Die Karl-May-Rezeption von 1913 bis 1933 ist geprägt von den Nachwirkungen der Prozesse Karl Mays, der Gründung des Karl-May-Verlages (KMV) und dem Erscheinen der Gesammelten Werke sowie der immer wieder aufflammenden Kritik an der angeblich jugendgefährdenden „Schundliteratur“ Karl Mays.
Die „goldenen zwanziger Jahre“ brachten aber auch eine gewisse Beruhigung im Karl-May-Streit. Vor allem dank der Bemühungen des KMV war es gelungen, das Ansehen Karl Mays als Schriftsteller in der Öffentlichkeit wieder in ein einigermaßen positives Bild zu setzen. Das drückte sich auch in einem Anstieg der Auflagenzahlen der Gesammelten Werke aus, von 1,6 Mill. Bänden (1913) stieg die Zahl auf 4,3 Mill. (1926).
Der KMV hatte in diesen Jahren die Reihe der Gesammelten Werke schon beträchtlich erweitert. Vor allem die einst umstrittenen Münchmeyer-Romane und andere Frühwerke Mays wurden in teilweise erheblicher Bearbeitung der Reihe angegliedert. Die Bearbeitungspraxis des KMV ist allerdings bis heute sehr umstritten.
Verlauf der Rezeptionsgeschichte Gründung des Karl-May-Verlages Als Karl May am 30. März 1912 starb, war sein Ruf als Mensch und Schriftsteller durch die jahrelangen unglückseligen Prozesse weitgehend ruiniert. Auch der Absatz seiner Bücher war drastisch zurückgegangen. Fast schien es so, als hätten seine Gegner doch noch ihr Ziel erreicht, Karl May in der Öffentlichkeit zu erledigen.
In dieser schwierigen Situation gründeten am 1. Juli 1913 die Witwe Klara May, der May-Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld und der Jurist Euchar Albrecht Schmid in Radebeul den Verlag der Karl-May-Stiftung (ab 1. Januar 1915: Karl-May-Verlag).
Der Verlag stellte sich die Aufgabe, Karl Mays Gesamtwerk zu edieren, Leben und Werk des Autors zu erforschen und sein Bild in der Literaturkritik und der Öffentlichkeit zu korrigieren. Verlagsleiter Euchar A. Schmid gelang es, die langwierigen Prozesse zum Abschluss zu bringen und durchweg die Rechte an Mays Werken zu erwerben.
Vor allem gelang es ihm 1913, die Rechte an den sieben Union-Bänden zurückzugewinnen, die einst als Jugenderzählungen Karl Mays bei Wilhelm Spemann im Guten Kameraden erschienen waren.
Erster Weltkrieg und neue Auseinandersetzungen Kaum begonnen, wurde die schwierige Aufbauarbeit am Verlag und am Vermächtnis Karl Mays durch den Ersten Weltkrieg (1914–1918) schon wieder erschwert. Der Karl-May-Verlag (KMV) edierte zunächst eine Reihe von Feldpostausgaben für die kaiserlich-deutsche Armee. Ein Exemplar der verschollen geglaubten Zeitschrift Schacht und Hütte mit den Geographischen Predigten wurde entdeckt; der schwedische Grafiker Carl Lindeberg für die neue Deckelgestaltung gewonnen (1916); ein neuer biografischer Band über Karl May („Ich“, GW 34) ediert; die umstrittenen Kolportageromane Karl Mays in der Fischer-Ausgabehttps://www.karl-may-wiki.de/index.php/Fischer-Ausgabe vom Markt genommen (1917).
Noch während des Krieges kam es 1917/18 zu neuen Auseinandersetzungen um Karl May. Im 18. Band des Biographischen Jahrbuches und deutschen Nekrologes veröffentlichte Alfred Kleinberghttps://karl-may-wiki.de/index.php/Alfred_Kleinberg einen Beitrag über May, welcher voller Unwahrheiten und Verleumdungen war.https://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/diverse/nekrolog-streit/Der_Nekrolog-Streit.pdf Karl-May-Verleger Euchar A. Schmid ging dagegen energisch und letztlich auch erfolgreich vor. Der Artikel wurde in den Bänden ausgetauscht, Verfasser Alfred Kleinberg und Herausgeber Anton Bettelheim kündigten ihre Mitarbeit am Jahrbuch. In der Folge entstand eine ganze Reihe von Pro- und Contra-Veröffentlichungen. Letztlich aber ging Karl Mays Vermächtnis gestärkt aus den Auseinandersetzungen hervor.
Novemberrevolution und neue Impulse Das Ende des Ersten Weltkrieges, der Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches und die Gründung der Weimarer Republik brachten auch der Literatur viele Impulse, viel Bewegung, aber auch viel Unruhe. Im Gefolge der Revolution von 1918 kam es in der deutschen Literatur zu Diskussionen um die Neubewertung der verschiedenen Strömungen.
In der katholisch-konservativen Zeitung Die Hochwacht gab es im Jahr 1918 eine Diskussion über Schmutz-, Schund- und Volksliteratur, in der auch auf Karl May Bezug genommen wurde. Ludwig Gurlitt stellte dabei May als idealen „Jugendschriftsteller“ dar und bestätigte ihm, er „hat die Seelen in Bewegung gesetzt“. Otto Eicke gesteht May zu, er „vermittelt ... unbestreitbare ethische Werte“. Werner Mahrholz schrieb im November 1918 im Literarischen Echo: „May verstand, was die wenigsten seiner Kollegen von der hohen Literatur aus seiner Generation konnten, wirklich erzählen“ und „Für die Dichtung unserer Tage bedeutet der Erfolg Karl Mays eine Mahnung: große Stoffe, bedeutende Handlungen, erhebende Gefühle, tiefe Gedanken allein vermögen das Volk zu ergreifen, nur in großen Bildern kann man ihm seine Nöte und Leiden, Freuden und Seligkeiten deuten und gestalten“.
Erscheinen der Jahrbücher und Rehabilitation Einen wesentlichen Anteil am Umschwung der öffentlichen Meinung hin zu Mays Anerkennung hatten auch die Karl-May-Jahrbücher, die von 1918 bis 1933 unter verschiedener Herausgeberschaft erschienen.https://www.karl-may-wiki.de/index.php/Karl-May-Jahrbücher In ihnen wurden meist in populärer Darstellungsweise Abhandlungen über Mays Leben und Werk, Leseerfahrungen u. ä. veröffentlicht. Auch wenn ihr wissenschaftlicher Wert heute umstritten ist, ihre zeit- und wirkungsgeschichtliche Bedeutung sollte nicht unterschätzt werden.
Die öffentliche Rehabilitierung Karl Mays, dessen Ruf durch die Presse- und Hetzkampagnen der Lebius & Co. erheblich beschädigt worden war, begann zu wirken. So schrieb Hermann Hesse in der Zürcher Zeitung vom 13. Juli 1919:
„Kürzlich las ich zum ersten Mal zwei Bücher eines Autors, der seit Jahrzehnten vielleicht der gelesenste in Deutschland ist und den ich noch nicht kannte. Es ist Karl May. Von Leuten, die etwas [davon] verstehen, war mir immer gesagt worden, er sei ein ganz übler Macher und Schmierer. Es gab einmal eine Art von Kampf um ihn. Nun, ich kenne ihn jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muß er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechszehnjähriger wäre mehr eingerückt!“Seul: 100 Jahre KMV ..., 2013, S. 32.
Karl May war Pazifist, wie z. B. die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner und viele May-Kenner hätten bestätigen können.
Ende des Jahres 1919 erhob der Pädagoge Ludwig Gurlitt in München in einer umfangreichen Streitschrift unter dem Titel Gerechtigkeit für Karl Mayhttps://www.karl-may-gesellschaft.de/index.php?seite=158 seine Stimme gegen die Feinde des Schriftstellers. Der Heimgarten schrieb in seinem 5. Heft im Februar 1920:
„Gurlitt rechnet mit den Feinden unseres meistgelesenen Reiseschriftstellers gründlich ab und verfügt dabei über ein Arsenal von Wissen, von warmer Milde und tiefer Menschenkenntnis. Er versteht, und weil er versteht, so ist ein ‚Verzeihen‘ überflüssig.“Seul: 100 Jahre KMV ..., 2013, S. 32 f.
Ernst Bloch rehabilitierte May in einem Artikel in der Frankfurter Zeitung am 31. März 1929 als einen „der besten deutschen Erzähler, und er wäre vielleicht der beste schlechthin, wäre er kein armer, verwirrter Prolet gewesen“.
Erneute Kritik In den zwanziger Jahren begann sich ein neuer May-Kritiker zu profilieren, der noch über Jahrzehnte, in wechselnden Zeiten, mit wechselnden Vorzeichen, unerbittlich gegen den Autor und sein Vermächtnis vorging: Wilhelm Fronemann.https://karl-may-wiki.de/index.php/Wilhelm_Fronemann Aus der Jugendschriftenbewegung um Heinrich Wolgast kommend, entsprachen seine Kritiken zunächst den Zielen dieser Bewegung. In der Jugendschriftenwarte schrieb er 1931, dass May „nach Charakter und geistigem Rang nicht die geringste Eignung zum Volks- und Jugenderzieher hat“. In Mays Werken sieht er „keine Spur von echter Dichtung“ und „literarisch charakterlose Kolportage“.
Engagierte Gegenwehr Im Kampf gegen Wilhelm Fronemann engagierte sich besonders ein langjährige Mitarbeiter im Karl-May-Verlag: Fritz Prüferhttps://www.karl-may-wiki.de/index.php/Fritz_Prüfer. Dieser hatte bereits Ostermontag 1913 auf Einladung von Klara May an den Beratungen zur Vorbereitung der Gründung des Verlags der Karl-May-Stiftung teilgenommen. Seine Jahrbuch-Beiträge beschäftigten sich mit Mays Texten und seiner Biografie. Für die Herausgeber der Materialien zur Karl-May-Forschung Band 8 war er „so etwas wie der Spezialist für ausgefallene Dinge im KMJB“Bernhard Kosciuszko, Christoph F. Lorenz: Die alten Jahrbücher ..., 1984, S. 1..
Karl-May-Museum Einen deutlichen Popularitätsaufschwung für May und den KMV dürfte auch die Eröffnung des Karl-May-Museums in Radebeul am 1. Dezember 1928 gebracht haben. Es zeigt vor allem indianische Sammelstücke aus dem Besitz des weitgereisten Artisten Ernst Tobis, genannt Patty Frank, der für Jahrzehnte Leiter des Museums wurde, aber auch aus dem Nachlass von Karl May sowie aus Ankäufen von Klara May.
Die Jahrbücher Rudolf Beissel Die Idee, Karl-May-Jahrbücher herauszugeben, hatte Rudolf Beissel.Beissel: Wie das erste Jahrbuch entstand. In: Karl-May-Jahrbuch 1978, S. 7–20. Siehe auch: https://karl-may-wiki.de/index.php/Rudolf_Beissel Er erstellte zusammen mit Fritz Barthel im Jahre 1917 das erste Karl-May-Jahrbuch, das im Frühjahr des Jahres 1918 bei Salo Schottländer in Breslau erschien und schon im Sommer zu einer zweiten Auflage von 5.000 Exemplaren kam.
E. A. Schmid Als Konsul Schottländer starb, übernahm – ab 1920 – der Karl-May-Verlag (KMV) Radebeul die Herausgabe der Jahrbücher. Bald kam es jedoch zum Streit zwischen Beissel und E. A. Schmid, dem Leiter des KMV: Beissel schied aus dem KMV aus und wechselte zur Filmindustrie über. Beissel selbst deutet diese Streitigkeiten dezent an,Beissel: Wie das erste Jahrbuch entstand, S. 19. so dezent, dass man sich über die Gründe der Trennung kein eindeutiges Bild machen kann.
Max Finke Von 1921 bis 1924 gab E. A. Schmid das Jahrbuch zusammen mit Max Finkehttps://www.karl-may-wiki.de/index.php/Max_Finke heraus. Finkes Arbeit als Mayforscher begann 1920 mit der Herausgabe von Texten aus Karl Mays literarischem Nachlaß. Wenn diese Edition auch heutigen Maßstäben nicht mehr genügt, weil Finke nur einen geringen Teil der Nachlasstexte veröffentlichen wollte, durfte oder konnte und weil er manche Texte bearbeitete, so ist ihm doch zumindest dafür zu danken, dass er überhaupt solche Texte von Karl May zugänglich machte. Finkes bedeutendste Arbeit ist der im Jahrbuch 1925 posthum veröffentlichte Aufsatz Karl May und die Musik; für lange Zeit die einzige verlässliche Arbeit über dies Thema. Als Max Finke 1924 überraschend im Alter von 35 Jahren starb, verlor die frühe May-Forschung einen ihrer besten Vertreter.
Franz Kandolf Neben Finke wuchsen dem Karl-May-Jahrbuch neue, wertvolle Mitarbeiter heran: Kaplan Franz Kandolf aus München debütierte 1921 mit einem Aufsatz über Karl May und das Deutschtum und mit einer bemerkenswerten Studie über die verschiedenen Fassungen des Winnetou-Stoffes. In den kommenden Jahren lieferte er eine Fülle wichtiger Beiträge, die auch heute noch lesenswert sind; vor allem seine Quellenstudien und Motivvergleiche setzen noch heute Maßstäbe.
Wilhelm Matthießen Der Kinder- und Jugendbuchautor Wilhelm Matthießen, der mit seinen teils in Tibet, teils im Vorderen Orient angesiedelten Abenteuererzählungen dem Vorbild Karl Mays folgte, schrieb zwischen 1921 und 1935 auch zahlreiche Beiträge für die Karl-May-Jahrbücher. https://www.karl-may-wiki.de/index.php/Wilhelm_Matthießen
Anton „Tono“ Kaiser war Autor mehrerer Beiträge für die Karl-May-Jahrbücher: