mini|hochkant|Kurtisane und Bauernmädchen unter den Arkaden des Palais Royal, 1787 (Los Angeles County Museum of Art). mini|hochkant|Pampelmusen, ca. 1803 (Kunsthandel). Michel Garnier (* 21. Januar 1753 in Saint-CloudTaufurkunde bei Ernest-Théodore Hamy: Les peintures de Michel Garnier au Muséum d’histoire naturelle, Jg. 1898, Nr. 8, S. 336–344, hier: S. 338 (). Nicht ausgeführt worden zu sein scheint ein Beschluss von Saint-Cloud, eine Straße nach Garnier zu benennen. Vgl. Louis Denise: Bibliographie historique et iconographique du Jardin des plantes (…), H. Daragon, Paris 1903, S. 257 ().; † 1829 in VersaillesGarnier, Michel auf: Database of Scientific Illustrators 1450–1950, Universität Stuttgart (). Früher wurde fälschlich angegeben, er sei 1819 in Paris gestorben, dessen Zivilstandsregister 1871 beim Aufstand der Kommune verbrannten.) war ein französischer Maler und wissenschaftlicher Illustrator. Sein Werk umfasst Genreszenen, Porträts und Darstellungen tropischer Nutzpflanzen. Letztere entstanden während eines neunjährigen Aufenthalts auf Mauritius.
Leben und Werk Im Dienst der Orléans Als ältester Sohn von Michel Garnier, der auf Schloss Saint-CloudIm Deutsch-Französischen Krieg 1870 zerstört. das Parkett pflegte, und von dessen Ehefrau Élisabeth geborener Hubert wuchs der spätere Maler buchstäblich unter Bildern auf. Sein Pate war Kammerdiener des Schlossherrn, des Herzogs von Orléans.Taufurkunde bei Ernest-Théodore Hamy: Les peintures de Michel Garnier au Muséum d’histoire naturelle, Jg. 1898, Nr. 8, S. 336–344, hier: S. 338 (); Heiratsurkunde: Généalogie de la famille Parneix, Quelle 1943S (). Später diente der Vater dessen Sohn, dem Herzog von Chartres, und auch Garnier selber stand anfangs im Dienst des Hauses Orléans, dieses oppositionellen Nebenzweigs des französischen Königshauses, der in Paris das Palais Royal besaß.
Der Künstler erhielt seine Ausbildung wohl erst in vorgerücktem Alter. Laut den Katalogen der Salons von 1796 und 1799 war er Schüler des Direktors der Königlichen Akademie der Malerei und Bildhauerei, Jean-Baptiste-Marie Pierre (1714–1789)Jules Guiffrey (Hrsg.): Collection des livrets des anciennes expositions depuis 1673 jusqu’en 1800, Liepmannssohn, Paris 1871, Exposition de 1796, S. 35 (), Exposition de 1799, S. 32 (); vgl. Ernest-Théodore Hamy: Les peintures de Michel Garnier au Muséum d’histoire naturelle, Jg. 1898, Nr. 8, S. 336–344, hier: S. 338 ()., nach anderen Angaben von Louis-Jean-Jacques Durameau (1733–1796) und eventuell von Charles Lepeintre (1735–1803)Garnier, Michel auf: Database of Scientific Illustrators 1450–1950, Universität Stuttgart ().. Beeinflusst haben dürften ihn Greuze, David, Marguerite Gérard und Boilly. 1779–1781 gehörte er der Freimaurerloge Saint-Louis an. Sein frühestes bekanntes Werk datiert von 1781, als er bereits 28-jährig war. Es handelt sich um ein Porträt des Herzogs von Chartres (ab 1785 Herzog von Orléans), das diesen als Großmeister des Grand Orient de France zeigt. 1784 signierte Garnier als .Vgl. Kunsthandelsanzeige (). 1785/86 malte er weibliche Porträts in Gouache, spezialisierte sich dann aber auf Genreszenen kleinen und mittleren Formats.Elvire de Maintenant: Michel Garnier, peintre de genre sous la Révolution, in: L’Estampille/L’Objet d'Art (Dijon), Nr. 370, Juni 2002, S. 76–82, hier: S. 76, 78 f.
Aus der Sammlung der Herzöge von Orléans stammt die 1787 entstandene Rückenansicht einer hinreißend aufgemachten rothaarigen Kurtisane, die durch die Arkaden des Palais Royal stolziert. Zu ihren Füßen sitzt ein Bauernmädchen, das einen Rosenzweig – Symbol seiner Jungfräulichkeit – feilbietet.Im 19. Jahrhundert wurde das Bild Die Blumenverkäuferin genannt. Vgl. Objets d’art (…) provenant de la collection de feu Mme A… de Rouen (…), Escribe, Bloch, Paris 1879, S. 26 (). Das Werk zeigt die schreiende Ungleichheit unter dem Ancien Régime, die Verlockungen des Luxus und dessen moralische Fragwürdigkeit. Auf der Säule links sind oberhalb von Garniers Signatur Erlasse des Ersten Prinzen von Geblüt zu sehen. Für die Darstellung einer jungen Harfenistin aus dem Jahr 1788 wurden 2014 bei Christie’s 360 000 Euro bezahlt.Auktionsbericht Christie’s Paris, 1. April 2014 ().
Gemälde wie Tableaux vivants
mini|Saint-Marcs Abschied, 1788 (Christie’s). mini|Saint-Marcs Abschied, 1789 (Musée Carnavalet, Paris). Der Dramatiker und Librettist Jean-Paul-André Razins, marquis de Saint-Marc (1728–1818), welcher 1788 bei Garnier ein Gemälde in Auftrag gab, gehörte der Loge Saint-Jean du Contrat-Social an. Das Bild zeigt ihn, wie er im Österreichischen Erbfolgekrieg als erst 16-jähriger Offizier der Dragons de la Maison du Roi von der Familie Abschied nimmt, um bald darauf von Ludwig XV. für seine Tapferkeit in der Schlacht bei Fontenoy ausgezeichnet zu werden. Eine Erzieherin tröstet die noch jüngere Verlobte Saint-Marcs, die diesem eine weiße Schärpe und eine weiße Helmfeder reicht. Während der Jüngling wehmütig zur Geliebten blickt, ermahnt ihn die Mutter zur Tapferkeit, indem sie auf die Porträts seiner Ahnen zeigt. Und anders als in Saint-Marcs Epistel über die RitterschaftŒuvres complètes de Saint-Marc, Nouvelle édition, 1. Band, Didot jeune, Paris 1788 (), S. 9–19, hier: S. 10., die der Katalog seiner Gemäldesammlung im Zusammenhang mit dem Bild erwähntCollection de feu le marquis de Saint-Marc, Tableaux anciens de l’école française (Verkaufskatalog), Paris 1859, Los 7 ()., ist es nicht die Geliebte, welche den Jüngling bewaffnet, sondern die Mutter. Das Ganze gleicht wie die Genreszenen des Künstlers einem kunstvoll beleuchteten Tableau vivant, das von perfekt (im Stil der 1780er Jahre) gekleideten und frisierten Personen dargestellt wird.Elvire de Maintenant: Michel Garnier, peintre de genre sous la Révolution, in: L’Estampille/L’Objet d'Art (Dijon), Nr. 370, Juni 2002, S. 76–82, hier: S. 76, 78 f. Eine 1789 entstandene Variante des Gemäldes zeigt die Mutter in stehender, die Erzieherin in sitzender Position.
Nach der Revolution porträtierte Garnier die künftige Gattin Napoleons und Kaiserin der Franzosen Joséphine de Beauharnais in blauweißroter Kleidung, wie sie am ersten Jahrestag des Bastillesturms getragen wurde.
Ein Gegenstück zu Fragonard mini|Sanfter Widerstand, 1793 (ehemals Sammlung Didier Aaron). Garniers Genrebilder sind galant bis dezent erotisch, lebendig und gefühlvoll bis hin zur Theatralik, manchmal moralisierend, aber nie satirisch und zeichnen sich durch eine minutiöse Wiedergabe von Kostüm und Dekor aus.Elvire de Maintenant: Michel Garnier, peintre de genre sous la Révolution, in: L’Estampille/L’Objet d'Art (Dijon), Nr. 370, Juni 2002, S. 76–82, hier: S. 81.
Eine Atelierszene aus den 1790er Jahren zeigt einen Maler in Rückenansicht. Ob es sich um ein Selbstbildnis handelt, wissen wir nicht und ebenso wenig, ob die dargestellten Besucher und Repliken antiker StatuenApollo von Belvedere, Diskobolus und Borghesischer Fechter. zu Garniers realer Umgebung gehörten.
Von hoher Qualität ist der Sanfte Widerstand (La douce résistance) von 1793.Vgl. Léon Munière: Michel Garnier (1753 - 1819), La douce résistance, in: L’Estampille (Dijon), Nr. 142, Februar 1982, S. 59 f. Der Gesichtsausdruck der Personen, die Eroten auf dem Kaminsims und das auf stehende Barometer an der Wand signalisieren, dass sich die dargestellte Auseinandersetzung trotz Kampfspuren und Griff nach dem Klingelzug (den ein phantasievoller Interpret mit einem Geigenbogen verwechselteH. Porter Abbott: The Cambridge Introduction to Narrative, Cambridge University Press, 2002, S. 8 ().) unter Liebenden abspielt. Aufschlussreich ist ein Vergleich mit Fragonards Riegel (Le verrou) aus den 1770er JahrenIn Deutschland die Zeit des Sturms und Drangs.: Bei dem Rokokomaler wird die Moral ausgesperrt, bei Garnier die Leidenschaft in die Schranken gewiesen. Während dort weggeworfene Blumen am Boden liegen, nimmt hier – ebenfalls am rechten Bildrand – eine Vase mit Rosen den Ehrenplatz vor dem Spiegel ein.
Vorwurf der Frivolität mini|hochkant|Junge Frau bei der Toilette, 1796 (Kunsthandel). Wie andere Kunstschaffende, die nicht der Akademie angehört hatten, konnte Garnier nun auch am Salon im Louvre teilnehmen, wo er 1793–1799 mit insgesamt elf Genrebildern vertreten warVgl. Jules Guiffrey (Hrsg.): Collection des livrets des anciennes expositions depuis 1673 jusqu’en 1800. Liepmannssohn, Paris 1871, Exposition de 1793, S. 10 f., 82 (); Exposition de 1795, S. 32 (); Exposition de 1796, S. 35 (); Exposition de 1798, S. 32 (); Exposition de 1799, S. 32 (); Exposition publique des ouvrages des artistes vivans, dans le Salon du Louvre, au mois de septembre, année 1795, vieux stile, ou vendémiaire de l’an quatrième de la République, par Mr. Rob… (Manuskript), S. 447 f. ().. Drei weitere Werke dieser Gattung stellte er 1797 im Élysée-Palast aus.Livret de l’exposition du Colisée (1776) suivi de l’analyse de l’exposition ouverte à l’Élisée en 1797 (…), J. Baur, Paris 1875, S. 53 (). 1793 fand ein Kritiker beim einen seiner Ausstellungsstücke (Die gute Mutter) die Farben verführerisch, aber nicht natürlich, die Hände eines Mädchens ungleich und die Figuren kurz, beim andern (Warten auf den Geliebten) Kopf und Haltung der weiblichen Hauptperson dem Thema angemessen, Farben und Gewänder jedoch wenig geschmackvoll.Explication (…) et jugement motivé des ouvrages (…) exposés au Palais National des Arts (anonym erschienen), H. J. Jansen & Cie., Paris (1793), S. 8 f., 12 (). Ohne Einschränkung lobte ein anderer Autor 1795 die Darstellung einer Frau, die ihrer Bedienten einen diskret abzuliefernden Brief übergibt. Nicht minder gefiel ihm ein Bild, auf dem ein Mann aus dem Volk eine Dame durch einen Abwassergraben trägt.Exposition publique des ouvrages des artistes vivans, dans le Salon du Louvre, au mois de septembre, année 1795, vieux stile, ou vendémiaire de l’an quatrième de la République, par Mr. Rob… (Manuskript), S. 446–448 (). Auf einer Variante des letzterwähnten Gemäldes durchquert der säkularisierte Christophorus mit der Frau auf dem Rücken eine Furt. Doch dann stieß die scheinbare Oberflächlichkeit von Garniers Werken auf Ablehnung: 1796 bezeichnete die Décade philosophique, littéraire et politique ein Frühstück mit frischen Eiern als , wie sie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren Mode gewesen sei.(Amaury Duval:) Suite des observations de Polyscope sur le Salon de peinture, in: La Décade philosophique, littéraire et politique, 20. Brumaire Jahr 5 (10. November 1796), S. 274–283, hier: S. 281 (). Der Mercure français fügte bei, das Thema sei zu freizügig und zu schlecht ausgeführt.Fin du Salon de l’an V (1796), in: Mercure français, 30. Frimaire Jahr 5 (20. Dezember 1796), S. 155–163, hier: S. 160 (). 1798 schrieb dieselbe Zeitschrift, Garniers Bilder erinnerten an die frivolen Komödien von BeaumarchaisEines der ausgestellten Bilder zeigte einen Sprung aus dem Fenster, wie ihn Chérubin in Le mariage de Figaro vollführt. und vermittelten den Eindruck, Frankreichs Gesellschaft bestehe aus lauter betrogenen Ehemännern, gefallenen Mädchen und blinden Müttern.Sur l’exposition des tableaux et sculptures de l’an VI (1. Teil), in: Mercure français, 20. Vendémiaire Jahr 7 (11. Oktober 1798), S. 91–100, hier: S. 99 f. ().
Ein Gemälde von 1796, das eine junge Frau bei der Toilette zeigt, wirft Fragen auf: Zieht die Schöne den Strumpf an oder aus? Warum hat sie sich (mit dem Geschirr am Boden) im Intimbereich gewaschen? Ist der Zaungast ihr Ehemann oder ein Liebhaber? Wendet sie den Kopf von ihm ab, um zu betrachten (das Wehen des Vorhangs) oder um betrachtet zu werdenGarnier lässt die Frau nicht nur die Röcke heben, sondern weist mit dem abgelegten Fichu auf der Rückenlehne des Fauteuils auch darauf hin, dass ihr Décolleté unverhüllt ist.? Versteckt sich hinter dem Vorhang, der in gefährliche Nähe der Vase mit dem Rosenzweig geraten ist, gar eine dritte Person?
Ein Jahrzehnt auf Mauritius