Sergei Anatoljewitsch Michailow (russisch: Сергей Анатольевич Михайлов; * 7. Februar 1958 in Moskau, Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik, UdSSR) ist ein russischer Geschäftsmann und der mächtigste Pate des größten und einflussreichsten russischen kriminellen Syndikats "Solnzewskaja Bratwa". Er ist besser bekannt unter seinem Spitznamen „Michas“.
Michailows Anwalt Sergei Pogramkow bestreitet die kriminelle Zugehörigkeit seines Klienten. Dies sei ein Mythos, so Pogramkow, überhaupt existiere die organisierte Kriminalität lediglich auf Zeitungsseiten.Jekaterina Zapodinskaja: Жизнь солнцевского авторитета. Professor Михась покоряет мир, Kommersant, vom 7. Dezember 1995, Nr. 227, S. 14, abgerufen am 22. Mai 2020.
Herkunft und Jugend Geboren und aufgewachsen ist Michailow im Moskauer Bezirk Solnzewo, wo er bis in die 1990er Jahre in der Nowoperedelkinskaja Uliza (Straßenname) lebte. Sein Vater arbeitete beim Gashavariedienst und bei der Betriebsfeuerwehr in der Moskauer Forschungseinrichtung „Plastik“, die sich mit Fragestellungen der Polymerverarbeitung beschäftigte. Seine Schwester heißt Tatjana Samochina.
Als junger Mann machte Michailow im Zentrum Moskaus eine Ausbildung zum Oberkellner mit Englischkenntnissen im Hotel „Sowjetskaja“, wo er nachher sechs Jahre lang seinen Beruf ausübte. Nach Informationen der russischen Sicherheitsbehörden arbeitete er zudem in den Restaurants „Chrustalnyj“ und „Sewastopol“. In seiner Freizeit widmete er sich dem griechisch-römischen Ringen und war zu Sowjetzeiten in diesem Kampf- und Kraftsport Kandidat für den Meistertitel.
1984 wurde er im Alter von 26 Jahren wegen Versicherungsbetrugs verurteilt. Er stahl sein eigenes Motorrad und kassierte von seiner Versicherung eine Entschädigungssumme. Das Moskauer Stadtgericht verurteilte ihn zu drei Jahren Gefängnis auf Bewährung. Er verbrachte über ein halbes Jahr in Untersuchungshaft und wurde dann als Ersttäter vorzeitig entlassen. Als Verurteilter konnte er nun im Restaurant nicht weiterbeschäftigt werden. Mehrere Jahre verrichtete er niedrig bezahlte Arbeiten in der Forschungseinrichtung „Plastik“ und in einer nicht näher genannten Kooperative.
Ende der 1980er Jahre versuchte Michailow mit wenig Erfolg, für chinesische Wushu-Kämpfer eine Tour durch die UdSSR zu organisieren.Jekaterina Zapodinskaja: Из зала сюда, Kommersant Vlast, vom 22. Dezember 1998, Nr. 49, S. 39, abgerufen am 24. Mai 2020.
Ebenfalls Ende der 1980er machte Michailow seine ersten Schritte als Unternehmer. Am Flughafen Moskau-Wnukowo handelte seine Kooperative mit Blumen und verschiedenen Bedarfsartikeln, und zwar neben den Verkaufsständen von Semjon Judkowitsch Mogilewitsch. Damals lernten sich die beiden späteren Mafiabosse kennen und freundeten sich an.Roman Schlejnow: Ничего лишнего — только бизнес. Как живут авторитетные предприниматели – герои лихих 1990-х гг., Wedomosti, vom 7. November 2010, abgerufen am 27. Mai 2020.
Aufbau der Solnzewo-Bruderschaft Es gelang ihm als erfolgreichem Kampfsportler und ehemaligem Gefängnisinsassen, die Jugend von Solnzewo um sich und seinen Sportkollegen Viktor Awerin zu scharen. Zu einem treuen Begleiter wurde Jewgenij Ljustarnow, der 1976 unter Mordanklage gestanden hatte, dann aber für unzurechnungsfähig erklärt und in die Freiheit entlassen wurde. Michailow begann Sportklubs zu gründen, indem er arbeitslose, aggressive junge Männer aus demselben Bezirk anwarb. Gemeinsam mit Awerin gründete er in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre eine neue kriminelle Gruppierung und nannte sie nach dem Bezirk Solnzewo „Solnzewskaja“. Angesichts der Bedrohung seitens einer tschetschenischen Gruppierung verbündete sich Michailow 1989 mit Sergei Timofejew (Deckname: Silvestr), dem Anführer der Orechowskaja Gruppierung, die hauptsächlich aus Sportlern und Ringern bestand.Federico Varese: Mafias on the Move. How Organized Crime Conquers New Territories, Princeton University Press, Princeton 2013, S. 65 ff, ISBN 978-0-691-15801-3. Bis Ende der 1980er Jahre schützte und kontrollierte die Brigade mit ihren Anführern Michailow, Awerin und Timofejew bereits mehr als 20 Wirtschaftsunternehmen in Stadt und Oblast Moskau, darunter den ehemaligen Arbeitgeber Michailows – Hotel „Sowjetskaja“.
Erpressung Als Michailow zusammen mit seinen Kumpanen Timofejew, Awerin und Ljustarnow im Dezember 1989 wegen Erpressung von Geld und Autos der Marke Volvo verhaftet wurde, nannten die in diesem Fall aussagenden Zeugen 24 Unternehmen, die den „Schutz“ seiner Brigade genossen. Dazu zählten vor allem zahlreiche Restaurants, wie „Pokrowka“, „Olimp“, „Turist“, „Kometa“, „Aist“, „Nil“, „Jakor“. In einigen dieser Gaststätten lagerte die Brigade ihre Waffen. Von der Solnzewskaja erpresst wurde der Vorsitzende der Kooperative „Fond“ Wadim Rosenbaum. Zunächst hatte Rosenbaum seinen Freund Arkadij Margolin gebeten, Leute zu finden, die ihn vor Racketeers schützen könnten. Margolin machte Rosenbaum mit den „Sportlern“ Michas, Awera und Silvestr bekannt. Rosenbaum gab später bei der Untersuchung an, dass bei ihrer ersten Begegnung die „Sportler“ kein Geld wollten, sondern eine Reise nach Westdeutschland sowie neue Pkw wie Volvo oder Mercedes-Benz. Rosenbaums deutscher Geschäftspartner Armen Heck besorgte für Michailow und Awerin, die extra nach Deutschland kamen, jeweils einen Volvo, und Rosenbaum zahlte dafür. Zwei Fahrzeuge waren allerdings eine zu geringe Bezahlung für die geleisteten Schutzdienste. So vergab Rosenbaum Michailow, Awerin und Ljustarnow verschiedene fiktive Posten in seiner Kooperative und zahlte ihnen monatlich ein für damalige Zeiten sehr hohes Gehalt (über 1.000 Rubel): Michailow wurde Chef der Einkaufsabteilung, Awerin stellvertretender Vorsitzender für Sport- und Gesundheitsfragen, Ljustarnow bevollmächtigter Direktor. In Wirklichkeit übten sie diese Tätigkeiten nicht aus. Für den tatsächlichen Schutz der Kooperative sorgten fünf Mitglieder der Solnzewo-Bruderschaft, darunter Awerins jüngster Bruder Aleksandr, und erhielten ebenso einen hohen Monatslohn von Rosenbaum. Timofejew verlangte von Rosenbaum auch einen PkW. Er gab ihm, nach Zeugenaussagen, drei Tage Bedenkzeit und nahm sich nach Ablauf dieser Frist einfach einen neuen Volvo. Michailow verbrachte 1 Jahr und 8 Monate in Untersuchungshaft. Anschließend wurde der Fall aus Mangel an Beweisen geschlossen, weil die Zeugen bedroht worden waren und ihre zuvor gemachten Aussagen zurückzogen. Sie behaupteten, sie hätten ihre Aussagen auf Anweisung des Kooperativenbesitzers Rosenbaum getätigt. Bei dieser zweiten Verhaftung Michailows und der anschließenden Untersuchung wurde dessen kriminelle Vereinigung zum ersten Mal von den Behörden als „solnzewskaja gruppirowka“ bezeichnet.Kirill Beljaninow: ПОСЛЕДНЯЯ ЛЕКЦИЯ ПРОФЕССОРА МИХАСЯ, Ogonjok, vom 11. November 1996, Nr. 46, S. 4, abgerufen am 23. Mai 2020.
Bei mehreren Durchsuchungen wurden bei Michailow verschiedene Berechtigungsscheine bzw. Ausweise vorgefunden. Ende 1989 fand man bei ihm einen Mitarbeiterausweis einer fiktiven Firma „Fond Armen Heck“, der dem Besitzer das Nutzungsrecht auf ein Fahrzeug der Marke Volvo erteilte. Michailow ließ sich diesen Ausweis von einem Offizier des Pressedienstes des Innenministeriums anfertigen, um für sich Kraftfahrzeugkennzeichen, mit denen Sonderrechte verbunden waren, beantragen zu können. Im November 1994 wurde die Wohnung von Michailow erneut durchsucht und man fand zwei weitere Ausweise. Einer gewährte ihm uneingeschränkten Zugang zur Russischen Präsidialverwaltung (als Mitarbeiter) und der andere wies ihn als CNN-Korrespondenten aus.
Verhaftung und Auswanderung nach Israel Zwischen 1991 und 1993 wurde Michailow nicht strafrechtlich verfolgt. Er konnte in dieser Zeit die Einflusssphäre seiner Solnzewo-Bruderschaft ausweiten und seine kriminellen Geschäfte legalisieren. Unter seiner unmittelbaren Beteiligung wurden verschiedene Firmen gegründet: „Maksim“, „SW-Holding“ und „Arbat International“ in Russland, „Magnex“ in Ungarn, „Arigon“ in England sowie „Empirebond“ in Israel.
Im Herbst 1993 wurde Michailow im Zusammenhang mit der Ermordung von Waleri Wlasow, Direktor des Spielkasinos „Waleri“, festgenommen. Es war ermittelt worden, dass alle prestigeträchtigen Spielbanken Moskaus unter der Kontrolle der Solnzewo-Bruderschaft stünden. Michailows Anwalt Pogramkow bezeichnete diese Verdächtigungen als absurd. Michailow wurde noch am Abend der Festnahme aus der Untersuchungshaft freigelassen, ihm folgten am nächsten Tag die anderen 12 Verdächtigen der Bruderschaft. Kurz nach diesem Vorfall verließ Michailow im Dezember 1993 Russland. Als Ursache nannte Pogramkow die unbegründete Verfolgung seines Klienten durch die russischen Strafverfolgungsbehörden. Michailow ließ sich in Israel nieder und erhielt die israelische Staatsbürgerschaft, blieb aber gleichzeitig russischer Staatsangehöriger. Michailow war zu jener Zeit mit einer russischen Jüdin verheiratet, von der er sich später scheiden ließ. Zum anderen war Michailows Mutter jüdisch, was ihm das Recht auf israelische Staatsbürgerschaft verlieh.Jekaterina Zapodinskaja: В Швейцарии рассекретили уголовное дело Михася. Михась оказался евреем, Kommersant, vom 8. August 1997, Nr. 128, S. 6, abgerufen am 24. Mai 2020. Im Laufe der gerichtlichen Untersuchung im Zusammenhang mit Michailows Verhaftung 1996 in Genf stellten die Schweizer Behörden fest, dass Michailow, um in Israel eingebürgert zu werden, eine Scheinehe mit Jelena Medwedowskaja eingegangen worden war. Gleichzeitig blieb aber Michailow mit seiner Ehefrau Ludmila verheiratet.Kommersant: Прокурор дал Михасю совет стать мусульманином, vom 2. Dezember 1998, Nr. 225, S. 1, abgerufen am 27. Mai 2005. Noch während des Gerichtsprozesses in der Schweiz informierte das israelische Innenministerium Michailow 1998 darüber, dass ihm die israelische Staatsbürgerschaft wieder entzogen wird.Jekaterina Zapodinskaja: От Михася до наших дней, Kommersant, 25. Juni 2002, Nr. 107, S. 6, abgerufen am 24. Mai 2020.
In Israel wurde Michailow Vorsitzender der internationalen Nichtregierungsorganisation „Haus der Waisenkinder“, einer Non-Profit-Organisation, und führte zur selben Zeit nach Angaben des Anwalts Pogramkow seine Geschäfte in Österreich, Belgien und den USA. In Belgien war Michailow geschäftsführender Direktor des Unternehmens MAB International, das mit Gebrauchsgütern handelnde Firmen konsultierte. In den USA befand sich K.A.R.T.A. Auto Brokers mit Sitz in Houston, wo Michailow Mitglied im Direktorenrat war. Die Firma bestand lediglich zwischen Juni 1995 und Februar 1998.
1993 kamen Michailow und Awerin mit ihren Familien nach Wien, um dort eine Bleibe zu finden. In der österreichischen Hauptstadt lebten ihre Familien bis 1995. Awerins Kinder besuchten dort die Schule, während Michailow für seine Kinder eine Gouvernante einstellte.Kommersant: "Это самые безумные показания, которые я слышал" Только и сказал Михась, vom 4. Dezember 1998, abgerufen am 27. Mai 2020.