mini|Mays Grabmal mit Skulpturengruppe von Selmar Werner mini|Grabmal von Karl May in Radebeul Die Karl-May-Rezeption in der DDR war geprägt von einer heiklen kulturpolitischen Ambivalenz: Karl May war nicht verboten, aber seine Bücher wurden in der DDR lange Zeit nicht gedruckt. Bereits vor Gründung der DDR kam es in der SBZ ab 1947 zu öffentlichen Diskussionen um die Werke von Karl May über die auch zum Teil kritisch in den Tageszeitungen berichtet wurde.Kriegsbeil gegen Karl May? In: Neue Zeit. 13. August 1947. Laut Pressemeldung vom Neuen Deutschland am 10. August 1947 wurde Karl May während einer Diskussionsrunde bereits als einer der geistigen Väter der beiden Weltkriege bezeichnet, welches mit stürmischem Protest aus dem Publikum aufgenommen wurde.Winnetou im Meinungsstreit/Für oder gegen Karl May? In: Neues Deutschland. 10. August 1947, Meldung ADN. Auch nach Gründung der DDR gab es öffentliche Diskussionen zum Thema, die zwischen 1949 und 1956 von der DDR-Presse aufgegriffen wurden. Dabei stand auch eine noch offene Lizenzfrage im Raum und das Ministerium für Kultur stellte klar, dass es kein Verbot von Werken Karl Mays gibt.Arnold Bronnen: Der Webersohn von Hohenstein. Betrachtungen zum Thema „Karl May“. In: Berliner Zeitung. 6. September 1956.Karl May: Diskussion aber kein Verbot. In: Berliner Zeitung. 4. Dezember 1956. In einem Artikel der in der DDR erschienenen Berliner Zeitung aus dem Jahr 1956 soll Karl May erneut als „Vorreiter faschistischer Gesinnung“ eingeordnet worden sein.Reinhard Seidler: Wildwestgeschichten müssen verschwinden. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. 22. Jahrgang, Ausgabe 84, Juni 1990, S. 35 ff. (karl-may-gesellschaft.de), S. 36 unter Berufung auf Arnolt Bronnen: Karl May: Leser und Lästerer/Stoß-Seufzer zwischen Briefen und Diskussionen. In: Berliner Zeitung. 18. Oktober 1956.siehe dazu auch Zum Rendezvous mit Häuptling Sitting Bull. In: Neues Deutschland. 21. August 1986, Meldung ADN/ND.

Auf Grund der aufwändigen Überarbeitung im Druckgenehmigungsverfahren war die Edition von Karl-May-Werken jahrelang uninteressant, weil zu erwartende Absätze in der Diskussion eine untergeordnete Rolle spielten. Das Politbüro der SED beschäftigte sich 1981 mit Karl May und befürwortete den Druck seiner Werke, so dass Winnetou im Jahr 1982 in der DDR gedruckt wurde.Joachim Scholl: 50 Klassiker: Deutsche Schriftsteller – Karl May. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2010, ISBN 978-3-8369-2580-8, S. 108. Dabei wurden Sätze und Abschnitte überarbeitet, z. B. wurde aus im ersten Absatz stattdessen Der Schriftsteller Erich Loest stellt sich allerdings hinter die Änderungen und Kürzungen der DDR. Zitat: Zudem gab es die bemängelte Textpassage nachweislich auch in den Ausgaben des Karl-May-Verlags in Bamberg nicht mehr im Original. Der Verlag in Bamberg hielt sich damit ebenfalls nicht an die originale Fassung von Karl May. Der Satz wurde dort nach 1960 mit abgeändert.Claus Roxin: … die rote Nation liegt im Sterben! – Winnetou I in neuer Bearbeitung. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 95 von 1993, S. 49.

Bearbeitungen von Karl-May-Werken Grundsätzlich sind Bearbeitungen von Karl-May-Werken nicht neu und keine Seltenheit. Sie wurden allerdings in den Medien und in Bezug auf die DDR völlig anders interpretiert und bewertet. Auch von einer „Verfälschung“ Karl Mays war damals und ist auch noch heute die Rede. Bearbeitungen oder Kürzungen sind jedoch keine Erfindungen der DDR. Beispielsweise erlaubte bereits Klara May am 21. August 1930 dem Geschäftsführer Euchar Albrecht Schmid vom Karl-May-Verlag alle Eingriffe, nötigen Verbesserungen und Überfeilungen im Werk Karl Mays. Zudem entsprechen später viele Texte der Bamberger Ausgaben sowie vom Wiener Verlag Ueberreuter ab 1968 ebenfalls nicht mehr der Mayschen Originalfassung. Zahlreiche Bearbeitungen führten damit auch in der BRD und Österreich nachweislich zum Kürzen von Dialogen, Eindeutschen von Fremdwörtern und zum Ändern von Personen.Christian Heermann: Karl May, der Alte Dessauer und eine „alte Dessauerin“. Anhaltische Verlagsgesellschaft mbH Dessau 1990, ISBN 3-910192-02-5, S. 71–78 und 128–130.

Zurückweisung des Werkes (1950er bis 1980er Jahre) „Das Kapitel Karl May ist in der DDR schon vor Jahren endgültig geschlossen worden“, war 1958 im ostdeutschen Börsenblatt zu lesen. Die SED-Chefs liebten den exzentrischen Autor nicht, sie warfen ihm „Rassismus“ und „Deutschtümelei“ vor – vor allem, weil Adolf Hitler ihn einst zu seinem „Lieblingsautor“ gekürt haben soll. Eine ähnliche Argumentation findet man aber auch in Westdeutschland.Horst Künnemann: Karl-May-Renaissance bedauerlich – bedenklich – gefährlich. In: Schweizerische Lehrerzeitung 110. Jahrgang, 1965, S. 466–467. Allerdings wurde Karl May nicht grundsätzlich aus den literarischen Werken der DDR verbannt. Gerade seine Gedichte und Aphorismen erscheinen immer wieder in den unterschiedlichsten Publikationen. Dazu erscheinen heimatgeschichtliche Abhandlungen, auf der Basis von Forschungen, welche Bezug auf das Leben Karl Mays und seiner Familie nehmen. Die Karl-May-Straße in Radebeul wurde bereits im Juni 1945 in Hölderlinstraße umbenannt.Neues über Karl May In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 64, 1985, S. 48.;siehe dazu auch die Meldung in Sächsische Neueste Nachrichten. 1. Februar 1985. Zur Umbenennung kam es jedoch nur in Radebeul, denn die ab 1929 gleichlautende Straße in Hohenstein-Ernstthal blieb auch in der DDR weiterhin die Karl-May-Straße. Die Karl-May-Stiftung kümmerte sich seit 1960 um die Villa Bärenfett. In die Villa Shatterhand zog ein Kinderhort ein.

Im Westen setzte mit den Winnetou-Verfilmungen (Pierre Brice als edler Häuptling und Lex Barker als Old Shatterhand) ein Indianer-Boom ein. In der DDR wurde von der DEFA 1965 der Film Die Söhne der Großen Bärin mit Gojko Mitić in der Hauptrolle gedreht. Der Film löste ebenfalls einen Indianer-Boom aus. Mit etwa 5 Millionen Zuschauern im Jahr 1966 wurde Die Söhne der großen Bärin zum erfolgreichsten DEFA-Film des Jahres.. Progress-film.de, 8. Juni 2010. Insgesamt sahen den Film 9.442.395 Zuschauer in den Kinos (Lichtspieltheater) der DDR.Die erfolgreichsten DDR-Filme in der DDR, auf Insidekino.com. Karl May-Verfilmungen gab es aber noch nicht.

Das Schriftsteller-Lexikon des Bibliographischen Institutes Leipzig (Redaktionsschluss 1987) äußerte sich kritisch zum literarischen Niveau der Werke Karl Mays, hob jedoch hervor, dass Karl Mays Die Kurze Geschichte der deutschen Literatur, verfasst von einem Autorenkollektiv, aus dem Verlag Volk und Wissen (nach Angaben der Autoren im Klappentext auf beruhend und als Wertungskriterien heranziehend) kam zu folgender Bewertung:

Zudem hat die Lizenz für das Nichterscheinen von Karl May-Werken in der DDR eine bedeutende Rolle gespielt. Entsprechende Lizenzgebühren wären demnach für einen unbearbeiteten Neudruck an den Bamberger Karl-May-Verlag in Devisen zu zahlen gewesen. Dazu war man nicht gewillt. Es wurde daher auch später angekündigt, dass der Leser der DDR einen „Winnetou“ in einer eigenen Neubearbeitung kennenlernen wird. Weiterhin wurde festgestellt, dass man „glücklicher“ wäre, wenn die DDR noch jetzt die Rechte an den geplanten Ausgaben hätte. Alleinige Rechte hätte allerdings der Karl-May-Verlag in Bamberg seit 1960.Hartmut Schmidt: Unser Recht auf Unterhaltung. Eindrücke von einer Kulturbundveranstaltung in Berlin. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 55 von 1983, S. 40–42.

Vergleich zur Situation in der BRD (1945 bis zum Ende der 1970er Jahre) Im westlichen Deutschland werden nach dem Zweiten Weltkrieg die Werke von Karl May zunächst ebenfalls abgelehnt und es gibt auch dort einen radikalen Neuansatz der Literaturwissenschaft. Auch im westlichen Deutschland sieht man offenbar in den ersten Nachkriegsjahren im „Winnetou“ noch das Lieblingsbuch Hitlers und man liest bei May „noch den hochgetragenen Ton nationaler Leidenschaft“. Es gab in der jungen BRD ebenfalls große Meinungsverschiedenheiten in der Bewertung von Mays Werken. So ist dann auch der Name „Karl May“ nicht in den literaturwissenschaftlichen Abhandlungen von Ernst Robert Curtius (1948), Emil Ermatinger (1949) oder bei Gerhard Fricke (1949) zu finden. Auch noch in der vierten, als Schulausgabe proklamierten Auflage von G. Fricke 1954 fehlt der Name Karl May. Der Autor Karl May fehlt auch weiter in der traditionsreichen Geschichte der deutschen Literatur von Wilhelm Scherer und Ernst Alker im Jahre 1950. Auch noch 1971 fehlt Karl May in der literaturgeschichtlichen Abhandlung Deutsche Literatur. Das 19. und 20. Jahrhundert. Epochen, Gestalten, Gestaltungen in zweiter Auflage von Walter Urbanek. Erst ab 1960 beginnt eine bildungspolitische Neubesinnung und der Name Karl May wird ab den 1970er Jahren fast in alle Abhandlungen der Literaturgeschichte der BRD aufgenommen.Ingmar Winter: Karl May in der Deutschen Literaturgeschichte – Eine Bestandsaufnahme II In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Nr. 74 von 1987, S. 53–61. Allerdings wird noch 1987 von der Karl May Forschung eine Gesamtdarstellung Karl Mays in der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur angemahnt.

Direkte Vergleiche zum Nationalsozialismus als Grund zur Ablehnung finden sich ebenfalls in Westdeutschland. Der Kritiker Horst Künnemann unterstellt in seinen Büchern und im Artikel Karl-May-Renaissance bedauerlich – bedenklich – gefährlich, auch noch 1965 den Autor Karl May eine zu sein. Er geht im Artikel der Hamburger Lehrerzeitung sogar noch weiter und unterstellt Mays Büchern: Der Artikel endet mit den Worten: Der Artikel wurde dann auch als Wiederabdruck von der Schweizerischen Lehrerzeitung übernommen.Horst Künnemann: Karl-May-Renaissance bedauerlich – bedenklich – gefährlich. In: Schweizerische Lehrerzeitung 110. Jahrgang, 1965, S. 466–467.Alfred Messerli: Kritik und Rezeption Karl Mays in der Schweiz. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 2010. Hansa Verlag Husum, 2010, ab S. 251.Horst Künnemann: Kinder und Kulturkonsum, Überlegungen zu bewältigten und unbewältigten Massenmedien unserer Zeit. Beltz Verlag Weinheim und Basel, 1972, 1974, S. 80–87 bzw. 110–121.

Vergleich zur Situation in Österreich Über die Zeitschrift Deutscher Hausschatz, die auch in Österreich erschien, fand ein bedeutender Teil der Mayschen Erzählungen bereits Verbreitung. Überwiegend war Karl May auch dort ein bekannter Reiseschriftsteller. In der Ersten Republik geriet sein Werk bereits in die politische Auseinandersetzung zwischen den Christsozialen und den Sozialdemokraten. Im Jahre 1922 ließ der Wiener Stadtschulrat die Werke Karl Mays aus den Schülerbibliotheken entfernen. Später verschwanden seine Bücher auch aus den Wiener Arbeiterbüchereien. Zwischen 1926 und 1930 wurden vom Karl-May-Verlag Radebeul viele Karl-May-Bände verschenkt, um die Kaufmotivation der Leser in Österreich zu steigern. Allerdings hielt man sich dort auf Grund der sehr hohen deutschen Bücherpreise bedeckt. Erst in der Zeit des Austrofaschismus wurden die Werke Karl Mays wieder in die Wiener Arbeiterbüchereien eingestellt. Nach einer Liste der beliebtesten Autoren, aufgestellt durch die Zentrale der Wiener Städtischen Büchereien, lag Karl May 1939 wieder an der Spitze. Mit der Annexion Österreichs durch das Dritte Reich kam es erneut zum Verbot der May-Werke in den Wiener Städtischen Büchereien.