Die Baden-Württemberg-Klasse, marineintern auch Fregatte 125 oder kurz F125 genannt, ist eine Fregatten-Klasse der Deutschen Marine. Die vier Überwasserkampfschiffe ersetzen die ehemals acht Schiffe der Bremen-Klasse (F122). Außerdem stellt die Baden-Württemberg-Klasse mit einem neuen Konzept erweiterte Fähigkeiten zur Verfügung. So soll sie wesentlich länger im Einsatzgebiet bleiben können sowie mit einem größeren Geschütz und den eingeschifften Spezialkräften auch Unterstützung für landseitige Kampf- oder Stabilisierungseinsätze ermöglichen. Die Hauptaufgaben bestehen in maritimen Stabilisierungsoperationen niedriger und mittlerer Intensität.
Auslegung und Anforderungen mini|Fregatte F222 Baden-Württemberg in der Werft Blohm + Voss in Hamburg im Juli 2014
Zu den Hauptaufgaben der F125 zählen die Seeraumüberwachung in Stabilisierungsoperationen und die Unterstützung des Einsatzes von Spezialkräften von See her sowie der Beschuss von Landzielen im Rahmen der Streitkräftegemeinsamen Taktischen Feuerunterstützung (STF). Zum Aufgabenspektrum gehören somit Einsätze in der Bündnisverteidigung und Krisenprävention sowie humanitäre Rettungsmissionen, Terrorismusbekämpfung und die Abwehr asymmetrischer Bedrohungen wie unter anderem Piraten.Karr: Das Bauvorhaben Fregatte Klasse 125. In: Hansa. Nr. 5/2012, S. 24–27. Damit unterscheiden sie sich von der zusätzlich geplanten, aber mittlerweile durch die MEKO 200 (F-128) ersetzten kampfstärkeren Fregatte 126.
Wesentliche Anforderung ist die Intensivnutzbarkeit. Das bedeutet lange Wartungsintervalle, um bis zu zwei Jahre andauernde Operationen mit einer durchschnittlichen Einsatzdauer von 5000 Seebetriebsstunden pro Jahr durchführen zu können, ohne den Heimathafen anzulaufen. Dies entspricht nahezu einer Verdopplung der Einsatzzeit und Vervierfachung der Wartungsintervalle gegenüber den Forderungen an bisherige Fregattenklassen. Außerdem soll ein Intervall von 60 Monaten für die Hauptinstandsetzungen erreicht werden. Die Fregatten sollen überdies unter extremen Klimabedingungen operieren können.
Im Vergleich zu den bisherigen Fregatten der Deutschen Marine soll, trotz der mit über 7100 Tonnen Einsatzverdrängung überdurchschnittlichen Größe der F125, die Besatzungsstärke drastisch reduziert werden. So werden nur 120 statt bisher 200 bis 250 Besatzungsmitglieder dauerhaft an Bord sein. Da die erhöhte Verweildauer im Einsatzgebiet von einer Besatzung alleine nicht zu tragen ist, wird es faktisch eine zweite Besatzung geben. Es ist geplant, acht Besatzungen durch Ausbildungsabschnitte und Einsatzzeiträume durchrotieren zu lassen, so dass im Rhythmus von vier Monaten die Besatzung im Einsatzgebiet gewechselt wird. Der Crewwechsel erfolgt nahtlos am Einsatzort. Die angestrebte Verminderung der Besatzungsstärke erfordert eine umfangreichere Automatisierung. Die Anlagen müssen technisch so ausgelegt sein, dass sie Betrieb und Wartung mit wenig Personal gewährleisten. Diese höchst anspruchsvolle Anforderung an die Technik, bedingt durch den hohen Grad an Automatisierung und die lange Standzeit im Einsatzgebiet, setzt voraus, dass die Besatzung neben ihren regulären Einsatzaufgaben einen erhöhten Anteil an den geplanten Maßnahmen zur Materialerhaltung im Einsatzgebiet selbst übernehmen muss.Mittler Verlag: Europäische Sicherheit und Technik / Dezember 2015; Seite 85–87. Daneben sind Unterbringungskapazitäten für bis zu 50 Personen von Spezial- oder spezialisierten Kräften inklusive Ausrüstung (unter anderem ein 10-m-Einsatzboot mit 40 kn) vorgesehen, die bei bisherigen Schiffstypen der Deutschen Marine fehlen.
Begrenzte Kampfkraft Kritiker der Konzeption sehen die Schiffe eher als große Patrouillenboote. Die Klasse sei optimal für Einsätze gegen Piraten und die Überwachung eines Waffenembargos auf See, aber nicht für Seegefechte. Das 127-Millimeter-Geschütz hat mit seiner Standardmunition eine Reichweite von 30 Kilometern (zur reichweitengesteigerten Vulcano-Munition siehe Abschnitt Geschützturm); das Schiff wäre beim Einsatz gegen Landziele gefährdet, da es im Einsatzbereich einfacher landgestützter Schiffsabwehrraketen läge. Die F125-Klasse hat keine Möglichkeiten, Angriffe von Raketen und Flugzeugen in mittlerer und größerer Entfernung abzuwehren. Zur U-Boot-Abwehr sind die Schiffe ganz auf Bordhubschrauber angewiesen. Anderen Fregattenklassen ist es dagegen möglich, sowohl sich selbst als auch andere Schiffe vor Luft-, U-Boot- oder Raketenangriffen zu schützen. Zum Zeitpunkt der geplanten Indienststellung 2017 bestand seitens der NATO aufgrund der geänderten weltpolitischen Lage ein größerer Bedarf an solchen kampfstärkeren Einheiten als noch in der Konzeptionsphase der Baden-Württemberg-Klasse.Unsere neue Super-Fregatte – noch nicht im Dienst und schon veraltet. Stern.de. 18. Januar 2017. Der Auftrag zum Bau der kampfstärkeren Fregatte 126 war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erteilt.
Die Bundeswehr erwägt Möglichkeiten zur Verbesserung der Flugabwehrfähigkeiten der Klasse F125. Im Oktober 2025 wurde zu Erprobungszwecken ein IRIS-T-SLM-Modul auf der Fregatte Baden-Württemberg installiert und bei einem Flugkörperschießen der Marine erfolgreich getestet. hartpunkt.de: Navalisierte IRIS-T SLM erfolgreich bei Raketenschießen von der F125 in Norwegen getestet, 15. Oktober 2025, abgerufen am 16. Oktober 2025 Frühestens 2027 soll ein Prototyp der Marineversion des IRIS-T-SLM-Systems fertiggestellt werden. Bei dieser Version entfällt u. a. die Schwenkhydraulik, da die Startbehälter dauerhaft senkrecht stehen. Dadurch werden Komplexität und Gewicht gesenkt. Es ist geplant, pro Fregatte zwei Startgeräte für je 16 Flugkörper einzurüsten. Am 23. September 2026 wurden die Mittel für die maritime Anpassentwicklung IRIS-T SLM freigegeben.
Zielbild Marine 2035+ Als Folge des veränderten Sicherheitsumfelds durch den russischen Überfall auf die Ukraine wurde ein neues Zielbild der Marine vorgestellt mit „deutlicher Betonung der Abschreckung“ potentieller Gegner mittels Einheiten hoher Schlagkraft. Insbesondere Seekriegsmittel, welche primär auf Einsätze niedriger Intensität ausgerichtet sind, werden hierfür als ungeeignet angesehen. Entsprechend ist im Zielbild der Marine bis 2035 eine Reduzierung um eine Einheit des Typs F125 zugunsten kampfstärkerer Einheiten vorgesehen. Damit wird auch dem im Zielbild geforderten „konsequente[n] Umsetzen des Faktors 3 bei der Anzahl der erforderlichen Seekriegsmittel (ein Drittel in der Werft, ein Drittel in voller Gefechtsbereitschaft, ein Drittel in abgestufter Gefechtsbereitschaft)“ entsprochen. Bei der Vorstellung des Strategiepapiers „Kurs Marine“ im Mai 2025 wurde die Anzahl der für 2035 vorgesehenen Schiffe der Klasse jedoch wieder auf „3 – 4“ erhöht.Hans Uwe Mergener: Zwischen Abschreckung und Zukunftsfähigkeit: Kurs Marine 2025, Europäische Sicherheit und Technik, 14. Mai 2025, abgerufen am 14. Mai 2025
Beschaffung Auftragsvergabe Für die Entwicklung und zum Bau der Fregatten haben sich die Werften ThyssenKrupp Marine Systems und Lürssen zur Arbeitsgemeinschaft Fregatte 125 (ARGE F125) zusammengeschlossen. Am 28. Juli 2005 wurde von der ARGE F125 dem Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) das Bauangebot für vier Fregatten übergeben. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages genehmigte am 20. Juni 2007 trotz Kritik durch den Bundesrechnungshof den Bau von vier Schiffen im Umfang von 2,6 Milliarden Euro. Am 26. Juni 2007 unterzeichneten das BWB und die ARGE F125 den Bauvertrag für vier Fregatten der Klasse F125. Baubeginn für das Typschiff war am 9. Mai 2011, und am 2. November wurde es auf Kiel gelegt. Lürssen war mit 20 Prozent beteiligt und zeichnete für den Bau der Bugsektionen verantwortlich, Blohm + Voss für die übrigen Sektionen, die Endmontage und -ausrüstung sowie die Durchführung der Seeversuche.
Verzögerungen und technische Probleme Ursprünglich sollten die Fregatten ab 2014 in Dienst gestellt werden, dieser Termin musste aber mehrfach verschoben werden. Aufgrund erweiterter Anforderungen der Bundeswehr in Bezug auf Festig- und Steifigkeit sowie mehr Raum zur Unterbringung der Bordhubschrauber verschob sich der Zulauf gemäß dem Änderungsvertrag von 2009 in die Jahre 2016 bis 2018. Schon vor der Fertigstellung musste 2015 der Lack unterhalb der Wasserlinie erneuert werden, da es wegen Verwendung einer falschen Farbe zu Muschelbewuchs und Abplatzungen gekommen war. Vorher hatte es monatelange Verzögerungen wegen der Brandschutzbeschichtung und der Kabel gegeben. Dann gab es Probleme mit dem Getriebe des Hauptantriebes.Neuer Ärger mit der Fregatte 125 Spiegel Online vom 27. November 2015 Im Januar 2017 war der Bau der vier Schiffe 29 Monate im Rückstand, davon 15 Monate für Überarbeitungen der Konstruktion, acht Monate wegen mangelhaften Brandschutzanstrichs und sechs Monate wegen Verzögerungen bei der Verlegung der je 500 Kilometer Kabel je Schiff.Und dann zeigte der Kapitän, was die F125 draufhat Welt.de vom 14. Januar 2017
Die Baden-Württemberg kam im Zuge der Werfterprobung am 7. April 2016 das erste Mal in Fahrt. Ihre Indienststellung war für 2017 vorgesehen, zur Beseitigung schwerwiegender Mängel wurde sie jedoch Ende 2017 an den Hersteller zurückgegeben. Es gab Probleme vor allem bei der Software, aber auch beim Schiffsrumpf und der übrigen Ausrüstung wie dem Radar, dem Wasseraufbereitungssystem und der Lebensmittelkühlung.
Indienststellung der Fregatten Die Indienststellungen der Fregatten der Baden-Württemberg-Klasse erfolgten von 2019 bis 2022.Die Schiffe der Baden-Württemberg-Klasse, abgerufen am 13. August 2022. F222 Baden-Württemberg am 17. Juni 2019 F223 Nordrhein-Westfalen am 10. Juni 2020 F224 Sachsen-Anhalt am 17. Mai 2021 F225 Rheinland-Pfalz am 13. Juli 2022 Allerdings bedeutete „Indienststellung“ noch nicht, dass die „technische Einsatzreife“ erreicht war. Letztere war beispielsweise bei der Rheinland-Pfalz für den 1. Juli 2023 vorgesehen, rund ein Jahr nach der Indienststellung.Lorenz Hemicker: Letzte Fregatte F125 übergeben. Marine spricht von Wegmarke / Nicht einsatzreif. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Juli 2022, S. 4.
Technik und Systeme Sensoren mini|Die Baden-Württemberg im Bau bei Blohm & Voss in Hamburg AESA-Multifunktionsradar TRS-4D von Hensoldt Navigationsradar von Raytheon Anschütz Hensoldt MSSR 2000I & LTR 400 Freund-Feind-Erkennung Mode 5/S MSP 600-125 Elektro-optische Tracker von Rheinmetall Defence SIMONE (Ship Infrared Monitoring Observation and Navigation Equipment)-360°-Überwachungssystem von Diehl Defence Elektronische Aufklärung RESM/CESM KORA 18 von GEDIS Taktischer Datenlink: Link 11, Link 16 und Link 22 mobiles Taucherdetektionssonar (MTDS) Cerberus Mod2 von Atlas Elektronik SAR-Funkpeilsystem RT-500-M von RHOTHETA Elektronik GmbH
Bewaffnung Neben den Hauptwaffensystemen verfügt die Fregatte aufgrund ihrer speziellen Auslegung auf asymmetrische Bedrohungen über eine Vielzahl an Rohrwaffen kleinen Kalibers. So sind zwei Revolverkanonen MLG 27 (27 mm-Marineleichtgeschütz) der Firma Rheinmetall mittschiffs sowie fünf 12,7 mm-RCHMG „HITROLE NT“ (Remote Controlled Heavy Machine Gun) von Leonardo S.p.A. (ehemals Oto Melara) steuer- und backbordseitig an Deck sowie auf dem Hangar eingerüstet. Letztere können über die Reling hinaus so hinuntergeklappt werden, dass sie an der Bordwand entlang feuern können. Zum Schutz der Besatzung werden diese Systeme von der Operationszentrale aus fernbedient. Zum passiven Schutz vor Flugkörpern verfügt das Schiff über vier Täuschkörperwurfanlagen MASS (Multi Ammunition Softkill System). Darüber hinaus können körpergesteuerte Maschinengewehre vom Kaliber 12,7 mm montiert werden.
Geschützturm