mini|Belgische Soldaten im Rahmen des UNOSOM-II-Einsatzes in Somalia, November 1993 Die Belgischen Streitkräfte (, ) sind die Streitkräfte des Königreichs Belgien. Sie untergliedern sich in Heer, Marine, Luftstreitkräfte und medizinisches Korps (niederländisch Medische Component, französisch Composante Médicale).

Es gibt rein niederländisch- und rein französischsprachige Einheiten. Bis Anfang 2010 gab es auch eine gemischtsprachige Einheit, das 1°Bn Para, das im Zuge der Armeereform aufgelöst wurde. Offiziere müssen – auch in Abhängigkeit von der Dienstdauer – mindestens in der Lage sein, sich Angehörigen der jeweils anderen Sprachgemeinschaft verständlich zu machen.

Im dreisprachigen Belgien gab es in der Armee bis 1994 auch eine deutschsprachige Einheit: Das 3. Bataillon der Ardennenjäger in Vielsalm.

Geschichte

19. Jahrhundert

Belgien erlangte in der Revolution von 1830 die Unabhängigkeit von den Niederlanden. Preußen, Frankreich und das Vereinigte Königreich hatten sich für die Unversehrtheit der Grenzen des jungen Staates verbürgt und so hatte die belgische Regierung die Möglichkeit, auf ein großes stehendes Heer zu verzichten. Stattdessen setzte Belgien zu Beginn seiner Geschichte eine Gendarmerie, die Bürgerwacht ein (, ).John Keegan: World Armies. Verlag, Jahr, S. 55. Die Bürgerwacht war der Vorläufer des belgischen Heeres (; ).

Im Jahre 1831 wurde auch die Marinecomponent () gegründet, damals noch unter dem Namen Königliche Marine (Nld. Koninklijke Marine, Fra. Marine Royale).

Schon bald begann neben der Bürgerwacht jedoch auch die Rekrutierung eines regulären Landheeres unter dem System der selektiven Wehrpflicht. Da sich vor allem wohlhabendere Belgier dieser Pflicht entziehen konnten, wurde die Sollstärke von 20.000 Soldaten zunächst nicht erreicht.British War Office: Handbook of the Belgian Army. London 1998, ISBN 0-89839-281-0, S. 2–3.

Das junge belgische Militär erhielt primär Aufgaben der Selbstverteidigung und befestigte die Grenzen zu den Niederlanden, zu Preußen und zu Frankreich. Auf eine erste Probe gestellt wurde der zumeist neutrale Staat Belgien während des Französisch-Preußischen Kriegs. 1870 wurde eine Generalmobilmachung befohlen, die fast ein Jahr lang anhielt und, obwohl sich den Offizieren strukturelle Schwächen aufzeigten, erreichte das starke Auftreten Belgiens die gewünschte Wirkung: Belgien blieb neutral und sein Territorium vom Krieg unversehrt.

Die Päpstlichen Zuaven, eine 1861 ursprünglich zur Verteidigung des Kirchenstaates aufgestellte Einheit französisch-belgischer Soldaten, kämpften 1867 nach einer Niederlage bei der Eroberung Roms durch das Königreich Italien auf französischer Seite in der Schlacht von Mentana gegen italienische Freischärler.siehe auch Joseph Powell (1871): Two Years in the Pontifical Zouaves (online) Dieser Kampfverband war die erste größere belgische Truppe, die an einem europäischen Krieg teilnahm.Guy Derie, John Pacco: Les Soldats de Leopold ler et Leopold II. Legrain, Bruxelles 1986, S. 130.

Während der verschiedenen Einsätze der Zuaven, im Jahre 1864, unterstützte eine belgische Freiwilligeneinheit zudem die französische Intervention in Mexiko. Die etwa 2.000 belgischen Freiwilligen kämpften vergebens; Frankreich wurde besiegt und Kaiser Maximilian zugunsten einer Republik abgesetzt.G. Derie, J. Pacco: Les Soldats de Leopold ler et Leopold II. 1986, S. 124.

Nach Preußens Sieg über Frankreich entstand das Deutsche Kaiserreich; Belgien hatte nun einen neuen Nachbarn (zuvor hatten Belgien und Preußen eine gemeinsame Grenze).

1885 wurde die Force Publique (Nld.: Openbare Weermacht) aufgestellt, eine Gendarmerie und Kolonialarmee in Belgisch-Kongo. Zunächst war dies kaum mehr als eine Söldnerarmee. 1908 übernahm Belgien den Kongo vom König; ein Kommando belgischer Offiziere wurde installiert. Die Force Publique kämpfte unter anderem 1892–1894 im Krieg gegen Tippu Tip; sie wurde 1960 mit der Unabhängigkeit der Demokratischen Republic Kongo aufgelöst. Während dieser Zeit beging die Force Publique zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

20. Jahrhundert Vor dem Ersten Weltkrieg

1902 erwarb Belgien in Reaktion auf den Boxeraufstand eine dauerhafte Kolonialgarnison in Tientsin, China. 1904 wurde dort eine dauerhafte Garnison der belgischen Streitkräfte aufgestellt.G. Derie, J. Pacco: Les Soldats de Leopold ler et Leopold II. 1986, S. 134.

1909 wurde das selektive Wehrpflichtssystem ersetzt, sehr spät im Vergleich zu vielen anderen europäischen Staaten, welche wesentlich früher auf das in mehrfachen Kriegen erfolgreiche preußische Modell der allgemeinen Wehrpflicht umgestiegen waren.

Die Belgische Armee galt als überflüssig, da sich Politik wie Öffentlichkeit auf die vermeintlich unverletzliche Neutralität verließen. Militärausgaben wurden von Politikern vernachlässigt und militärische Aufrüstung als absurd abgetan.Barbara Tuchman: The Guns of August. Verlag, Jahr, S. 126.

Erst nach der Agadirkrise 1911 wurde eine massive Aufrüstung beschlossen: Die mobilisierte Maximalstärke der belgischen Armee sollte von 180.000 auf 350.000 Soldaten steigen.R. Pawly, P. Lierneux: The Belgian Army in World War I. Osprey Publ., 2009, ISBN 978-1-84603-448-0. Diese Aufrüstung war im Sommer 1914 noch nicht abgeschlossen. Die deutsche Heeresführung sah die belgische Armee als schwach genug an, binnen weniger Tage überrannt zu werden.

Erster Weltkrieg mini|Belgische Soldaten im Ersten Weltkrieg in einem Graben bei Diksmuide Belgien begann bereits am 31. Juli 1914, kurz nach Österreich-Ungarns Angriff auf Serbien, mit der Generalmobilmachung. Es hatte 19 Infanterieregimenter, 10 Kavallerieregimenter und 8 Artillerieregimenter, unterstützt von Pionieren, Militärpolizei (Gendarmerie) und der paramilitärischen Garde Civique. Am 4. August 1914, nach belgischer Ablehnung eines Ultimatums auf freien Durchmarsch, marschierte das Deutsche Heer, entsprechend dem Schlieffen-Plan, im neutralen Belgien ein und begann mit der Belagerung der Festung Lüttich. Deutschland ignorierte das britische Ultimatum, sich aus Belgien zurückzuziehen, und sah sich daraufhin einer weiteren Großmacht als Kriegsgegner gegenüber. Die deutsche Invasion Belgiens und die damit verbundenen Gräuel und Kriegsverbrechen wurden in der britischen Kriegspropaganda als Rape of Belgium bezeichnet.

Seit 1859 hatte Belgien große Festungsringe gebaut, so neben Lüttich auch um Antwerpen und Namur. 1890 wurde die Brisanzgranate erfunden; damit waren gemauerte Festungsanlagen obsolet. Der Festungsring Lüttich wurde 1880 bis 1890 gebaut und mit den damals modernsten Waffen ausgestattet. Seine Bunker waren aus Beton gebaut worden. Bei der Belagerung 1914 schoss eine Dicke Bertha eine Brisanzgranate auf das Fort Loncin und traf die mit 12 Tonnen Sprengstoff gefüllte Munitionskammer. Damit erschien die militärische Bedeutung der damaligen belgischen Forts auf einen Schlag zweifelhaft, zumal einige von ihnen 1914 noch nicht fertiggestellt waren.

117.000 Belgier sahen sich 600.000 Deutschen gegenüber, als die 1. Armee unter Alexander von Kluck, die 2. Armee unter Karl von Bülow, die 3. Armee unter Max von Hausen und schließlich sogar noch die durch Luxemburg vorstoßende 4. Armee unter Albrecht Herzog von Württemberg versuchten, im höchsten Tempo, Belgien zu durchqueren, um im Süden die an der Grenze zu Deutschland stehenden französischen Truppen zu umzingeln und die französische Hauptstadt Paris einzunehmen.

Belgien stand während der ersten Kriegswochen auf verlorenem Posten: Lüttich, bereits am 4. August unter Beschuss, fiel schließlich am 16. August in deutsche Hand. Obgleich das deutsche Oberkommando die 40.000 belgischen Verteidiger zunächst sowohl zahlen- als auch qualitätstechnisch unterschätzt hatte, war die Festungsstadt, deren Eroberung wegen der niederländischen Neutralität für Deutschland alternativlos war, nicht zu halten. Am 17. August zog sich die Regierung aus Brüssel nach Antwerpen zurück. Am 20. August fiel Brüssel ohne größere Schäden in deutsche Hand, vom 25. bis 28. August wurde Löwen zerstört. Anfang Oktober durchbrachen deutsche Truppen schließlich auch den Verteidigungsring um Antwerpen.

Der Krieg an der Westfront fand nach dem Erstarren der Fronten und dem Beginn des Grabenkriegs bis zum Kriegsende 1918 weiterhin auch auf belgischem Boden statt, obwohl der größte Teil des Landes deutsch besetzt war. Die Möglichkeiten der belgischen Streitkräfte zur Nachrekrutierung waren dadurch stark begrenzt. Die belgischen Truppen kämpften hauptsächlich an der Yser-Front im Küstengebiet, unterstützt der British Expeditionary Force und französischen Truppenteilen um Ypern (Ypernbogen). Die Stadt war in den vier Flandernschlachten heftig umkämpft und zählt neben Verdun zu den berühmtesten Schauplätzen der Westfront.

Neben dem Krieg in Europa beteiligten sich die belgischen Streitkräfte bzw. ihre Kolonialarmee an Kämpfen in Ostafrika.

Zwischenkriegszeit

Ein Teil der Geschichte der belgischen Streitkräfte betrifft auch Deutschland. Belgische Streitkräfte in Deutschland gab es als Armée belge d’occupation bereits nach dem Ersten Weltkrieg, im Rahmen der Alliierten Rheinlandbesetzung von 1918 bis 1929.

Zweiter Weltkrieg

Der deutsche Überfall auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg („Fall Gelb“) begann am 10. Mai 1940. Am 17. Mai wurde Brüssel kampflos durch deutsche Heereseinheiten besetzt. Die belgische Armee wurde im Raum Brügge eingekesselt. Am 28. Mai um 4:00 Uhr unterzeichnete König Leopold III. die Kapitulation der belgischen Armee und ging mit seinen Soldaten in Kriegsgefangenschaft.Belgisches Außenministerium (Hrsg.): Belgium: The Official Account of What Happened 1939–1940. London 1941. Kostenloser Download bei Archive.org (Link).

Nachkriegszeit

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden belgische Streitkräfte zur Unterstützung der britischen Besatzungsarmee im Süden der Britischen Besatzungszone stationiert. Das Hauptquartier befand sich in Köln. Mit dem Ende der Besatzung wurden sie in die militärischen Pläne der NATO eingebunden und in einem bilateralen Vertrag zwischen Deutschland und Belgien die weitere Stationierung vereinbart. 1996 wurden sie als eigenständiges Kommando aufgelöst.

Die belgischen Streitkräfte und die DR Kongo seit 1960