350px|Hemmel Psalter Tenor Vier Jahre nach dem Tod des württembergischen Komponisten und Hofkapellmeisters Sigmund Hemmel erscheint 1569 sein wichtigstes Werk Der Gantz Psalter Davids (siehe Abbildung des Titelblattes). Es handelt sich um eine vollständige vierstimmige Vertonung des Buches der Psalmen in deutschsprachigen Bereimungen von Ludwig Öler, Leo Jud, Hans Sachs, Martin Luther, Matthias Greitter, Wolfgang Dachstein, Jakob Dachser, Andreas Knöpken, Joachim Aberlin, Thomas Blaurer, Sigmund Salminger, Adam Reusner, Ludwig Hätzer, Johann Schweinitzer, Burkard Waldis, Heinrich Vogtherr, Veit Dietrich, Wolfgang Musculus, Johannes Gramann, Johannes Agricola, Justus Jonas der Ältere und Johannes Kolrose. Dieser Artikel behandelt das Musikjahr 1569.

Ereignisse Heiliges Römisches Reich Hofkapelle von Kaiser Maximilian II. Valentin Bakfark, der Hoflautenist von Kaiser Maximilian II. in Wien war und im Oktober 1568 wegen des Verdachts der Beteiligung an einem ungarischen Aufstand gegen seinen Dienstherrn verhaftet, wird schnell wieder freigelassen und kehrt in seine Heimat nach Ungarn zurück. Carl Luython ist seit 1566 Chorknabe in der Hofkapelle von Kaiser Maximilian II. Dort bekommt er neben seinem Dienst weiteren Unterricht durch die hier amtierenden Kapellmeister Jacobus Vaet und Philippe de Monte. Die Unterweisung im Orgelspiel könnte von dem dortigen Hoforganisten Walter Formellis († 1582) und dessen beiden Assistenten ausgegangen sein. Jakob Regnart, der seit dem Jahr 1557 Mitglied der Sängerkapelle am habsburgischen Hof des Erzherzogs und späteren Kaisers Maximilians II. ist, weilt seit 1568 für eine etwa zweijährige Studienreise in Italien, wo er sich die meiste Zeit in Venedig aufhält und eine perfekte Kenntnis der italienischen Sprache erwirbt. Lambert de Sayve, der schon in jungen Jahren, nach Aussage einiger Quellen seit 1562, in den Dienst der kaiserlichen Hofkapelle in Wien eingetreten ist, aber erst seit dem Jahr 1568 in den Mitgliederlisten der Hofkapelle erscheint, tritt am 1. Februar 1569 das Amt eines Singmeisters an der Abtei Melk an, nachdem man von dort über Kaiser Maximilian II. einen entsprechenden Bedarf angemeldet hatte („zu desto besserer Versehung der Cantorei und Instituirung der Jugend“). Philippe de Monte ist seit 1568 als Nachfolger von Jacobus Vaet Kapellmeister der Hofkapelle Maximilians II. in Wien.

Bayerischer Reichskreis Herzogtum Bayern Franciscus Florius hat seit Herbst 1556 in München an der Hofkapelle von Herzog Albrecht V. eine Anstellung als Hofbassist. Neben seiner Tätigkeit als Sänger ist Florius, zusammen mit dem Hofkopisten Johannes Pollet, auch als Notenkopist eingesetzt. Johannes de Fossa ist seit dem letzten Vierteljahr 1559 Vizekapellmeister der Münchner Hofkapelle. In den vorhandenen Dokumenten wird Fossa allerdings weiterhin nur als Tenorist bezeichnet. Simone Gatto, der in Venedig ausgebildet wurde, wirkt seit 1568 am Hof in München als Posaunist. Antonius Gosswin, der wahrscheinlich als Chorknabe in die Hofkapelle von Herzog Albrecht V. eingetreten ist und als Alt-Sänger in der Hofkapelle arbeitet, wird 1569 Kapellmitglied bei Prinz Wilhelm von Bayern. Wegen Finanzproblemen des Münchner Hofs wird er zwar bald wieder entlassen, ist aber im Folgejahr wieder ein Angestellter der Kapelle. Gioseffo Guami, der sich zwischen 1550 und 1560 in Venedig aufgehalten haben und dort Schüler von Adrian Willaert und Annibale Padovano gewesen sein soll, wirkt seit 1568 in München, wo er zum Hoforganisten berufen wurde. Guami wirkt hier bis etwa 1579. Orlando di Lasso ist seit 1563 Kapellmeister der Münchner Hofkapelle. Die Hofkapelle umfasst 1569 63 Musiker. Zu Orlandos Aufgaben gehören u. a. Reisen durch Europa zur Anwerbung neuer Musiker, die Unterrichtung der Chorknaben, die teilweise sogar in seiner Familie leben, Proben mit den Musikern und die Komposition zahlreicher neuer Werke. Durch seinen ständig wachsenden Ruhm als Komponist sehen sich viele europäische Drucker veranlasst, umfangreiche Nachdrucke herauszugeben; in München geschieht dies ab 1569 durch die Motettenausgabe von Adam Berg in seinen zwölf Bänden der Patrocinium musices. Auch die Hugenotten übernehmen Kompositionen Orlandos in Form geistlicher Kontrafakturen seiner Chansons. Leonard Meldert, möglicherweise ein Schüler von Orlando di Lasso, veröffentlicht 1569 sein fünfstimmiges Madrigal Duolsi Giunon aver più lume, welches bei dem Verleger Girolamo Scotto in Venedig in der Sammlung Musica de Virtuosi della florida Capella dell’Illustrissimo ed Eccellentissimo Signo Duca di Baviera erscheint. Giovanni Battista Mosto, der 1568 eine Anstellung als Zinkenist und Posaunist in der Münchener Hofkapelle unter Orlando di Lasso hatte, kehrt 1569 wieder nach Udine zurück. Massimo Troiano, der sich zu Beginn des Jahres 1568 als Sänger in der Hofkapelle in Diensten des bayerischen Herzogs Albrecht V. in München befand, wechselt zwischen München und Venedig, mit einem längeren Aufenthalt in Venedig 1569, wo er auf Geld und eine Neuanstellung durch den bayerischen Herzog wartet. Troianos Buch Dialoghi, eine lebhafte und farbige Beschreibung des Lebens am bayerischen Hof und vor allem der berühmten Fürstenhochzeit des Erbprinzen Wilhelm mit Renata von Lothringen, erstmals 1568 in München gedruckt, erscheint 1569 in Venedig und kurz darauf in einer spanischen Übersetzung. Das Buch bietet die anschaulichste Beschreibung der musikalischen Inszenierungen Orlando di Lassos. „Die Sänger [dienen] jeden Morgen bei der Heiligen Messe, an den Samstags-Vespern und bei den Vigilien vor den großen Kirchenfesten. Die Blasinstrumente werden an den Sonntagen gespielt, und an Festtagen zur Messe und zur Vesper zusammen mit den Sängern.“ Troiano beschreibt auch ungewöhnlich genau, wie die Messe gefeiert wird, und welche Teile polyphon gesungen werden. Dies sind wertvolle Informationen für die Rekonstruktion der Musik der Renaissance. Ivo de Vento, der seit 1563 als Organist am Münchner Hof tätig war, ist seit Sommer 1568 Kapellmeister in der Kapelle der Residenz von Kronprinz Wilhelm in Landshut.

Burgundischer Reichskreis Markgrafschaft Antwerpen Séverin Cornet, der von 1555 bis 1564 in Antwerpen gelebt hat, ist seit 1564 in Mechelen an der St.-Rombouts-Kathedrale tätig, wo er die Aufgabe „pro magistro cantus et choralium“ hat. Somit ist er für die Chorleitung und für die Musikerziehung der Chorknaben zuständig. Noé Faignient hat 1561 das Bürgerrecht in Antwerpen erhalten und wirkt seitdem hier als Musiklehrer. Rinaldo del Mel lebt in Mechelen und ist seit dem 3. März 1562 Mitglied der Singschule der Kathedrale Saint-Rombaud. Ab dem Jahr 1564 erhält er hier Unterricht vom Chorregenten Séverin Cornet. Gérard de Turnhout, der seit dem 3. April 1559 Kapellmeister an der Kathedrale Saint-Gommaire in Lierre war, ist 1562 an die Liebfrauenkirche Antwerpen zurückgekehrt und hat seit 1563 die Position eines Musikmeisters (maître de musique) in der Nachfolge von Antoine Barbé. Neben dieser Tätigkeit wirkt er von 1569 bis 1572 als Kaplan der Lehrerzunft dieser Stadt. 1569 erscheint in Löwen seine Sammlung Sacrarum ac aliarum cantonum trium vocum zu drei Stimmen. Sie enthält 20 Motetten, 2 französische Chansons sacrées und 18 weltliche französische Chansons.

Grafschaft Flandern Andreas Pevernage, der seit 17. Oktober 1563 Kapellmeister an der Kirche Notre-Dame in Courtrai ist und 1564 zusätzlich eine Pfründe an Sankt Willibrordus in Hulst erhalten hat, übt die Kapellmeisterstelle bis 1577 aus.

Grafschaft Holland Cornelis Boskoop ist seit dem 1. Mai 1554 und bis März 1573 Organist an der Oude Kerk in Delft.

Kurrheinischer Reichskreis Kurpfalz Mathias Gastritz, der am 22. Dezember 1561 zum Organisten der Stadt Amberg bestellt wurde, wirkt fast 30 Jahre lang in den Diensten der Stadt. 1569 werden seine Teutsche und lateinische Lieder mit 4 Stimmen in Nürnberg veröffentlicht. Eine seiner bekanntesten Kompositionen ist der fünfstimmige Liedsatz Herzlich lieb hab ich dich, o Herr auf einen Text von Martin Schalling. Andreas Raselius, der Sohn eines Pfarrers im (damals evangelischen) Hahnbach, zieht nach dessen Tod 1569 mit seiner Mutter nach Amberg, wo er möglicherweise Schüler des Komponisten Mathias Gastritz wird. Sebastian Ochsenkun ist seit 1544 Lautenmeister am kurpfälzischen Hof in Heidelberg.

Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis Erzstift Cambrai Laurent de Vos, der seine musikalische Ausbildung vermutlich als Chorknabe an der Kathedrale seiner Vaterstadt Antwerpen erhalten hatte, ist seit 1566 Musikdirektor und verantwortlicher Leiter der Chorknaben an der Kathedrale, des damals noch spanisch-flämischen Cambrai.

Hochstift Lüttich Johannes Mangon, der seine erste musikalische Ausbildung als duodenus an der Singschule (schola cantorum) der Gemeinde Saint Martin-en-Mont in Lüttich erhielt, wirkt von 1562 bis 1570 an der dortigen Kirche als Succentor. Während dieser Zeit hat er möglicherweise schon zeitweise den Domchor in Aachen geleitet, weil die Abschrift seiner Messe „Ne ascondas me“ im Chorbuch I mit Sicherheit vor dem 31. Oktober 1567 angefertigt wurde.

Hochstift Utrecht Jean De Latre, der seit Dezember 1565 in Utrecht lebt und dort eine Doppelanstellung als schoolmester und sangmester an der Pfarrkirche St. Marie (Buurkerk) in der Nähe des Rathauses hat, stirbt am 31. August 1569 in Utrecht. Die Inschrift seiner Grabplatte in dieser Kirche nennt ihn Johanni Petit de Latre, musicus excellentissimus.

Vereinigte Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg Martin Peudargent ist Hofkomponist in den Diensten von Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg.

Niedersächsischer Reichskreis Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel Johann Zanger der Ältere, der seit 1548 in Braunschweig als Rektor am Katharineum tätig war, ist seit 1553 Pfarrer an der Petrikirche.

Herzogtum Mecklenburg-Güstrow Thomas Mancinus studiert an der Universität Rostock.

Hamburg Jacob Praetorius der Ältere, der wahrscheinlich in seiner Heimatstadt Magdeburg Unterricht von Martin Agricola erhielt, ist von 1555 bis zu seinem Tod als Organist und Kirchenkomponist an zwei Kirchen in Hamburg nachweisbar.

Obersächsischer Reichskreis Kurfürstentum Sachsen Joachim a Burck, der seit 1563 Kantor an der Lateinschule in Mühlhausen war, ist seit 1566 Organist an der Kirche Divi Blasii in Mühlhausen. In der freien Reichsstadt begründet er die bedeutende Musikkultur, die später mit den Namen Johann Rudolph Ahle, Johann Eccard, Johann Georg Ahle und Johann Sebastian Bach verknüpft sein wird. Daneben ist er als Geschichtsschreiber und öffentlicher Notar tätig. Wolfgang Figulus, der von 1549 bis 1551 als Thomaskantor der Thomasschule in Leipzig gewirkt hat, ist von 1551 bis zu seiner Pensionierung 1588 Kantor und Lehrer an der Fürstenschule in Meißen. Er unterrichtet die Fächer Musik, Latein und Religion und sorgt für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste in der Afrakirche. Mattheus Le Maistre, der seit 1554 sächsischer Hofkapellmeister als Nachfolger von Johann Walter war und 1565 aus Gesundheitsgründen um seine Entlassung gebeten hat, lebt vermutlich in Dresden. Er erhält zunächst nur eine jährliche Pension. Am 14. Juni 1568 tritt sein Assistent Antonio Scandello seine Nachfolge an. Le Maistre bleibt mit dem Hof in Dresden Zeit seines Lebens verbunden und führt den Titel des Hofkapellmeisters bis zu seinem Tod im Frühjahr 1577. Antonio Scandello, der seit 1566 Vizekapellmeister der Dresdner Hofkapelle war und als „zugeordneter Moderator“ dem altersschwachen Mattheus Le Maistre unterstand, ist seit 1568 Hofkapellmeister und übt diese Aufgabe bis zu seinem Tod aus. Leonhart Schröter, der von 1545 bis 1547 die Fürstenschule in Meißen besucht hat, wirkt danach von 1561 bis 1576 als Stadtkantor in Saalfeld. Nikolaus Selnecker, der seit März 1565 für zwei Jahre als Theologieprofessor in Jena gearbeitet hat, ist seit 1568 als Professor der Theologie an der Universität Leipzig tätig.