Arbeit im philosophischen Sinn erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Sinngeber dieser Prozesse sind die selbstbestimmt und eigenverantwortlich handelnden Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Anschauungen im Rahmen der aktuellen Naturgegebenheiten und gesellschaftlichen Arbeitsbedingungen.

Wortgeschichte Nach Ansicht von Otfried HöffeOtfried Höffe: Lexikon der Ethik. Verlag C. H. Beck, München 1992, ISBN 3-406-36666-X, S. 15f. steht das Wort mit dem lateinischen für Ackerland als Ausdruck für dessen Bearbeitung in Verbindung. Laut Wolfgang Pfeifer bedeutet das Wort Arbeit ursprünglich „Mühsal, Anstrengung“ und leitete sich vom rekonstruierten germanischen arƀējiðiz ab.Wolfgang Pfeifer: Stichwort Arbeit im Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 2. Auflage von 1989 und 1993, vollumfänglich übernommen ins Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, online abgerufen am 14. Dezember 2024. Die neuhochdeutsche Form Arbeit entwickelte sich aus dem althochdeutschen arabeit über das mittelhochdeutsche arebeit, Wörter, die damals in den Bedeutungen Mühsal und NotVgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 371 (Erbeit: akutes Vorhandensein eines Krankheitszustandes; etwa in „du kumest in erbeit“ oder „in arbeit sein“). standenFriedrich L. Weigand: Deutsches Wörterbuch (Hrsg. Herman Hirt), 5. Auflage, Band 1, De Gruyter, Gießen 1968, ISBN 978-3-11-081798-0, S. 81. und im Mittelalter auch für Anstrengung, Schmerz, Not, Menstruationsschmerzen und GeburtswehenBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 384 (zu arbeit und arbeiten). benutzt wurden. Eine positive Bewertung der Arbeit setzte unter Luthers Einfluss und mit dem aufstrebenden Bürgertum ein, während Marx und Engels Arbeit als universelle Existenzbedingung des Menschen definierten. Im Neuhochdeutschen entwickelte sich zudem die Bedeutung ‘Produkt der Tätigkeit’ vollständig. Im vorphilosophischen Sprachgebrauch hatte das Wort drei Bedeutungen: Arbeit als Mühsal, im Gegensatz zur MußeVgl. auch Arnim Regenbogen, Uwe Meyer: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner, 1998, S. 60. Arbeit als Tätigkeit zur Sicherung des Lebensunterhaltes und zur Verbesserung der Lebensbedingungen Arbeit als Resultat dieser Anstrengungen: als Leistung, Werk.

Zweck und Ziel der Arbeit Im philosophischen Sprachgebrauch meint Arbeit vor allem die „Tätigkeit des Menschen in Abhängigkeit von Natur und natürlicher Bedürftigkeit zum Zweck der Lebensunterhaltung“. Hans Paul Bahrdt bezeichnet Arbeit als „ein gekonntes, kontinuierliches, geordnetes, anstrengendes, nützliches Handeln, das auf ein Ziel gerichtet ist, welches jenseits des Vollzugs der Arbeitshandlung liegt“.Hans Paul Bahrdt: Arbeit als Inhalt des Lebens. In: Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Campus Verlag, Frankfurt/New York 1983, ISBN 3-593-32828-3, S. 124. Menschen, die für den „Lebensunterhalt“ tätig sind, wollen für sich mittels gemeinschaftlicher Arbeit auch gesellschaftliche Anerkennung und ein sinnvolles Leben erreichen. Die Tätigkeit des Künstlers ist ein Beispiel dafür, dass Arbeit auch zweckfrei erscheinen kann. „Selbst ästhetische Entwürfe, die das kreative und produktive Potential des künstlerischen Schaffens ins Zentrum stellen, betonen in der Regel, dass der kreative Akt […] sich nicht den Anforderungen der Zweckrationalität und Verwertbarkeit fügt und sich der kalkulierten Herstellbarkeit entzieht. […] Je nach Standpunkt wird der Kunst damit ein revolutionär-subversives oder ein gesellschaftsgefährdendes Potential zugeschrieben.“Anja Lemke, Alexander Weinstock (Hrsg.): Kunst und Arbeit. Zum Verhältnis von Ästhetik und Arbeitsanthropologie vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2014, ISBN 978-3-7705-5715-8, S. 10–15. Ernst Cassirer beschreibt Kunst als schöpferischen Prozess der Formgebung, mit dem Künstler den Menschen mit instrumentellen Medien ihre Auffassung der sichtbaren, greifbaren oder hörbaren Erscheinungen in symbolischen Formen vermitteln.Ernst Cassirer: Versuch über den Menschen. Einführung in die Philosophie der Kultur. Meiner Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-7873-1829-2, S. 218 ff. Ein arbeitender Mensch steht mit seinen persönlichen Interessen und Arbeitsschwerpunkten im Widerspruch unterschiedlicher individueller und kollektiver Ziele und befindet sich damit situationsbedingt in Konkurrenz zu seinen Mitmenschen und Angehörigen anderer sozialer Gruppen. Andererseits wirkt Arbeit bei arbeitsteiligen Tätigkeiten auch „Gemeinschaft stiftend“.Siehe bei Richard Sennett: Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Berlin 2012, ISBN 3-446-24035-7; englisch: Together: The Rituals, Pleasures, and Politics of Cooperation. Yale, 2012, ISBN 0-300-11633-0. Sie besteht im Wesentlichen nicht in der Ausübung vereinzelter individueller Tätigkeiten, sondern aus Interaktionen,Gerd Spittler: Anthropologie der Arbeit. Ein ethnographischer Vergleich. Springer VS, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-10433-7, S. 32–66. die das intersubjektive Zusammenwirken der Menschen in Handlungsgemeinschaften umfassen.

Arbeit als Gegenstand philosophischer Theorien Wer sich mit dem „Arbeitsbegriff“ vom philosophischen Standpunkt aus beschäftigt, stößt auf ein Dilemma: Obwohl Arbeit in ihrer Formenvielfalt eine Konstante des menschlichen Daseins ist, gibt es nur wenige namhafte Philosophen, die sie aus der Ökonomie, Ethik oder Theologie herausgehoben haben. Überwiegend steht das Wort Arbeit synonym für Anstrengung, Bemühung, Beruf, Dienst für die Gemeinschaft, nützliches Handeln, Produktion, Tätigkeit etc. Philosophen entwickelten in ihren Handlungstheorien unterschiedliche, zeitgemäße Arbeitsanschauungen, wobei der Arbeitsbegriff selbst einem geschichtlichen Wandel unterliegt.Heinz Eidam, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hrsg.): Kritische Philosophie gesellschaftlicher Praxis – Auseinandersetzungen mit der Marxschen Theorie nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, ISBN 3-8260-1011-6, S. 314. (books.google.de)

Von der Antike bis zum Beginn der Frühen Neuzeit Bezeichnend für die Wertschätzung gemeinschaftlicher Arbeit in der „primitiven Demokratie“ sumerischer Stadtstaaten, wie z. B. in Lagaš um 2500 v. u. Z., sind „königliche Hymnen“, die die „glücklichen Gesichter“ und „freudigen Herzen“ der Arbeiter besingen, die als „freie Bürger“ wochen- oder sogar monatelang in einer Art Gemeinschaftsdienst Bauarbeiten verrichten. Hochrangige Geistliche und Administratoren arbeiten Seite an Seite mit Handwerkern, Schafhirten und Getreidebauern, wobei sich die Unterschiede zwischen den Bürgern auflösen.Vgl. David Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Henning Dedekind, Helmut Dierlamm, Andreas Thomsen); Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5, S. 327 ff. In der archaischen Epoche der griechischen Antike um ca. 700 v. u. Z. beschreibt Hesiod im Epos Werke und Tage die Tätigkeiten in bäuerlichen Gemeinschaften. Dabei hebt er die mühevolle Arbeit in der Landwirtschaft als Quelle ehrlichen Lebens und gerechten materiellen Wohlstands hervor. Diese ethische Arbeits- und Lebensauffassung allein ist nicht hilfreich, wenn der freie Mensch die Mühsal, die sein Leben ausfüllt, überwinden möchte. Unter der „attischen Demokratie“ der griechischen Polis erfährt die Arbeit daher einen philosophisch begründeten, lange Zeit anhaltenden Wertewandel.

Philosophen des griechischen Altertums, wie zum Beispiel Sokrates oder dessen Schüler Platon und Xenophon, erkennen in handwerklichen Tätigkeiten nicht die über alltägliche Mühen hinausgehende, auf Selbstverwirklichung und Erkenntnisgewinn gerichtete bewusste schöpferische Auseinandersetzung des Menschen. Wie die Vorsokratiker Pythagoras oder auch Anaxagoras sehen sie primär die Kontemplation als Grundbedingung für geistige Kreativität. Aristoteles führt die philosophische Kategorie „Poiein“ () ein.Siehe unter Liste der aristotelischen Kategorien. Sie kommt dem Arbeitsbegriff nahe, wobei aber nicht speziell Arbeiten im neuzeitlichen Sinne gemeint ist. Vielmehr beziehen sich seine handlungstheoretischen Betrachtungen wie bei anderen Philosophen der Antike hauptsächlich auf die Angehörigen der geistigen, politischen und militärischen Aristokratie und deren Anstrengungen zur Erlangung damals anerkannter Tugenden.Vgl. zum Beispiel Platons Dialog Protagoras oder Ergon-Argument und Nikomachische Ethik des Aristoteles (im 4. Jhd. v. u. Z.); siehe auch Lehren der Stoa in De officiis (um 44 v. u. Z.) von Marcus Tullius Cicero. Aristoteles und Platon lehren, „daß die arbeitenden Klassen nicht regieren und die regierenden Klassen weder arbeiten noch Geld verdienen dürfen. […] Die Herrscher sind Eigentümer des Landes, dürfen es aber selbst nicht bearbeiten. Einzig Jagd, Krieg und ähnliche Liebhabereien werden als Beschäftigungen betrachtet, die der Herrscher würdig sind. Aristoteles′ Furcht vor jeder Form […] von berufsmäßiger Tätigkeit geht vielleicht noch weiter als die Platons. Platon hatte den Ausdruck ‚banausisch‘ zur Bezeichnung eines plebejischen, gemeinen, verdorbenen Geisteszustandes verwendet. Aristoteles dehnt die herabsetzende Anwendung dieses Ausdrucks auf alle Interessen aus, die nicht reine Liebhabereien sind.“Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde; Band II: Falsche Propheten – Hegel, Marx und die Folgen. 7. Auflage. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 1992, ISBN 3-16-145953-9, S. 8 f. (Übersetzung aus dem Englischen von Paul K. Feyerabend und Klaus Pähler) Wissenschaftliche Forschung und Lehre, die nach modernem Verständnis Formen der Arbeit sind, betrachten Platon, Aristoteles und die meisten Gelehrten der Antike als besonders vornehme Betätigungen in der kontemplativen Muße. Nach Überlieferungen Plutarchs habe Archimedes aus Geringschätzung der mit seinen technischen Erfindungen verbundenen praktischen Tätigkeiten keine diesbezüglichen Abhandlungen hinterlassen.Siehe bei Plutarch unter Marcellus, XVII.(um 100 u. Z.)