mini|Józef Warszewicz
Józef Warszewicz Ritter von Rawicz (* 8. September 1812 in Vilnius; † 29. Dezember 1866 in Krakau) war ein polnischer, russischer Botaniker, Pflanzen- und Tiersammler und Forschungsreisender.Zum Geburtsdatum siehe Jan Ciechanowicz, S. 471. Sein botanisches Autorenkürzel lautet „“
Leben und Wirken Sein Vater, der unter Tadeusz Kościuszko als Ingenieur Capitän arbeitete, wurde von Alexander I. nach Vilnius versetzt. Józef Warszewicz wurde in einer Zeit geboren, als Vilnius unter französischer Herrschaft stand, weil die Grande Armée nach der Überschreitung der Memel am 24. Juni 1812 bis zum Rückzug im Dezember des gleichen Jahres dieses Gebiet kontrollierte.Piotr Köhler, S. 18. Beim Novemberaufstand im Jahr 1830 meldete er sich als bekennender polnischer Patriot freiwillig für den Militärdienst.Heinrich Gaerdt, S. 49. Schon früh entdeckte er seine Liebe zur Botanik und wurde dabei durch Stanisław Bonifacy Jundziłł (1761–1847), Herr Witzill und Stanisław Batys Gorski (1802–1864) gefördert. Bei Gorski war Warszewicz in Insterburg für fünf Jahre bis ins Jahr 1831 als Garteninspektor beschäftigt.Vmtl. Heinrich Gustav Reichenbach (1854), S. 95.
Als der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. die östliche Provinz bereiste, war er von Warszewiczs Wirken so begeistert, dass er ihn nach Sanssouci holen wollte. So zog es ihn Anfang 1852 nach Potsdam, wo er Ludwig Sello zugeteilt wurde und Alexander von Humboldt kennenlernte. Warszewicz erkannte, dass er auf Sanssouci keine Karriere machen konnte, und so zog er weiter nach Berlin. Hier gab es in Neu-Schöneberg ein heruntergekommenes Gewächshaus der Königlichen Gärtnerlehranstalt, das Warszewicz als Telegraphenhaus bezeichnete und das ihm von Christoph Friedrich Otto zur Pflege übergeben wurde. Schon bald kannte er alle Pflanzenarten der Königlichen Gärtnerlehranstalt und fand Anerkennung als geschätzter Experte durch andere Botaniker wie z. B. Otto, Heinrich Friedrich Link, Eduard August von Regel oder Karl Sigismund Kunth. Mit einigen verband ihn eine innige Freundschaft. So unterstützte ihn beispielsweise sein Freund Carl David Bouché bei der Sicherung seiner Lebensgrundlage.Heinrich Gaerdt, S. 50.
Rastlos führte Warszewicz das Gewächshaus zu neuem Glanz. Berichte von Moritz Richard Schomburgk aus Amerika, Ludwig Preiss aus Australien und Hermann Karsten aus Südamerika beflügelten seinen Wunsch, ebenfalls auf Forschungsreisen zu gehen. Auch Johann Friedrich Klotzsch verfolgte Pläne, ihn nach Chile zu bringen, ein Gebiet, in das bereits Rudolph Amandus Philippi übergesiedelt war. 1843 bildete sich in Belgien eine Gesellschaft unter der Direktion von Alexander von Bülow, die eine belgische Kolonie in Guatemala gründen wollte. Louis van Houtte erkannte die Chance und suchte einen Pflanzensammler für dieses Unternehmen. Johann Conrad Otto Deines (1824–1886) aus Hanau kannte Warszewiczs Wunsch und stellte daraufhin den Kontakt zu van Houtte her. Im August 1844 verließ er Berlin und erreichte Gent am 15. August. Hier musste er bis zum 7. Dezember auf den Zweimaster Minerva unter dem Kapitän Brix warten, auf dem er einschiffte. Die Minerva lief von Antwerpen. Am 1. Februar 1845 ging er in Santo Tomás de Castilla an Land.
Durch die Vermittlung von Alexander von Humboldt lernte er den Generalkonsul Carl Friedrich Rudolf Klee kennen. Von den 32 damals eingetroffenen Kolonialisten überlebten nur Warszewicz und ein Arzt die ersten vier Monate. Trotz Krankheit sammelte Warszewicz fleißig und sendete seine Ausbeute von 86 Kisten an van Houtte für vorgestreckte 30 Louis d’or pro Stück. Von diesem Geld und von Lebensmittelrationen der Direktion hielt er sich in Santo Tomás vierzehn Monate über Wasser. Erst als ihm sein Arzt erklärte, dass er nicht mehr lange leben würde, wenn er an diesem Ort weitermache, entschloss er sich, zusammen mit dem belgischen Generalkonsul E. Blondel van Cuelenbrouk nach Guatemala-Stadt zu gehen. Hier sammelte er in 16 Monaten 120 Orchideenarten mit über 10.000 Exemplaren, 67 Eichen und ähnliche Pflanzen. Von seiner Sammlung gingen 40 Kisten nach England, 12 nach Berlin und 30 ins übrige Deutschland. Hier wurde George Ure Skinner (1804–1867) sein Freund und Geschäftspartner.
Warszewicz reiste weiter nach San Salvador und von dort nach Nicaragua, wo er auf Anders Sandøe Ørsted traf, von dem er wichtige Hilfestellungen bekam. Gemeinsam reisten sie ins Departamento Nueva Segovia. Danach ging er für vier Monate nach Costa Rica, wo er ordentliche Ausbeute machte. Sein nächstes Ziel, die Provinz Veraguas, erwies sich als Orchideenparadies. Es folgte Ecuador und zurück über San José, Cartago erreichte er schließlich San Juan de Nicaragua. Hier schiffte er am 10. März 1850 nach Europa ein. So erreichte er schließlich Berlin mit einem Zwischenstopp in London.Vmtl. Heinrich Gustav Reichenbach (1854), S. 96.
Während seines achtmonatigen Aufenthalts in Berlin erweiterte er seinen Freundes- und Gönnerkreis. Hierzu gehörten u. a. Charles Louis Mathieu (1800–1885) und der königliche Ökonomierat Gartendirektor Friedrich August Herman Gireoud (1821–1896). In dieser Zeit beschäftigte Warszewicz sich mit zwei beruflichen Optionen. Zum einen wollte er als Garteninspektor in Krakau arbeiten, zum anderen konnte er auf Vermittlung von Ignacy Rafał Czerwiakowski wilde Tiere in Südamerika für Edward Smith-Stanley, 13. Earl of Derby sammeln. Am 16. November 1850 erreichte er Southampton, um sich einzuschiffen. Von hier aus brach er nach Chagres auf, um von dort weiter nach Santiago de Veraguas zu reisen. Sein Ziel war Neugranada und von dort brach er nach Südperu und Bolivien auf. Hier verbrachte er sechs Monate und sammelte wichtige neue Pflanzen. Weiter ging es nach Argentinien und Chile, als der Tod seines Sponsors Lord Derby am 30. Juni 1851 seinen Plänen, den Süden zu bereisen, ein jähes Ende bereitete. So sammelte er stattdessen am Cabaraya Orchideen, trotz der Gefahr, von Indigenen angegriffen zu werden. Die Expedition ging weiter am Marañón bis hin zur brasilianischen Grenze. Als Nächstes durchquerte er mehrere Provinzen des Vizekönigreichs Neugranada. So war er in Buenaventura (Valle del Cauca), Ocaña und Santafé de Bogotá. In den unruhigen revolutionären Zeiten rund um José Hilario López ging eine seiner Sendungen zu Grunde. Warszewicz überquerte die Kordillere des Antioquia. An Bord eines Dampfschiffs auf dem Río Magdalena verlor er erneut große Teile seiner Sammlung, da das Schiff am zweiten Tag gegen einen Pfahl manövrierte und sank. Mit den wenigen Geretteten kehrte er im Oktober 1853 nach Europa zurück und begab sich im November 1853 nach Krakau. Mit Hilfe des Kaiserlichen Geheim Oberpostrats Heinrich Brünnow (1820–1912) bekam er endlich die ersehnte Position als Inspektor des K. K. botanischen Gartens in Krakau. Zusammen mit seinem Vorgesetzten Czerwiakowski publizierte er 1864 den Catalogus plantarum quae in C.R. Horto Botanico Cracoviensi.Heinrich Gaerdt, S. 51.
Neben den Orchideen galt seine Leidenschaft vor allem den Kolibris. Für John Gould hatte er u. a. am Río Marañón das Typusexemplar der Purpurkehl-SonnennympheJohn Gould, Tafel 241 & Text.Frederick Herschel Waterhouse, S. 51 Hier wird Publikationsjahr 1853, Lieferung 5 angegeben. und aus der Nevado del Quindío und aus Peru Bälge des Braun-VeilchenohrkolibrisJohn Gould, Tafel 229 & Text.Frederick Herschel Waterhouse, S. 53 Hier wird Publikationsjahr 1853, Lieferung 5 angegeben.. Eduard Oskar Schmidt beschrieb 1858 einen Teil seiner in der Republik Neugranada und in Bolivien gesammelten Amphibien.Eduard Oskar Schmidt, S. 237–258. Bei der im Artikel von Schmidt beschriebenen und in der Wissenschaft umstrittenen Art Hyla molitor, die der deutsche Herpetologe Karl-Heinz Jungfer 2017 untersuchte, könnte es sich um Dendropsophus labialis (, 1863) handeln.Karl-Heinz Jungfer, S. 18–24. Der Auktionator John Crace Stevens (1809–1859) bot 1849 Orchideen zum Verkauf an, die Warszewicz auf seiner Reise durch die Provinz Veraguas und Panama sammelte. Hierin erwähnt er auch eine angeblich neue Gattung Warsewitschia.John Crace Stevens, S. 207.
Dedikationsnamen 1895 nannte Adolphe Boucard eine Vogelgattung WarszewicziaAdolphe Boucard, S. 224–225., ein Synonym für Heliangelus , 1848. Heinrich Gustav Reichenbach nannte 1852 eine Orchideengattung WarczewiczellaHeinrich Gustav Reichenbach (1852), S. 635., Johann Friedrich Klotzsch 1853 eine Rötegewächsegattung WarszewicziaJohann Friedrich Klotzsch (1853), S. 716., Dariusz Lucjan Szlachetko 1994 WarscaeaDariusz Lucjan Szlachetko, S. 562. ein Synonym für Cyclopogon.
Jean Louis Cabanis und Ferdinand Heine junior beschrieben 1860 eine Unterart der Stahlgrünen Amazilie (Amazilia saucerottei warscewiczi), die sie dem berühmten Reisenden Warszewicz widmeten.Jean Louis Cabanis u. a. (Band 3), S. 38 Auch die von Warszewicz in Peru gesammelte Bergwald-Baumsteiger-Unterart (Lepidocolaptes lacrymiger warscewiczi ( & , 1860))Jean Louis Cabanis u. a. (Band 2), S. 39 trägt seinen Namen. Heinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach nannte 1854 zu seinen Ehren Coeligena warszewiziiHeinrich Gottlieb Ludwig Reichenbach, S. 23, doch handelt es sich hierbei um ein Synonym für Regenbogenkolibri (Coeligena iris aurora (, 1853)).