass sie den Krieg „versteht“.
XI. Das Verhör wird fortgesetzt. Der Totenrichter weist Lukullus darauf hin, dass seine Triumphe hier nichts Gutes über ihn zu Tage bringen. Er solle sich lieber an seine Schwächen erinnern. Diese haben vielleicht „Lücken in der Kette“ seiner Gewalttaten gelassen. Der Bäcker will wissen, warum auf dem Fries ein Koch mit einem Fisch abgebildet ist. Der Schatten des Kochs entgegnet, dass seine Küche mit dem Gericht „Lammfleisch à la Lukullus“ durch dessen Mitwirkung „von Syrien bis nach Pontus“ berühmt wurde. Weil er durch Lukullus „nach Herzenslust“ kochen und zum Künstler werden konnte, sei dieser „menschlich“ zu nennen. Die anderen Schöffen bleiben unbeeindruckt. Der Bauer befragt einen weiteren Schatten des Frieses, einen Kirschbaumträger. Dieser berichtet, dass Lakalles einen asiatischen Kirschbaum auf den Hängen des Apennin gepflanzt habe. Der Bauer hält diesen für „wohl die schönste aller Trophäen“, denn „dieses Stämmchen lebt […], wenn alle Siegesbeute der beiden Asien längst vermodert ist.“
XII. Das Urteil. Dass Bauer und Bäcker doch noch etwas Positives an Lukullus gefunden haben, empört die anderen Schöffen. Der Lehrer meint, dass zur Eroberung eines Kirschbaums ein einziger Mann ausgereicht hätte. Lukullus aber habe 80.000 Menschen in den Tod geschickt. Alle sind sich einig über das zuerst von der Kurtisane vorgeschlagene Urteil, dem sich auch die gefallenen Legionäre und die Friesschlepper-Sklaven anschließen: „Ins Nichts mit ihm und ins Nichts mit allen wie er!“
Gestaltung
Orchester
Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:
Holzbläser: drei Flöten (alle auch Piccolo, 3. auch Altflöte) Blechbläser: drei Trompeten, drei Posaunen (eine auch Tenorhorn), Basstuba (auch Kaiser-Bariton) acht Pauken (auch kleine), Schlagzeug (zehn Spieler): große Trommel, große Trommel mit aufgeschnalltem Becken, Rührtrommel, Militärtrommel, drei verschiedene Tomtoms, großes Tamtam, drei verschiedene Gongs, zwei Xylophone, Glockenspiel, verschiedene Tempelblöcke, verschiedene Stahlplatten, mittelgroßer Amboss, größerer Stein auf möglichst hoch gestimmter Stahlplatte, drei Marimbaphone (ggf. durch die beiden „bereißnägelten“ Klaviere ersetzbar) Akkordeon, Trautonium ad libitum, zwei Klaviere (deren Hämmer mit Reißnägeln bespickt werden müssen, um einen robusteren Cembaloklang zu erzielen), Konzertflügel Harfe Streicher: mindestens vier Violoncelli, mindestens zwei Kontrabässe
Musik
Paul Dessaus Komposition geht von dem ästhetischen Konzept Bertolt Brechts aus, sich vom Gesamtkunstwerk eines Richard Wagner zu lösen und die verschiedenen Künste selbstständig miteinander interagieren zu lassen. Die Musik dient dem „Kommentieren, Kontrastieren, Beleuchten“ des Textes. Das Klangbild ist hart und vermeidet jegliche Emotionalität. Dessau umgeht den von Brecht als „kulinarisch“ verachteten Opernstil. Es gibt keinen dahinströmenden Streicherklang. Konsequenterweise verzichtet Dessau im Orchester auch auf die üblichen Violinen, Oboen, Klarinetten, Fagotte und Hörner. Stattdessen gibt es eine übergroße Schlagzeug-Abteilung mit zehn Spielern. Formal handelt es sich um eine Nummernoper. In den einzelnen Musiknummern werden jeweils unterschiedliche Instrumentalisten-Gruppen eingesetzt, so dass der Klang kammermusikalisch durchhörbar wird. Das vollständige Orchester findet nur im Finale zusammen, wo sich der „Eindruck eines Weltgerichts“ ergibt.
Auch die Vokalpartien behandelt Dessau auf unterschiedliche Weise. Die Partie des ungeduldigen und unbeherrschten Lukullus ist gekennzeichnet durch eine sich überschlagende Stimme, Wortrepetitionen, falsche Betonungen und harte Koloraturen. Begleitet wird er von Trompeten und Pauken, den barocken Attributen seines Fürstenstatus, deren Klang aber verzerrt ist. Die Musik der Schöffen und des Fischweibs ist schlicht und liedhaft gehalten. Sie wirken daher menschlicher. Der Königin zugewiesen ist eine Koloraturarie, deren Melodik und Instrumentalbegleitung (Harfe, präpariertes Klavier, Marimbaphon und Xylophon) noch ihren ehemals hohen Rang erahnen lassen. Die Musik von Koch und Kirschbaumträger wirkt beinahe „barock“.
Eine weitere Ebene bilden die verschiedenen Sprecher, Ausrufer und Kommentatoren, deren Text direkt an den Zuhörer gerichtet ist. Durch Zäsuren zwischen den einzelnen Szenen des Prozesses erhält das Publikum die Möglichkeit, selbst an der Urteilsbildung teilzuhaben und sich seine eigenen Gedanken zu bilden.
Das bekannteste Stück der Oper ist die „Klage des Fischweibs“ über den Tod ihres Sohnes, der für das Sterben vieler Söhne im Krieg steht. Der Sohn verliert nicht nur sein Leben, sondern in der Menge der Toten auch seinen Namen (Faber). Die Mutter sucht ihn daher vergeblich im Schattenreich. Von ihrer Liebe bleibt nur noch die rufende Terz. Eine Generalpause beschreibt ihren Zusammenbruch. Die anschließende Erholung vollzieht sich im Verlauf von neun Takten, in denen chromatische Spannungen entstehen und vergehen, bis der Abschnitt in einem C-Dur-Akkord endet. Nur die kommentierende Frauenstimme erkennt die Gefühlssituation der Mutter („Seht, die Schöffin ist erholt“). Diese Kommentatorin ist die eigentliche Gegenspielerin des Lukullus.
Brechts Text sieht beim Empfang des Lukullus in der fünften Szene mehrfach „Stille“ vor. Dessau realisiert diese mit Flageoletttönen der geteilten Celli und Kontrabässe und einer mehrdeutigen Harmonie – einem Verweis auf die antike Sphärenharmonie.
Den Auftritt der Zeugen in der siebten Szene begleitet Dessau mit einem Chor und einem Trauermarsch, dem musikalisches Material aus Johann Sebastian Bachs Kantate Nr. 85 Ich bin ein guter Hirt zugrunde liegt.
Immer wieder verwendet Dessau die Zahl drei und deren Vielfache: Es gibt insgesamt zwölf Szenen. In der sechsten Szene wird der von Lukullus als Fürsprecher gewählte Alexander der Große drei Mal von den sich überlagernden Stimmen der drei Aufruferinnen (eine Anspielung an die drei Damen aus der Zauberflöte) gerufen, so dass sein Name insgesamt neun Mal erklingt. Diese Stelle fungiert als „Drehpunkt“ der Oper, da Alexanders Schweigen dazu führt, dass die Opfer Lukullus’ im Prozess als Zeugen auftreten.
Das abschließende Urteil („Ins Nichts mit ihm!“) wird nicht vom Richter verkündet, sondern zuerst von der Kurtisane, einer zutiefst verachteten Gestalt, die im Verlauf der Verhandlung aber besonderes Mitgefühl gezeigt hat. Die Urteilsverkündung hinterlegte Dessau mit jaulenden Trautonium-Klängen. Im Orchesternachspiel erklingt in Form der Tonbuchstaben Es–E–D das Parteikürzel der SED, doch Dessau notierte am Rande der Partitur „Seid einig, Deutsche!“.
Werkgeschichte