Die Türkisierung der Türkei bezeichnet den Prozess, durch den die türkische Kultur und türkische Sprache in Anatolien und Thrakien dominant wurden. Dieser Vorgang ist seit dem 11. Jahrhundert zu beobachten und erfolgte auf verschiedenste Weise. Türkisierung bezeichnet ferner seit dem Aufkommen des türkischen Nationalismus die politischen Versuche und Maßnahmen, die darauf abzielen, die türkische Identität und Kultur in der multiethnischen Türkei durch die Assimilation anderer Ethnien durchzusetzen. Besonders betroffen waren hier die Kurden, deren Eigenständigkeit als Volksgruppe bis in die 1990er Jahre hinein abgestritten wurde.
Die Bezeichnung Türk und Türkisch Die Bezeichnung „Türk“ erscheint erstmals in chinesischen Schriften des 6. Jahrhunderts in transliterierter Version als „Tujue“. Im 8. Jahrhundert wird sie als Eigenbezeichnung auf den Orchon-Inschriften verwendet, die in alttürkischer Sprache abgefasst sind. Die Bedeutung des Worts ist strittig. Manche Thesen geben als Bedeutung „mächtig“ oder „unter einem kagan vereinigter Adel“ an. In der modernen Literatur wird dieser nomadische Zusammenschluss mitunter nach vereinzelten, in ihrer Bedeutung unklaren Bezeichnungen in den Orchon-Inschriften zum Unterschied vom Staatsvolk der heutigen Türkei als Köktürken (in der Türkei: Göktürkler) bezeichnet. Die ursprüngliche ethnische Herkunft der Herrschersippe und ihres Stamms ist allerdings strittig. Frühere Inschriften als die Orchon-Inschriften aus der Zeit der Tüjüe sind in sogdischer Sprache (Bugut-Inschrift)Sören Stark: Die Alttürkenzeit in Mittel- und Zentralasien (= Archäologische und historische Studien). Reichert Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-89500-532-9, S. 69–75 oder in einer mongolischen/paramongolischen Sprache (Khüis-Tolgoi-Inschrift) abgefasst, letztere mutmaßlich die Sprache der Tabgatsch.Dieter Maue: Signs and Sound. In: Journal Asiatique. Band 306, Nr. 2, 2018, S. 291–301, doi:10.2143/JA.306.2.3285620; Mehmet Ölmez: The Khüis Tolgoi Inscription: On the Discovery, Whereabouts, Condition of the Stones, and an On-the-spot Visit. In: Journal Asiatique. Band 306, Nr. 2, 2018, S. 287–289, doi:10.2143/JA.306.2.3285619; Etienne de La Vaissière: The Historical Context to the Khüis Tolgoi Inscription. In: Journal Asiatique. Band 306, Nr. 2, 2018, S. 315–319, doi:10.2143/JA.306.2.3285622; Alexander Vovin: An Interpretation of the Khüis Tolgoi Inscription. In: Journal Asiatique. Band 306, Nr. 2, 2018, S. 303–313, doi:10.2143/JA.306.2.3285621
Nach dem Untergang des Reichs der Tujue verschwand der Name zunächst als ethnische und politische Eigenbezeichnung. Lediglich die Sprache überdauerte und wurde als „türkisch“ bezeichnet, auch bei den Uiguren, den Nachfolgern und Feinden der Tujue. Möglicherweise bezeichnete „Türkisch“ in vorislamischer Zeit die Gemeinsprache der Steppe. Als Fremdbezeichnung im Raum westlich der Mongolei, so auch in Transoxanien, blieb der Name bei Persern und Arabern für die Steppennomaden üblich. Auch die Byzantiner bezeichneten u. a. sowohl die Tujue als auch die Chasaren und die Magyaren als „Τοῦρκοι“ (Tourkoi, Türken).Gyula Moravcsik: Byzantinoturcica. Band 2: Sprachreste der Türkvölker in den byzantinischen Quellen. Budapest 1943, S. 269–275. Erst um die Wende vom ersten zum zweiten nachchristlichen Jahrtausend war „Türke“ auch zur Eigenbezeichnung der Steppenvölker geworden, der sogenannten Turkvölker.Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Stuttgart 2003, S. 29f. In osmanischen Texten hatten der Begriff „Türke“ (Türk) eher pejorativen Charakter. Die Sprache wurde aber sehr wohl als „türkisch“ (turki) bezeichnet. Heute bezeichnet „Türken“ das Staatsvolk der Türkei und Minderheiten mit Hauptsiedlungsgebieten in Zypern und Südosteuropa und einer Diaspora in West- und Mitteleuropa. Die Bezeichnung der Angehörigen anderer Turkvölker als „Türken“ ist, außer im historischen Kontext, im Deutschen unüblich geworden, im Gegensatz zum türkischen Sprachgebrauch.
Die Türkisierung Anatoliens Die Türkisierung erheblicher Teile des Vorderen Orients war in erster Linie eine Überformung durch Nomaden. In wellenförmigen Schüben strömten oghusische Stämme, andere türkischen Ethnien und Mongolen vom 11. Jahrhundert an bis zum 15. Jahrhundert nach Anatolien. Spätestens im 15. Jahrhundert bildeten die Türken in Anatolien die absolute Mehrheit.Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300–1922. München 2001, S. 5 Mit Verlassen des Steppengürtels begann auch die Ansiedlung in der Nähe bereits vorhandener Städte. Auch der Osmanische Staat erzwang die Sesshaftigkeit der Nomaden. Die türkische Besiedlung war keine Landnahme durch eine einheitliche Nation. Laut Klaus Kreiser lag die Zahl der „Türken“, die im 11. und 12. Jahrhundert nach Anatolien kamen, zwischen 100.000 und 300.000 Menschen bei einer alteingesessenen Bevölkerung von ca. drei Millionen.Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Stuttgart 2003, S. 52.
Diese Bevölkerung setzte sich aus vielen Bestandteilen zusammen. Dazu gehörten Abkömmlinge griechischer Kolonisten und hellenisierter Anatolier, wie Phryger, Lykier, Galater, Hethiter, Luwier oder Lyder. Der Prozess der Hellenisierung dauerte mehrere Jahrhunderte an. Ab dem 7. Jahrhundert n. Chr. können die autochthonen Sprachen Kleinasiens als ausgestorben angesehen werden und wurden durch das Griechische ersetzt. Allerdings war dieses Griechisch nicht einheitlich: Unter einer attizistischen, dem klassischen Altgriechischen verpflichteten Hochsprache bildeten sich mehrere volkssprachliche Dialekte, so dass die Kommunikation teilweise der Übersetzung bedurfte.John F. Haldon: Das Byzantinische Reich. Geschichte und Kultur eines Jahrtausends. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002, ISBN 3-538-07140-3, S. 76 Auch griffen die byzantinischen Herrscher, wie zuvor die Römer, zum Mittel der Umsiedlung gebietsfremder Bevölkerung, um Problemen demographischer, fiskalischer und politischer Art (etwa durch Umsiedlung religiös häretischer Gruppen) zu begegnen.John F. Haldon: Das Byzantinische Reich. Geschichte und Kultur eines Jahrtausends. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002, ISBN 3-538-07140-3, S. 69/70. Die Bevölkerung war generell christlich geworden und in der orthodoxen Reichskirche organisiert, doch konnten sich in abgelegenen Gebirgsgegenden Anhänger häretischer oder sogar heidnischer Glaubensrichtungen halten.John F. Haldon: Das Byzantinische Reich. Geschichte und Kultur eines Jahrtausends. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002, ISBN 3-538-07140-3, S. 71. Nichtsdestotrotz blieb Anatolien unter oströmischer (byzantinischer) Herrschaft sehr heterogen.
Groß-Seldschuken Der oghusische Klan der Seljuken begann seinen Weg von den Steppen Zentralasiens zu den weiter südlich gelegenen iranisch geprägten Regionen unter der Führung von Seldschuk. Seine Nachkommen drangen weiter nach Persien vor, eroberten Bagdad und wurden zu den Schutzherren des Kalifen. Um die verheerenden seldschukischen Raubzüge zu beenden, sammelte der oströmische Kaiser Romanos IV. Diogenes ein Heer und zog nach Ostanatolien. Ziel war es, die zuvor von den Seldschuken eroberten Städte und Festungen, wie Ani, zu sichern. Der Sultan Alp Arslan war währenddessen mit einer Offensive in Syrien gegen die schiitischen Fatimiden beschäftigt. Er eroberte Aleppo, zog aber später mit seinem Heer den Römern entgegen. Die darauf folgende Schlacht bei Manzikert kulminierte in einer Niederlage der Oströmer, der Gefangennahme des Kaisers Romanos IV. und langjährigen innenpolitischen Streitigkeiten, Aufständen und Bürgerkriegen. Die byzantinischen Ressourcen in Anatolien wurden vollständig erschöpft.
Trotz der Unruhe in Anatolien gab es keine große Invasion der Seldschuken. Alp Arslan starb nach der Schlacht bei Manzikert noch im selben Jahr. Sein Sohn und Nachfolger, Malik Shah, war damit beschäftigt, seine Herrschaft im Iran zu festigen und zog eine Invasion nicht in Betracht. Wie bereits sein Vater plante er, das fatimidische Ägypten zu unterwerfen. Dennoch gingen die Überfälle der turkstämmigen Nomaden, die kaum einer Autorität gehorchten und ungehindert die Grenze zwischen Seldschuken und Byzantinern durchbrachen und nach Belieben brandschatzten, weiter. Die meisten waren unregelmäßige Plünderer und umgingen Gebiete mit starkem Widerstand, indem sie immer weiter nach Westen vordrangen.
Generell geht man davon aus, dass die nicht kämpfenden Familienmitglieder bei den nomadischen Kriegern blieben, sobald diese befestigte Lager und dauerhafte Festungen eroberten oder errichteten. Dies geschah zuerst in Mesopotamia, um Amida (Diyarbakır), Ende der 1050er Jahre in den armenischen Hochländern und ab den 1060er Jahren in den Regionen Syria und Palaestina. In den ländlichen Gebieten West- und Zentralanatoliens sind ab 1075 deutlichere Formen der turkomanischen Präsenz belegt. Teile der einheimischen Bevölkerung fielen den daraus folgenden Feindseligkeiten zum Opfer oder flohen in sicherere Gebiete, aber die Mehrheit blieb in ihren Heimatstädten und Dörfern.
Ein Emir des Malik Schah namens Kutalamisch überfiel Caesarea in Zentralanatolien und drang weiter nach Westen bis Amorium vor, ohne auf starken byzantinischen Widerstand zu stoßen. Während die Byzantiner mit innenpolitischem Zwist beschäftigt waren, rückten die Türken in ein Machtvakuum vor, zunächst als Plünderer, später als Söldner und schließlich als Siedler. Sie hatten erfolgreich die byzantinischen Streitigkeiten ausgenutzt, indem sie verschiedene Usurpatoren nach Bedarf unterstützten. Ab dem Jahr 1081 n. Chr. kontrollierten seldschukische Nomadenstämme praktisch das gesamte anatolische Hochland, von Armenien im Osten bis Bithynien im Westen. Der Emir Kutalamisch, nun Sultan Suleyman ibn Kutalamis, nahm Nikäa als Teil seines neu errichteten Rum-Seldschukenreiches ein. mini|349x349px|Politische Lage in Anatolien kurz vor der Belagerung Nikäas durch die Kreuzritter im Jahr 1097 n. Chr.
Rum-Seldschuken Seit der Antike hatte sich die Siedlungsstruktur Kleinasiens erheblich gewandelt. Das antike städtische Leben in Form der Polis hatte weitgehend geendet. Die Städte waren in ihrem Siedlungsgebiet seit dem 7. Jahrhundert oft drastisch geschrumpft. Sie waren zu befestigten Orten ohne kommunale Autonomie geschrumpft, was auch im neuen Terminus für Stadt (kastron) zum Ausdruck kommt. Zwar erstarkten die Städte im 11. Jahrhundert wieder wirtschaftlich, was auch im Streben ihrer herrschenden Klassen nach Autonomie zum Ausdruck kommt, doch gewannen die Städte ihre spätantike Bedeutung nicht zurück.John F. Haldon: Das Byzantinische Reich. Geschichte und Kultur eines Jahrtausends. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002, ISBN 3-538-07140-3, S. 116–122. Im Inneren Anatoliens war die vorherrschende Landwirtschaftsform die großer Landgüter, auf denen reiche Grundbesitzer vorzugsweise Viehzucht betrieben-John F. Haldon: Das Byzantinische Reich. Geschichte und Kultur eines Jahrtausends. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2002, ISBN 3-538-07140-3, S. 82. Die Praxis der Komnenen-Kaiser, die christliche Bevölkerung aus Gebieten abzusiedeln, in denen sie keinen dauernden militärischen Schutz aufrechterhalten konnten, erleichterte den Türken weiter die Durchdringung des Landes.