mini|Designation von ʿAlī ibn Abī Tālib durch Mohammed am Ghadīr Chumm. Darstellung in einer ilchanidischen Handschrift. Die Schia () ist nach dem Sunnitentum die zweitgrößte religiöse Strömung innerhalb des Islams. Diejenigen Muslime, die dieser Strömung angehören, werden als Schiiten bezeichnet, die damit verbundene religiöse Haltung wird auch Schiismus () genannt. Heute wird der Begriff häufig in verallgemeinernder Weise für die Zwölfer-Schiiten verwendet, die die zahlenmäßig größte Gruppe innerhalb der Schia darstellt. Allerdings umfasst die Schia noch mehrere andere Gruppierungen wie die Ismailiten, die Zaiditen, die Aleviten und die Alawiten.

Der Begriff Schia steht verkürzt für den arabischen Ausdruck Schīʿat ʿAlī (šīʿat ʿAlī, „Partei ʿAlīs“), womit die Anhängerschaft des vierten Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib (regierte 656–661) und seiner Nachkommen gemeint ist. Dieser Begriff kam während des ersten innermuslimischen Krieges auf, der zeitgleich mit ʿAlīs Kalifat stattfand, und unterschied ʿAlīs Anhänger von der Schīʿat ʿUthmān, den Anhängern des ermordeten dritten Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān, die sich gegen ʿAlī stellten.Madelung: “Shīʿa” 1996, S. 420a. Schiiten betrachten ʿAlī ibn Abī Tālib, der auch Schwiegersohn und Vetter des islamischen Propheten Mohammed war, als dessen rechtmäßigen Nachfolger und verehren ihn als ihren ersten Imam. Eine der wichtigsten Grundlagen für ʿAlīs Vorzugsstellung bei den Schiiten ist die Überlieferung, wonach ihn der Prophet kurz vor seinem Tod am Ghadīr Chumm zu seinem Nachfolger designiert hat. Auf diese Überlieferung nimmt auch das Ghadīr-Fest Bezug, das heute von vielen Schiiten am 18. Dhū l-Hiddscha begangen wird. Nach dem schiitischen Glauben kann das Imamat auch nur von einem Aliden, also einem Nachfahren ʿAlīs, übernommen werden, da allein diese göttlich legitimiert seien. In den Jahrhunderten nach dem Tod des Propheten Mohammed haben sich innerhalb der Schia verschiedene Strömungen herausgebildet, die sich vor allem hinsichtlich ihrer Imamatslehre unterscheiden. Außerdem bildeten sich verschiedene schiitische Rechtsschulen heraus.

Verbreitung mini|hochkant=2|Verteilung islamischer Glaubensrichtungen:Grün: sunnitische Gebiete; Violett: schiitische Gebiete; Gelb: Ibaditen (Oman) Nach einer neueren Schätzung stellen die Schiiten ca. 13,8 Prozent der Muslime weltweit. 80 Prozent davon sind Zwölfer-Schiiten, die restlichen 20 Prozent verteilen sich auf die anderen schiitischen Denominationen.Momen: Shi'i Islam. A Beginner’s Guide. 2016, S. 219. Die Staaten, in denen die Schiiten die Mehrheit stellen oder eine einflussreiche Minderheit sind, werden manchmal unter dem Begriff schiitischer Halbmond zusammengefasst.

Heutige Strömungen der Schia Zwölfer-Schiiten

Die größte Gruppe unter den Schiiten bilden die Zwölfer-Schiiten, die einer Reihe von zwölf Imamen folgen. Sie leben hauptsächlich in Iran, Aserbaidschan, im Irak, in Bahrain, im Libanon, in Kuwait, Pakistan, Afghanistan, Syrien, Indien sowie in der östlichen Provinz Saudi-Arabiens. Wenn man die absolute Zahl betrachtet, leben in Iran und im Irak die meisten Zwölferschiiten. Dort stellen sie auch einen Großteil der politischen Führungsschicht. In den anderen großen Ländern spielen Schiiten eine eher untergeordnete Rolle im politischen Leben, da sie in der Minderheit sind (so in Pakistan, Indien, Saudi-Arabien, Afghanistan). In Saudi-Arabien ist die Religionsausübung der Zwölferschiiten teilweise eingeschränkt, doch besteht seit 1993 ein Abkommen zwischen der saudischen Führung und der schiitischen Gemeinschaft, und Schiiten sind auch im Konsultativrat vertreten.Vgl. Mamoun Fandy: Saudi Arabia and the Politics of Dissent. Palgrave, New York, 1999. S. 198. Im Libanon stellen die Zwölferschiiten etwa 30 % der Bevölkerung. Die Zwölferschiiten werden auch als Imamiten bezeichnet, allerdings ist dieser Begriff unpräzise, weil er nach der klassischen islamischen Doxographie noch andere historische schiitische Gruppierungen umfasst.

Ismailiten

Die zweite Gruppe sind die Ismailiten, die einer anderen Imamreihe folgen, die über Ismāʿīl ibn Dschaʿfar führt. Sie leben heute vor allem in Pakistan, Indien, Syrien, Afghanistan und im Pamir-Hochland in Tadschikistan. Die heutigen Ismailiten sind in mehrere Gruppen aufgespalten, von denen die Nizariten und die Mustaʿlī-Taiyibiten die wichtigsten sind. Während die meisten Nizariten den Agha Chan als ihren Imam betrachten, werden die Mustaʿlī-Taiyibiten von einem Ober-Dāʿī angeführt. Die ismailitische Lehre ist sehr stark vom gnostischen und neuplatonischen Denken beeinflusst. In der Vergangenheit sind mehrere revolutionär-ismailitische Gruppen aufgetreten, wie zum Beispiel die Assassinen in der Levante oder die Fatimiden, wobei Letztere mehr als 200 Jahre in Ägypten herrschten. Die Drusen, deren Hauptsiedlungsgebiete in Syrien, Libanon und Israel liegen, gingen aus der ismailitischen Schia hervor.

Zaiditen

Die dritte (und kleinste) schiitische Gruppe sind die Zaiditen, bei denen die Anzahl der Imame nicht begrenzt ist. Sie leben heute überwiegend im nördlichen Jemen. Die Zaiditen sind aufgrund ihrer religiös-politischen Ausrichtung auf ʿAlī ibn Abī Tālib der Schia zuzuordnen, unterscheiden sich jedoch in ihrer Imamatslehre von den Zwölferschiiten und haben eine eigene Rechtsschule. Da sie das Kalifat der ersten drei Kalifen Abū Bakr, ʿUmar ibn al-Chattāb und ʿUthmān ibn ʿAffān anerkennen, stehen sie den Sunniten näher als die anderen Schiiten.

Aleviten mini|Schiitische Gruppen in Türkei, Syrien und Libanon

Aleviten werden ihrem Ursprung nach den Schiiten zugeordnet, da auch bei ihnen die Verehrung der 12 Imame und insbesondere von ʿAlī (Aleviten < arab. ʿalawī) im religiösen Leben bekannt ist. Die Kerngebiete der Aleviten liegen in der Türkei und in den ehemals osmanisch beherrschten Balkangebieten. Der Anteil der Aleviten unter den Muslimen in der Türkei beträgt etwa 15 bis 20 Prozent. Da dort bei Volkszählungen innerhalb der Religionszugehörigkeit „Islam“ jedoch keine konfessionelle Differenzierung stattfindet, handelt es sich dabei lediglich um unsichere Schätzungen.Cemal Karakas: Türkei: Islam und Laizismus zwischen Staats-, Politik- und Gesellschaftsinteressen. Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-937829-45-6 (Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (Hrsg.): HSFK-Report 1/2007) S. 5. Heute sind Aleviten durch Emigration von Türken auch in Europa und Nordamerika verbreitet. In Deutschland liegt ihr Anteil unter den türkischstämmigen Muslimen bei rund 17 %. Gemessen an der Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Muslime sind dies etwa 13 %.Haug / Müssig / Stichs 2009, S. 98. Aleviten verehren den islamischen Heiligen Hadschi Bektasch Wali, von dem eine Anthologie und zahlreiche Anekdoten überliefert sind. Um ihn herum gründete sich der Derwisch-Orden der Bektaschi-Tariqa.

Alawiten oder Nusairier

Die Alawiten, die nicht mit der größeren Gruppe der Aleviten zu verwechseln sind, werden auch Nusairier genannt. Ihre Hauptsiedlungsgebiete liegen in Syrien (vor allem Gouvernement Latakia und Gouvernement Tartus mit dem Dschebel Ansariye) sowie in der Türkei (hauptsächlich Hatay und Çukurova mit Adana, Mersin und Tarsus). Daneben gibt es noch kleinere Siedlungsgebiete im Nord-Libanon (Gouvernement Akkar) und auf den von Israel annektierten Golanhöhen. Die Gruppierung entstand im späten 9. Jahrhundert im Irak und geht auf den extremen Schiiten Muhammad ibn Nusair zurück, der sich im Umfeld der Imame ʿAlī al-Hādī und Hasan al-ʿAskarī aufhielt und deren Göttlichkeit verkündete. Während der Herrschaft von Salah Dschadid (1966–1970) und der al-Asad-Familie (1971–2024) bildeten die Alawiten die politische und militärische Führungsschicht in Syrien.

Klassische Definitionen und Unterteilungen Für den Begriff „Schia“ gibt es verschiedene klassische Definitionen: Asch-Schahrastānī (gestorben 1153) definierte als Schia diejenigen, die ʿAlī ibn Abī Tālib im Besonderen die Gefolgschaft leisteten, sein Imamat und Kalifat aufgrund einer offenbaren oder verborgenen Festlegung (naṣṣ) oder Anweisung (waṣīya) lehrten und glaubten, dass sich das Imamat nicht von seinen Nachkommen weicht, es sei denn aufgrund einer Ungerechtigkeit der Anderen oder durch Taqīya des Imams.aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-niḥal. 1842, S. 108f. – Deutsche Übersetzung Th. Haarbrücker. S. 164. Nach Ibn Hazm (gest. 1064) ist derjenige ein Schiit, der glaubt, dass ʿAlī der vorzüglichste Mensch nach dem Propheten ist und er und seine Nachkommen nach ihm des Imamats würdiger sind als jeder andere, auch wenn er von den übrigen Schiiten in anderen umstrittenen Fragen abweicht. Wenn er aber in diesem zentralen Punkt von ihren Lehren abweicht, ist er nach Ibn Hazm kein Schiit.Friedlaender: The heterodoxies of the Shiites in the presentation of Ibn Ḥazm. 1907, S. 32. Die imamitische Sicht spiegelt die Schia-Definition asch-Schaich al-Mufīds (gest. 1022). Ihr zufolge bezeichnet der Begriff Schia, wenn er mit dem bestimmten Artikel verwendet wird, die Anhänger ʿAlīs, die ihm durch Loyalität verbunden sind, daran glauben, dass sein Imamat unmittelbar nach dem Gottesgesandten eingetreten ist, und denjenigen, die ihm als Kalifen vorausgingen, das Imamat vorenthalten.aš-Šaiḫ al-Mufīd: Awāʾil al-maqālāt fī l-maḏāhib wa-l-muḫtārāt. Dār al-Kitāb al-islāmī, Beirut 1983. S. 37–38. Digitalisat

In der klassischen islamischen Doxographie gibt es unterschiedliche Unterteilungen der Schia: Al-Dschāhiz (gestorben 869), der im 9. Jahrhundert eine Abhandlung über die Lehrrichtungen der Schia verfasste, vertrat die Ansicht, dass die Schia nur aus Rāfiditen und Zaiditen bestehe und die übrigen Schiiten „Teile ohne Ordnung“ (bidad lā niẓām lahum) seien.al-Ǧāḥiẓ: Risāla fī bayān maḏāhib aš-Šīʿa. 1906, S. 178. Abū l-Hasan al-Aschʿarī (gestorben ca. 935) gliederte die Schiiten in seinen Maqālāt al-Islāmīyīn in drei große Gruppen, die wiederum in verschiedene Untersekten aufgegliedert sind. Dies sind nach ihm die Ghulāt mit 15 Sekten, die Rāfida mit 24 Sekten und die Zaidīya mit 6 Sekten.Eisenstein: “Sunnite Accounts of the Subdivisions of the Shīʿa”. 1992, S. 3. Die Kaisānīya und die Ismāʿīlīya erscheinen bei ihm noch als Untergruppen der Rāfida.Eisenstein: “Sunnite Accounts of the Subdivisions of the Shīʿa”. 1992, S. 5. ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (gestorben 1037) führt die Kaisānīya als eine eigene Gruppe und gliedert die Schia entsprechend in vier große Gruppen: Imāmīya (15 Sekten), Zaidīya (3 Sekten), Kaisānīya (2 Sekten) und Ghulāt. Die Ghulāt stehen für ihn aber außerhalb des Islams.Eisenstein: “Sunnite Accounts of the Subdivisions of the Shīʿa”. 1992, S. 3f. Asch-Schahrastānī führt auch die Ismāʿīlīya als eine separate Gruppe und gliederte folglich die Schia in fünf große Gruppen: Ghāliya (12 Sekten), Kaisānīya (4 Sekten), Imāmīya (7 Sekten), Zaidīya (4 Sekten) und Ismāʿīlīya.Eisenstein: “Sunnite Accounts of the Subdivisions of the Shīʿa”. 1992, S. 4.

Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Lehre Die Israeliten als Präfiguration der Schia Das arabische Wort šīʿa, das dem Schia-Begriff zugrunde liegt, kommt auch an mehreren Stellen im Koran vor. An einer Stelle (Sure 37:83) wird ausgesagt, dass Abraham zu Noahs šīʿa (im Sinne von Gruppe oder Partei)Siehe die Übersetzungen des Verses von Rudi Paret und Hartmut Bobzin. gehörte. An einer anderen Stelle (Sure 28:15) bezeichnet das Wort die Israeliten (Banū Isrāʾīl, wörtlich „Kinder Israels“). Hier wird ähnlich wie in Exodus 2:12Heinrich Speyer: Die biblischen Erzählungen im Qoran. Gräfenhainchen 1931. S. 246. erzählt, wie Mose, um einem Israeliten zu Hilfe zu kommen, einen Ägypter erschlägt. Der Israelit wird hierbei zweimal als jemand beschrieben, der „von seiner Partei“ oder „von seiner Schia“ (min šīʿatihī) war.