Als Jeune École (Junge Schule) wird eine Fraktion vornehmlich jüngerer Offiziere innerhalb der französischen Marine im ausgehenden 19. Jahrhundert bezeichnet, die gegen althergebrachte Vorstellungen über Flottenrüstung opponierten.
Marinerüstung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
mini|Gefecht vor Hampton Roads zwischen Monitor und Virginia am 9. März 1862 Mit der Entwicklung neuer Antriebs- und Waffensysteme – wie Dampfmaschine, Panzerung und Torpedos – kam es innerhalb der größeren Kriegsflotten zu allgemeiner Verunsicherung, was die Entwicklung neuer Schiffstypen betraf. Auf der einen Seite waren Schiffe, die nach dem letzten Stand der Technik entworfen worden waren, zum Zeitpunkt ihres Stapellaufs häufig schon wieder veraltet. Auf der anderen Seite schien zeitweise eine Art technischer Pattsituation zu herrschen – so endete das erste Gefecht zwischen zwei gepanzerten Schiffen unentschieden, da keines der Schiffe in der Lage war, das andere zu versenken (Schlacht von Hampton Roads).
Die Ziellosigkeit in der Kriegsschiffentwicklung lässt sich am Beispiel der „Widderschiffe“ erkennen: In der Seeschlacht von Lissa 1866 zwischen österreichischen und italienischen Seestreitkräften versuchten die Österreicher, die italienischen Schiffe zu rammen und konnten dabei eine Panzerfregatte versenken. Dieses Ereignis führte in der Folgezeit zu einer „Renaissance“ der antiken Rammtaktik. Fast alle neugebauten Schiffe erhielten Rammsporne und es wurden sogar spezielle „Rammschiffe“, die sogenannten „Widderschiffe“, entworfen. Das Konzept wurde aber bald wieder aufgegeben und die Rammtaktik blieb Episode, obwohl Rammsporne bis zum Ersten Weltkrieg weiterhin eingebaut wurden. Stattdessen begann ein allgemeiner Wettlauf zwischen immer schwereren Geschützen und stärkerer Panzerung, der die neugebauten Linienschiffe immer größer und damit auch teurer werden ließ.
Die Situation Frankreichs
Eines hatte die Seeschlacht von Lissa aber deutlich gemacht: auch die stärkste Panzerung hat wenig Nutzen, wenn der Schiffsrumpf unter der Wasserlinie getroffen wird. Mit dem Torpedo war seit den 1860er Jahren eine hierfür geeignete Waffe verfügbar, die zudem stetig verbessert wurde. Frankreich, das sich seit etwa der Mitte des Jahrhunderts ein kostspieliges maritimes Wettrüsten mit der größten Seemacht Großbritannien lieferte (ohne deren Stärke je erreichen zu können), musste im Krieg gegen Preußen-Deutschland von 1870/71 feststellen, dass seine Seemacht (die der deutschen weit überlegen war) es nicht vor der vernichtenden Niederlage zu Lande (Schlacht bei Sedan) bewahren konnte. Im Gegenteil zeigte der Einsatz der als Kaperschiff eingesetzten Korvette Augusta auf deutscher Seite, wie mit vergleichsweise geringen Mitteln die ozeanischen Seewege trotz einer überlegenen Feindflotte bedroht werden konnten. Nach der Niederlage von 1871 wurde daher auf einen weiteren Ausbau der Flotte zugunsten einer Heeresverstärkung verzichtet.
Das strategische Konzept der „Jungen Schule“ Grundprinzipien
mini|Die ersten gepanzerten Linienschiffe La Gloire von 1860 und Warrior von 1861
Jüngere Offiziere der französischen Marine nutzten die Gelegenheit, um eine radikale Abkehr vom strategischen Prinzip der schwergepanzerten Linienschiffe zu fordern. Vizeadmiral Philippe-Victor Touchard forderte 1873 einen signifikanten Abbau der Panzerstärken, da „...jeder Torpedo sie auf einen Schlag zerstören kann“ und verglich die Problematik mit der Entwicklung vom mittelalterlichen Ritter zum modernen Kürassier, der ebenfalls nur noch einen leichten Brustpanzer zum Schutz der lebenswichtigen „Teile“ trug. Solche leichter gepanzerten Schiffe würden kleiner, mithin also auch billiger ausfallen – ein Verlust wöge dann auch nicht mehr so schwer.
In strategischer Hinsicht zog die Jeune École aus der Entwicklung der Dampfmaschine die Schlussfolgerung, dass weder die Blockade feindlicher Häfen und Küsten noch das Prinzip der Entscheidungsschlacht ihre Berechtigung behalten würden:
Schnelle Dampfschiffe wären immer in der Lage, eine Blockade zu durchbrechen und in der offenen See die gegnerischen Seeverbindungen zu bedrohen. Eine unterlegene Flotte wäre ohnehin bestrebt, einer Entscheidungsschlacht aus dem Weg zu gehen, da sie eine solche in aller Regel verlieren würde. Sie könne also der überlegenen Feindflotte die Seeherrschaft genauso gut kampflos überlassen. Für den Fall, dass der Feind seine Operationen bis in die eigenen Küstengewässer trägt, wäre eine effektive Küstenverteidigung vonnöten – dafür brauche man aber keine schweren und teuren Panzerschiffe. Und selbst im Falle einer vernichtenden Niederlage in einer Entscheidungsschlacht bliebe der unterlegenen Seite immer noch das oben genannte Mittel des Kaperkrieges.
„Die Flotte, die dieser Theorie entsprach, setzte sich, dem Prinzip der Arbeitsteilung folgend, aus vielen kleinen, schnellen Spezialeinheiten zusammen, die in sich je eines der im Schlachtschiff konzentrierten offensiven Elemente, Torpedo, Sporn, Artillerie, mit der Kleinheit ihrer Dimension und der Geschwindigkeit verbanden.“ (Volkmar BuebVolkmar Bueb: Die „Junge Schule“ der französischen Marine. Strategie und Politik 1875-1900. Boppard am Rhein 1971, S. 20)
Die kleinen Einheiten der Marine sollten in der kriegerischen Auseinandersetzung wie ein Hornissenschwarm operieren durch eine Vielzahl von Einheiten („nombre“), schnelles Auftauchen und Verschwinden („vitesse“) und Tarnung durch die geringe Größe („faiblesse des dimensions“) und so die großen, teuren Schlachtschiffe besiegen.
Aus diesen Gründen hatte das Panzer-Linienschiff als Rückgrat der Flotte nach Meinung der Jeune École ausgedient. Es war zu aufwendig und zu teuer im Bau, zu langsam, um Kaperschiffe bekämpfen zu können und zu einfach durch eine Handvoll kleiner Torpedoboote zu vernichten – demzufolge seien die Rüstungsanstrengungen auf diese Typen zu konzentrieren. Eine regelrechte Seeherrschaft, wie sie später von Alfred Mahan formuliert worden ist, sei ohnehin aus den genannten Gründen nicht mehr möglich.
Antibritische Stoßrichtung
Ziel dieser Konzeption war zweifelsohne die stärkste Seemacht der Welt, nämlich die britische. Zu dieser Zeit galt das Inselreich, auch und vor allem durch kolonialpolitische Konflikte, durchaus noch als potentieller Kriegsgegner und mit den Hinweisen auf eine „überlegene Feindflotte“ oder die „feindlichen Seeverbindungen“ war niemand anderes als Großbritannien gemeint. Neben den finanziellen Aspekten, die die Forderung der Jeune École nach kleineren Schiffen begleitete, glaubte man auch, mit dem Vorhandensein einer solchen Kaperflotte Druck auf den Erzfeind ausüben und es eventuell vor einem Krieg zurückschrecken lassen zu können. Der zu erwartende Verlust an Handelsschiffen durch französische Kaperschiffe könnte, so die Theorie, die Frachtkosten und Versicherungsprämien in Großbritannien in einem Maße explodieren lassen, dass die gesamte Wirtschaft zum Zusammenbruch gebracht und eventuell sogar soziale Unruhen hervorgerufen würden.
Die Jeune École an der Spitze der Marine mini|hochkant|Camille Pelletan, frz. Marineminister Dreimal hatten Vertreter der Jeune École die Chance, Marineminister zu werden und dadurch die Theorien in die Wirklichkeit umzusetzen. Aber Admiral Hyacinthe Laurent Théophile Aube und seine Nachfolger konnten ihre Vorstellungen nicht vollständig durchsetzen. Wenn auch bestehende Linienschiff-Bauprogramme zugunsten von Kreuzern umgeworfen worden sind, so wurden die Linienschiffe doch nie ganz aufgegeben. Die Minister standen dabei unter hohem Erfolgsdruck, stießen umfangreiche Änderungen an, konnten ihre Position aber immer nur kurze Zeit ausüben und hinterließen danach einen Wirrwarr halbbegonnener Maßnahmen. Ihre Änderungsansätze wurden durch die nachfolgenden Marineminister weitgehend außer Kraft gesetzt und der Stil der „alten Schule“ wieder aufgenommen. Das Marineministerium wurde allein in der Zeit von 1870 bis 1900 nahezu 40 Mal neu besetzt.
Mit Hyacinthe Aube übernahm vom 7. Januar 1886 bis Mai 1887 erstmals einer der führenden, wenn auch nicht radikalen, Köpfe der Jeune École das französische Marineministerium. Aube sah die Existenzberechtigung einer kleinen Anzahl an gepanzerten Schiffen in dem Einsatz gegen drittklassige Flotten wie etwa der deutschen (vor Tirpitz) oder italienischen. Außerdem konnten die Torpedoboote nicht den in sie gesetzten Erwartungen gerecht werden. Sie waren zu wenig hochseetauglich und der besser geeignete Torpedoträger, das U-Boot, war gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht ausgereift.
Édouard Lockroy war vom 1. November 1895 bis Januar 1896 Marineminister. Er setzte einen Austausch aller Direktoren durch und besetzte die Stellen mit Vertretern des Gedankenguts der „Jungen Schule“. Die Flotte wurde um ineffiziente Einheiten reduziert, der U-Boot-Bau aktiviert, das Konstruktionswesen reorganisiert, die Durchlässigkeit der Laufbahnen in Angriff genommen und eine Marineakademie („École supérieure de guerre flottante“) für kurze Zeit eingeführt.
Camille Pelletan war von 1902 bis 1905 Marineminister. Sein Programm umfasste schnelle Schiffe, Flottillen, Stützpunkte, Küstenverteidigungsanlagen, Entwicklung der U-Boote, Verminderung der Zahl der Besatzungsmitglieder eines Schiffes, Schwächung der Position der Seeoffiziere. Er hinterließ eine Marine in Auflösung und einen Wirrwarr an Bootstypen.
So ging der Bau von Linienschiffen auch nach der Jahrhundertwende weiter.
Würdigung der Jeune École Uneinheitliche Entwicklung
Der Vorläufer der Ideen war (nach Einschätzung von Erik J. DahlErik J. Dahl: Net-centric before its time: the Jeune Ecole and its lessons for today, Abschnitt: Technological change and strategic uncertainty. In: Naval War College Review, Autumn 2005, Vol. 58, No. 4.) Kapitän Baron Louis-Antoine-Richild Grivel im Jahre 1869, der die Kombination aus Geschwaderkampf und Kreuzerkampf befürwortete. Ein weiterer Wegbereiter der Denkweise war (nach Einschätzung von Francois-Emmanuel BrézetFrançois-Emmanuel Brézet: Enseignements de l'histoire et progrès technique: L'example de l'élaboration de la doctrine de la Jeune École française, Abschnitt: Les enseignements de l'histoire.) der Unteringenieur Paul Dislère im Jahr 1873, der das Hauptaugenmerk auf den Küsten- und Kreuzerkrieg legte.
Weitere Vorläufer waren (nach der Einschätzung von Volkmar BuebVolkmar Bueb: Die „Junge Schule“ der französischen Marine. Strategie und Politik 1875-1900, Harald Boldt Verlag, Boppard am Rhein, 1971, S. 7–15) Victor Touchard, der im Jahr 1873 die selektive Entpanzerung der Schlachtschiffe empfahl. Jurien de la Gravière, der im Jahr 1878 eine Entlastung der Schlachtschiffe durch kleine Einheiten erwog. Als Vorläufer, Konkurrent und Mitbegründer der „Jungen Schule“ gilt Auguste Gougeard, der sich im Jahr 1884 für eine totale Reform der Verwaltung und der Strategie aussprach.
Als Gründungsvater begriff sich mit seinen Veröffentlichungen zwischen 1873 und 1884 der Admiral Hyacinthe Aube. Aube war zudem vom 7. Januar 1886 bis Mai 1887 Minister der Marine und konnte so seine Theorien in der Praxis testen und entsprechend verändern.