mini|Wappen des Ortes Puschkino mit der Abbildung eines Zobels und zwei Kopsen Webgarn Die noch 2018 in einem Nachfolgebetrieb (Puschkin bzw. Russkij sobol, FGUP) bestehende, frühere Zoofarm Puschkino, später Puschkinskji Swerosowchos, war der führende Pelzzuchtbetrieb Sowjetrusslands, der auch in der internationalen Pelztierzucht und Pelzwirtschaft allgemein bekannt geworden war. Die Farm wurde 1929 unter der wissenschaftlichen Leitung des Deutschen Fritz Schmidt in Betrieb genommen, der sie sechseinhalb Jahre lang betreute. Sie war die zentrale russische Lehrstelle und Ausbildungsfarm, zugleich verbunden mit einer großen Zuchtfarm für die Belieferung von hochwertigen Zuchttieren an andere neu errichtete Betriebe und einer umfassenden Versuchsfarm. Eigentlich handelte es sich bei dem auch I. Moskauer Zoofarm genannten Betrieb um ein Kombinat von verschiedenen einzelnen Farmen, die etwa vier Kilometer voneinander entfernt lagen, zugehörig zu dem Ort Puschkino, 30 km nordöstlich von Moskau.

Ein erhebliches Aufgabengebiet war die wissenschaftliche Forschungsarbeit, die auf zahlreichen Gebieten und in enger Zusammenarbeit unter der Leitung einer Reihe von Moskauer Universitätsinstituten vorgenommen wurden. Nach Schmidt kam Curt Sprehn aus Deutschland nach Puschkino, um die russischen Biologen im Fachgebiet Tierkrankheiten zu unterrichten. Robrecht Declerq bemerkte dazu: „Anstatt ihre Forschungserkenntnisse von internationalem Interesse zu schützen, teilte das Leipziger Netzwerk diese mit den Russen“.Robrecht Declercq: World Market Transformation - Inside the German Fur Capital Leipzig 1870 and 1939. Taylor & Francis, Routledge, New York und London, 25. Mai 2017, S. 117 (englisch) [Zuletzt abgerufen am 5. Oktober 2018].

Allgemein Die Farm bestand aus vier örtlich getrennten Betriebsteilen. Sie enthielten zwei Silberfuchsfarmen, eine große Nerzfarm, die außer amerikanischen Nerzen auch die Zucht des europäischen und des sibirischen Nerzes und verschiedener Iltisarten umfasste; eine Versuchsfarm für Skunk, Waschbär, Marderhund, amerikanisch Opossum; eine Zobel- und Marderfarm; ein Freigelände für Bisamhaltung und -zucht; eine Kaninchenfarm für die Zucht besonderer Rassekaninchen; einen großen landwirtschaftlichen Betrieb und eine tierärztliche Station mit Gebäuden für Untersuchungen und Forschung. Dies stand insgesamt unter einer einheitlichen Leitung und Bewirtschaftung. Den Mittelpunkt bildete ein von einem großen Park und zahlreichen Gutsgebäuden umgebener Herrensitz mit mehreren kleinen Siedlungen. Die Anlage war verkehrsgünstig von Moskau aus innerhalb einer Stunde zu erreichen. Neben seiner Zweckmäßigkeit stellte der gewaltige Komplex eine Art Repräsentationsfarm für die neu begonnene und im Aufbau befindliche landeseigene Pelztierzucht dar. Hochgestellte Gäste wurden durch die Anlage geführt, der damalige Staatspräsident Kalinin, der Verteidigungsminister Woroschilow und die in Moskau akkreditierten Botschafter der USA, Kanadas, Deutschlands, Großbritanniens, viele ausländische Handelsdelegationen und etliche Experten und führende Persönlichkeiten der internationalen Pelzwirtschaft. Es war üblich, dass die Besucher der neu eingeführten Pelzauktionen der Sojuzpushnina in Leningrad alljährlich die Farm besichtigten, um sich über die Fortschritte der Zucht zu überzeugen. Den Grundstock der verschiedenen Pelztierzuchten waren zumeist aus dem Ausland eingeführte Tiere, hauptsächlich aus Deutschland.

Die einzelnen Wirtschaftsbetriebe oder Farmen waren durchweg selbständig. Sie besaßen Land, auf dem sie einen großen Teil des Futters, zum Beispiel Milch, Getreide und Gemüse selbst erzeugen konnten. Sie bildeten neben ihrer Zucht noch recht ansehnliche landwirtschaftliche Betriebe, die häufig auch, neben der Kaninchenzucht, mit Ergänzungsbetrieben, Hühnerzucht, Gärtnerei usw. zusammenarbeiteten. In der Regel musste jeder Betrieb für sich selbst sorgen, mit nur wenig Unterstützung aus der Zentralleitung in Moskau.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gab es wohl kaum einen sowjetischen Pelztierzüchter, der nicht wenigstens einen Teil seiner Ausbildungszeit in Puschkino verbracht hatte, vom einfachen Wärter bis zum gebildeten Zootechniker, Farmleiter und Spezialisten, der eine akademische Ausbildung am Institut für Pelztierzucht erfahren hatte.

Insgesamt gab die Entwicklung der russischen Pelztierzucht ein Bild der allgemeinen Probleme des Aufbaues der Sowjetunion mit ihrer Planwirtschaft wieder (1934): „Die angespannte Wirtschaftslage, die sich ablösenden Krisen in der Versorgung von Mensch und Tier und der Mangel an Materialien einerseits, wie teilweise bürokratische Fehler andererseits, führen zu manchen Mißerfolgen und versetzen den Plänen schwere Schläge. […] Im Ergebnis jedoch kann der Aufbau der russischen Pelztierzucht trotz stark fühlbarer Mängel durchaus als gelungen bezeichnet werden“.

Geschichte Vor dem Ersten Weltkrieg soll es auf dem Gebiet der Sowjetunion etwa zwanzig kleinere Pelztierzuchten gegeben haben, die aber mehr aus Liebhaberei und Sport als um des Gelderwerbs wegen betrieben wurden. Der Weltkrieg und die darauffolgenden Hungerjahre sowie die Umwälzung der Wirtschaftsform zwangen jedoch alle Tierhalter letztlich zur Aufgabe. Sie befassten sich alle mit der Zucht, richtiger mit der Aufzucht von jung gefangenen Wildfängen von einheimischen Blau-, Kreuz- und Silberfüchsen.

Der Zuchtbetrieb der I. Moskauer Zoofarm in Puschkino begann im Januar 1929. Für den deutschen Naturwissenschaftler Fritz Schmidt war es nach der Inbetriebnahme der Schirschenschen Zuchtfarm die zweite Pelztierfarm, die er in der Sowjetunion in Betrieb setzte. Schmidt war zuvor Zuchtleiter der Silberfuchsfarm Hirschegg-Riezlern bei Oberstdorf (Deutsche Versuchszüchterei edler Pelztiere G.m.b.H. & Co, Leipzig).Paul Schöps: Die Farmzucht einheimischer Pelztiere. In: Der Rauchwarenmarkt, 19. Januar 1932, S. 2. Die in dem kleinen Dorf Schirscha bei Archangelsk gegründete Pelztierfarm bestand in Schirschinski noch im Jahr 2018, als Shirshinsky Pelz mit zwei voneinander unabhängigen Unternehmen »LLC SHP „Shirshinskoe“« und »LLC „Shirsha-mekh“«. Auf ihrer Homepage nennt sie als Gründer des 1907 gestarteten Unternehmens den deutschen Geschäftsmann Rosen. (russisch) Russkij sobol, FGUP [Zuletzt abgerufen am 3. Oktober 2018].

Die anfängliche Aufgabenstellung lautete: „Es darf kein Fell von einiger Bedeutung auf dem Markt geben, das in Zukunft nicht auch wir liefern können“. Daher waren unter den ersten Importen von Zuchttieren nicht nur die damals sehr nachgefragten und hochbezahlten Silberfüchse und Nerze, sondern auch nordamerikanische Waschbären, Skunks, Opossums sowie südamerikanische Nutria. Neben der Abgabe der Nachzuchten an andere, neu errichtete Zuchtbetriebe wurden, besonders die Nutrias und Bisamratten, im Rahmen der von der Sowjetunion stark geförderten „Pelztierzucht in freier Wildbahn“ an geeigneten Plätzen ausgesetzt, später vor allem auch die schon stark dezimierten Zobel.

In der Ausbildung ging es in den ersten Jahren der Farm trotzdem erst einmal um die Zucht des Silberfuchses, den bis dahin fortgeschrittensten Zuchtzweig. Diese musste jeder Teilnehmer innerhalb einer Zuchtsaison einmal durchlaufen haben, ehe er sich auf andere Tierarten, wie Nerz, Zobel, Nutria, Marderhund usw. spezialisieren konnte.

Die Entwicklung der Pelztierzucht unterlag seit dem Ende der 1920er Jahre einem wesentlichen Wandel, der auch das Aussehen der Farm veränderte. Waren die Tiere anfangs noch naturnah auf dem Erdboden in Gehegen untergebracht, ging man aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und der Hygiene zur Haltung in Käfigen über, die zur Verbesserung der Fellqualität in überdachten Schuppen untergebracht waren. Eine weitere Veränderung brachte eine neue Moderichtung, die langhaarige Felle vernachlässigte, gleichzeitig begann der Aufstieg der Nerzzucht, in der die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweilig der größte Produzent war. Die große Vielfalt in der Pelztierzucht verschwand und die Entwicklung ging so weit, dass in den 1960er Jahren, abgesehen von einigen lokalen Zuchten, praktisch nur noch die Nerzzucht betrieben wurde. In geringerem Umfang züchtete man noch Chinchilla und Sumpfbiber.

Anfang der 1990er Jahre konnten sich Einkäufer der Leningrader Pelzauktion auf einem der Farmbesuche davon überzeugen, dass inzwischen auch Luchse gezüchtet wurden. Auch war die Zucht weißer Zobel inzwischen erfolgreich. Nach rechtlichen Auseinandersetzungen – durch die Ausweitung Moskaus ist der Wert des Umlandes inzwischen erheblich gestiegen und begehrt – besteht die Farm Puschkino als einzige staatliche Pelztierfarm weiterhin.Auskunft des Rauchwarenhändlers Klaus-Dieter Ribak. Im Jahr 2018 firmierte das Unternehmen als Russkij sobol, FGUP (Russischer Zobel, FGUP), ihr Direktor hieß Rukovoditel.Homepage der Russkij sobol, FGUP [Zuletzt abgerufen am 5. November 2018].

Gehaltene Tierarten Um allgemeine Erkenntnisse über die vielfach noch unbekannte Biologie der Pelztiere zu gewinnen, hielt man bald auch solche Arten, von denen eine künftige kommerzielle Verwertung nicht wahrscheinlich war. Zusätzlich zur Pelztierhaltung bestand eine Zucht der gefleckten sibirischen Hirsche sowie der Isubrahirsche, die „Panty“ liefern, junge Geweihbildungen, die wegen ihrer angeblichen Heilwirkung einen wichtigen Exportartikel nach China bildeten, außerdem die Zucht des Karakulschafes auf einer wissenschaftlichen Versuchsfarm mit einem Forschungsinstitut in Samarqand.

Zobel Die Zucht des sibirischen Zobels begann in Puschkino. Die Farm für Zobel und Marder lag abgeschlossen für sich in einem zum früheren Gutspark gehörenden Hochwald, einer die Besucher beeindruckenden, „einmalig schönen“ Anlage mit gewaltigen Eichen und Fichten. Der deutsche Experte Fritz Schmidt durfte diesen Teil anfangs nicht betreten, weil bisher wohlbehütete Geheimnisse über die Zucht des Zobels mit seinen nur aus Russland kommenden Fellen nicht nach außen dringen sollten. Schmidt schrieb jedoch: „Es gab aber nichts, was dessen wert gewesen wäre, wie ich das bei meinen häufigen Besuchen in dieser Farm bald feststellen konnte“.

Die erste und bis dahin einzige Nachzucht von Zobeln war 1929 im Moskauer Zoo gelungen, allerdings von einem zuvor in der Wildnis gefangenen, bereits trächtigen Tier. Bereits zuvor, im Jahr 1927, hatte Fritz Schmidt dem Leiter der russischen Edelpelztierzucht, der sich auf einer Reise durch Mitteleuropa zur Orientierung über den Stand der Pelztierzucht befand, ein Paar ranzender Marder auf der Farm Hirschegg-Riezlern vorführen können. Dies wurde Professor Pëtr Alexandrowitsch Zoege von Manteuffel vom Moskauer Zoo überbracht, der damals die ersten Versuche zur Zobelzucht unternahm. Nach mehreren Jahren erfolgloser Versuche übergab man Schmidt auch die Leitung der Zobelfarm, „mit dem ausdrücklichen Auftrag, alles zu tun, um endlich die Zucht dieses so wertvollen Pelztieres zum Anlaufen zu bringen“, man hätte „schon mehrere hunderttausend Rubel in die Sache gesteckt“.Fritz Schmidt: Brief an Christian Franke, Murrhardt, vom 29. September 1977. Kollektion G. & C. Franke, Murrhardt. Im Frühjahr 1932 kamen die ersten Würfe zur Welt. Die Nachzucht steigerte sich von Jahr zu Jahr, im Jahr, als Schmidt die Farm verließ, waren es 136 junge Zobel, 1936 meldete man den Bestand von 200 Tieren, die auf etwa 100 Quadratmetern gehalten wurden.Le.: Planmäßige Fellproduktion in Russland. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 20, 15. Mai 1936, S. 3. Felle von Farmzobeln bildeten nach dem Nerz und vielleicht auch den Füchsen, einschließlich dem in der Pelzbranche auch Seefuchs genannten Marderhund, mit Stand des Jahres 2018 wohl das wesentlichste Produkt der russischen Pelztierzucht, bei allgemein gegenüber der sowjetischen Zeit extrem gesunkener Fellproduktion.

Amerikanischer Nerz (Mink)