mini|Evangelische Pfarrkirche Walddorf

Die Evangelische Pfarrkirche Walddorf ist ein Kirchengebäude in Walddorfhäslach im Landkreis Reutlingen in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Tübingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Pfarrkirche steht in erhöhter Lage am östlichen Rand des Dorfes, umgeben vom alten Baumbestand des Kirchhofs. Beim Kirchengebäude handelt es sich um einen mehrfach veränderten, in der Substanz des Langhauses spätgotischen Bau (erbaut um 1500, Erweiterung im Jahr 1700) mit älterem Turm (12./13. Jahrhundert). Der steinsichtige Turm mit Fachwerkaufsatz (um 1500) und überstehendem, achtseitigem Zeltdach ist überwiegend mit grün glasierten Dachziegeln (18. Jahrhundert) gedeckt.

Pfarrei Die Pfarrei Walddorf wird 1275 erstmals urkundlich erwähnt und gehörte bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts zum Landkapitel Urach, danach zum Landkapitel Reutlingen. Der Pfarrsprengel umfasste bis 1842 Gniebel (heute Ortsteil der Gemeinde Pliezhausen) und einen Teil (ca. 2/3) von Häslach sowie seit 1499, auf Grund einer Vereinbarung zwischen dem Abt von Bebenhausen und dem Probst von Denkendorf, auch Rübgarten (heute Ortsteil der Gemeinde Pliezhausen). Nach 1842 blieb nur Häslach als Filial. Das Kirchenpatronat war pfalzgräfliches Lehen der Herren von Schlaitdorf und mit dem Besitz des späteren 'Widumhofes' verbunden. Nach der Schenkung des Hofes und seiner Eignung an das Stift Denkendorf inkorporierte sich dieses 1311 die Pfarrei, die 1275 mit 42 Pfund Heller und 1530 mit 140 Gulden jährlich dotiert war. 1534 wurde die Pfarrei unter dem Pfarrer Peter Roth (bis 1546) als eine der ersten des Landkapitels reformiert. 1547 kam sie zum Dekanat Tübingen.

Geschichte mini|hochkant|Die Walddorfer Pfarrkirche als Ansichtskartenmotiv um 1910

Bei der Renovierung der Kirche im Frühjahr 1986 konnten weitgehende Erkenntnisse zur baulichen Entwicklung der Walddorfer Pfarrkirche gewonnen werden. Bei der Erneuerung und Verbreiterung eines alten Heizungskanals (von 1955/56) waren im Grabungsprofil im Verlauf der Mittelachse des Langhauses durchschlagene Mauern und verschiedene ältere Fußböden erkennbar. Als ältester Kirchenbau konnte ein kleiner Saalbau mit 8,4 m langem Innenraum erfasst werden, der offensichtlich keine Chorabtrennung aufwies. Die zweischalig aufgebauten Fundamente aus grob behauenen Kalkbruchsteinen geben zu erkennen, dass die Kirche ein Steinbau war. Das Fundament der Westwand war mit 1,1 m etwas stärker als die Ostwand und die Gründung der Nordwand, die 3 m südlich der heutigen Begrenzung der Kirche angetroffen wurde. Ein baulicher Zusammenhang zwischen Saalkirche (um 1000) und dem Turm bestand nicht. Auch ein funktionaler Zusammenhang ist auf Grund fehlender Symmetrieachsen auszuschließen. Die Saalkirche war mit einem Fußboden aus Stampflehm ausgestattet, der auf einer Steinrollierung aufgebracht worden war. Dieser Boden lag als ältester Befund unmittelbar auf dem ungestörten humosen Lehm auf. Beim Ausschachten wurden Keramikscherben geborgen, die alle der älteren gelbtonigen Drehscheibenware zuzuordnen sind. Warentyp und Herstellungsart lassen eine Datierung der rekonstruierten Gefäße in das 11. Jahrhundert wahrscheinlich werden. Das Grabenprofil ließ zwei weitere Fußböden erkennen, die über dem Stampflehmboden der ältesten Bauphase liegen. Es waren Kalkestrichböden über einer Steinrollierung. Diese ziehen über die Abbruchkronen der Saalkirchenmauern und grenzen an das Spannfundament zwischen spätgotischen Kirchenschiff und Polygonalchor aus dem Jahr 1500 und sind somit als Bestandteil der spätgotischen Kirche zu deuten. Innerhalb des freigelegten, langgestreckten Polygonalchors waren die Böden nicht vorhanden, das ursprüngliche spätgotische Bodenniveau lag im Chor offensichtlich höher, war aber durch den Abbruch des Polygonalchors und die rechteckige Verlängerung des Langhauses im Jahr 1700 restlos abgetragen worden. Problematisch bleibt die Einordnung des Turms. Er ist älter als das spätgotische Kirchenschiff von 1500, denn die Wände wurden an den Turm angebaut. In der Ortsliteratur wird dieser als Überrest eines Herrensitzes angesprochen. Auf Grund der Bauformen ist er dem 13. Jahrhundert zuzuordnen, doch kann ein höheres Alter nicht ausgeschlossen werden. Die Datierung stützt sich auf Stilmerkmale des Turmeingangs in Höhe des zweiten Geschosses. Die Werksteine der Laibung gehen in eine Bruchsteinmauer über, deren Struktur eine möglicherweise vorgenommene Veränderung des Türbogens nur schwer ablesen lässt. Die Verwendung von Buckelquadern könnte auch auf eine Entstehung der Anlage im 12. Jahrhundert weisen, doch kann diese Frage nach der erfolgten gründlichen Überarbeitung der Quader nicht mehr überprüft werden. Es bleibt festzustellen, dass die Saalkirche und der Turm über einen längeren Zeitraum hinweg gleichzeitig bestanden, ohne dass ein funktionaler Zusammenhang zwischen den 5 m voneinander entfernten Baukörpern bestand. Auf Grund der Befundsituation und unter der Berücksichtigung der topografischen Lage gewinnt die Vermutung, der Turm sei Rest einer Wehranlage, an Wahrscheinlichkeit.

Obwohl die Erweiterung des Langhauses offensichtlich schon im November 1697 bewilligt worden war, berichtet M. Jacob Friedrich Andler, „Specialis des Tübinger Ampts“, erst am 8. Juni 1700: „... ist nun der Kirchenbau zu Waltdorff in Gottes Nahmen wircklich angegriffen worden ...“

Vorangegangen war u. a. ein Bericht (21. Januar 1700) des Walddorfer Pfarrers Johann Majer an Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg, wonach „... verfloßner Weyhenacht über 40 und mehr Persohnen zur Anhörung Gottes Worts in dieses enge Kirchlein nicht gelangen konnten und außen stehen bleiben mussten ...“.

Der geistliche Werkbaumeister Johann Ulrich Haimb berichtete am 5. Februar 1700 an den Herzog von Württemberg, dass er auf der Durchreise (nach Schlaitdorf) auf Begehren des Walddorfer Pfarrers dessen Entwürfe für die Erweiterung der Kirche begutachtet habe. Er empfiehlt die Erweiterung der Kirche entsprechend dem ersten der Vorschläge, da „... bezeichnete Kürche ... all zu klein, ... bey dem Langhaus die Stockhmauern zu nieder ...“.

1814 musste die ca. 3,50 m (12 Württembergische Schuh) hohe und ca. 1,25 m (6 Württembergische Schuh) tiefe Kirchhofmauer, die sogar mit einem Dachstuhl versehen war, auf oberamtlichen Befehl abgerissen werden, obwohl sich die Bevölkerung und die Gemeindeverwaltung intensiv widersetzten. Ein Schlussstein vom ehemaligen Kirchhofstor mit der Jahreszahl 1607 und Steinmetzzeichen wurde 1972 noch im Schulgarten aufbewahrt, der zwischenzeitliche Verbleib ist unklar.

1866 wurden beim Abheben der Straße, westlich der Kirche, drei Totenbäume aufgedeckt, aber nicht näher untersucht. Bei dem Fund handelt es sich offenbar um den Rest eines alemannischen Reihengräberfeldes.

1893 und 1986 wurden bei der Erneuerung des Fußbodens im Langhaus alte Gräber aufgedeckt. Es wird davon ausgegangen, dass die niederadlige Familie der Volen von Wildenau ihre Grablege in der Walddorfer Pfarrkirche hatte. So lautet ein Eintrag aus dem Totenbuch von 1620: „Annus Domini MDCXX Riebgartten 15. Juni Anno priori würdt Adamo von Wildenau genannt Voll, zum Riebgartten et Cordula ein Halbiärig Sohn, Georgius Ernest zu Waltdorff in die Kürche begraben.“

In der „Tübinger Chronik“ vom 4. April 1899 heißt, dass der örtliche Uhrmacher Gottlob Luick damit beauftragt wurde, die alte Kirchenuhr durch ein neues, solides Werk zu ersetzen.

Bis zum Jahr 1900 war die Walddorfer Kirche nicht heizbar. Erst im Rahmen der Sanierungsarbeiten durch Baurat Heinrich Dolmetsch wurden zwei Wasseralfinger Öfen aufgestellt. Die Kosten für die Öfen beliefen sich, einschließlich Lieferung, auf 429 Mark und 56 Pfennige.

Aus dem Jahr 1924 wird berichtet, dass das Kirchenschiff neu eingedeckt wurde.

1927 wurden Zuganker („Schlaudern“) zwischen den Längsmauern des Kirchenschiffs eingezogen, um ein Auseinanderdriften der Nord- und Südmauern zu verhindern. 1955 werden aus gleichem Grund zusätzliche Verstrebungen im Dachstuhl des Langhauses eingebaut.

Kirchenheilige Die Kirche war 1497 den Heiligen Ägidius und Verena geweiht; 1696 und später sind jedoch die Heiligen Ottilie und Veronika genannt. In der „Tübinger Chronik“ vom 17. Februar 1934 wird dies folgendermaßen erklärt: am 6. März 1497 verpflichtete sich die Kirchengemeinde Walddorf, die auf der neuen Marienpfründe des Ortes liegenden weltlichen Lasten gegen Zuweisung einer bestimmten Gült auf sich zu nehmen. Diese Verpflichtung übernahmen im Namen der Pfarrei die Kirchenpfleger der Pfarrkirche und diese werden die Pfleger von St. Gilgen und St. Vrenen genannt. Diese beiden Heiligennamen wurden dann in nach-reformatorischer Zeit als die der St. Odilgen (schwäbisch für St. Odilia) und St. Veronika gedeutet. Der Verfasser führt weiter aus, dass aber eigentlich die beiden Bauernheiligen St. Ägidius, französisch St. Gilles und schwäbisch St. Gilg und St. Verena, schwäbisch St. Vrenen die ursprünglichen Kirchenheiligen der Walddorfer Pfarrkirche waren.

Architektur und Ausstattung außen mini|hochkant|Turm der Pfarrkirche Walddorf mini|Das spätgotische Portal von 1500 an der Westseite mini|hochkant|Das etwas schlichtere Portal an der Ostseite Turm: Der massive Westturm steht mit seinem fast zwei Meter starken Mauerwerk auf nahezu quadratischem Grundriss. Unten und an den Ecken gut behauene Quader, laut Ortsliteratur abgespitzte ehemalige Buckelquader, sonst Bruchsteinmauerwerk. An der Westfassade, im Erdgeschoss des Turmes, schönes, spätgotisches Spitzbogenportal mit Stabwerk und Birnstab, oben im Eselsrücken schließend; im Scheitel württembergisches Wappen – nur Hirschhörner und die Barben von Mömpelgard – darüber ehemals die Jahreszahl 1500. Über dem Portal Konsole mit stark verwittertem Rest einer Skulptur, ein Gesicht mit Spruchband. Dieses Portal befand sich bis zum Umbau des Langhauses im Jahr 1700 an der Südfassade. mini|Erinnerungstafel für Pfarrer Seeger von 1670

Sein Erdgeschoss ist flach tonnengewölbt, innen an der Südwand gibt es eine rundbogige romanische Nische, wohl ehemals ein Tabernakel, in der Nordwand eine weitere, etwas spätere Nische. Auf Grund der vorhandenen Nischen sind außermittig kleine, tiefe und schmale gotische Schlitzfenster mit undeutlicher Spitzbogenform an Nord- und Südseite vorhanden, an der Westseite ein spätgotisches Spitzbogenportal von 1500, das im Jahr 1700 von der Südseite des Langhauses hierher versetzt wurde. Im ersten Obergeschoss gab es noch 1867 ein Auflager für ein hohes Tonnengewölbe, das beim Umbau 1955 wohl herausgebrochen wurde. An der Turmnordseite führt ein alter, wohl aus dem 13. Jahrhundert stammender spitzbogiger Einstieg in den Turm, der früher nur mittels Leiter erreicht werden konnte. Die 12 cm starke, massive Eichentür (wohl Mitte 17. Jahrhundert) zeigt auf der Außenseite noch Spuren von Beilhieben aus Zeiten früherer Belagerungen. Das zweite Obergeschoss ist ein alemannischer Fachwerkaufsatz mit Verblattungen und Mann-Figur aus der Zeit um 1500. Bis 1938 war der Turm einschließlich des Fachwerkaufsatzes verputzt.

Turmdach: sehr hohes, achtseitiges, weit überragendes Zeltdach mit überwiegend grün glasierten Ziegeln. Das Turmdach soll laut Memorabilienbuch 1732 neu hergerichtet worden sein. Bei der Sanierung des Turmdachs im Jahr 2003, bei der über 75 % der vorhandenen Dachziegel wiederverwendet wurden, konnten Ziegel mit der Jahreszahl 1743 und den Initialen H * C * Z * M sichergestellt werden. An zwei Dachseiten sind Schleppgauben mit Zifferblättern der Turmuhr angebracht. 1926 wurden die beiden Zifferntafeln erneuert. Statt der bis dahin vorhandenen Zifferntafeln mit römischen Ziffern wurden Tafeln mit arabischen Ziffern angeschafft. Erst seit der Renovierung von 1986 haben die Zifferntafeln der Walddorfer Kirche wieder die ursprünglichen römischen Ziffern.