Paul Georg Münch (* 16. Februar 1877 in Leipzig; † 16. Juni 1956 ebenda) war ein deutscher Volksschullehrer, Reformpädagoge und Schriftsteller.

Ausbildung und Werdegang als Lehrer Der als Sohn eines Kaufmanns in Leipzig geborene Münch besuchte die Volksschule in seiner Vaterstadt. Nach der Ausbildung an den königlich-sächsischen Lehrerseminaren in Borna und Oschatz wurde er 1897 zunächst Hilfslehrer in Zwenkau bei Leipzig. Von Ostern 1900 bis zum Eintritt in den Ruhestand zu Ostern 1936 war er Lehrer in Leipzig-Connewitz, zunächst an der XIV., später an der V. Bürgerschule. Auch die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte Münch in Leipzig.

Schriftstellerische Tätigkeit Vor 1920 Bereits mit der 1908 veröffentlichten Essaysammlung »Rund ums rote Tintenfaß«, in der er für den freien Aufsatz als Mittel zur Entwicklung der Schülerpersönlichkeiten eintrat,Vgl. dazu Andreas Georg Müller: Mit Fritz Kocher in der Schule der Moderne. Studien zu Robert Walsers Frühwerk (=Basler Studien zur deutschen Sprache und Literatur, Bd. 88). A. Francke Verlag, Tübingen / Basel 2007, ISBN 3-7720-8172-X, S. 68. positionierte sich Münch auf der Seite der Reformpädagogen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts nach Wegen zur Überwindung der überkommenen Drillschule suchten. Sein in demselben Jahr veröffentlichter Schul- und Erziehungsroman »Der Weg ins Kinderland« behandelte die in diesem Kontext ebenfalls aktuellen Themen „Landerziehungsheim“ und „Koedukation“ in Form erzählerischer Darstellung.Vgl. die Rez. in: Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik 17 (1910), S. 24 f.

Nach der Novelle »Arnd und Silene« (1910) legte Münch mit »Wendel der Bub und der Bursch« 1913 zum 100-jährigen Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig dann einen im Umfeld der Befreiungskriege spielenden historischen Roman vor, der hinsichtlich seiner literarischen Qualität zwar auch kritisiert,Beiblatt der Zeitschrift für Bücherfreunde 5/1 (1913), S. 204. andererseits aber als ein „Volksbuch“ gelobt wurde, das „alle Ausstrahlungen deutschesten Wesens an einem Einzelschicksal auf geeignetster Folie eindrucksvoll darstellt.“So die Rez. von Kurt Arnold Findeisen in: Eckart. Ein deutsches Literaturblatt 8 (1913/14), S. 484–486, S. 486. Münch hatte auch als Bühnenautor Erfolg. »Wandervögel«, sein Lustspiel in 3 Aufzügen, wurde im Frühjahr 1914 in Bremen uraufgeführt, woraufhin das Aufführungsrecht sogleich auch vom Hamburger Thalia Thater, dem Neuen Theater in Frankfurt am Main und dem Neuen Schauspielhaus in Königsberg erworben wurde.Neue Hamburger Zeitung Jg. 19. Nr. 175 vom 16. April 1914, S. (2) f. unter Kleine Rundschau (online bei The European Library). – Bei der Uraufführung im Februar 1915 in Hamburg kam es zu einem Theaterskandal durch Vertreter der Wandervogelbewegung, die sich von der Handlung des – vom Theaterkritiker verrissenen – Stücks diffamiert fühlten: Altonaer Nachrichten. Jg. 76, Nr. 65 vom 15. Februar 1915, S. (4) unter Theater und Musik (online bei The European Library).

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs findet man Münch in deutschnationalistischen und militaristischem Fahrwasser, wenn er etwa den tödlich verwundeten Protagonisten in einem 1915 in Westermanns Monatsheften gedruckten Kriegsbild mit dem Titel »Helden der Pflicht« den Tod auf dem Schlachtfeld als „größte(s) Erleben“ und „heilige Aussaat“ verklären lässt:

Bisher wurde wenig beachtet, dass Paul Georg Münch auch der Verfasser eines 1915 anonym veröffentlichten fiktionalen Weltkriegsromans mit dem Titel Hindenburgs Einmarsch in London gewesen ist.S. unter Schriften. Dabei wurde Münchs Autorenschaft bereits 1937 in einem anlässlich seines 60. Geburtstags veröffentlichten Beitrag ausdrücklich bestätigt.Unger: Paul Georg Münch 60 Jahre alt (s. unter Literatur), S. 119 (online): „Auf dem »Weg ins Kinderland« schritten »Arnd und Silene« samt »Wendel dem Bub und dem Burschen« (Leipzig 1913) dem »Neuen Frühling« entgegen. »Hindenburgs Einmarsch in London« stellte sich zwar dazwischen. Aber seit 1933 lacht wieder die »Sonne über Kinderland«“ (In der Vorlage ohne Hervorhebung). Münch selbst bekannte sich in einem 1953 verfassten Lebenslauf voller Stolz zu dem Buch. Er stellte dabei die Behauptung auf, die britische Regierung sei der festen Überzeugung gewesen,

Das Werk des „kleinen Leipziger Schulmeisters“, das tatsächlich in zwei englischen Ausgaben erschienen ist,Hindenburg's March into London. Being a Translation from the German Original. Edited with a Preface by L. G. Redmond–Howard. John Long, London 1916, mit einer vorangestellten höhnischen Widmung: Dedication. To the All Highest Kaiser Wilhelm, Emperor of Germany, who saved the British Empire from the Barbarian Invasion, described in this Book by one of his Countrymen, this Book is proudly dedicated (online bei Internet Archive), sowie The John C. Winston Company, Philadelphia 1916, mit einem Vorwort des amerikanischen Herausgebers Logan Marshall, in dem es heißt, in Deutschland seien 4 Millionen Exemplare des Buchs verkauft worden, dessen Übersetzung ins Englische wiederum das ganze britische Empire zu den Waffen gerufen habe. (online bei Hathi Trust). wurde freilich erst unlängst als „eines der bizarrsten und zugleich abstoßendsten Dokumente“ unter den „ebenso von Ohnmachtsgefühlen wie von unrealistischen Allmachtsphantasien zeugenden england–feindlichen Hassattacken“ eingestuft.Cordula Tollmien: »Unsere Kinder werden im Haß gegen England erzogen.« Zwei Dresdner Lehrerinnen gegen die verordnete Feindpropaganda. In: Dresden im Ersten Weltkrieg. (=Dresdner Hefte. Beiträge zur Kulturgeschichte 119). Dresden 2014, S. 48–58, S. 50 (online als PDF). Es wartet neben zahllosen Chauvinismen mit rassistischen Klischees auf: Bei der Erwähnung farbiger Soldaten aus den britischen dominions ist durchweg von „Raubtieren“ die Rede, man findet einen „Australkannibale(n) von gorillahaftem Aussehen“ und weitere entmenschlichende Tiermetaphern („Schlangen“, „zweifüßiges Raubzeug“, „kriechendes Amphibiengeschmeiß“ usw.). In der Schilderung eines Angriffs von Gurkhas auf deutsche Stellungen und des späteren Gegenangriffs, bei dem die Deutschen keine Gefangenen mehr machten, heißt es:

Auch nach den Schrecken des verlorenen Ersten Weltkriegs, die Münch nur aus der Ferne erlebt hat, bleibt er bei seiner patriotistisch verbrämten Haltung. Noch in einer 1919 in der Leipziger Illustrirten Zeitung veröffentlichten Rezension preist er Wilhelm Schreiners 1917 publizierten Tod von YpernWilhelm Schreiner: Der Tod von Ypern. Die Herbstschlacht in Flandern. Oranienverlag, Herborn 1917 (online bei der Staatsbibliothek zu Berlin). jedenfalls als

1920 bis 1933 Mit den 1920 bzw. 1922 erschienenen »Die Kunst, Kinder zu unterrichten. Ein unterhaltsam Büchlein über die Arbeitsschule« und vor allem »Freude ist alles! Erlebnisse und Gedanken auf einer Schulinspektionsfahrt« wurde Münch als Vorkämpfer der Reformpädagogik in Deutschland bekannt. Ob dabei der 1921 als Vorabdruck aus dem zuletzt genannten Buch veröffentlichte Aufsatz »Der Unfug der "Pflicht"« bereits eine – möglicherweise schon im Titel propagierte – Wende Münchs weg von der in den »Helden der Pflicht« an den Tag gelegten Haltung markiert, ist unklar. In Abkehr von der Kaiserverherrlichung in den »Helden der Pflicht« polemisiert Münch hier als moderner Pädagoge gegen die „karrierefähige Lehrerpersönlichkeit […] der wilhelminischen Zeit“ mit ihrer „feierliche(n) Grimasse der ehernen Pflicht“, in deren Klasse die „vorschriftmäßige Friedhofsruhe“ herrscht.»Der Unfug der „Pflicht“.« In: Neue Bahnen. Illustrierte Monatsschrift für Erziehung und Unterricht 32 (1921), S. 389 f. (online bei Scripta paedagogica online). Weitere Schriften zur Pädagogik erschienen in der Folgezeit, einige von Münchs Arbeiten erreichten hohe Auflagen und wurden übersetzt. Er notierte dazu später: „In den zwanziger Jahren blühte mein Weizen.“Unger: Paul Georg Münch 60 Jahre alt (s. unter Literatur), S. 119 (online). Bemerkenswert ist »Mit Jungvolk aller Länder auf Sylt – Ein pädagogischer und völkerpsychologischer Versuch« von 1922. Darin wird ein vierwöchiger „erzieherischer Versuch“ geschildert, den Münch mit 26 etwa zur Hälfte deutschen und ausländischen Kindern in dem Jugendferienlager Puan Klent auf Sylt durchführte. Mit diesem „völkerversöhnenden Versuch im Kleinen“ sollten „Kinder verschiedener, heute noch bitter verfeindeter Nationen […] Gelegenheit bekommen, einander kennen, achten und schätzen zu lernen.“ Es scheint nunmehr ein klassenkämpferischer Akzent mitzuschwingen, wenn Münch mit den Kindern etwa auf das „vaterlandslose Drohnengeschmeiss“ zu sprechen kommt, „das sich unter den schwarzweissroten Fahnen Westerlands“ zusammengefunden hat,Schweizer–Abend. In: Schweizerische pädagogische Zeitschrift 33 (1923), S. 225–229, S. 225 (Einleitung) bzw. 229. . und dessen Luxusleben anprangert.Vgl. Im Luxusbad. In: Salzburger Wacht. Organ für das gesamte werktätige Volk im Lande Salzburg. Jg. 25, Nr. 188 vom 20. August 1923, S. 2 (unter Tagesneuigkeiten) nach der Leipziger Volkszeitung (online bei ANNO), wo Münch u. a. eine als dekadent empfundene Kinderschönheitskonkurrenz als „Affenmarkt“ mit „zweibeinigen Affen“ beschreibt. 1931 erschien bei der der deutschen Arbeiterbewegung nahestehenden Berliner Büchergilde Gutenberg unter dem Titel »Mein frohes Völkchen« eine Sammlung von Geschichten Münchs, „scheinbar nur harmlose Skizzen aus dem Alltag der Schule, aber hinter diesen Skizzen“, so etwa die Rezension in »Bildungsarbeit. Blätter für sozialistisches Bildungswesen«, „steckt geschickte Werbung für neue Erziehung, für ein Lehrwesen, das dem Schüler Meinungen nicht aufzwingt, sondern ihn selbst zweifeln, forschen, urteilen läßt.“Bildungsarbeit, Blätter für sozialistisches Bildungswesen. Jg. 18 (1931), Sonderbeilage (Bücherschau), S. 108 (online bei ANNO). Mit dieser Veröffentlichung wurde Münch endgültig als Reformpädagoge populär. Münch verfasste 1931 Texte zu Sammelalben, die Zusammenarbeit mit der deutschen Lehrervereinigung „Schutz vor Schund“ und der UFA (Bilder) erschienen. So das Album „Zeppelin. Der Sieg deutschen Willens“, den die Robert Friedel GmbH in Stuttgart-Cannstatt herausbrachte, wie auch für das Album der Gebr. Stollwerck, Köln, „Der deutsche Rhein“, ebenfalls 1931.

Schon früh hat Münch die Möglichkeiten des neuen Mediums Rundfunk erkanntVgl. die Erwähnung Münchs in Radio op school. In: Leeuwarder nieuwsblad Nr. 6097 vom 3. November 1928. (online bei Delpher). und in seinem Sinne genutzt, wobei er auch Schüler einbezogen hat.Radio Leipzig am 21. Juni 1930, 12:30–12:55h: Erlebnisstunde am Wochenende. Pelz, Gold und Bernstein machen Geschichte. Paul Georg Münch, Leipzig, mit Schülern. In: Radio-Wien. Illustrierte Wochenschrift der Österreichische Radioverkehrs-A.G. Jg. 6, Nr. 37 vom 13. Juni 1930, S. 61 (online bei ANNO). Seine „Rundfunk-Geschichtsstunde“, in welcher er den „Verlauf der Völkerschlacht bei Leipzig“ von einem fiktiven Augenzeugen schildern lässt,Während der Leipziger Völkerschlacht am 18. Oktober 1813, mittags halb eins. Schaubericht vom Turm des Alten Rathauses (Stenogramm einer Rundfunk-Geschichtsstunde am 18. Oktober 1930, mittags halb eins). In: Neue Bahnen. Illustrierte Monatshefte für Erziehung und Unterricht 42 (1931), S. 19–25, unter der Rubrik Neue Praxis (online bei DigiZeitschriften). fand durchaus Beachtung.Vgl. Schweizerische Lehrerzeitung 76 (1931), S. 36, (online bei e-periodica).

1933–1945