Die Luftrettung in Deutschland liegt in der Gesetzgebungskompetenz der Länder und wird daher durch Landesrettungsdienstgesetze geregelt. Zur Durchführung der Luftrettung greifen die Länder dabei auf unterschiedliche Organisationen zurück. Deutschland verfügt über ein nahezu flächendeckendes Luftrettungssystem, das seit den 1970er Jahren als Ergänzung zum bodengebundenen Rettungs- und Notarztdienst geschaffen wurde. mini|hochkant|Abseilvorgang bei einer Bergrettung in den Alpen durch eine MBB/Kawasaki BK 117 mini|Christoph 44 der DRF Luftrettung mit einem Hubschrauber vom Typ Eurocopter EC 135 mini|Zivilschutzhubschrauber vom Typ Bell 212 des Bundesministeriums des Innern (BMI Luftrettung) mini|Hubschrauber der DRF-Luftrettung des Typs MBB/Kawasaki BK 117 als Christoph Europa 5 am Standort in Niebüll. mini|Intensivtransporthubschrauber der DRF Luftrettung Christoph Thüringen (noch mit einer Bell 412) mini|Abseilen der Rettungskräfte, da eine Landung nicht möglich ist. 220x124px|mini|alt=SAR-Hubschrauber der Bundeswehr|Eine H 145 LUH SAR eines Search and Rescue (SAR) Kommandos der Bundeswehr 220x124px|mini|alt=ehemaliger SAR-Hubschrauber Bell UH-1D|Der ehemalige SAR-Hubschrauber der Bundeswehr, die Bell UH-1D
Geschichte Die Etablierung der Luftrettung im damaligen Bundesgebiet resultierte aus der steigenden Zahl von Straßenverkehrsunfällen mit Unfalltoten in den 1960er Jahren. Die Maßnahmen zur Verkehrssicherheit waren noch schwach ausgeprägt und es war den Feuerwehren sowie dem strukturell eher schwach aufgestellten Rettungsdienst in vielen Fällen nicht möglich, die Unfallorte innerhalb einer aus medizinischer Sicht akzeptablen Zeitspanne zu erreichen. Als zusätzliche Schwierigkeiten ergaben sich Schwächen in der damaligen Organisation der präklinischen Notfallmedizin. Den Rettungsdiensten kam in erster Linie eine Transportfunktion zu, während vor Ort kaum medizinische Maßnahmen ergriffen wurden. Eine erhebliche Mortalität der Patienten war die Folge.
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurden in der Bundesrepublik Deutschland verschiedene Feldversuche mit Hubschraubern zur „Unfallrettung“ durchgeführt. Der Arzt Hans-Werner Feder aus Ober-Mörlen (Hessen) führte vom 11. August bis 1. September 1967 einen Versuch mit einem Arzt-Hubschrauber (Brantly B-2) durch und versorgte bei 52 Verkehrsunfällen 66 Verletzte. Die Dokumentation zum Projekt, das in Kooperation mit dem ADAC Hessen und dem DRK Hessen durchgeführt wurde, überreichte er im Herbst dem Bundesverkehrsminister. Zu Ostern und Pfingsten 1968 führte die Feuerwehr Frankfurt am Main zusammen mit der Bundeswehr einen Feldversuch mit einem Großraumhubschrauber (Vertol H-21 C) mit einer 7-Mann-Besatzung durch. Die Projektleitung lag bei Oberbranddirektor Ernst Achilles und Polizeiarzt Dr. Theo Kunz. Der Hubschrauber wurde in dieser Zeit zu 15 schweren Verkehrsunfällen gerufen. Im Sommer 1968 wurden mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums in München, Nürnberg und Mainz weitere Feldversuche durchgeführt. Das größte Projekt, an dem unter anderem der ADAC beteiligt war, wurde in München unter der Leitung von Gerhard Kugler (ADAC) und dem Arzt Dr. Jürgen Ewald (Bayerisches Rotes Kreuz (BRK) München und Klinikum rechts der Isar München) durchgeführt. An 47 Einsatztagen im Sommer 1968 wurden 52 Einsätze geflogen. Der Münchener Feldversuch wurde an 18 Tagen im Winter 1968/69 und 38 Tagen im Sommer 1969 weitergeführt.Ch. Biesing: Luftrettung in der Bundesrepublik Deutschland – das Stadium der Modellversuche ist beendet. Deutsches Ärzteblatt 33, 2311, 1975. In: Martin Frey: Möglichkeiten und Grenzen der Luftrettung von Notfallpatienten. Universität Mainz, Fachbereich Medizin, Dissertation, Mainz 1976, S. 45; Gerhard Nadler, Historie der Luftrettung in der Bundesrepublik Deutschland. In: Handbuch Brandschutz – Loseblattwerk, ecomed sicherheit – Storck Verlag, Landsberg / Lech, 155. EL, 2/2021, Kap. XI 29.5
Das ursprüngliche Ziel des ADAC war es, mit Beginn der Reisezeit im Sommer 1970 in München einen eigenen Rettungshubschrauber in Dienst zu stellen, der täglich von morgens bis abends einsatzbereit sein sollte. Als bekannt wurde, dass das Genehmigungsverfahren für das neue Hubschraubermodell „BO 105“ länger dauern würde und sich die Auslieferung auch aus anderen Gründen bis in den späten Herbst 1970 verschieben würde, wurden die Bergwacht im BRK und die Bundeswehr aktiv. Ab Pfingsten 1970 stellte die Heeresfliegerstaffel 8 in Oberschleißheim bei München an den Wochenenden und Feiertagen eine Bell UH-1D samt fliegerischer Besatzung zur Unfallrettung ab. Die medizinische Besatzung – Arzt und Sanitäter – stammte aus den Reihen der Bergwacht und des BRK München. Der Hubschrauber war am Flugplatz in Oberschleißheim stationiert. Die Projektleitung lag beim Bergwachtarzt Dr. Albert Erbertseder und Oberstleutnant Kurt-Josef Veeser. Bis Oktober 1970 wurden an 45 Einsatztagen 110 Einsätze geflogen. Auf der Suche nach Ärzten für den Einsatzdienst sprach man kurz vor Projektstart auch den BRK-Arzt Dr. Hans Burghart an, der an Pfingsten 1970 seinen ersten Dienst am Hubschrauber leistete und so mit der Luftrettung in Kontakt kam. Internistische Indikationen wie der Herzinfarkt oder der apoplektische Insult (Schlaganfall) wurden dabei als Einsatzbereich für Hubschrauber-Notfallrettung noch nicht bedacht.
Am 1. November 1970 konnte vom ADAC schließlich der erste reguläre Rettungshubschrauber am Städtischen Krankenhaus München-Harlaching in Dienst gestellt werden. Finanziert wurde die Anschaffung des Hubschraubers mit Unterstützung des Bundes, des Freistaates Bayern und der Allianz Versicherungs AG. Da Hans Burghart, damals als Chirurg in Harlaching tätig, aufgrund seiner zahlreichen Dienste in Oberschleißheim über die größte Erfahrung unter den Ärzten am Krankenhaus Harlaching verfügte, wurde ihm die ärztliche Leitung der Luftrettung übertragen. Er entwickelte aufgrund der Erfahrungen, die im Routinebetrieb gemacht wurden, das Konzept weiter. Burghart gab die Erfahrungen an im Aufbau befindliche RTH-Stationen weiter und arbeitete auch an der ersten DIN-Norm für Rettungshubschrauber mit.
Es folgte im November 1971 die Einrichtung eines sogenannten (Test-)Rettungszentrums der Bundeswehr in Ulm. Die Luftwaffe stellte in Kooperation mit dem Bundeswehrkrankenhaus Ulm einen notfallmedizinisch ausgerüsteten Hubschrauber vom Typ Bell UH-1D auch dem zivilen Rettungsdienst zur Verfügung.
Ab dem Jahr 1971 beschaffte das Bundesministerium des Innern aus Mitteln des erweiterten Katastrophenschutzes Hubschrauber zunächst im Rahmen eines Projektes. Der erste Hubschrauber des Bundes (Christoph 3) wurde im Dezember 1971 in Dienst gestellt.
Am 19. März 1973 stellte die Deutsche Rettungsflugwacht e. V. (DRF) in der Nähe von Stuttgart einen Rettungshubschrauber vom Typ Alouette III in Dienst. Die DRF war neben dem ADAC und dem Bundesinnenministerium maßgeblich am Aufbau der Luftrettung in Deutschland beteiligt.
Alle Aktivitäten des Bundes wurden auf Grundlage der früheren Planung eines flächendeckenden Systems mit insgesamt 18 Stationen (1–18) abgeschlossen. Die Hubschrauber wurden für den Zivilschutz und den Rettungsdienst ausgerüstet und den Bundesländern bis zum Jahr 1996 an dann 22 Stationen als Ausstattungspotential zur Verfügung gestellt. Die Länder setzten diese Hubschrauber in der Luftrettung ein. Es folgte eine Reduzierung um sechs Stationen und 2005/2006 noch einmal um vier, sodass heute an zwölf Standorten geflogen wird. Die abgegebenen Luftrettungszentren wurden nahtlos von der ADAC Luftrettung und der DRF Luftrettung weitergeführt. Für den Flugbetrieb der Hubschrauber des Bundesministeriums des Innern ist die Bundespolizei zuständig. Sie stellt auch die Piloten. Erst 1981 nahm der ADAC mit Christoph 20 in Bayreuth die Errichtung weiterer Stationen auf.
Im Januar 1975 stellte Hans Burghart, einer der vielen Väter der deutschen Luftrettung, zusammen mit Gerhard Kugler, auf dem HAA-Kongress in Los Angeles (USA) die deutsche Luftrettung vor. Das Konzept des mit einem Arzt besetzten Rettungshubschraubers und der Hubschraubertyp „BO 105“ fanden im Auditorium großen Anklang.Hans Burghart: Medical Aspects of Rescue Operations by Helicopters. Vortrag in Los Angeles am 20. Januar 1975. Zitiert in: Martin Frey: Möglichkeiten und Grenzen der Luftrettung von Notfallpatienten. Universität Mainz, Fachbereich Medizin, Dissertation, Mainz 1976, S. 45.Gerhard Kugeler, ADACOPTER-2: Erinnerungen, Werner Wolfsfellner MedizinVerlag, München, 2010, TEil B Allerdings konnte sich das deutsche Konzept in den USA nicht durchsetzen. Wie bereits zu Beginn der zivilen Luftrettung in den USA im Sommer 1969 sind auch heute noch die dortigen Rettungshubschrauber mit Paramedics (Sanitätern) oder mit Nurses (akademisch ausgebildetem Krankenpflegepersonal) besetzt.
Nach der politischen Wende wurde das in den westlichen Bundesländern etablierte Konzept auch auf das Gebiet der ehemaligen DDR ausgeweitet, die zuvor kein Luftrettungssystem gehabt hatte. Allerdings hatten Hubschrauber der NVA „in absoluten Ausnahmefällen“ an der Patientenversorgung mitgewirkt.Umschau vom 21. März 2023
Der ADAC stellte im Jahr 1997 den ersten kombinierten Rettungs- und Intensivtransporthubschrauber in Dienst. Dieser fliegt unter dem Funkrufzeichen Christoph 77 und ist am Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz stationiert.
Zu einer weiteren Neuerung in der Luftrettung kam es 1999 in Koblenz: Am dortigen Bundeswehrzentralkrankenhaus wurde das erste zivil-militärische Gemeinschaftsprojekt gestartet. Der ADAC stellt in diesem Fall die Maschine (Christoph 23, EC 135) und das Flugpersonal, das medizinische Personal wird von der Abteilung Notfallmedizin des BwZK gestellt. Auch in Ulm findet zwischenzeitlich diese Kooperation statt. Der SAR 71 (UH-1D der Luftwaffe) am Rettungszentrum Bundeswehrkrankenhaus Hamburg wurde am 19. Januar 2006 von einem Hubschrauber Bell 212 des Bundesinnenministeriums (Zivilschutz) abgelöst. Heute fliegt dort eine EC135. In Neustrelitz wurde die Luftwaffe am 1. Juli 2006 von der ADAC Luftrettung abgelöst. Damit betreibt die Luftwaffe keinen Hubschrauber mehr an einem Luftrettungszentrum.
Diese vier genannten Institutionen sind bis heute in der Luftrettung aktiv. Weitere Anbieter sind im Laufe der Zeit hinzugekommen, das Standortnetz wurde stetig erweitert. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde in den neuen Bundesländern nach westdeutschem Vorbild innerhalb nur weniger Jahre ebenfalls ein Luftrettungsnetz aufgebaut.
Bislang waren die Rettungshubschrauber der öffentlich-rechtlichen Luftrettung stets als Ergänzung des bodengebundenen Notarztsystems gedacht. In jüngster Zeit zeichnet sich ab, dass in einigen Gebieten aufgrund struktureller Probleme der präklinischen Notfallmedizin Hubschrauber schon fast zu einem Teil der rettungsdienstlichen Regelversorgung geworden sind. Zudem wird der Ruf nach mehr Stationen im 24-Stunden-Betrieb zur Primärrettung lauter.
Einsatzprofil mini|Innenansicht in das Cockpit des Christoph Hansa aus Hamburg (noch als EC 135)
Primäreinsatz Das Heranführen des Notarztes und Notfallsanitäters zum Notfallort zum Durchführen lebensrettender Maßnahmen und zur Herstellung der Transportfähigkeit wird als Primäreinsatz bezeichnet.
Der Transfer von Notfallpatienten vom Ort des Geschehens in das nächste geeignete und aufnahmebereite Krankenhaus unter Aufrechterhaltung der Transportfähigkeit und Vermeidung weiterer Schäden fällt ebenfalls unter den Begriff Primäreinsatz.